Eine API, sie alle zu binden Platform Mesh will mit Kubernetes europäische Clouds an einen Tisch bringen

Von Daniel Schrader 6 min Lesedauer

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Bewährte Kubernetes-Standards sollen mit EU-Förderung die Grundlage für eine interoperable Cloud-Landschaft in Europa liefern. Sebastian Scheele erläutert, wie Kubermatic mit Open-Source-Tools zu einem europäischen Cloud-Edge-Kontinuum beiträgt.

Wünschenswert: Als Teil von „Neonephos“ soll „Platform Mesh“ europäische Clouds über Kubernetes-artige APIs interoperabel machen.(Bild:  Sora / Gemini 2.5 Flash / KI-generiert)
Wünschenswert: Als Teil von „Neonephos“ soll „Platform Mesh“ europäische Clouds über Kubernetes-artige APIs interoperabel machen.
(Bild: Sora / Gemini 2.5 Flash / KI-generiert)

„Neonephos“ (neue Wolke) ist Teil ein großen europäischen Aufholprojekts. Erklärtes Ziel ist ein vereinheitlichtes und nahtloses „Cloud-Edge-Kontinuum“ für Europa. Ein neues GaiaX also? Mitnichten, betont Sebastian Scheele, CEO von Kubermatic.

Während bei GaiaX der Fokus sichtbar auf dem mühseligen Aushandeln geteilter Standards vor ihrer Implementierung lag, soll Neonephos Europas Cloud-Landschaft auf ganz andere Weise standardisieren, indem bereits vorhandene Schnittstellen und etablierte Cloud-Native-Ansätze aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Das Motto: funktionierende Schnittstellen nutzen, statt einen neuen Standard zu beschwören.

Die Beteiligung von Kubermatic ist dafür sinnbildlich. Die Cloud-Native-Apologeten und Spezialisten für automatisierte Kubernetes-Verwaltung aus Hamburg sind wichtige deutsche Vertreter in der Cloud Native Computing Foundation (CNCF), die Kubernetes, aber auch eine Vielzahl anderer Open-Source-Projekte gemeinwohlorientiert entwickelt. Mit der Tochterstiftung Neonephos Foundation bringt die Linux Foundation und CNCF als ihr Teil eine Vielzahl bereits erprobter oder aktiv entwickelter Open-Source-Projekte in die europäische Vision einer offenen und standardisierten Cloud-Edge-Infrastruktur ein.

Die Palette der Teilprojekte ist breit: von der Bare-Metal-Verwaltung „Iron Core“ und Virtualisierung „Cobalt Core“ über das Kubernetes-Deployment-Tool „Gardener“ und die deklarative Steuerungsschicht „OpenMCP“ bis zur Cloud-optimierten Distribution „Garden Linux“. Nahezu sämtliche Bestandteile von Neonephos sind aus „ApeiroRA“ hervorgegangen, einer von SAP geleiteten Referenzarchitektur für Cloud-Umgebungen. Allein für ApeiroRA stellte die Europäische Union im Rahmen des „NextGenerationEU“- Programms im Dezember 2023 rund 329,6 Millionen Euro bereit; die Fördermengen für Neonephos sind bislang nicht bekannt.

In der Podcast-Folge #57 „Sebastian Scheele – Wie die Kubernetes-API Europas Clouds standardisieren kann“ besprechen Sebastian Scheele und Daniel Schrader ausführlich die Implementierung interoperabler Cloud-Standards mit Neonephos und die Beiträge von Kubermatic. Zudem geht es um weitere Teilprojekte des europäischen Cloud-Edge-Kontinuums, Herausforderungen von Edge-Workloads und Virtualisierungsangebote als Zwischenschritt auf dem Weg zu Cloud Native.

Die Folge findet sich auf Spotify, Apple Podcasts, Deezer und Amazon Musik.

Platform Mesh: Ein offener Marktplatz für Cloud-Dienste

Mirza Kopic (SAP) und Marvin Beckers (Kubermatic) erklären den Aufbau des Platform Mesh auf den Container Days 2025.(Bild:  Daniel Schrader / Vogel IT-Medien)
Mirza Kopic (SAP) und Marvin Beckers (Kubermatic) erklären den Aufbau des Platform Mesh auf den Container Days 2025.
(Bild: Daniel Schrader / Vogel IT-Medien)

Ein europäisches Cloud-Edge-Kontinuum soll keine Hyperscaler-Cloud bedeuten, sondern ein standardisiertes Ökosystem diverser Anbieter. Ermöglichen soll das ein „Platform Mesh“, eine interoperable Umgebung für verschiedene Cloud-Angebote.

