Nur kein Geiz! SAP-Anwender giften und geizen nicht mit Kritik CIOs vermissen bei SAP den End-to-End-Fokus

Von Jürgen Frisch 10 min Lesedauer

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Ein kaum zu durchschauendes Produktportfolio, das nicht alle Anwendungsfälle abbildet, komplexe Preismodelle und eine schwierige Kosten-Nutzen-Rechnung: Diese Kritik richten vier CIOs in einem Roundtable der SAP-Benutzervereinigung DSAG an ihren Softwarelieferanten SAP.

Autor Jürgen Frisch berichtet von den Inhalten einer intensiven Diskussion unter SAP-Software-Anwendern der DASAG, die durchaus heftige Kritik an ihrem Softwarehersteller üben. (Bild:  Ethan - stock.adobe.com)
Autor Jürgen Frisch berichtet von den Inhalten einer intensiven Diskussion unter SAP-Software-Anwendern der DASAG, die durchaus heftige Kritik an ihrem Softwarehersteller üben.
(Bild: Ethan - stock.adobe.com)

Produktstrategie und Roadmap der SAP, der Cloud-Fokus und die dazugehörigen Business Cases sowie die Frage, wie man angesichts des vielfältigen Lösungsportfolios Geschäftsprozesse End-to-End abbilden kann: Zu diesem Themenkreis hatte die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) zu einem Online-Roundtable geladen. Vier CIOs haben an der Diskussion teilgenommen: Alexander Brauschke, CIO bei Knüppel Verpackung GmbH & Co. KG Excor Korrosionsschutz-Technologien und -Produkte GmbH, Gerhard Göttert, CIO bei Autobahn Tank & Rast GmbH, Thomas Henzler, CIO bei Piller Blowers & Compressors GmbH und DSAG-Fachvorstand Lizenzen, Service & Support, sowie Sebastian Westphal, Global Head of ERP Operations and Transformation bei SPS Germany (ehemalige Swiss Post Solutions) und DSAG-Fachvorstand Technologie.

Zum Einstieg ging es um die in vielen Unternehmen anstehende Migration von SAP ERP auf „SAP S/4 HANA“. Gerhard Göttert berichtet hier über positive Erfahrungen: „Wir haben eines unserer SAP-System auf S/4 HANA migriert. Die technische Umstellung und die dafür von SAP zur Verfügung gestellten Tools und Services wie etwa Readiness-Check, Onsite-Services und auch der Remote-Support waren wirklich gut.“

Gerhard Göttert
ist CIO bei Autobahn Tank & Rast GmbH. Er sagt:
„Wir haben das Altsystem eins zu eins auf der neuen Plattform abgebildet, also eine technische Migration durchgeführt“, berichtet: „Der Umstieg lief gut, aber es ist bislang nicht gelungen, einen Business Case zu rechnen.“

Screenshot: Jürgen Frisch

Bei Autobahn Tank & Rast läuft der Großteil der Geschäftsprozesse über mehrere SAP-Systeme. Neben dem S/4HANA Finance sind unter anderem die Industrielösung Retail Solution, das Warenwirtschaftssystem der SAP, das Netweaver-Portal und die SAP Process Integration im Einsatz.

Bei der technischen Migration fehlt der Business Case

Trotz der gelungenen Migration ist Göttert nicht völlig zufrieden: „Wir haben das Altsystem eins zu eins auf der neuen Plattform abgebildet, also eine technische Migration durchgeführt. Daher ist es bislang nicht gelungen einen Business Case zu rechnen.“

Eine weitere Hürde sind unternehmensspezifische Anpassungen: „Sobald es um individuelle Systemlandschaften geht, wird die Luft dünn. SAP legt den Fokus der Tool- und Service-Unterstützung auf den Systemkern des ERPs. Die SAP-Systeme um das ERP herum sind bei einer Migration aber genauso wichtig, und hier vermissen wir von SAP die Performance, die wir im klassischen ERP-System in den vergangenen Jahren kennengelernt haben.“

Die Erkenntnisse

Aus seinem Migrationsprojekt hat Göttert drei Lehren gezogen. Der erste Punkt betrifft die Projektrisiken: „Wir arbeiten in einem engen Zeitfenster und möchten gerne vorab wissen, wo die Stolperfallen liegen, die sich bei der Migration eines ERP-Systems mit angebundenen weiteren SAP-Systemen ergeben. Learning-by-doing ist in einem solchen Projekt nicht akzeptabel. Daher ist eine gute Betreuung durch einen Migrationspartner sehr wichtig“

