Konkurrenz für TÜV & Co.: das Uptime Institute

„Echte“ Tier-Zertifizierung von Uptime auch für EU-Kunden

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Bewertung der diversen Aspekte der Bezugsalternativen Datacenter-Eigenbau, Co-Location und Public Cloud für einen spezifischen Kunden mit der von Uptime Institute entwickelten FORCSS-Methode.
Bewertung der diversen Aspekte der Bezugsalternativen Datacenter-Eigenbau, Co-Location und Public Cloud für einen spezifischen Kunden mit der von Uptime Institute entwickelten FORCSS-Methode. (Bild: Uptime Institute)

Das US-Beratungs-, Schulungs- und Zertifizierungsunternehmen The Uptime Institute expandiert in Europa. So will man mehr europäische und insbesondere deutsche Rechenzentrumskunden von den eigenen Angeboten überzeugen. Mit dem Brexit hatte man allerdings nicht gerechnet, als das EMEA-Hauptquartier nach London gelegt wurde.

Gerade einen Tag vor der schicksalsträchtigen Brexit-Abstimmung der Briten informierte das US-amerikanische Uptime-Institutin München deutsche Interessenten und die Presse über seine Zertifizierungs- und Beratungsangebot. Es soll nun auch vermehrt deutsche Kunden ansprechen.

Während auf der interaktiven zertifizierungs-Landkarte des Instituts schon rund 800 zertifizierte Rechenzentren in 70 Ländern verzeichnet sind, ist aus Deutschland bislang keines dabei, auch in einigen anderen europäischen Ländern hat man noch keine Kunden für die Datacenter-Zertifizierung gefunden.

„Wir sind unmittelbar davor, einen Zertifizierungsvertrag mit einem deutschen Kunden zu unterzeichnen“, sagte Phil Collerton, Managing Director des Uptime Institute EMEA mit Sitz in London. Ob an dessen Willen, mit Uptime zusammen zu arbeiten, die Brexit-Entscheidung etwas geändert hat, ist nicht bekannt.

Tier 1 bis Tier IV

Das Uptime-Institut, das inzwischen weltweit rund 200 Mitarbeiter beschäftigt und rund 1.800 Spezialisten in RZ-Betrieb ausgebildet hat, ist der Erfinder der „Tier“-Zertifizierung. Definiert sind im Schema des Instituts die Tiers I bis IV, die für jeweils unterschiedliche Grade von Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit stehen. Dabei sei es wichtig zu wissen, so Cullerton, dass sich das Uptime-Institut die Schreibewise (Tier-Angabe in römischen Ziffern) hat patentieren lassen. „Wenn Tier-Angaben auf Datenzentrums-Infoblättern anders aussehen, stammen sie nicht von uns und sind dann auch nicht nach unseren Kriterien zertifiziert worden“, betont Cullerton.

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Tatsächlich gehört eine Tier-Angabe inzwischen bei professionellen Dienstleistungsrechenzentren schon beinahe zum guten Ton. Doch stammen die Zertifizierungen dazu heute in der Regel von deutschen Zertifizierern.

Uptime bewertet bei seinen umfangreichen Prüfungen den Bauplan, dessen Ausführung und schließlich den Betrieb des Rechenzentrums. „Das bedeutet, dass bestehende Rechenzentren in der Regel nicht das volle Programm durchlaufen“, erklärt Fullerton. Sie können aber immerhin noch Betrieb und Management ihrer Einrichtung gesondert zertifizieren lassen, wofür es ein spezielles M&O-Siegel gibt. Es wurde bisher rund 70mal weltweit vergeben. Design-Zertifizierungen bleiben zwei Jahre gültig, Betriebs-Zertifizierungen drei Jahre.

Der Preis

Geprüft wird beim M&O-Siegel grundsätzlich persönlich, das Ausfüllen von Fragebögen im Web reicht nicht aus. Die Kosten sind deshalb wohl nicht unerheblich. Bei einem Rechenzentrum mit einem Investitionsvolumen von 20 Millionen Euro sollen sie rund 0,5 Prozent betragen, was immer noch rund 100.000 Euro wären. Der Preis skaliert zwar etwas nach unten, aber je kleiner ein Datacenter ist, desto stärker schlagen die Zertifizierungskosten anteilig zu Buche. „Wir können wegen der Art, wie wir prüfen, den Preis nicht beliebig nach unten skalieren“, sagt Collerton.

Die Betriebs-Zertifizierung geht, so berichtete Fred Dickerman, Senior Vice President Management Services des Uptime Institute, ungewöhnlich weit in die Tiefe. So wird etwa auch bewertet, wie viele Überstunden bei der RZ-Belegschaft anfallen. „Über 10 Prozent dauerhaft bedeuten ein Risiko“, sagt Dickerman. Weitere Fragen:

Kann jeder Mitarbeiter unverzüglich zumindest so weit ersetzt werden, dass der Betrieb nicht still steht?

