Ein Saunabesuch muss sein KI, Souveränität, Verteidigung, Start-ups, Preisträger .... DataCenter-Insider berichtet aus Finnland

Von Ulrike Ostler 27 min Lesedauer

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Fünf Tage Finnland - Turku und Helsinki,- zwei Konferenzen - „AI Summit“ und „Slush“- 60+ neue Kontakte und interessante Unternehmen, eine Gala inklusive Preisverleihung, ein Saunabesuch, drei Sprachen, KI, Quantum und Datacenter-Pläne, gutes Essen, wenig Schnee, Chipentwicklung, 1340-Kilometer-Grenze zu Russland,.... und der bleibende Eindruck: Finnland meint es ernst mit der IT, KI und Rechenzentren .... mit europäischer IT, KI und Rechenzentren - und nein: Es passt nicht alles in einen Artikel

Gewöhnungsbedürftig für Nicht-Finnen. Ein Saunabesuch gehört zur finnischen Kultur - immerhing gibt es schätzungsweise über 3,3 Millionen Saunen im Land -, selbst wenn es um KI-IT geht. Hier, im Bild, steigt man zur Abkühlung, auch wenn draußen Eiseskälte herrscht, in einen abgelegenen See mit Blick auf einen Teil von Turku. (Bild:  Business Finland)
Gewöhnungsbedürftig für Nicht-Finnen. Ein Saunabesuch gehört zur finnischen Kultur - immerhing gibt es schätzungsweise über 3,3 Millionen Saunen im Land -, selbst wenn es um KI-IT geht. Hier, im Bild, steigt man zur Abkühlung, auch wenn draußen Eiseskälte herrscht, in einen abgelegenen See mit Blick auf einen Teil von Turku.
(Bild: Business Finland)

Irgendwie schwingt immer mit, dass es eine Grenze zwischen der EU und der NATO zugehörigen Republik Finnland und Russland gibt, die zugleich die 1.340 Kilometer lange angrenzende Außenhaut des Schengen-Raumes und der Europäischen Union zum kriegführenden Staat ist. Und so ist die Argumentation vergleichsweise kurz, direkt und einfach: Die finnische Wirtschaft stagniert mehr oder weniger seit fast 20 Jahren. Die IT aber prägt heute jede Branche und bietet Insbesondere durch die KI Wachstumschancen. Finnland braucht Wachstum, damit sich das Land verteidigen kann.

Geht es um die USA, sei mehr denn je unklar, wie weit die Freundschaft reicht, China entwickelt sich rasant und Europa zu langsam. Und: „Kein EU-Land kann für sich und alleine in diesem Umfeld wettbewerbsfähig sein, aber alle EU-Länder zusammen sehr wohl", drückt es Bernhard Schöllkopf, Professor an der ETH Zürich und Gründungsdirektor des ersten Europäischen Laboratorium für Lernen und Intelligente Systeme (Ellis), auf dem „Cyber Valley Campus“ in Tübingen, aus. Er war auf dem AI Summit in Turku zugegen, wo es um die Gründung des finnischen ELLIS-Instituts ging.

Zu Ellis Finnland

Ellis soll ein paneuropäisches Exzellenznetzwerk für Künstliche Intelligenz sein. Es baut auf Maschinellem Lernen als Treiber für moderne KI auf . Unter dem Dach sollen sich Spitzenforscher auf diesem Gebiet miteinander vernetzen und ein multizentrisches KI-Forschungslabor schaffen.

Die offizielle Eröffnung des Ellis-Instituts Finnland (v.l.); Peter Sarlin, Co-Founder und CEO von Silo AI, das nun zu AMD gehört, Serge Belongie, President der Ellis Society, Universität Kopenhagen, Premierminisister Antti Petteri Orpo, Bernhard Schöllkopf, Professor an der ETH Zürich, und Samuel Kaski, Gründungs-Director des Ellis Institute Finland und Professor an der Aalto Universität. (Bild:  AI Summit Finland/ Vesa-Matti Väärä)
Die offizielle Eröffnung des Ellis-Instituts Finnland (v.l.); Peter Sarlin, Co-Founder und CEO von Silo AI, das nun zu AMD gehört, Serge Belongie, President der Ellis Society, Universität Kopenhagen, Premierminisister Antti Petteri Orpo, Bernhard Schöllkopf, Professor an der ETH Zürich, und Samuel Kaski, Gründungs-Director des Ellis Institute Finland und Professor an der Aalto Universität.
(Bild: AI Summit Finland/ Vesa-Matti Väärä)

Ellis wurde 2018 gegründet und hat sich zu einem Netzwerk von zwei Instituten und mehr als 40 Ellis-Einheiten an weltweit führenden Einrichtungen in 17 Ländern entwickelt. Dazu gehören 16 Ellis-Programme und einem paneuropäisches Doktorandenprogramm.

