„Wir nehmen die traditionelle IT mit“

Die Zukunft ist schon da und Red Hat der Partner

| Autor: Ulrike Ostler

Linux ist Ausgangspunkt und Basis aller Software-Techniken des Red-Hat-Portfolios - für alle Plattformen.
Linux ist Ausgangspunkt und Basis aller Software-Techniken des Red-Hat-Portfolios - für alle Plattformen. (Bild: Red Hat)

Im Jahr 2018 steht laut IDC die Digitale Transformation bei 67 Prozent der CEOs aus der globalen Top 2000 im Zentrum ihrer Strategie. Doch wie ist dieses zu schaffen? Mit bimodaler IT, von der sich selbst ihre Erfinder bei Gartner ein stückweit distanziert? „Die Frage lautet“, so Werner Knoblich, SVP und General Manager von Red Hat in EMEA: „Wie kann man die bestehende IT auf diese Reise mitnehmen?“

Werner Knoblich ist seit 13,5 Jahren bei Red Hat und beschreibt den jetzigen Wertewandel, den die IT derzeit vollzieht, gerne mit zwei Zitaten: „IT doesn´t matter“, veröffentlichte Nicolas G.Carr im Mai 2003 in der „Harvard Business Review“. IT hatte die Rolle als „Enabler“, war Kostenfaktor aber keinesfalls Kerngeschäft oder differenzierungsgeeignet.

Im April 2015 war auf „Forbes.com“ die Aussage von Vordenker Joe McKendrick ”Every organisation – whether services, manufacturing or healthcare – is becoming a technology company“ zu lesen. Will heißen: IT macht den Unterschied; sie macht den Erfolg aus und jeder hat sich darum zu kümmern.

Allerdings muss nicht jeder jegliche IT-Plattform selber machen oder betreiben. Dafür gibt es die diversen Cloud-Modelle, IT-Services und APIs. Notwendig allerdings sind agile Prozesse, die es den digital werdenden Unternehmen erlauben, sich in dieser neuen Welt zu bewegen, erläutert Knoblich. In Wien, anlässlich des „Red Hat Forum 2016“, auf dem unter anderem die erste österreichische Red-Hat-Dependance angekündigt wurde, gab er zusammen mit Rainer Liedtke, Senior Director Sales und Country Manager Red Hat in Deutschland und Österreich, ein Interview.

(von links) Werner Knoblich, Senior Vice President und Genral Manager EMEA mit Rainer Liedtke, Senior Director Sales und Country Manager Deutschland und Österreich im Interview.
(von links) Werner Knoblich, Senior Vice President und Genral Manager EMEA mit Rainer Liedtke, Senior Director Sales und Country Manager Deutschland und Österreich im Interview. (Bild: Ulrike Ostler/Vogel IT-Medien GmbH)

Red Hat ist die erste Open-Source-Company, die die Einkommensmarke von 2 Milliarden überschritten hat. Welches ist für Sie der am tiefsten greifende Wandel? Ist das noch die Firma, in der Sie begonnen haben?

Werner Knoblich: In den ersten sechs, sieben Jahren meiner Beschäftigung war Red Hat noch eine Art Underdog, involviert im Kampf von Open Source gegen die etablierte IT. Das hat sich komplett gedreht. Heute ist Open Source Mainstream und in vielen Unternehmen eher ein Top-Down-Thema, initiiert von der Unternehmensleitung. Wir werden als Partner für die Digitalisierung gesehen, wie neulich, als wir bei der Direktbank Santander oder bei der zweitgrößten Bank Spanien, der Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA), waren.

Zugleich aber ist die Open-Source-Kultur nicht verloren gegangen – diese erlebe ich als offener, ja, ehrlicher, als die von Unternehmen, die rein kommerzielle Software anbieten.

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Mehr als 2 Milliarden Dollar

Das heißt, dass der Beratungsanteil steigt?

Werner Knoblich: Absolut gesehen ja. Relativ gesehen allerdings bleibt der Anteil relativ stabil. Im vergangenen Geschäftsjahr, das im Februar 2016 endete, lag er bei 12 Prozent – inklusive Training. In Europa arbeiten rund 200 Berater.

Red Hat wird nach wie vor häufig als „Linux-Company“ bezeichnet, doch mittlerweile ist das Produktangebot schon fast unübersehbar.

Werner Knoblich: Ja, die Basis unseres Geschäfts ist Linux. Aber die „Linux-Company“ sind wir schon lange nicht mehr. Vor allem ist Linux nicht mehr nur die günstige Alternative zu den Unix-Derivaten.

Unser Core-Linux-Geschäft ist im letzten Quartal verglichen mit dem Vorjahresquartal um 18 Prozent gestiegen und unser Nicht-Linux-Produktgeschäft um 33 Prozent. Dies bedeutet, dass der Anteil des Softwaregeschäfts ohne Linux ständig zunimmt und es ist unser Ziel, diesen Anteil über die nächsten Jahre auf 50 Prozent zu erhöhen. Umgekehrt heißt das aber: Das Linux-Geschäft wächst nach wie vor rasant, unter anderem auch durch Windows-Migrationen.