  • Wird regelmäßig geprüft, ob alle Mitarbeiter alle Qualifikationen haben, die sie für ihre jeweilige Aufgabe brauche?
  • Wird im Bedarfsfall schnell nachgeschult?
  • Gibt es Training hinsichtlich des angemessenen Verhaltens im Rechenzentrum, der notwendigen Prozessabläufe etwa auch für Externe wie Lieferanten, die regelmäßig ins Rechenzentrum kommen?
  • Hält das Datacenter-Management sein Budget ein?
  • Wer kontrolliert wie und wie oft die Qualität der Wartungsabläufe?
  • Werden die gleichen Standards bei allen Sites eingehalten?
  • Oder gibt es im Rahmen eines Recehnzentrumsunternehmens kleinere oder abgelegene Rechenzentren, die nach ihren eigenen Gesetzen funktionieren?

„Wir machen von uns zertifizierte Rechenzentren weltweit vergleichbar“, sagt Phil Collerton, Managing Director Uptime Institute EMEA.
„Wir machen von uns zertifizierte Rechenzentren weltweit vergleichbar“, sagt Phil Collerton, Managing Director Uptime Institute EMEA. (Bild: Ariane Rüdiger)

Keine Angst vor der Konkurrenz

Die Weltstandards der ISO 27000- und ISO 9000-Gruppe sieht das Uptime-Institut nicht als Konkurrenz. Denn bei ihnen steht im Mittelpunkt zu prüfen, ob alle internen Prozesse transparent dokumentiert und so durchgeführt werden, wie sie vorgesehen sind. Ob dieses Procedere im Kontext eines sicheren Rechenzentrumsbetriebs sinnvoll ist, steht dagegen nicht auf der Agenda. Dickerman: „Wir sind die Einzigen, die eine qualitative Bewertung der RZ-Prozesse unternehmen und Verbesserungsvorschläge unterbreiten.“

Das Besondere sei, dass bei Uptime die Zielgruppe, nämlich RZ-Manager selbst, die Maßstäbe für die Prüfung setzten. Ein Netzwerk von 90 Unternehmen weltweit, darunter 23 aus Europa, das sich halbjährlich trifft, informiert sich gegenseitig über wichtige Entwicklungen in der Rechenzentrumstechnologie und versucht, voneinander zu lernen.

Hier biete das Uptime Institute eine Möglichkeit, RZ-Konzepte grundlegend zu vergleichen und zu verbessern. Es gehe immer um Fundamentales, was sich nun mal in einfachen Checklisten nicht abbilden ließe. Dem dienen auch regelmäßige Treffen des Uptime-Netzwerks, die unter strikter Vertraulichkeit ablaufen.

Die Uptime-Community

Dann besuchen jeweils die Teilnehmer ein Rechenzentrum eines anderen Netzwerkmitgliedes und suchen dort nach Dingen, die verbesserungswürdig sind. „Es gibt nichts, woraus man mehr lernen kann“, ist Collerton überzeugt.

Die Zertifizierung durch RZ-Spezialisten hat, von außen betrachtet, Vor- und Nachteile: Einerseits wissen RZ-Manager wohl am besten, worauf es beim RZ-Management ankommt. Andererseits ist es immer schwierig, wenn Interessenträger sich gegenseitig prüfen, am Ende aber Dritte, nämlich die RZ-Nutzer, auf die Ergebnisse der Prüfung vertrauen sollen.

Nebenbei räumte Collerton auch gleich mit einigen Fehlvorstellungen über den Begriff „Tier-Zertifizierung im Sinne des Uptime-Instituts“ auf. So gibt es bei Uptime grundsätzlich keine Selbstzertifizierung. Ein doppelter Stromanschluss ist für Tier IV nicht erforderlich. Auch die Komponentenmenge ist fürs Tiering nicht entscheidend.

Effizienz und formale Prozesse

Collerton: „Tier IV ist auch mit N+1 möglich.“ Auch ein erhöhter Boden sei nicht unbedingt erforderlich, und überhaupt sei Tier IV nicht die beste RZ-Klasse, sondern es komme auf die Angemessenheit angesichts der zu bewältigenden Aufgabe des Datenzentrums an, welche Zertifizierung am besten passe.

Neben seinen Tier-Zertifikaten prüft das Uptime-Institut inzwischen auch die IT-Effizienz von Rechenzentren. „Dahinter steht die Einsicht, dass es nicht mehr reicht, die PUE (Power Usage Effectiveness) zu optimieren“, erklärt Fullerton. Es ginge nun darum, auf der IT-Seite selbst Verbesserungen durchzuführen, die den Energieverbrauch optimieren. Außerdem hat das Uptime Institut einen formalen Prozess, „FORCSS“, (Finances, Opportunity, Risk, Security, Sustainability) entwickelt, der bei Sourcing-Entscheidungen für Eigenbetrieb oder Cloud-Varianten helfen soll. Auch dieses Verfahren wird als Beratungsleistung angeboten.

Ob diese Offerten deutsche Kunden überzeugen werden, bleibt abzuwarten. Klar ist nur, dass TÜV IT, TEKIT und andere hiesige Zertifizierer jetzt Konkurrenz bekommen.

[Hinweis der Redaktion: Noch können die Leser von DataCenter-Insider nicht darüber abstimmen, ob das Uptime Institute den diesjährigen IT-Awardverdient. Doch die Konkurrenz steht unter der Kategorie d. RZ-Planer & Auditoren zur Abstimmung per Klick parat.]

* Ariane Rüdiger ist freie Fachjournalsitin aus München.

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