Reißleine für German Edge Cloud? Chance für WIIT? Die German Edge Cloud wechselt den Eigentümer - teilweise

Von Jürgen Frisch 5 min Lesedauer

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Der Provider WIIT hat von German Edge Cloud den Bereich „Edge and Cloud“ übernommen. Das auf Datenschutz und Produktions-Management spezialisierte Tochterunternehmen der Friedhelm-Loh-Group hatte einige Marktvorteile an Großanbieter und Hyperscaler verloren. Nur eine enge Integration der zugekauften Bereiche hält laut Analysteneinschätzung die Bestandskunden bei der Stange.

Besitzerwechsel bei der German Edge Cloud(Bild:  © shoot4u -  stock.adobe.com)
Besitzerwechsel bei der German Edge Cloud
(Bild: © shoot4u - stock.adobe.com)

Klein und spezialisiert: „Im Vergleich zu den Megadeals, die die Branche im Cloud-Business gesehen haben, ist der Verkauf der German Edge Cloud mit einem Volumen von 6,5 Millionen nichts, was den Markt wirklich bewegt“, urteilt Heiko Henkes, der beim Marktforschungsunternehmen ISG als Director Research und Principal Analyst für die Studienreihe ISG Provider Lens verantwortlich zeichnet. „In Acht nehmen müssen nun allerdings spezialisierte Provider mit kleinen Rechenzentren wie beispielsweise Netgo oder die ACP Group.“

Der Cloud-Provider WIIT S.p.A. hat über seine deutsche Tochtergesellschaft WIIT AG den Geschäftsbereich Edge and Cloud von German Edge Cloud erworben, die zur Friedhelm Loh-Gruppe gehört. Dieser Geschäftsbereich spezialisiert sich auf Edge Computing mit direkt einsatzbereiten Software- und Hardwaresystemen (Wie es losging, siehe etwa „Aus drei mach eins und… German Edge Cloud und IBM bauen Hybrid-Cloud für industrielles Edge Computing“). Hinzu kommen Infrastrukturdienste mit einem Schwerpunkt auf Daten-Management, Datenanalyse und virtuelle Arbeitsplätze.

Heute sagt llessandro Cozzi, CEO von WIIT S.p.A.: „Mit dieser Akquisition stärken wir unsere Marktposition in Deutschland. Wir bekommen nun ein Portfolio aus rund 40 Unternehmenskunden mit einem wiederkehrenden jährlichen Gesamtumsatz von etwa neun Millionen Euro und zudem ein Team aus 66 spezialisierten Mitarbeitern.“

Was bleibt? Was nicht?

Das bleibt:

  • Die German Edge Cloud bleibt ein Unternehmen der Friedhelm Loh Group
  • Das „Oncite Digital Production System“ (Oncite DPS) und die damit verbundenen Anwendungen, Appliances und Partnerschaften sowie die Catena-X-Zertifizierung bleiben bei der German Edge Cloud und damit bei der Friedhelm Loh Group.

Nicht betroffen:

Nicht betroffen von der Übernahme durch WIIT ist der Geschäftsbereich Digital Industrial Solutions, der sich vor allem auf die Industrie fokussiert und beispielsweise Industrie-Unternehmen erfolgreich auf dem Weg zur 'Smart Factory' und bei der Anbindung an Catena-X unterstützt. Damit setzt German Edge Cloud weiterhin industrielle Edge- Anwendungen mit Multicloud-Anbindung um, beispielsweise mit Oncite DPS. Diese Software setzt auf eine offenen Microservice-basierte Architektur und ist flexibel on-premises und mit diversen Clouds nutzbar.

Das geht an WIIT:

German Edge Cloud betont, dass lediglich einer der Geschäftsbereiche an WIIT abgegeben wurde. Dieser Bereich bietet die folgenden Dienstleistungen an:

  • Cloud Services: Infrastrukturdienste und Cloud Computing mit besonderem Schwerpunkt auf Daten-Management, Datenanalyse und virtuelle Arbeitsplätzen, zum Beispiel
  • Edge Computing Appliances mit einsatzbereiten Software- und Hardwaresystemen.

Industriekunden mit hohen Ansprüchen an den Datenschutz

Fest integriert in die Friedhelm Loh Group gehört nach wie vor der Geschäftsbereich, zu dem die Container-basierte Software „Oncite Digital Production System“ gehört. Auch der nunmehr irreführende Name des Geschäftsbereichs bleibt (zumindest vorläufig), hat sich das Geschäft doch weit von dem Gedanken entfernt, Cloud anbieten zu wollen - quasi vom autonomen Rack über die Virtualisierungssoftware bis zum Transfer in sichere Wolken.

Denn ursprünglich aus Iotos hervorgegangen hatte sich German Edge Cloud sich auf Kunden aus der Industrie und aus dem Bankenwesen spezialisiert, wo die Datenschutzansprüche sehr hoch sind. Lokale Anbieter hatten hier bislang aufgrund der geographischen Nähe einen Vorteil im Markt.

