Ein blauer Riese mit rotem Hut macht Hashicorp den Hof IBM kauft Hashicorp?

Von Ulrike Ostler 7 min Lesedauer

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Die Wimpern flattern, die Herzen fliegen: das Unternehmen Hashicorp, bekannt als „The Infrastructure Cloud Company“ möchte sich mit seinen Tools – „Terraform“, „Vault“, „Consul“, „Nomad“ & Co. – liebend gerne in das IBM-Portfolio einreihen. Bei Red Hat hört man quasi gerade die Korken knallen. Bald wird aber unweigerlich die Realität wieder einkehren.

Für dias Autorenduo Anna Kobylinska und Filipe Martins, stehr ganz und gar nicht fest, ob die Avencen, die IBM Hashicorp macht, auch zum Erfolg führen. Die Regulierungsbehörden könnten etwas dagegen haben. (Bild:  KI-generiert (Pixabay, Canva))
Für dias Autorenduo Anna Kobylinska und Filipe Martins, stehr ganz und gar nicht fest, ob die Avencen, die IBM Hashicorp macht, auch zum Erfolg führen. Die Regulierungsbehörden könnten etwas dagegen haben.
(Bild: KI-generiert (Pixabay, Canva))

In Kubernetes-Kreisen ist Hashicorp ein Hausname. Das Unternehmen hat mit seinen Lösungen das Konzept von Infrastructure-as-Code (IaC) als den bevorzugten Ansatz zur Bereitstellung „cloudifizierter“ Arbeitslasten auf hybriden Infrastrukturen etabliert. Mit seiner Service-Mesh-Technologie und Geheimnisverwaltung hat die kalifornische Softwareschmiede das Produktportfolio gerade vervollständigt, als IBM/Red Hat darauf aufmerksam wurde.

Terraform + Ansible

Das Hashicorp-Kronjuwel, Terraform, ist ein deklarativer Orchestrierer von Hybrid- und Multi-Cloud-Infrastrukturen mit einer eigenen Konfigurationssprache namens „Hashicorp Configuration Language“ (HCL). Terraform stellt Cloud-Infrastrukturen anhand deklarativer Vorgaben über den gewünschten Endzustand automatisch bereit.

Der deklarative Ansatz von Terraform gewährleistet Resilienz und Wiederholbarkeit einer Infrastrukturbereitstellung. In der Cloud-agnostischen Ausprägung von Hashicorp hat er eine breite Akzeptanz gefunden. Laut dem Bericht „State of the Octoverse“ von Github, Edition 2023, hat die Popularität der Hashicorp Configuration Language im Jahresvergleich um 36 Prozent zugenommen.

Die leistungsstärksten Alternativen zu Terraform, von „AWS Cloudformation“ bis hin zu Microsofts HCL-Alternative „Bicep“, fungieren (nicht zuletzt auch) als Instrumente der Kundenbindung. Auch Red Hat hat etwas im Köcher. Red Hat bietet mit der „Ansible Automation Platform“ ein imperatives Werkzeug für das Konfigurations-Management von individuellen Rechenknoten oder Servern.

Die aktuellen Bereitstellungsoptionen der „Ansible Automation Platform“ von Red Hat im eigenen (Cloud-)Rechenzentrum beschränken sich *nicht* auf Lösungen, die auf IBMs eigenem 'Mist' gewachsen sind, sondern decken unter anderem auch „Fedora, „opensuse“, „Suse Linux Enterprise“, „Debian“, „MacOS“, „Scientific Linux“, Cygwin und zum Teil sogar „Windows“ ab.(Bild:  Red Hat)
Die aktuellen Bereitstellungsoptionen der „Ansible Automation Platform“ von Red Hat im eigenen (Cloud-)Rechenzentrum beschränken sich *nicht* auf Lösungen, die auf IBMs eigenem 'Mist' gewachsen sind, sondern decken unter anderem auch „Fedora, „opensuse“, „Suse Linux Enterprise“, „Debian“, „MacOS“, „Scientific Linux“, Cygwin und zum Teil sogar „Windows“ ab.
(Bild: Red Hat)

Um den gewünschten Endzustand der Infrastruktur herzustellen, muss der Nutzer herausfinden, wie sich die benötigten Anpassungen implementieren lassen, und diese Wunschliste dann in Code erfassen. Ansible funktioniert mit verschiedenen Unix-Derivaten wie „Fedora“, „opensuse“, „Suse Linux Enterprise“, „Debian“, „Scientific Linux“, „Cygwin“ aber auch MacOS und (teilweise) sogar Windows.