Die langjährige Erfahrung Finnlands beziehungsweise Forschung setzt ebenfalls im Bereich Maschinelles Lernen an, zuletzt am Finnish Center for Artificial Intelligence (FCAI) beheimatet. Das jetzt gegründete Ellis-Institut Finnland arbeitet mit finnischen Universitäten, FTE-Organisationen und Unternehmen zusammen. Die Finanzierung erfolgt durch das finnische Ministerium für Bildung und Kultur, Partnerorganisationen und private Quellen wie die Stiftung. Durch unsere enge Zusammenarbeit mit dem CSC – IT Center for Science existiert Zugang zu bedeutsamen Rechenressourcen, darunter der „Lumi“-Supercomputer und die European AI Factory (siehe etwa: ISC High Performance 2025; HPC, KI und Super - Europa holt auf)

Sein Credo: „Die Künstliche Intelligenz verändert alles.“ Doch setzt er hinzu: „KI ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“ Dem Premierminister Antti Petteri Orpo hingegen, der den AI Summit am 17. November 2025 eröffnete, dürfte es nicht schnell genug gehen. So verlief auch in diesem Jahr die wirtschaftliche Erholung nicht wie gewünscht. Das gesamtstaatliche Defizit sei hoch, und die Schuldenquote werde weiter steigen, schätzt das Finanzministerium in seiner am 18. Dezember veröffentlichten Wirtschaftsprognose. Das Wachstum des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) wird in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr 0,2 Prozent betragen. Allerdings werde das BIP 2026 um 1,1 Prozent, 2027 um 1,7 Prozent und 2028 um 1,6 Prozent wachsen.

Eines der Probleme, die das schnelle Wachstum im IT/KI-Umfeld hemmen, sei der Mangel an Fachkräften, so Orpo. Ein Problem sei die Abwanderung der gut Ausgebildeten in andere Länder. Mit Steuererleichterungen will die Regierung insbesondere Finnen, die im Ausland arbeiten, zur Rückkehr bewegen.

Bereits seit dem Frühjahr war eine Reduktion der Quellensteuer für wichtige Mitarbeiter beschlossen worden, die nach Finnland kommen, um dort zu arbeiten. Sie sank von 32 Prozent auf 25 Prozent und gilt ab 2026. Im Herbst wurde die Quote auch für finnische Staatsbürger eingeführt, die nach Finnland zurückkehren. Das Gesetz gilt für finnische Staatsbürger maximal 24 Monate ab Beginn der Arbeit. Die Mindestdauer für die Arbeit in Finnland beträgt 84 Monate, also sieben Jahre.

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Im Wesentlichen waren sich die meisten Redner des AI Summit und auch die Firmenvertreter einig, dass sich die jetzigen IT-Anstrengungen im Wesentlichen um Souveränität der EU und um KI ranken müssen, schon in der Reihenfolge Finnland, Nordics und Europa, aber doch genannt in einem Atemzug. Das ist nicht in jeder europäischen Region gleich. (siehe: „Gartner-Analyst René Büst nimmt kein Blatt vor den Mund; Bewölkte Aussichten für Europas Digitale Souveränität“).

So liegt etwa Adolfo Morais Ezquerro, stellvertretender Minister für Wissenschaft und Innovation, Ministerium für Wissenschaft, Universitäten und Innovation des Baskenlandes, sein eigener Gau offenbar mehr am Herzen; bei einem Termin im IBM-Labor Zürich, fiel mindestens fünfmal Baskenland bevor dann zögerlich Spanien erwähnt wurde und nach längeren Geprächspausen Europa hinterher gekleckert kam.

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Doch warum liegt in Finnland die Betonung so stark auf Europa? Nun, zunächst hat Finnland zwar eine Fläche von rund 338.000 Quadratkilometern aber nur etwa 5,6 Millionen Einwohner (Stand 2024/2025). Damit gehört das Land mit einer Bevölkerungsdichte von 16 Einwohnern pro km2 zu den am dünnsten besiedelten Staaten Europas. Zwar haben rund 40 Prozent der 34-jährigen einen Hochschulabschluss, in Deutschland rund 39 Prozent der 25- bis 34-jährigen, insgesamt rund 18 Prozent = unteres Mittelfeld). Investitions- und Fördervolumen sind daher zumindest begrenzt; man setzt auf vielfältige Partnerschaften.

