Klare Ansagen des Technologie-Pionier Mesosphere

„Vermittler werden überflüssig und OpenStack verschwinden“

| Autor: Ulrike Ostler

Florian Leibert, Mitgründer des Unternehmens Mesosphere: „Jetzt geht es den Vermittlern selbst an den Kragen: Amazon zum Beispiel.“
Florian Leibert, Mitgründer des Unternehmens Mesosphere: „Jetzt geht es den Vermittlern selbst an den Kragen: Amazon zum Beispiel.“ (Bild: Mesosphere)

Im Juni 2017 ist Mesosphere, Entwickler des Datacenter-Betriebssystems „DC/OS“, vom World Economic Forum als einer der „Technology Pioneers“ ausgewählt, also zu einem der derzeit innovativsten Unternehmen gekürt worden. Mitgründer und CEO Florian Leibert stellt im Interview klar, welche Aufgaben DC/OS adressiert und wie das Verhältnis zu OpenStack, Kubernetes und Docker ist.

Die Gemeinschaft „World Economic Forum Technology Pioneer“ besteht aus Start-up-Unternehmen aus der ganzen Welt, die neue Technologien und Innovationen planen, entwickeln und implementieren – und die signifikante Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben werden. Die 30 ausgewählten Technology Pioneers 2017 kommen aus Bereichen wie künstliche Intelligenz, Augmented Reality, autonome Fahrzeuge, Biotechnologie, Blockchain, Cyber-Security und dem (industriellen) Internet der Dinge. (Die vollständige Liste der Technology Pioneers 2017)

Die Unternehmen werden aufgrund ihres Potenzials ausgewählt, die Wirtschaft und Gesellschaft durch ihre Technologien zu beeinflussen sowie die vierte industrielle Revolution voranzutreiben. Als Grund für die Entscheidung für Mesosphere wird genannt: Das Unternehmen trage maßgeblich dazu bei, Hybrid Cloud-Lösungen mit seiner Open Source Plattform DC/OS voranzutreiben. Denn DC/OS eigne sich für innovative, datenintensive, moderne Anwendungen, darunter IoT, Machine Learning / Künstliche Intelligenz und Connected Cars.

Mesosphere könne die Unternehmenstransformation in Richtung verteiltes Computing und Hybrid Cloud vorantreiben. Das Unternehmen wurde von deutschen Entwicklern gegründet und hat Zentralen in San Francisco und Hamburg.

Florian Leibert, Mitgründer des Unternehmens Mesosphere:
Florian Leibert, Mitgründer des Unternehmens Mesosphere: (Bild: Mesosphere)

Wenn ein Unternehmen deutscher Gründer in die Liga der World Economic Forum Technology Pioneer aufgenommen wird, ist das von besonderem Interesse. Wie deutsch ist denn Ihr Unternehmen?

Florian Leibert: Ursprünglich bin ich aus Schweinfurt, aber mittlerweile nur noch einmal pro Jahr in Deutschland. Der Hauptsitz befindet sich in San Francisco, wo es viele sehr gute Software-Ingenieure gibt.

Allerdings haben wir 2015 in Hamburg ein Büro eröffnet, in dem mittlerweile 50 Entwickler arbeiten. Weltweit haben wir rund 250 beschäftigt.

Ergänzendes zum Thema
 
Über das World Economic Forum und die Technology Pioneers

Über Datacenter-Betriebssystem „Mesosphere DC/OS“ sollen sich viele Tausend Rechner administrieren lassen, wie ein einelner Computer.
Über Datacenter-Betriebssystem „Mesosphere DC/OS“ sollen sich viele Tausend Rechner administrieren lassen, wie ein einelner Computer. (Bild: Mesosphere)

Es geistert immer wieder durch diverse Medien, Mesosphere wolle „eine Art Betriebssystem für das 21. Jahrhundert“ bauen. Was soll das sein?