Die Ausgangslage

Was hat jetzt diese beiden Anbieter, IBM/Red Hat und Hashicorp, an einen Tisch gebracht? Den unmittelbaren Hintergrund der Akquise könnte man wie folgt auf den Punkt bringen:

  • Hashicorp: Der Mitgründer/Namensgeber Mitchell Hashimoto ist gegangen. Die Luft ist raus (Stichwort: BSL) und die Forks sind schon da, etwa „OpenTofu“.
    Allerdings wächst das Geschäft noch weiter zweistellig, warum auch immer. Logische Schlussfolgerung: Handeln, bevor es zu spät ist!
  • IBM/Red Hat: Der Umsatz stagniert, das Geld sitzt dennoch locker. Red Hat traut sich nicht, etwas Eigenes aus dem Hut zu zaubern; man hat sich ja gerade noch mit dem neuen Lizenzmodell die OS-Gemeinde vergrault. Ein paar Milliarden Dollar mehr oder weniger macht jetzt keinen Unterschied, siehe: Broadcom und VMware.

Das bereits abgeschlossene Geschäftsjahr 2024 (es weicht vom Kalenderjahr ab) endete für Hashicorp auf einem guten Level. Das Unternehmen konnte einen Jahresumsatz in Höhe von 583,10 Millionen Dollar einfahren und verbuchte so einen Anstieg von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Sparte “Cloud-hosted services” hat im selben Zeitraum um astronomische 60 Prozent zugelegt, von 47 auf 76 Millionen Dollar.

Der Blaue Riese IBM brachte es seinerseits auf einen Jahresumsatz von knapp 62 Milliarden Dollar bei einem Wachstum von 2 Prozent (in Worten: zwei Prozent). Die Consulting-Sparte hat das Ergebnis unerwartet nach unten gezogen, weil es mit der KI bei Kunden nicht hinhaut ... oder so ähnlich.

Die Wertentwicklung bei IBM(Bild:  Yahoo Finance)
Die Wertentwicklung bei IBM
(Bild: Yahoo Finance)

Im Gartners Magic Quadrant for Strategic Cloud Platform Services qualifizierte sich IBM (zuletzt in 2023) als der Vorreiter unter… den Nischenakteuren (Englisch: Niche Players) – es ist also auch hier Nachbesserung angesagt.

Im Portfolio

IBM hat Hashicorp Vault bereits in die eigenen Cloud-Dienste integriert. Eine der wichtigsten Integrationen umfasst die „IBM Cloud Hyper Protect Crypto Services“ (HPCS), einen verwalteten HSM-Dienst - Hardware-Sicherheitsmodul als ein Service.

Das HPCS basiert auf den Linux-Großrechner „IBM Linuxone“, das die Zuverlässigkeits- und Wartungsfunktionen der „IBM Z“-Plattform auf reine Linux-Workloads überträgt. Es lässt sich bei Bedarf für lokale oder Air-Gap-Umgebungen konfigurieren und ist somit eine vielseitige Lösung für verschiedene Unternehmensanforderungen.

Durch die Integration von Enterprise Hashicorp Vault mit „IBM Cloud Hyper Protect Crypto Services“ bietet IBM ein Derivat von Hashicorp Vault an. Das sicherer ist als das Original.

Schnell mal eben mit BSL abkassieren?

Hashicorps wichtigste Einnahmequelle klassifiziert das Unternehmen als 'Support-Verträge' - die hatten im bereits abgeschlossenen Geschäftsjahr 2024 ein Volumen von 421 Millionen Dollar -, gefolgt von dem Wachstumstreiber 'Cloud-hosted services' mit einem Volumen von 76 Millionen Dollar und dem Schlusslicht „Lizenzen“ mit knapp 68 Millionen Dollar.

Im Sommer des vergangenen Jahres (2023) entzog Hashicorp den Nutzern de facto das Recht, seine quelloffene Software in Produktionsumgebungen zu betreiben. Die Umstellung der Lizenz auf BSL, bekannt von „MariaDB“ hat dies vollbracht. Formal gilt das Verbot nur dann, wenn eine solche Bereitstellung – gehostet oder eingebettet – mit Produkten von Hashicorp konkurrieren sollte, doch das ist im Falle der Produkte von Hashicorp eine denkbar dehnbare Definition.