Die zweite Erfahrung betrifft die neue Systemarchitektur: „Wir bekommen mit S/4HANA ein anderes Leistungsportfolio als wir vorher bei SAP ECC hatten. Das führt dazu, dass wir an der einen oder anderen Stelle Ergänzungen vornehmen müssen, die das Migrationsprojekt aufwändiger machen.“

Die dritte Erfahrung betrifft die Schrittfolge der Migration: „Neben der rein technischen Migration will jedes Unternehmen mit dem Umstieg auf S/4HANA Effizienzgewinne erzielen. Das ist ein sehr aufwändiges Unterfangen, möchte man den Zeitrahmen für das Migrationsprojekt kurzhalten. Das Realisieren von Effizienzen erfordert Folgeprojekte in späteren Schritten.“

Funktionen aus SAP ERP wandern in Extensions

Der SAP-Fokus auf die Cloud ist das nächste Thema der Diskussionsrunde. Thomas Henzler bemängelt hier zunächst die hohe Dynamik der Cloud-Lösungen, welche teils nach wenigen Jahren nun gegen neue Lösungen wie am Beispiel der „CX“-Module ausgetauscht werden oder aber gar ganz verschwinden. „Viele Komponenten, die in der Business Suite im Kern enthalten waren, müssen wir heute als so genannte Extensions auf der Business Technology Plattform abbilden.“

Thomas Henzler
ist CIO bei Piller Blowers & Compressors GmbH und DSAG-Fachvorstand Lizenzen, Service & Support. Er kritisiert: „Die dynamischen Veränderungen des Produktportfolios, auslaufende Wartungen für Produkte, für die es teilweise auch noch keinen funktional gleichwertigen Nachfolger in der Cloud gibt, erschweren die Wahl des richtigen Produktmixes massiv.“

Bildquelle: Jürgen Frisch

Die dynamischen Veränderungen des Produktportfolios, auslaufende Wartungen für Produkte, für die es teilweise auch noch keinen funktional gleichwertigen Nachfolger in der Cloud gibt, erschweren die Wahl des richtigen Produktmixes massiv: „SAP fokussiert aktuell die Angebote SAP Grow und SAP Rise, also im Kern Private Cloud und Public Cloud. Von On Premise spricht niemand mehr, und Private Cloud ist das neue On Premise.“ Das führt ebenfalls dazu, dass man sich als On-Premise-Kunde zurückgestellt fühlt.

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Auch Göttert beklagt die Komplexität bei der Wahl des Betriebsmodells: „CIOs stehen vor der schwierigen Entscheidung, welche Komponenten von SAP S/4 HANA sie bei welchem Betriebsmodell erhalten. Sie suchen dabei nach einem zukunftsträchtigen Weg. Der sollte nicht nur eine langfristige Investitionssicherheit garantieren, sondern im Idealfall auch deutlich aufzeigen, wie viel Innovation wo zu erwarten ist.“

Schwierigkeiten entstehen dabei durch die Neuordnung des SAP-Portfolios, bei der Funktionalitäten in unterschiedliche Systemkomponenten wandern: „Das Modul Integrated Business Planning soll künftig die Komponente Advanced Planning and Optimization ablösen, die aktuell in SAP ECC erhalten ist. Auch die bisher im ERP-Kern enthaltene CRM-Lösung wird ersetzt durch ein Modul, das zunächst C4C und dann SAP Sales Cloud hieß.“

Die Kritik am SAP-Cloud-Pricing hält an

SAPs Preismodelle in der Cloud betrachtet die DSAG nach wie vor kritisch, denn die jahrelang gestellten Forderungen der Anwendervereinigung wurden bislang nicht erfüllt: „Wir haben noch immer die jährlichen Preiserhöhungen auch für abgekündigte Services“, berichtet Henzler. „Wir haben nach wie vor keine Lizenzmodelle, die nach unten skalieren und wir haben nach wie vor eine hohe Dynamik im List-Pricing“.

Die hohe Modularität der ERP-Landschaften erhöhe die Komplexität der Preisverhandlungen. „Und wenn ich das alles zusammennehme, komme ich sehr häufig nicht günstiger weg als vorher.“

Das Customizing der Lösungen bei Cloud-Migration, Mehrwert für die Fachabteilungen und die möglichen Business Cases waren weitere Diskussionsthemen. Viele SAP-Bestandskunden haben sehr komplexe Systemlandschaften, sie sie über Jahre hinweg an den individuellen Bedarf angepasst haben. Diese lassen sich nicht ohne Weiteres in die Cloud migrieren.