Florian Leibert: Angefangen haben wir damit, Skalierungsprobleme für Twitter und Airbnb zu lösen. Als ich 2009 bei in der Forschungsabteilung von Twitter anfing, verdoppelten sich die Nutzerzahlen der Plattform noch alle drei, vier Monate und die Architektur war überlastet. Pro Tag fiel das System 20 oder gar 30 Minuten aus. Ben (zweiter Mesosphere-Gründer) arbeitet bereits an Mesos für eine Promotion an der Universität in Berkeley. Dann setzten Ebay und Paypal Mesos ein. Während meiner zwei Jahre bei Twitter hatte derweil Tobias (dritter Mesophere-Gründer) die Software-architektonischen Grundlagen für Airbnb gelegt.

[Anmerkung der Redaktion: Ben Hindman, der als Schöpfer von „Mesos“ gilt, der Open-Source-Grundlage für Mesosphere und eine Plattform für riesige Rechenzentrumsanwendungen von Siri bis Mobilfunk-Infrastrukturen, ist ein Sohn der Gastfamilie von Leibert, den der damals 17jährige während seines Austauschjahrs an einer High School in Colorado zum Codieren gebracht hat. Hindman ist der dritte Gründer von Mesosphere; der zweite ist der ehemalige Schulfreund Tobias Knaup. Mit dem hatte er schon als 15jähriger am Gymnasium die Firma Knaup Multimedia gegründet.]

Die Kommerzialisierung erfolgte erst später. Heute liegt DC/OS in der Version 1.9 vor und kombiniert Container-Orchestrierung und Big-Data-Services. Wir haben es halt `Betriebssystem für Rechenzentren´ genannt, weil es die Administration einzelner Rechner ersetzt.

Unsere Plattform dient dazu, Anwendungen, insbesondere im Bereich Künstlicher Intelligenz und Big Data zu entwickeln, zu implementieren und zu skalieren. Das gilt für Container, Daten- und Micro-Services über die eigene Hardware sowie für Cloud-Instanzen. Zehntausende von Rechnern lassen sich steuern, als seien sie einer.

Über Mesosphere DC/OS können Anwender Funktionen und Services für verteilte Anwendungen nutzen. Damit das einfach zu handhaben ist, hat der Anbieter "Pakete" geschnürt.
Über Mesosphere DC/OS können Anwender Funktionen und Services für verteilte Anwendungen nutzen. Damit das einfach zu handhaben ist, hat der Anbieter "Pakete" geschnürt. (Bild: Mesosphere)

Auf einen einzigen Klick hin laufen mehr als 100 Infrastruktur-Services wie „Spark“, „Kafka“, „Cassandra“, „Alluxio“, „Datastax Enterprise“, „Couchbase“, „Elastic“, „Redis“, „Riak“ und „Flink“. Dazu kommen Administrations-Tools etwa für Log-Aggregation, Troubleshooting und Service-Deployment. Sie dienen vor allem hochgradig verteilten Message-Queues, KI-Anwendungen und Datenbanken. Die Zusammenstellung und das Zusammenspiel der Bausteine ist einzigartig und bietet komplette Abstraktion von jeglicher Hardware.

Die jüngste Version bietet zudem eine breitere Unterstützung für Pods und ein GPU-basiertes Scheduling, das insbesondere im Maschinellen Lernen hilft. Die eingebaute Sicherheit ist von unabhängiger Seite bestätigt und verhält sich compliant zu NIST-, ISO-, FISMA-, OSC- und HIPPA-Zertifizierungen.

Was macht diese Art der Abstraktion notwendig?

Florian Leibert: Bis jetzt wurde die Mehrheit der Daten durch menschliche Kommunikation und Interaktion erzeugt. In Zukunft aber werden Maschinen, eigentlich Sensoren, für das Hauptaufkommen verantwortlich sein.

Ein Vertical, mit dem wir es im Silicon Valley sehr intensiv zu tun haben, ist das Aufkommen der selbstfahrenden Autos. Man könnte geradezu von einem neuen Goldrausch sprechen, den diese anstoßen. So hat Intel kürzlich erst für 15 Milliarden Dollar Mobileye übernommen, eine Firma, die Sensoren für selbstfahrende Vehikel und die Software dafür herstellt.

Kein Wunder: So ist doch jedes Auto mit mindestens fünf verschiedenen Sensorarten ausgestattet: HD-Kameras, Radar, Sonar, GPS und Laser-basiertes „Lidar“ (light detection and ranging). Letzteres sendet Lichtimpulse und misst das reflektierende Licht, um so die Distanz zu den Objekten zu erfassen. Letztlich entsteht dadurch eine präzise 3D-Karte der Umgebung.