Da Linux als strategische Plattform angesehen wird, konnten wir jetzt auch Partnerschaften eingehen, die früher undenkbar gewesen wären – zum Beispiel mit Microsoft. So kann Red Hat Enterprise Linux beispielsweise zertifiziert in ´Azure` eingesetzt werden.

Darüber hinaus sind unsere Versionen von Red Hat Enterprise Linux in sämtlichen Betriebsarten im Einsatz: auf physischen Geräten im Rechenzentrum, auf virtuellen Maschinen, in der Private- und in der Public Cloud. Dazu kommen IoT Anwendungen: „Follow The Tomato“ ist ein Projekt einer großen Supermarktkette, in dem rund 20.000 Obst-/Gemüsewaagen vernetzt werden. Die Basis dafür ist ´Red Hat Enterprise Linux` (RHEL) und ´Red Hat Jboss A-MQ` für das Messaging.

Das Wachstum wird sich auch noch fortsetzen. Viele unserer Kunden entwickeln gerade erst ihre digitale Strategie und die entsprechenden Use Cases. Das wird auch mehr und mehr die anderen Software-Produkte ins Spiel bringen, etwa ´Jboss BRMS` und ´Jboss BPM` für Geschäftsregeln und die Prozessautomatisierung sowie die Linux-Container und Software Defined Storage.

Container verbinden die Anwendungen mit der Infrastruktur. Wenn also die bestehende IT in die digitalisierte Welt mitgenommen werden soll, führt kein Weg an der ´Containerisierung`– auch bestehender Anwendungen – vorbei. Linux-Container sorgen also für Konsistenz in agilen Workloads in der hybriden Cloud, die längst IT-Wirklichkeit ist.

Doch Cloud-Computing bedeutet auch ´Shared Economy`, also eine Welt, in der nicht ein Software-Anbieter alles machen und anbieten kann – das kennen Open-Source-Firmen doch. Wo ist die Grenze?

Werner Knoblich: Der Kauf von Ansible, einem Anbieter leistungsfähiger IT-Automation, ist ein gutes Beispiel. Das Projekt haben wir nicht ins Leben gerufen. Doch der Ansatz war einfach, gut zu verstehen und die Unternehmen haben die Software schlichtweg genutzt. Unsere Aufgabe als Firma ist es, Trends zu beobachten und solche Projekte zu entdecken. Ansible hatte aber bereits sehr viel Entwickler-Know-how in einer Firma konzentriert und zugleich unendlich viele Kunden ….

Übrigens ist Red Hat der zweitgrößte Contributor zu ´Docker und der zweitgrößte zu ´Kubernetes .

In dieses Schema passt auch die jüngste Akquisition von 3Scale, einem Anbieter von Management-Technik im Bereich Application Programming Interface (API), im Juni dieses Jahres. Wir haben viel in OpenStack investiert, doch API-Management war bislang ein weißer Fleck auf unserer Produktlandkarte.

Die Akquisition der auf ´Nginx` und ´Vanish` aufsetzenden 3Scale-Technik hat uns durchaus gutgetan. Andererseits sind kaum noch Wettbewerber von 3Scale als eigenständige Firma da: Apigee ist im vergangenen Jahr an die Börse gegangen und wurde im September von Google übernommen. Mashery ist jetzt im Besitz von Tibco.

Rainer Liedtke: Es wäre auch schön, wenn sich das recht bald einmal auszahlen würde…

Werner Knoblich: In der künftigen Services- Microservices-Welt wird es in den Unternehmen Hunderte, Tausende an APIs geben, die gemanged werden müssen.

Sie bezeichnen `OpenShift´ als das heißeste Projekt bei Red Hat. Warum?

Werner Knoblich: OpenShift ist unsere Container-Plattform, mit der wir drei Hauptaufgaben adressieren:

1. Bestehende Applikationen modernisieren und neue Applikationen flexibel entwickeln.

2. Lauffähigkeit in hybriden Cloud-Infrastrukturen garantieren.

3. Agile DevOps-Prozesse fördern.

OpenShift ist also zugleich Entwicklungs- als auch Runtime-Plattform und abstrahiert von der darunterliegenden Infrastruktur. Dazu gehört, dass wir Microservices in Form von Plattform-as-a-Service (PaaS) anbieten, zum Beispiel mit JBoss Fuse für die Integration von Messaging, Mobility, BPM, Rules Management und Storage. Auch ´alte` Anwendungen können diese Dienste nutzen.

Docker, inzwischen der Standard für Container, und Kubernetes für die Microservice-Orchestrierung sind seit Version 3 integriert. Dazu nutzen wir `Jenkins´.

Jenkins nutzt fast jeder.

Werner Knoblich: Hinter Jenkins stecken fast ausschließlich frühere Red-Hat-Leute und wir habe eine direkte Kooperation mit Cloudbees, dem Unternehmen hinter Jenkins. Dieses hat früher einmal ein Produkt in Konkurrenz zu OpenShift gemacht, seit zwei Jahren aber konzentriert sich die Firma ausschließlich auf Jenkins.

Ist aber kein Übernahmekandidat für Red Hat?

