Die Gigawatt-Dompteure Vertiv gießt ein Fundament der KI-Revolution

Von Dr. Dietmar Müller 6 min Lesedauer

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Der KI-Boom stellt die Infrastruktur von Rechenzentren vor die größte Aufgabe ihrer Geschichte. Igor Grdic, Regional Director Central Europe bei Vertiv, teilt seine Expertise für den bevorstehenden diesen Wandel. Im Gespräch gewährt er Einblicke in ein Rekord-Backlog von 15 Milliarden Dollar, die Rückkehr des Gleichstroms und eine Welt, in der Rechenzentren zu Kraftwerken werden.

Vertiv ist schwer beschäftigt; an den Entwicklungszyklen von Nvidia orientiert, will das US-Unternehmen die Fundamente für die Stromhungrigen und kühlintensiven Rechenzentren bieten, die derzeit mit der accellerated IT aufgebaut wird. (Bild: ©  Vasiliy - stock.adobe.com / KI-generiert)
Vertiv ist schwer beschäftigt; an den Entwicklungszyklen von Nvidia orientiert, will das US-Unternehmen die Fundamente für die Stromhungrigen und kühlintensiven Rechenzentren bieten, die derzeit mit der accellerated IT aufgebaut wird.
(Bild: © Vasiliy - stock.adobe.com / KI-generiert)

Es gibt Momente in der Wirtschaftswelt, in denen ein einziger Scherz die gesamte Lage einer Branche zusammenfasst. Auf der jüngsten „SDCA General Assembly 2026“ im Schloss Laufen am Rheinfall war es Paul Ryan, Präsident von Vertiv Europa, Nahe Osten und Afrika, der für Erheiterung sorgte: Er sei vor lauter Nachfrage und Verkaufsabschlüssen seit Monaten nicht mehr zum Haareschneiden gekommen.

Hinter dem Witz verbirgt sich eine monumentale Realität: Vertiv, das einstige Emerson Network Power, profitiert so massiv vom weltweiten KI-Boom, dass die Produktion kaum Schritt halten kann.

Mitte Februar präsentierte das Unternehmen aus Westerville, Ohio, einen Jahresabschluss, den Analysten als „spektakulär“ einstuften, gefolgt von einem „Monster-Ausblick“ für 2026. Mit einem Rekord-Backlog von über 15 Milliarden Dollar im Rücken reagiert Vertiv mit einer globalen Expansion seiner Fertigungskapazitäten – von Londonderry in Nordirland bis hin zum County Donegal.

(Foto mit neuen Hintergrund versehen) Igor Grdic, Regional Director Central Europe von Vertiv, vergangenes Jahr während der Veranstaltung „Vertiv Driving Innovation: The Future of AI Factories“ beim Interview mit Ulrike Ostler aufgenommen(Bild:  uo/Vogel IT-Medien GmbH)
(Foto mit neuen Hintergrund versehen) Igor Grdic, Regional Director Central Europe von Vertiv, vergangenes Jahr während der Veranstaltung „Vertiv Driving Innovation: The Future of AI Factories“ beim Interview mit Ulrike Ostler aufgenommen
(Bild: uo/Vogel IT-Medien GmbH)

Einer der Köpfe, die diesen Ansturm in geordnete Bahnen lenken, ist Igor Grdic. Als Regional Director Central Europe ist er die Schlüsselfigur für einen Markt, der gerade einen völlig neuen „Drive“ erfährt. Wir trafen den Branchenveteranen, der auf 24 Jahre Erfahrung in der IT- und Telekommunikationswelt zurückblickt, zum Gespräch über die Zukunft der „AI Factories“.

Von München bis Dubai: Die neue Geografie der Daten

„Wir sehen aktuell eine völlig neue Dynamik“, beginnt Grdic. Er verweist auf Leuchtturmprojekte wie das KI-Rechenzentrum der Telekom in München, an dem sein Team maßgeblich beteiligt war. Doch München sei nur der Anfang.

Laut Grdic rollt eine Welle von KI-Factory-Projekten auf Zentraleuropa zu, nicht immer im Riesenformat, aber gerne in der Größenordnung von 20 bis 40 Megawatt. Besonders in Frankfurt, dem kontinentalen Nabel der Datenwelt, finde ein massiver Umbau bestehender Infrastrukturen statt, um den enormen Hunger von „AI-as-a-Service“-Modellen und LLMs zu stillen.