Die Autoverkäufe werden im Gesamtmarkt ´Autonomes Fahren` lediglich ein Viertel des Umsatzes ausmachen. Der Wert und damit das Geld stekt in der Digitaltechnik.
Die Autoverkäufe werden im Gesamtmarkt ´Autonomes Fahren` lediglich ein Viertel des Umsatzes ausmachen. Der Wert und damit das Geld stekt in der Digitaltechnik. (Bild: Boston Consulting Group/ Bloomberg)

Da zeigt sich, wo das tatsächliche Potential schlummert: Es sind nicht die Autos oder Lastwagen, die den Goldrausch ausmachen, sondern es sind die Hersteller der Piken und Schaufeln, um bei der Analogie zu bleiben, die profitieren. Sie schaffen die digitale Grundlage.

Um einen Vergleich herzustellen: Ein selbstfahrendes Auto generiert durch die Sensoren in acht Stunden Fahrzeit etwa 4 Terabyte. Das entspricht etwa der Speicherkapazität, die für 1,2 Millionen Fotos benötigt werden.

Außerdem müssen sie in einem viel höheren Tempo verarbeitet werden. Bei einer Geschwindigkeit von nur 100 Stundenkilometern, kann die eine Sekunde Verzögerung, die Sie bei Ihrer Lieblings-App tolerieren, bereits einen tödlichen Unfall bedeuten, sollte ein Hindernis nicht rechtzeitig erkannt werden.

Zudem wird es nicht nur ein einziges autonomes Fahrzeug auf den Straßen geben. Die Hochrechnung von IHS Automotive geht davon aus, dass es im Jahr 2035 weltweit rund 21 Millionen davon geben wird.

Diese Datenmenge ist nicht in eine noch so große public cloud einspielbar. Dafür wird es Edge-Rechenzentren geben müssen. Das Fahrzeug selbst muss zu einem – ziemlich leistungsfähigem – Datacenter werden. Und das ist gar nicht mehr so weit weg, wie manche glauben. Schon heute stecken in einem Auto 25 bis 50 CPUs, ohne dass es von selbst fährt.

An welcher Stelle fehlt es an Ressourcen? Mesospehre DC/OS stellt auch Debugging-Tools bereit.
An welcher Stelle fehlt es an Ressourcen? Mesospehre DC/OS stellt auch Debugging-Tools bereit. (Bild: Mesosphere)

Zugleich wird sich das Cloud Computing ausdehnen, in dem Sinn, dass es immer und überall, jederzeit Zugriff geben wird. Zum Beispiel werden Fahrzeugdaten ergänzt um Wetterbedingungen und Straßenlage, die ohne Weiteres von diversen Verkehrsteilnehmern in die Cloud übermittelt, etwa über eine App wie „Waze“, dort koordiniert und ausgewertet werden können.

Und unser Ziel ist es, die Unternehmenstransformation in Richtung verteiltes Computing und Hybrid Cloud zu unterstützen und somit die relevanten Bausteine jeweils so schnell wie möglich den Anwendern zur Verfügung zu stellen. Jüngstes Beispiel ist die „Tensorflow Deep Learning Library“, mit der Data Scientists Machine Learning-Anwendungen bauen können – die Funktionen sind bei uns mit einem Klick installierbar.

Mesosphere wird immer im Zusammenhang mit OpenStack, Kubernetes und Docker genannt, manchmal auch in Konkurrenz. Gibt es ein wohlwollendes Miteinander?

Florian Leibert: Docker ist ein Container-Format und Kubernetes eine der vielen, wenngleich sehr beliebte Art, Container zu verwalten. Somit kann man Kubernetes auch auf unserer Plattform laufen lassen. Allerdings sind das, wie erwähnt nicht alle Funktionen, die wir anbieten.

Kubernetes ist eine Weiterentwicklung von `Borg´, ein Management-Tool, das Google entwickelt hatte, um seine fast eine Millionen Server zu verwalten. Borg wiederum hat eine Reihe von weiteren Management-Systemen inspiriert, unter anderem Mesos. Die Plattform fungiert wie ein verteilter Kernel und ist wiederum bei Tausenden Firmen im Einsatz.