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Die betroffenen Anwenderorganisationen müssten theoretisch jetzt eine kommerzielle Lizenz erwerben. Um das Ökosystem nicht komplett zu verschrecken, hat Hashicorp einen Fallback vorgesehen: Spätestens vier Jahre nach der Veröffentlichung einer Version wird der Code wieder eine Free and Open-Source Software (FOSS).

Bei genauerem Hinsehen

Wenn man sich so die neuesten Quartalsergebnisse anschaut, kann man sich der Erkenntnis nicht entziehen, dass es nichts Gutes gebracht hat. In der Rubrik „Lizenzen“ ist vom großen Wachstum keine Spur. Stattdessen haben sich andere Entwicklungen materialisiert.

Im Dezember 2023 verließ Mitchell Hashimoto, die treibende Kraft hinter Geistesblitzen technologischer Innovation, Hashicorp. Offenbar warf er das Tuch aus freien Stücken in Anbetracht der neuen Richtung. Nicht gut. So haben andere Softwareprojekte Folgendes erlebt: Ist der leitende Entwickler nicht mehr mit dabei, bleibt vieles einfach liegen. Ohne Bugfixes und neue Features ist dann auch schnell die Luft raus…

Allerdings erwirtschaftete Hashicorp 70 Prozent seiner Umsätze im US-Markt. Der Rest der Welt ist mit einem Anteil von mageren 30 Prozent stark unterrepräsentiert. IBMs globale Vertriebsorganisation könnte diese Zahl durch Blitzwachstum ins Gleichgewicht bringen. Die Voraussetzung: Die Kunden von Red Hat sollten mitspielen.

Hashicorp hat rund viereinhalbtausend Kunden weltweit. Zu den Vorzeigekunden der kalifornischen Cloud-Spezialistin zählen neben der Lufthansa und der Deutschen Bank auch Unternehmen wie Samsung oder Autodesk. Mit knapp 900 Organisationen (20 Prozent seiner Kundenbasis) erzielt das Unternehmen jeweils mehr als 100.000 Dollar an wiederkehrenden Einnahmen pro Jahr.

Unter Großkonzernen hat Hashicorp noch lange nicht die Marktsättigung erreicht. Ganz im Gegenteil: Nur magere 20 Prozent der Rangliste Forbes Global 2000 zählt zum Kundenstamm von Hashicorp. Das Wachstumspotenzial ist also da, wenn man die ganz Großen adressiert, wie Broadcom – oder?

Say „Hello“ to Open Tofu!

Die Nutzergemeinde wollte sich das neue Lizenzmodell von Hashicorp aber nicht bieten lassen. Das Resultat der Revolte ist der Fork Open Tofu von einer Initiative namens OpenTF. Das Projekt suchte (erfolgreich) die Obhut der Linux Foundation, mit dem ultimativen Ziel, der Cloud Native Computing Foundation (CNCF) beizutreten.

Open Tofu basiert auf Terraform 1.5.6 und versteht sich als ein Drop-In-Ersatz. Ende April erschien die Version 1.7 mit bedeutenden, weil lang ersehnten Verbesserungen und Erweiterungen. Sie debütierte unter anderem Zustandsverschlüsselung und anbieterdefinierte Funktionen und war auf Github ein durchschlagender Erfolg. Das Projekt muss sich künftig von der Terraform-Codebasis wegbewegen.

Auf der Zu-Erledigen-Liste stehen unter anderem OCI-Support und eine eigene Registry. Einige Anwenderorganisationen haben sich sogar verpflichtet, Vollzeitstellen für Software-Ingenieure zu finanzieren (Spacelift hat fünf gesponsert). Großer Plusspunkt: Open Tofu nutzt die MPL-Lizenz.

Synergie-Effekte: Terr(aform + Ans)ible

Im „Paket Hashicorp“ enthalten ist eine ganze Reihe begehrter Software für die hybride Multicloud, konkret:

  • Terraform: Infrastrukturbereitstellung, Kubernetes-Cluster als Code, gerne auch in selbstverwalteten Installationen wie „Red Hat Openshift“ oder reines Kubernetes;
  • Packer: Erstellen von Images als HCL-Code;
  • Nomad: Orchestrierung von Arbeitslasten (Container, VMs, Binärdateien usw.) im großen Maßstab; Anwendungsresilienz, hyper-effiziente Ressourcennutzung durch Bin Packing und Autoscaling;
  • Waypoint: Entwicklerplattform mit Fähigkeiten zur Verwaltung von Anwendungsabhängigkeiten u.a.;
  • Vault: Management von Geheimnissen (Engl. secrets) wie API-Token, Krypto-Schlüssel und Datenbankanmeldeinformationen;
  • Boundary: Zugriffssicherheit, Authentifizierung und Autorisierung mit vertrauenswürdigen Identitätsanbietern, Genehmigungsworkflow und mehr
  • Consul: Service-Mesh und Multi-Cluster-Service-Discovery in Kubernetes-Umgebungen.
  • Diese Lösungen passen IBM eigentlich alle recht gut ins Konzept. Niemand bei Red Hat braucht deswegen den Hut zu nehmen.

