Um die deutsche Verwaltungs-IT endlich schnell voranzubringen, ist eine Kooperation mit der 2022 gegründeten Delos im Gespräch. Doch die deutsche Softwarebranche bläst zum Sturm auf das Projekt.
Um die potentielle und großflächige Beauftragung des Cloud Providers Delos durch Behörden gibt es momentan Streit.
(Bild: SoftwareOne)
Die Verwaltungsdigitalisierung kriecht eher voran als mit großen Schritten vorwärts zu schreiten. Daran, dass endlich etwas mehr Dampf auf den Kessel kommt, arbeitet der IT-Planungsrat.
Der versteht sich laut Selbstbeschreibung im Web als „das zentrale politische Steuerungsgremium für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung in Deutschland“. Ins Leben gerufen wurde das Gremium 2019 durch den IT-Staatsvertrag. Er soll koordinieren, Standards setzen und Projekte steuern.
Seit 2022 gibt es fünf zentral definierte, übergreifende und mehrjährige Vorhaben, bei denen jeweils ein Bundesland als Themenpate fungiert. Dazu gehören Digitale Transformation (Sachsen-Anhalt), digitale Anwendungen (Bremen), Datennutzung (Hamburg), Informationssicherheit (Bund) sowie Digitale Infrastruktur (Hessen). Unter letzterer Überschrift findet sich auch die Cloud-Transformation.
Infrastruktur: Delos als Partner?
Letzteres Thema sorgt derzeit für Streit, denn anscheinend denkt der IT-Planungsrat darüber nach, mit dem 2022 gegründeten Cloud Service Provider Delos zusammen zu arbeiten. Doch wer ist Delos überhaupt?
Die Firma wurde im Juli 2022 als Tochter nicht von irgendjemand, sondern von SAP SE aus der Taufe gehoben. Sie hat zwei Standorte - in Walldorf und Berlin.
Derzeit beschäftigt Delos rund 40 Mitarbeiter, es sollen jedoch rasch mehr werden. Zum dreiköpfigen Führungsteam gehört Oliver Grothe-Kersten, Geschäftsführer und CEO, mit Vorerfahrungen als CFO/COO bei Dell und zuvor bei EMC Deutschland. Ferner zugehörig ist Georg Sebald, Leiter Customer Experience. Er war zuvor Senior Sales Manager für die Bundesverwaltung bei Microsoft. Marko Hilbert, Leiter Cloud Operations, verantwortet zuletzt den weltweiten RZ-Betrieb von Ionos SE, vervollständigt das Dreigestirn.
Simulationsumgebung für Behörden-Cloud
So weit, so gut. Jetzt zur Software: Hier ist beim Aufbau der Cloud und wohl auch bei ihrer Wartung Softwareone im Boot, ein Dienstleister mit viel Microsoft-Erfahrung; denn softwaretechnisch soll die Delos-Cloud Microsoft-Azure-Technologie verwenden. Und genau an diesem Punkt entzündet sich heftige Kritik, deren Motor, wie üblich, Sicherheitsbedenken sind.
Allerdings gibt es auch sehr attraktive Seiten des Delos-Angebots: So gibt es für die angepeilten Behördenkunden bereits heute eine Simulationsumgebung für geplante Behörden-Clouds mit Online-Zugang. Das könnte der stets von Finanzsorgen geplagten öffentlichen Verwaltung helfen, kostspielige Fehlkonzeptionen bereits im Vorfeld zu vermeiden.
Open-Source-Branche empört
Das sieht allerdings längst nicht jeder so. So sind in der Redaktion im Vorfeld einer Sondersitzung des IT-Planungsrats am 27.6. gleich mehrere Bekundungen eingegangen, die sich nachdrücklich gegen eine Beauftragung von Delos aussprechen. Auf dieser Sitzung sollten angeblich entsprechende Verträge mit dem SAP-Tochterunternehmen beschlossen werden.