Zu Mesos gehören auch einige Services für blue und green Deployments. Allerdings fügen wir noch weit mehr Dienste, Funktionen und Tools dazu. Uber zum Beispiel nutzt DC/OS für das Deployment und die Verwaltung von Cassandra. Das würde mit Kubernetes nicht funktionieren.

Wir bieten aber umgekehrt mit „Marathon“ eine Container-Orchestrierung, die dazu benutzt werden kann, um Kubernetes zum Laufen zu bringen.

Ganz anders sieht das bei OpenStack aus. OpenStack wird vom Markt verschwinden.

OpenStack verschwindet

Holla! Aber gerade die Kombination OpenStack – Docker – Kubernetes – Bare Metal scheint doch im Aufwind.

Florian Leibert: OpenStack und Docker ist doppelt gemoppelt – zweimal Virtualisierung. OpenStack ist eine andere Abstraktionsebene, die dafür benötigt wird, um virtuelle Maschinen zu provisionieren. Doch im Umfeld von IoT bringen nur Container etwas.

Es sei denn, ein Unternehmen nutzt Amazon Web Services (AWS). Dann hat man keine andere Wahl als seine Anwendungen auf virtuellen Maschinen laufen zu lassen.

Ohnehin ist es eine fragwürdige Entscheidung, alle Daten in eine, etwa in die Amazon-Cloud, zu geben. Das könnte bedeuten: 40 Jahre ein Gefangener. Welches Problem damit verbunden ist, macht gerade der Fall Walmart deutlich.

Für AWS ist das Cloud-Geschäft die Grundlage für das Angebot seiner Services. Während das reine Hosting, das Speichern und die Compute-Power, günstig erscheint, langt der Anbieter bei den Bausteinen beziehungsweise Services zu. So zahlt der Kunde pro Request.

Die Hyperscaler wie Amazon und Google nutzen das High-Margin-Geschäft für das Bilden neuer Geschäftsfelder. So kaufte Amazon für 14 Milliarden Dollar den Einzelhändler Whole Foods, also die Walmart-Konkurrenz. Nun hat Walmart ein dickes Problem und will seinen Händlern verbieten, die AWS-Cloud zu nutzen. Außerdem kaufte das Unternehmen kaum eine Woche später für 310 Millionen Dollar Bonobos, einen eCommerce-Bekleidungs-Shop.

Ähnliches trifft auch etwa die Foto-App „Snapchat“, die in der Google Cloud läuft. Wie viel der Anbieter an Google zahlt, wurde im Frühjahr dieses Jahres bekannt, als Anbieter Snap seine Pläne zum Bösengang veröffentlichte. Zwei Milliarden Dollar sollte das Unternehmen, das 2016 40,5 Millionen Dollar verdiente, aber 514,6 Millionen Dollar verlor, für einen Fünf-Jahresvertrag zahlen.

Mesosphere aber ist, wenn auch in einer beachtlichen Open-Source-Gemeinde verankert, klein.

Florian Leibert: Aber Container-Technik und Blockchain sind disruptiv. Die Virtualisierung und damit die Cloud-Anbieter waren darauf ausgerichtet, den klassischen Buch- und dann den Versandhandel zu zerstören. Jetzt geht es den Vermittlern selbst an den Kragen: Amazon zum Beispiel. KI, IoT und Blockchain, Container machen sie überflüssig. Banken und Versicherungen bekommen das bereits zu spüren.

Das eBook „Building and Running Modern Data-Driven Apps“ von Mesosphere, aus dem Verlag o´Reilly, lässt sich kostenlos aus dem Netz laden.
Das eBook „Building and Running Modern Data-Driven Apps“ von Mesosphere, aus dem Verlag o´Reilly, lässt sich kostenlos aus dem Netz laden. (Bild: Mesosphere)

Hinweis: Seit April dieses Jahres existiert ein erstes eBook aus dem Hause o´Reilly zu Mesophere: Application Delivery with DC/OS, Building an Running Modern Data-Driven Apps. Der Autor ist Andrew Jefferson, Vice President Engineering bei Tractable. Das Schriftstück steht kostenlos zum Download bereit.

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