Für ihre technische Grundlage ist neben SAP auch Kubermatic maßgeblich mitverantwortlich. Die Hauptaufgabe laut Scheele: „Wenn ich verschiedene Provider habe, wie bringe ich das Ganze zusammen und wie habe ich eine standardisierte API?“ Auch der Web-Auftritt des Projektes betont die Aufgabe, „Entwicklern [und] Konsumenten zu ermöglichen, […] die jeweils bevorzugten Dienste aus verschiedenen Dienstmärkten auszuwählen“.

Aber haben Cloud-Anbieter daran ein Interesse? In der Formulierung einer anonymen Frage an die Projektverantwortlichen auf der „Container Days Conference 2025“ in Hamburg: „Ich bin ein Cloud-Anbieter.

Wieso sollte ich Platform Mesh implementieren, so dass meine Kunden mich einfacher verlassen können?

In Antwort verwies Scheeles Kollege Marvin Beckers auf einen europäischen Markt, in dem kleinere, stärker spezialisierte Cloud-Provider auch heute schon regulär kein Monopol auf sämtliche Kundenbelange erheben. Dennoch brauche es auch eine regulatorische Rückendeckung, wie sie der EU Data Act liefere:

„Die Gesetzeslage in Europa ändert sich. Von dir erwartet man, dass du Kunden ermöglichst, zwischen Clouds zu wechseln“. Geteilte Standards mit Platform Mesh würden es dann Anbietern „erlauben, diese regulatorischen Vorgaben einzuhalten und zugleich Teil eines Ökosystems zu werden, das Leute anziehen kann,“ so Becker.

Auch Scheele betont: „Die großen Provider haben nicht unbedingt ein Interesse an Standardisierung“. Er aber „weiß nicht, ob es unbedingt der Weg ist, das über Gesetze [anzugehen]“. Stattdessen müsse die Technologie selbst überzeugend sein, so wie es bei anderen Cloud-Native-Ansätzen geschehen ist. Dann wiederum entstehe „auch der Druck von den Anwendern, so dass sich AWS oder Microsoft [wie für Kubernetes] öffnen müssen. Wenn die Technologie von den Anwendern gepusht wird, nach dem Motto ‚Wir wollen das‘, entstehe natürlich auf für die Cloud-Provider ein Business Case.

Etabliertes Ökosystem statt Wettbewerb von Standards

Mirza Kopic (SAP) präsentiert das geplante europäische Cloud-Edge-Kontinuum auf den Container Days 2025.(Bild:  Daniel Schrader / Vogel IT-Medien)
Mirza Kopic (SAP) präsentiert das geplante europäische Cloud-Edge-Kontinuum auf den Container Days 2025.
(Bild: Daniel Schrader / Vogel IT-Medien)

Das Argument für größere Standardisierung hat laut Scheele ohnehin jenseits der Hyperscaler-Welt eine klare Relevanz: „Wenn ich bei AWS eine Datenbank oder Virtuelle Maschine konsumieren möchte, haben die auch nur einen API-Layer und der ist relativ einheitlich“.

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Aus der Perspektive kleinerer „Cloud Provider oder auch auf Enterprise-Ebene, wenn ich etwas as-a-Service für andere Teams bereitstellen will, fehlt mir aber das ganze Ökosystem.“ Sie machten es sich unnötig schwer: „Ich brauche eine CLI, ich brauche einen 'Terraform'-Provider, ich brauche einen 'Ansible'-Provider, ich brauche einen 'Crossplane'-Provider und, und, und...“

Er ergänzt: „Die Idee beim Platform Mesh ist: Können wir dafür nicht die Kubernetes-API nehmen? Da es dann eine einheitliche API über verschiedene Provider ist, kann ich sowohl darüber Services bereitstellen als auch Services von anderen Providern nutzen“.

XKCD-Comic: Es gibt 14 konkurrierende Standards. „14?! Lächerlich. Wir müssen einen universellen Standard schaffen, der jedermanns Anwendungsfall abdeckt“. „Ja!“ Bald: Es gibt 15 konkurrierende Standards. (Bild:  XKCD)
XKCD-Comic: Es gibt 14 konkurrierende Standards. „14?! Lächerlich. Wir müssen einen universellen Standard schaffen, der jedermanns Anwendungsfall abdeckt“. „Ja!“ Bald: Es gibt 15 konkurrierende Standards.
(Bild: XKCD)

Beckers und Scheele sind sich einig, dass die neue Standardisierungsoffensive sich grundsätzlich von früheren Versuchen unterscheidet. Beckers verweist mit Vorliebe auf die notorisch bekannte Episode „How Standards Proliferate“ des Webcomics „XKCD“:

Zwei Entwickler wollen gegen 14 konkurrierende Standards ankämpfen und eine allgemeingültige Norm schaffen; im Handumdrehen entsteht ein fünfzehnter Standard. „Wir hingegen wollen einen Standard nutzen, welcher bereits im Ökosystem vorhanden ist und dessen Funktionalität nachgewiesen ist. Und nach zehn Jahren Kubernetes kann man das sicher sagen.“

Standardisierte Cloud-APIs mandantenfähig teilen

Was aber hat Kubernetes als Plattform zur Container-Orchestrierung mit der Standardisierung von Cloud-Schnittstellen zu tun? Es geht beim Platform Mesh nicht darum, wie Kubernetes Pods und Cluster verwaltet, sondern wie Kubernetes über eine offene, standardisierte API sämtliche Ressourcen, Typen und deren Beziehungen beschreibt. Genau auf dieser Kubernetes-artigen API-Struktur wollen Scheele und Kollegen aufbauen, um verschiedene Cloud-Dienste interoperabel zu machen.

Die technische Grundlage dafür liefert „KCP“, eine Kontrollschicht, die verschiedene an die Kubernetes-API angelehnte Schnittstellen zusammenführt. KCP wurde ursprünglich von Red Hat initiiert, später von Kubermatic und der Open-Source-Community weiterentwickelt und im September 2023 in die CNCF-Sandbox aufgenommen.

KCP aggregiert und verwaltet deklarative, Kubernetes-kompatible APIs (etwa verschiedener Cloud-Anbieter) auf einer übergeordneten Ebene. Zugleich schafft KCP auch Cluster-artige, logisch isolierte „Workspaces“ für viele parallele Nutzer. „Kube-bind“, ein ebenfalls von Kubermatic maßgeblich mitgestaltetes Open-Source-Tool, erlaubt es dann einzelnen Workspaces, über standardisierte APIs Dienste wie Datenbanken oder Speicherressourcen gegenseitig bereitzustellen.

Anders als bei einem neu entwickelten Standard müsse man für den Einsatz der beiden Tools nicht umständlich neues Wissen bei Entwicklern aufbauen, so Scheele. „Wenn ich Kubernetes kann, kann ich relativ schnell auch das Platform Mesh, KCP und Kube-bind nutzen“.

Mirza Kopic (SAP) und Marvin Beckers (Kubermatic) zeigen eine Live-Demonstration eines Prototypen von Platform Mesh auf den Container Days 2025 in Hamburg.

Platform Mesh soll durch iterative Adoption Gestalt annehmen

Damit böte Platform Mesh deutlich mehr als etwa die Kubernetes-Erweiterung Crossplane, die ermöglicht, externe Cloud-Ressourcen in Clustern zu verwalten. KCP schafft hingegen laut Scheele Nutzerfreundlichkeit für Entwickler und zugleich Flexibilität für Betreiber, indem es die Nutzer-API und die Provider-Implementierung gänzlich voneinander trenne.

„Ich habe dann ein API-Objekt, was zum Beispiel eine Datenbank repräsentiert, aber wie das provisioniert wird, spielt für den User überhaupt keine Rolle. Ob die Datenbank hinterher auf Kubernetes läuft oder in VMs und wie das Betreibermodell des Ganzen ist, ist Sache des Betreibers“. Ziel sei es so, Kuberentes-artige APIs genauso bequem wie Hyperscaler-Dienste einsetzen zu können, aber mit einem klaren Standard, der auch spezialisierte Special-Serivces-Provider mit ins Boot holt.

Wie weit aber ist Kubermatic mit seinem Beitrag zur europäischen Cloud-Architektur? „Bei KCP ist vieles schon da“, betont Scheele, „ebenso bei Kube-bind“. Kubermatic sei gerade dabei, eine Überführung der Projekte aus dem experimentellen Stadium in den zweiten Reifegrad bei CNCF zu erreichen. Zugleich wachse auch die Adoption von KCP.

Aber es blieben große Herausforderungen bei der Synchronisierung der Bestandteile von Platform Mesh. Dessen Entwicklung würde so eher „iterativ passieren“ und APIs würden nach und nach hinzukommen, „so dass es nicht einen großen Tag geben wird, ab welchem Platform Mesh nutzbar sein wird“.

Jetzt hofft Scheele, in zwölf Monaten deutlich über eine Prototypen-Phase hinauszuwachsen und auf KCP als wichtiges Werkzeug für eine steigende Zahl von Cloud-Diensten zu blicken. Dann wird sich auch zeigen, ob der „Maschinenraum-Ansatz“, wie ihn Beckers bezeichnet, auch jenseits der Technik-Räume Zugkraft entfaltet.

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