Was wird beanstandet und von wem? Sehr empört zeigt sich die Open Source Business Alliance (OSBA). In einem offenen Brief, der auch auf der OSBA-Website veröffentlicht wurde, rät der Verband dringend davon ab, sich vertraglich an Delos zu binden.
Insbesondere die Open-Source-Softwarebranche möchte Delos mit seiner MS-Azure-Softwareinfrastruktur nicht als Cloud-Provider für deutsche Behörden sehen.
(Bild: Delos)
Es bestünden weiterhin "starke datenschutzrechtliche, vergaberechtliche, sicherheitstechnische und strategische Bedenken gegen den Einsatz der Delos-Cloud. Außerdem sei eine unsinnige Konkurrenz zur Deutschen Verwaltungs-cloud zu befürchten, an der die Föderale IT-Kooperation (FITKO) gerade arbeitet.
Wieder mal: EU-USA Data Privacy Framework
Das zwischen der EU und den USA abgeschlossene 'Data Privacy Framework' ändere an den Sicherheitsbedenken genau so wenig wie die Gründung deutscher Tochterunternehmen seitens Microsoft (wobei Delos zumindest rechtlich keine Tochterfirma von Microsoft, sondern von SAP ist). Software und Schnittstellen seien weder offen noch unabhängig prüfbar, daher Datenabflüsse nicht vollständig auszuschließen.
Tatsächlich hat die Datenschutzkonferenz der Länder bislang nicht sicher feststellen können, dass „Microsoft 365“ datenschutzkonform arbeitet, der EU-Datenschutzbeauftragte urteilte im März 2024, dass die EU-Kommission „MS365“ rechtswidrig genutzt habe. Datentransfers müssen bis Ende 2024 unterbleiben. Microsoft hat kürzlich schottischen Behörden gegenüber zugegeben, nicht garantieren zu können, dass schottische Daten in Großbritannien blieben.
Stand: 08.12.2025
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Sicherheitsbedenken
Weiter führt die OSB-Alliance Sicherheitsvorfälle bei Microsoft an. Beispielsweise die versehentliche Freigabe von sensiblem Code, Anmeldedaten und weiteren internen Konzerndaten über einen öffentlichen Azure-Server ohne passwortgeschützten Zugang. Sogar Daten hoher MS-Manager sind 2024 bereits geklaut worden.
Oliver Grothe-Kersten ist CEO der 2022 gegründeten SAP-Tochter Delos.
(Bild: Delos)
Im Sommer 2023 verschwand ein 'Master Key' für „Azure“. Das veranlasste die US-Bundesbehörde für Sicherheit laut OSBA, von einem vielfachen Versagen bei der Cyber-Sicherheit seitens Microsoft zu sprechen.
Strategische Bedenken
Weiter beklagt die OSBA, es gebe keine Gründe, auf schnelle Abschlüsse zu drängen oder gar die Länder zu überhasteten Abschlüssen zu motivieren, für die es keinen Grund gebe. Außerdem beklagt der OSB die zunehmende Abhängigkeit von der Microsoft-IT und vergleicht sie mit der Abhängigkeit von russischem Gas.
Der Vergleich mag hinken, ist doch die russische Gaswirtschaft mehr oder weniger vollständig unter staatlicher Kontrolle. Trotzdem kann man diese Bedenken angesichts der möglicherweise bevorstehenden zweiten Amtszeit von MAGA-Trump durchaus nachvollziehen.
Innovationsbremse für Deutschland
Der OSBA beklagt, bei einem Abschluss werde entsprechende europäische Investitionen und Anstrengen zum Kompetenzaufbau beeinträchtigen. Erwähnt wird beispielsweise die Vergabe des Aufbaus einer Private Cloud an Ionos durch das ITZ Bund. Als weitere Beispiele erwähnt der Offene Brief die Deutsche Telekom, Plusserver, Secunet/Syseleven und Schwarz IT.
Mit dem 'Souvereign Cloud Stack' gebe es eine echte, vom Bund geförderte Alternative in Open-Source-Technik. Außerdem widerspreche eine enge Kooperation mit Delos dem Koalitionsvertrag.