Hand in Hand: „Red Hat Ansible Automation Platform“ und „Hashicorp Terraform“ ziehen quasi in einer CI/CD-Umgebung an einem Strang. „Cisco DCNM“ abstrahiert Netzwerkdetails für die Automatisierung der Konfiguration von VXLAN EVPN über Underlay- und Overlay-Netzwerke hinweg; die Integration mit Ansible, der agentenlosen IaC-Plattform von Red Hat, und Terraform von Hashicorp, soll DevOps-freundliche NX-OS-Implementierungen ermöglichen.(Bild:  Cisco)
Hand in Hand: „Red Hat Ansible Automation Platform“ und „Hashicorp Terraform“ ziehen quasi in einer CI/CD-Umgebung an einem Strang. „Cisco DCNM“ abstrahiert Netzwerkdetails für die Automatisierung der Konfiguration von VXLAN EVPN über Underlay- und Overlay-Netzwerke hinweg; die Integration mit Ansible, der agentenlosen IaC-Plattform von Red Hat, und Terraform von Hashicorp, soll DevOps-freundliche NX-OS-Implementierungen ermöglichen.
(Bild: Cisco)

IBM lässt sich Hashicorp schätzungsweise 6,4 Milliarden Dollar kosten - 35 Dollar pro Aktie in Bargeldmitteln. Während viele Analysten den hohen Preis beanstanden, könnte der IBM-Umsatz eines einzigen Jahres knapp zehn solcher Übernahmen finanzieren. Hashicorp gibt es ja nur einmal.

Der Einfluss der Regulierungsbehörden

Das Problem ist nicht das Geld, sondern die Regulierungsbehörden. Als es um Red Hat ging, versprach IBM, die Unabhängigkeit und Neutralität des Unternehmens zu bewahren, um Kunden Freiheit, Wahlmöglichkeiten und Flexibilität zu bieten. Red Hat wird ja weiterhin eigenständig geführt, schön.

Was ist jetzt daraus geworden? Statt quelloffene Initiativen voranzutreiben, hat Red Hat seiner Gemeinde den Source-Code-Hahn von RHEL gleichermaßen abgedreht. Statt Innovationen zu fördern, hat man „CentS geopfert. (Anm. der Autoren: Viel Spaß, das jetzt zu rechtfertigen!")

Konvergenz der Infrastrukturwelten: Die Integration von „Terraform“ mit „Cisco Intersight“ kann On-Premises-Infrastrukturen mit in die IaC-Pflicht nehmen.(Bild:  Cisco)
Konvergenz der Infrastrukturwelten: Die Integration von „Terraform“ mit „Cisco Intersight“ kann On-Premises-Infrastrukturen mit in die IaC-Pflicht nehmen.
(Bild: Cisco)

Und nun? Der ganze Sinn und Zweck der Übernahme besteht gerade darin, Terraform an Red Hat Ansible zu binden, weil sie die Produktfamilien eben vorzüglich ergänzen:

  • Schritt 1 ist ist dem Konstrukt: Infrastruktur in Code erzeugen - mit Terraform und
  • Schritt 2: die Infrastruktur konfigurieren - mit Ansible.

Logisch.

Ansible-Alternativen aber, vor allem „Puppet“, „Chef“, „Perforce“ aber auch OpenTofu, „Crossplane“ oder „Pulumi“, könnten in diesem Szenario gleich „einpacken“. Ein Teil der Anwendergemeinde möchte sich die Wahl der IaC-Tools sicher nicht vorschreiben lassen.

*Das Autorenduo

Das Autorenduo besteht aus Anna Kobylinska und Filipe Pereia Martins. Die beiden arbeiten für McKinley Denali, Inc., USA.

Ihr Fazit lautet: IBM/Red Hat und Hashicorp haben die Rechnung ohne die Nutzer gemacht. Das wird möglicherweise wirklich etwas teuer.

(ID:50035932)