ERP-Hosting

Vergleichsweise einfach ist ein solcher Umstieg laut Henzler, wenn es um das Betriebsmodell Private Cloud geht: „Das, was SAP als Private Cloud bezeichnet, ist in Wahrheit nichts anderes als das altbekannte Hosting eines ERP-Systems. Technisch besteht kein Unterschied zwischen S/4 HANA On Premise und S/4 HANA Private Cloud.

Daher kann man in die Private Cloud auch aus reinen technischen Gesichtspunkten praktisch alle Modifikationen des On-Premise-Systems mitnehmen. Einzig mögliche vertragliche Vereinbarungen beschränken dies. Ansonsten ist eine der wenigen Änderungen der kaufmännische Wechsel ins Subskriptionsmodell.“ Anders hingegen sieht es mit S/4HANA Public Cloud aus: „Hier reden wir über eine hochgradig standardisierte Cloud-Native-Anwendung. Unternehmen mit einer angepassten SAP-Umgebung können dorthin nur schwer oder gar nicht migrieren, sofern sie nicht vorher zurück in den Standard gehen.“

Die Private Cloud ist nichts anderes als Hosting.

Thomas Henzler

Die Private Cloud ermöglicht es zwar, alle Systemanpassungen mitzunehmen, habe aber laut Henzler einen anderen Haken: „Es steht zwar Cloud drüber, aber die damit oft assoziierten Vorteile wie Reduktion der Komplexität und hohe Skalierung sind nicht gegeben. Ich kann zwar eine inzwischen sehr gut dokumentierte technische Migration machen. Aber die Diskussionen zum Thema Business-Case-Betrachtung, die bereits für damalige S/4 HANA-On-Premise-Projekte geführt wurden, werden durch weitere Betriebsmodelle wie Private Cloud nicht einfacher.

Völlig anders sieht die Betrachtung aus, wenn es um die Public Cloud geht. Hier müssen die ERP-Systeme nahe am Standard bleiben, aber genau dadurch skalieren sie gut und bringen Kostenvorteile: „Das Angebot SAP Grow zielt auf die Public Cloud, und hier kann SAP wesentlich günstigere Preise anbieten als in der Private Cloud“, erläutert Henzler und verweist auf die so genannten Full Equivalent User (FUE), das ist die Nutzungsmetrik für die S/4 HANA Cloud: „Bei SAP Grow in der Public Cloud kann ich bereits mit 25 FUE einsteigen. 'Rise with SAP' hingegen arbeitet in der Public Cloud und rechnet sich daher erst ab über 100 FUE. Das zeigt, dass bei beiden Angeboten völlig unterschiedliche Technologien zum Einsatz kommen, die auch unterschiedlich skalieren.“

Ein Business Case braucht Vorteile für die Fachabteilungen

Auch in der kostengünstigen Public Cloud lässt sich ein Business Case nicht allein auf Basis der Betriebsgebühren rechnen, wie Sebastian Westphal ausführt: „Ein neuer Service muss im Idealfall einen bisher manuellen oder teilautomatisierten Prozess ersetzen, eine qualitative Verbesserung ermöglichen und Einsparungen generieren.“

Sebastian Westphal
ist Global Head of ERP Operations and Transformation bei SPS Germany und DSAG-Fachvorstand Technologie. Er fordert: „Wenn es um zentrale Anforderungen an die Software-Architektur und an Lösungen geht, brauchen wir bei der SAP konkrete Verantwortlichkeiten und einen Eingangskanal für Anfragen und Anregungen auch außerhalb der reinen Produktverantwortlichkeiten.“

Screenshot: Jürgen Frisch

Ein Beispiel hierfür sei die Anbindung der Banken über einen SAP-Service auf der Business Technology Platform: „Wir müssen dann als Unternehmen die technische Komplexität der Bankenanbindung nicht selbst lösen und verlagern das Betriebsrisiko auf die SAP. Die Fachabteilungen haben einen hohen Nutzen, denn der Prozess läuft schnell und stabil.“

Göttert wünscht sich künftig mehr solcher Business Cases, und erwartet dabei eine Unterstützung durch den Softwarehersteller: „Wir treffen Entscheidungen, die langfristig viel Geld kosten und über belastbare Business Cases gegenfinanziert werden müssen. SAP sollte daher den Kunden erläutern, wie man Abläufe so optimiert, dass dadurch Wettbewerbsvorteile entstehen und auch die Kosten sinken.“

Prozessketten fehlt oft der End-to-End-Fokus

Anforderungen der Unternehmen an End-to-End Prozesse waren das nächste Diskussionsthema im CIO-Roundtable. In Zeiten von „R/3“ waren Best-Business-Practices ein starkes Verkaufsargument für SAP-Systeme.