Doch Grdics Blick reicht weiter. Im Nahen Osten, allen voran in Dubai, gewinnt die Dynamik massiv an Fahrt. Regierungen und Hyperscaler investieren massiv in digitale, KI-fähige Infrastrukturen.

Die Region skaliert nicht nur Kapazitäten in Rekordzeit. Sie priorisiert konsequent High-Density-Konzepte und Energie-effiziente Architekturen, um Workloads der nächsten Generation abzubilden. Laut Grdic etabliert sich Dubai rasant als strategischer Hub. Es bildet die entscheidende Brücke zwischen Europa, Asien und Afrika innerhalb der globalen KI-Landschaft.

Wenn Racks zu Heizkraftwerken werden: Die Kühlungs-Offensive

Die Herausforderung der Stunde lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: bis zu 10-mal. So viel mehr Strom können moderne KI-Server im Vergleich zu herkömmlichen Systemen verbrauchen. Wo früher Luftkühlung ausreichte, herrscht heute „hitzige Intelligenz“.

„Flüssigkühlung ist keine Option mehr, sie ist die Voraussetzung“, stellt Grdic klar. Durch strategische Allianzen, unter anderem mit Nvidia, hat Vertiv seine Coolant Distribution Units (CDUs) zur Marktreife getrieben. Mit dem neuen „Coolchip CDU 600“ hat das Unternehmen eine in Reihe montierbare Flüssig-Flüssig-CDU im Portfolio, die bis zu 600 Kilowatt (kW) Kühlleistung auf engstem Raum skaliert. Sie ist das Skalpell für die thermische Präzisionsarbeit in Doppelboden- oder Nachrüstinstallationen.

Für noch massivere Anforderungen bietet das Unternehmen „Vertiv Megamod HDX“ an, eine modulare Pod-Lösung, die direkte Chip-Flüssigkeitskühlung mit luftgekühlten Architekturen kombiniert. In der Maximalkonfiguration unterstützt diese Lösung GPU-Cluster mit bis zu 10 Megawatt (MW) Gesamtleistung und Rack-Dichten von über 100 kW. Es ist eine konvergente Infrastruktur, die alles beinhaltet: von der unterbrechungsfreien Stromversorgung über das Stromschienensystem bis hin zu OCP-konformen Racks und Rücktür-Wärmetauschern (RDHx).

Die 800-Volt-Revolution: Der Abschied vom Wechselstrom

Freilich denken Grdic und sein Team bereits einen Schritt weiter. Ihr Ansatz: Warum die Hitze mühsam bekämpfen, wenn man ihre Entstehung bereits an der Wurzel reduzieren kann? Die Antwort lautet: 800 Volt Gleichstrom (VDC).

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In der klassischen Rechenzentrumswelt war Wechselstrom (AC) der unangefochtene Standard. Doch bei Lasten von bis zu 1 MW pro Rack führen die ständigen Wandlungsprozesse von AC zu DC zu massiven Verlusten und damit zu großer Hitze.

„Wir setzen auf eine Gleichstrom-Architektur mit 800 Volt“, erläutert Grdic. „Das reduziert die Stromstärke im Vergleich zu herkömmlichen Systemen massiv. Weniger Ampere bedeuten dünnere Kabel und einen um bis zu 45 Prozent sinkenden Kupferbedarf.“

Noch befindet sich die Technologie in der Engineering-Phase, doch in Gigawatt-Projekten wird sie bereits implementiert. Das Ziel ist eine Senkung der Total Cost of Ownership (TCO) um bis zu 30 Prozent.

Diese Architektur ist zudem ein strategischer Schulterschluss mit der NVvidia-Roadmap: Sie ist maßgeschneidert für die kommenden NVIDIA Kyber-Systeme und die für 2027 geplante Rubin-Ultra-Plattform. Vertiv entwickelt hier kein Einzelprodukt, sondern ein Ökosystem aus Gleichrichtern, Busways und DC-DC-Wandlern.