"Förderung der größtmöglichen Abhängigkeit"
Zusätzliche Einwendungen (die strategischen, sicherheits- und datenschutzrechtlichen werden ebenfalls erwähnt) kommen von Lizenzdirekt, einem Anbieter von Gebrauchtsoftware, mit Bezug auf Microsofts Wettbewerbsverhalten. Hier geht es vor allem darum, dass Microsoft, um eine Kartellstrafe im zweistelligen Milliardenbereich abzuwenden, MS365 und Teams nun getrennt anbietet.
Das reicht laut Wettbewerbskommission aber noch nicht aus. Der Kommission gefällt nicht, dass „Microsoft Teams“ mit seinen SaaS-Produktivitätsanwendungen koppelt. Außerdem fehle es an Interoperabilität zwischen Teams und konkurrierenden Programmen sowie den Softwarepaketen von Microsoft, was sich durch die Trennung der Angebote noch verschlimmert haben könnte. Insgesamt spricht Lizenzdirekt von einer „Strategie der Förderung der größtmöglichen Abhängigkeit“.
VNC: Tor weit offen für Vendor Lock-In
Eine weitere Stellungnahme kommt von dem Beratungsunternehmen VNC in Berlin: Eine Bindung der Verwaltungs-IT an den Anbieter Delos führe geradewegs in den Vendor-Lock-In. Genau diesen wolle man aber doch andererseits sicher vermeiden, um nicht schließlich horrende Preise zahlen zu müssen.
"Kein Vendor-Lock-In", fordert Andrea Woerrlein ist Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens VNC.
(Bild: VNC)
Dies sei besonders fatal in Zeiten knapper Kassen und steigender Kosten. Das Beratungsunternehmen zitiert Zahlen aus einer Bundestagsanfrage der Opposition zu den Geldern, die die Bundesverwaltung für Softwarelizenzen ausgibt.
Maximal 50 Prozent vom Budget für einen Anbieter?
Sie lagen 2023 bei 1,2 Milliarden Euro und damit 57 Prozent höher als 2023. DIe Kosten entfielen größtenteils auf proprietäre Software, und man fragt sich, wie die Gleichung angesichts des derzeit in Verhandlung befindlichen Sparhaushaltes bei gleichzeitigen drängenden Investitionsaufgaben aufgehen soll.
VNC schlägt als Regel vor, kein Software-Anbieter solle mehr als 50 Prozent eines IT-Budgets bekommen. Damit wäre ein Minimum an Vielfalt tatsächlich garantiert - allerdings bei einem Mehr an Verwaltungs- und Integrationsaufwand.
Zurück zu Microsoft: Auf den Arbeitsplatzrechnern der Stadt München laufen zur Zeit wieder Microsoft-Lösungen.
Schließlich gibt es auch Fälle, in denen Verwaltungseinheiten nach Jahren des Open-Source-Engagements zu Microsoft zurückkehrten. Wichtigstes Beispiel ist derzeit die Stadt München. Dort endete ein aufwändiger, seit 2009 laufender Versuch mit Open Source auf Arbeitsplatzrechnern im Jahr 2022. Jetzt läuft auf den Rechnern wieder MS-Software.
Keine Beschlüsse gefasst
Wie dem auch sei: Vom für das Thema zuständigen Bundesministerium des Inneren hat die Redaktion auf Anfrage die Auskunft erhalten, dass am 27. Juni keinerlei Beschlüsse im IT-Planungsrat gefasst worden sind. Ob das geplant war, geht aus dem Schreiben nicht hervor.
Die Diskussion läuft also weiter. Und es bleibt zu hoffen, dass eine Lösung gefunden wird, die weder zu großer Abhängigkeit noch zu unwägbar hohen Software-Erstellungs- und -Verwaltungskosten führt; denn das würde die Digitalisierungsstrategie mit Sicherheit nicht schneller voranbringen.