Angesichts der Diversifizierung des Portfolios hat sich das geändert, wie Westphal kritisiert: „Aktuell ist der Glaube, dass SAP Prozessketten abbildet, oft blankes Marketing. Aus technischer Sicht bedeutet ein End-to-End-Prozess, dass er über alle Plattformen und über alle Cloud-Lösungen hinweg vollständig integriert ist und sich auch komplett betreiben und überwachen lässt. Das ist im SAP-Portfolio heute leider nicht immer der Fall.“ So lasse sich beispielsweise ein Purchase-to-Pay-Prozess, der von SAP Ariba über ein S/4HANA-System bis zum Payment-Service auf der Business Technology Platform läuft, nicht einheitlich implementieren, anpassen und betreiben.

Westphal führt die mangelnde Durchgängigkeit der Systeme auf die getrennte Entwicklung der Plattformen und Produkte bei der SAP zurück. Das erschwere Übersicht, und zwar nicht nur SAP-intern, sondern erst recht beim Anwender: „Wenn es um zentrale Anforderungen an die Software-Architektur und an Lösungen geht, brauchen wir bei der SAP konkrete Verantwortlichkeiten und einen Eingangskanal für Anfragen und Anregungen auch außerhalb der reinen Produktverantwortlichkeiten.“

Als konkretes Beispiel nennt Westphal die nationalen steuerlichen Meldesysteme und Standards rund um die elektronische Rechnungsstellung: „Es fehlen auf der fachlichen Seite die SAP-Verantwortlichen, welche die Anforderungen eines E-Rechnungsverfahrens verstehen und zudem die Realität in den Unternehmen kennen – und damit die benötigten Funktionen produktübergreifend implementieren.“

Thirdparty-Lösungen schließen SAPs Lücken

Wie und warum er steuerliche Fragen nicht im SAP selbst, sondern mit einem Third-Party-Add-On abbildet, erläutert Alexander Brauschke: „Wir wollen eine konzerninterne Steuererklärung und eine Bilanz ohne einen externen Wirtschaftsprüfer erstellen, und dafür suchte ich nach einer Lösung.“

Alexander Brauschke
ist CIO bei Knüppel Verpackung GmbH & Co. KG Excor Korrosionsschutz-Technologien und -Produkte GmbH. „Wir wollen eine konzerninterne Steuererklärung und eine Bilanz ohne einen externen Wirtschaftsprüfer erstellen. Ein Modul, das diese Anforderungen abbildet, habe ich nicht bei SAP gefunden, sondern bei der Datev.“

Screenshot: Jürgen Frisch

Trotz seiner vielfältigen Kontakte fand Brauschke kein SAP-Modul, das diese Aufgabe löst. Die Steuerberater-Vereinigung Datev hat ein Cloud-Paket, das genau diese Anforderungen abbildet. „Wir haben einen eigenen Tenant für drei Mitarbeiter und eine klaren monatlichen Preis dafür“, erläutert Brauschke. „Die Anwender brauchten keine externe Schulung, denn die Lösung ist einfach und selbsterklärend.“

Die Integration der Datev-Software mit dem SAP-System läuft über einen altbekannten und sehr einfachen Weg: Brauschke exportiert die SAP-Daten in eine CSV-Tabelle und importiert sie ins Cloud-System der Datev. Der Rückweg ins SAP-System läuft nach dem gleichen Prinzip. „Das ist ein manueller Weg, den wir später automatisieren wollen. Ein sehr einfaches Prinzip, das etwas altmodisch erscheint, aber gut funktioniert. Die Mitarbeiter sind zufrieden damit.“

Systemarchitekten vermissen eine klare Roadmap

Dass Anwender die Lücken, die SAP beim Abbilden und Steuern von End-to-End-Prozessen hinterlässt, mit Thirdparty-Software schließen, hält Westphal für nicht akzeptabel: „Gerade bei Steuer- und Finanzprozessen kann es nicht sein, dass Anwender die Lücken im SAP-Portfolio mit Drittsoftware oder Eigenentwicklungen schließen. SAP muss im ureigenen Kerngeschäft, mit dem sie groß geworden ist, die Anforderungen vollumfänglich abbilden.“

Im diversifizierten Lösungsportfolio der SAP wird die Orientierung laut Westphal zunehmend schwieriger, zumal auch noch Produkte aus der Wartung laufen: „Ich habe kein Problem damit, dass gewisse Produkte noch zwei bis Jahre brauchen, bis sie marktreif sind und das Funktionsspektrum heutiger Bestandsprodukte identisch abdecken. Aber ich muss wissen, wann und in welcher Form sie genau auf den Markt kommen.“

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