Das Rechenzentrum als Kraftwerk: BESS und die Autarkie-Debatte

Ein weiterer Pfeiler von Grdics Vision sind Battery Energy Storage Systems (BESS). Diese Speicher verändern das Wesen des Rechenzentrums fundamental. Sie sind nicht mehr nur der „Notnagel“ für wenige Minuten Stromausfall, sondern ein strategisches Asset zur Netzstabilisierung.

„KI-Training verursacht Lastsprünge von 10 auf 90 Prozent in Millisekunden. BESS fängt diese Spitzen ab“, so Grdic. Dies erlaubt es Betreibern, kleinere Netzanschlüsse zu buchen und sogar als Puffer für das öffentliche Stromnetz Geld zu verdienen. Das Rechenzentrum wandelt sich vom reinen Konsumenten zum „Profitcenter“ und stabilisierenden Faktor im regionalen Energienetz, begünstigt durch gesetzliche Neuerungen wie das aktuelle EnWG-Update in Deutschland.

Dennoch dämpft Grdic die Erwartungen an eine totale Stromautarkie in Deutschland. Während Tech-Giganten in Texas eigene Kraftwerke neben ihre Rechenzentren bauen („Off-Grid“), fehlt es hierzulande an Fläche für riesige Solarfarmen und an einem unbürokratischen Rechtsrahmen für Inselbetriebe. Der Weg in Zentraleuropa führe eher über intelligente Microgrids und die vom Energie-Effizienzgesetz geforderte Abwärmenutzung.

Interessanterweise zeigt sich Grdic auch offen für radikalere Ansätze: Er hält Small Modular Reactors (SMRs) für eine hervorragende Idee, um den gigantischen Hunger der Branche zu stillen. In vielen Ländern werde dieser Weg bereits intensiv beschritten (siehe: „Eine unheilige Allianz; Vertiv, die Datacenter-Branche und die Atomkraft“) in Deutschland fehle dafür jedoch aktuell die politische Grundlage.

Lego für Profis: Modulare Lösungen und der „Digital Twin“

Ein Steckenpferd von Grdic bleibt die Modularität. Er hält wenig davon, Einzelkomponenten wie USV oder Kühlungen „von der Stange“ zu verkaufen. Die Kunden verlangen heute nach ganzheitlichen Lösungen wie dem Vertiv 360AI-Angebot oder dem brandneuen „Vertiv Onecore“.

„Onecore markiert den Generationswechsel von statischem Building Information Modeling (BIM) zu einer dynamischen digitalen Umgebung“, erklärt Grdic begeistert. Hier kommen so genannte Sim-Ready-Assets zum Einsatz. Diese 3D-Modelle im „Nvidia Omniverse“ sind physikalisch exakt: Sie enthalten Daten zu Masse, Reibung und Wärmeverhalten. Ingenieure können diese Bausteine 'Plug-and-Play' in Simulationen nutzen, was die Planungszeit halbiert und die Fehlerquote minimiert.

Sim Ready sei der Schlüssel zur Skalierbarkeit. Es ermöglicht das Training von Robotik und KI in einer virtuellen Umgebung, die sich exakt wie die Realität verhält („Sim-to-Real“). Erst dadurch wird der Bau hochkomplexer Industrieanlagen im KI-Zeitalter industriell beherrschbar.

Die Zukunft: KI wartet KI

Zum Abschluss des Gesprächs gibt Grdic einen Ausblick auf ein Projekt, das gerade erst anläuft: „Vertiv Next Predict“. Dieser Managed Service soll die Wartung revolutionieren. Weg vom Kalender („alle sechs Monate prüfen“), hin zur KI-gesteuerten Anomalie-Erkennung.

„Statt Ahnungen und Bauchgefühl nutzen wir prädiktive Algorithmen, um Fehler zu erkennen, bevor sie Auswirkungen auf den Betrieb haben“, sagt Grdic. Es ist die logische Konsequenz einer Entwicklung, in der die KI nicht mehr nur die Last ist, die das Rechenzentrum bewältigen muss, sondern auch das Werkzeug, das seinen eigenen Fortbestand unterstützt.

Igor Grdic und Vertiv zeigen: Wer die KI-Welt von morgen beherrschen will, muss heute die Gesetze der Thermodynamik und der Elektrotechnik neu schreiben. Zwischen Rekordaufträgen und Haarschnitt-Witzen wird gerade das Rückgrat der digitalen Zukunft gegossen.

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