„Große Provider und auch Hyperscaler haben in Sachen Datenschutz und Regulatorik ihre Hausaufgaben gemacht“, berichtet Heiko Henkes, der beim Marktforschungsunternehmen ISG als Director Research und Principal Analyst für die Studienreihe ISG Provider Lens verantwortlich zeichnet. „So werden sie für lokale Edge-Provider eine Konkurrenz.“(Bild:  ISG)
„Große Provider und auch Hyperscaler haben in Sachen Datenschutz und Regulatorik ihre Hausaufgaben gemacht“, berichtet Heiko Henkes, der beim Marktforschungsunternehmen ISG als Director Research und Principal Analyst für die Studienreihe ISG Provider Lens verantwortlich zeichnet. „So werden sie für lokale Edge-Provider eine Konkurrenz.“
(Bild: ISG)

Das ändert sich allerdings gerade, wie Henkes berichtet: „Wir haben im vergangenen Jahr einen vergleichenden Quadranten über Anbieter von Souvereign Clouds erstellt. Dabei zeigte sich, dass inzwischen Großanbieter und auch die Hyperscaler in Sachen Datenschutz und Regulatorik ihre Hausaufgaben gemacht haben. Teilweise sind ausschließlich europäische Mitarbeiter für das Management der IT-Systeme verantwortlich. So werden sie für lokale Edge-Provider eine Konkurrenz.“

Auch beim Thema Edge Computing waren bislang lokale Anbieter im Vorteil, denn hier rücken Processing Power und Storage nahe an den Kunden heran. Die großen Anbieter haben hier laut Henkes ebenfalls aufgeholt: „Einige Provider vernetzen ihre Rechenzentren über lokale Caches mit den Produktionsstätten der Unternehmen. Dabei sinkt die Latenz. Manche Hyperscaler haben zudem Appliances im Portfolio, über die Unternehmen eine eigene Edge Cloud aufbauen und dann extern vernetzen.“

Ein Produktions-Magnagement-System für Catena-X

Bisher integriert und betrieb German Edge Cloud also hybride und private Edge-Cloud-Infrastrukturen. Das Portfolio umfasste Infrastructure as a Service, Platform as a Service und reichte bis hin zu industriespezifischen Anwendungen im Rahmen von Software-as-a-Service. Als Mitbegründer der GaiaX-Foundation verfolgte German Edge Cloud das Ziel interoperabler Plattform-Lösungen ohne Vendor Lock in.

Einen Namen gemacht hatte sich die German Edge Cloud mit dem Produkt „Oncite“. Damit ließen sich schlüsselfertige Edge-Cloud-Rechenzentren für die Analyse von Produktionsdaten und die Vernetzung von Fertigungsstätten errichten. Das System sollte Wettbewerbsvorteile für die industrielle Produktion erschaffen, indem es eine Digitalisierung mittels Edge Computing, optimierte Prozesse sowie den abgesicherten Zugang zu Public Clouds und Private Clouds ermöglicht. (Von unternehmensnahen Quellen heißt es allerdings, dass die Oncite-Verkaufszahlen nicht den gewünschten entsprächen, die German Edge Cloud vor allem mit Beratung und Integration, sowie den Oncite-Software-Ablegern verdiene.)

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Das Geschäft habe sich zusehends auf Services und Anwendungen für Industriekunden verlagert, heißt es heute. Der Idee der Cloud aber verlor für die German Edge Cloud an Bedeutung - nicht für deren Kunden. So gehört Cloud Automation nach wie vor ins Portfolio des Unternehmens genauso wie as-a-Service-Angebote.

Im vergangenen Jahr wurde das „Oncite Digital Production System“ der German Edge Cloud als erste Lösung für die Plattform Catena-X zertifiziert. Dieses Produktions-Management-System liefert die Basis für Anwendungsfälle wie das Rückverfolgen von Bauteilen über den gesamten Lebenszyklus oder automatisierte Qualitätskontrollen. Auch den CO2-Fußabdruck eines Produkts können Unternehmen damit nachverfolgen. Schließlich lassen sich damit neue Geschäftsmodelle wie beispielsweise Manufacturing as a Service abbilden

Integration der zugekauften Bereiche als Erfolgshebel

Die Edge- und Cloud-Assets kommen nun zu WIIT. Die größte Herausforderung für den Aufkäufer ist laut Henkes das Integrieren der zugekauften Unternehmensteile: „Einige Kunden reagieren skeptisch, wenn ihr angestammter Provider de Eigentümer wechselt. Das kommt daher, dass solche Akquisitionen in der Vergangenheit nicht immer so gestaltet wurden, dass die gewünschten Synergien entstanden sind.“

In diesem Fall könne eine solche Verknüpfung allerdings durchaus gelingen: „WIIT hat Im Rahmen der Übernahme mehr als 60 Systemarchitekten, IT-Administratoren und Sales-Mitarbeiter bekommen. Angesichts der Automatisierung im Infrastrukturgeschäft lässt sich damit heute sehr viel bewegen.“

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