Werner Knoblich: …. - Weil OpenShift RHEL als Grundlage hat, läuft es überall dort, wo auch Linux funktioniert. Anwendungen und APIs müssen nur einmal entwickelt und getestet werden. Das Deployment funktioniert quasi per Knopfdruck. Zudem lassen sich fremde APIs nutzen, etwa von IBM, Azure und Red Hat.

„Wir schreiben nichts vor.“- „Aber wir versuchen Einfluss zu nehmen.“
„Wir schreiben nichts vor.“- „Aber wir versuchen Einfluss zu nehmen.“ (Bild: Ulrike Ostler/Vogel It-Medien GmbH)

Rainer Liedtke: Den entscheidenden Vorteil erkennen unsere Kunden darin, dass Entwicklung und Operations zusammengeführt werden und keinerlei Abhängigkeiten hinsichtlich der (eigenen) Infrastruktur mehr besteht.

Administratoren stehen DevOps skeptisch gegenüber oder fürchten gar überflüssig zu werden.

Werner Knoblich: Tatsächlich wird sich die Rolle der Administratoren ändern. Die typische Rollenverteilung, wie sie ein Wasserfall-Modell vorgibt, ist hinfällig. Nach einer McKinsey-Studie nahm in einem Konzern die Bereitstellung neuer Funktionen im Schnitt 89 Tage in Anspruch. Nach Aufgabe des Wasserfall-Modells und mit Einführung von DevOps reduzierte sich der Vorgang auf 15 Tage, was gerade einmal 17 Prozent des ursprünglichen Aufwands ausmacht.

Doch die Arbeit geht nicht aus. Wir brauchen die Leute, die bisher für Operations zuständig waren. Sie müssen in die Applikationserstellung eingebunden werden, selbst wenn es die Befürchtung gibt: „Ich bekomme einen anderen Chef, einen chaotischen Entwickler.“ Denn zugleich ist klar: Mit traditionellen Methoden schafft man die anstehende Aufgabe der Digitalisierung und Transformation nicht. Hier wird sich die Spreu vom Weizen trennen.

An welche Digitalisierungsprojekte denken Sie dabei, neben den intelligenten Tomaten?

Werner Knoblich: Die Audi AG, die BMW Group und die Daimler AG haben im vergangenen Winter gemeinsam und jeweils zu gleichen Teilen für 2,5 Milliarden Euro „Here“ gekauft. Den Kartendienst von Nokia können die Automobilhersteller für Navi-Systeme oder für autonomes Fahren nutzen. Zum Beispiel wurde beim Pariser Autosalon in diesem Jahr gezeigt, wie Fahrzeuge Video-Aufnahmen aus anderen Fahrzeuge als Informationsquelle über Staus und Unfälle genutzt werden können.

Das Beispiel zeigt einmal, dass eine vermeintliche Zukunftsvision schon gar keine mehr ist. Es zeigt auch, dass Barrieren wie Konkurrenz überwunden werden, um die Zukunft zu gestalten und dass sich auch vermeintliche „alte Ökonomien“ zusammenraufen können, um neuen Playern wie Google nicht das Feld zu überlassen.

Ein anderes Beispiel, das einen Hinweis auf die Änderungen in der Denke anzeigt, ist dass der neue Adidas-Chef keinesfalls aus der Sportartikel-Branche kommt. Im Januar dieses Jahres wurde bekannt, dass Henkel-Chef Kasper Rorsted dem Konsumgüterriesen zum 30. April vorzeitig den Rücken kehrt und zu dem Sportartikelhersteller wechselt. Der Markt reagierte: Die Aktien von Adidas setzten zum größten Kurssprung seit mehr als sieben Jahren an und die Henkel-Papiere rauschten um bis zu 6 Prozent in den Keller.

Auch neue Allianzen aus verschiedenen Branchen sind symptomatisch: Bereits seit Mai läuft im Großraum München ein Pilotprojekt von DHL, Audi und Amazon Prime. Die Partner nutzen das Auto als Lieferadresse. Der Zusteller kann diese über eine App orten und ein Paket in den Kofferraum legen. Der Kofferraum wird durch den Zusteller wieder geschlossen, der sich damit automatisch verriegelt. Der Lieferant erhält über die App eine Bestätigung und der Fahrzeughalter wird per E-Mail über die erfolgreiche Zustellung informiert.

Open Source gilt für viele als Treiber in diesem digitalen Wandel, bietet Raum für Innovationen. Das aber lässt auch Raum für neue Firmen, die sehr schnell reüssieren können, siehe: Docker und Mirantis. Wie sehen Sie die Zukunft von Red Hat?

Werner Knoblich: Red Hat wird seine Dominanz im Open-Source-Bereich weiter ausbauen. Wir können nun bereits auf 57 aufeinanderfolgende Quartale an Wachstum verweisen und wenn man unserem CEO Jim Whitehurst zuhört – der Forecast für das laufende Geschäftsjahr liegt bei 2,4 Milliarden Dollar – dann wird es nicht mehr lange dauern und wir sind eine 5 Milliarden-Dollar-Company.

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