Die AI Summit Gewinner

Zum Fachkongress „AI Summit Finnland“, der 2025 in Turku das zweite Mal stattgefunden hat, gehört auch eine Preisvergabe zu den wichtigsten KI-Projekten, -Akteuren und -Anwendungsfällen des Jahres in zehn Kategorien im Rahmen einer Gala mit Unternehmensleiter, Experten und Innovatoren.

Für die AI-Gala 2025 wurden rekordverdächtige 176 Kandidaten angemeldet. Insbesondere Im öffentlichen Sektor schreitet die KI-Nutzung und hier insbesondere im Gesundheitswesen sowie in der Immobilien- und Baubranche voran. Dabei haben viele Akteure kreative Wege gefunden, generative KI in ihre Kerngeschäfte zu integrieren, ohne selbst aufwendige Entwicklungsarbeit leisten zu müssen.

KI-Startup des Jahres

Ein Startup-/Wachstumsunternehmen mit starkem Fokus auf KI, das außergewöhnliches Wachstum, Potenzial oder Innovationskraft bewiesen hat.

  • Verda (Früher Data Crunch) - Ein auf KI-Computing spezialisiertes Cloud-Unternehmen, das sich innerhalb von vier Jahren zu einem Anbieter von KI-Infrastruktur in Europa entwickelt hat. Das Unternehmen bietet einen Full-Service-KI-Cloud mit der neuesten GPU-Technologie und bedient sowohl globale Unternehmen als auch Spitzenforschungsinstitute.
  • Gosta Labs - Ein Healthtech-Startup, das eine medizinische KI-Plattform für Fachkräfte im Gesundheitswesen entwickelt, um den Verwaltungsaufwand zu reduzieren und die Qualität der Versorgung zu verbessern. Der KI-Assistent „Gosta“ wird bereits in verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens sowie international, unter anderem in der Schweiz, Estland und Australien, eingesetzt.
  • Inven AI - Ein KI-Unternehmen, das eine AI-native Unternehmensdatenbank zur Unterstützung von Unternehmensübernahmen entwickelt. 60 Prozent der Kunden des international tätigen Unternehmens Inven kommen aus den USA, die restlichen 40 Prozent aus Europa.

KI-Forscher des Jahres

  • Professor Pekka Abrahamsson - Ein führender Akteur in der finnischen KI-Forschung und -Anwendung, dessen Arbeit generative KI in den Unternehmensalltag und die nationale Innovationsaktivitäten integriert hat. Er leitet das GPT-Labor der Universität Tampere, in dem über 40 Forscher neue Generationen von KI-Lösungen zur Effizienzsteigerung in der Software-Entwicklung und in Produktionsprozessen entwickeln.
  • Professor Vikas Garg - Gründer und Leiter der Forschungsgruppe Quantum Machine Learners (QuML) der Aalto-Universität, die er in vier Jahren zu einem international attraktiven Zentrum für KI-Forschung ausgebaut hat.
  • Salla Westerstrad - Forscherin im Bereich Technologie-Ethik und KI-Design, der sich mit den ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen Künstlicher Intelligenz und deren Steuerung befasst. Sie ist bekannt für ihren Mut, sich mit den grundlegenden KI-Fragen auseinanderzusetzen.

Die visionärste KI-Führungskraft des Jahres

Joona Honka, Head of AI and Analytics, Berner Oy - Honka ist Leiter der Abteilung für Künstliche Intelligenz bei Berner. Er hat Strategie in die Tat umgesetzt und eine Kultur geschaffen, in der KI Teil des Alltags ist.

Professor Samuel Kaski - Visionärer Architekt der finnischen KI-Forschung und -Strategie. Unter seiner Leitung wurde der Weg von der HIIT-Forschungseinheit der Universität Helsinki und der Aalto-Universität zum finnischen KI-Zentrum FCAI und weiter zur Gründung des europaweiten Ellis-Instituts in Helsinki beschritten.

Johann Sanmark, Landesdirektor von Tandem Health - Der Manager und Facharzt hat die Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationstätigkeit im Wohlfahrtsbereich Länsi-Uusimaa aufgebaut und dort die Einführung einer neuen Generation von KI-Lösungen geleitet. Unter Sanmarks Leitung hat die Region als erste in Finnland Tools wie KI-Dokumentation und KI-Dolmetschen getestet, die den Arbeitsalltag von Fachkräften im Gesundheits- und Sozialwesen revolutionieren.

Abschlussarbeit/Diplomarbeit des Jahres in Sachen KI

  • Risto Luukkonen spielte eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der ersten großen finnischsprachigen Sprachmodelle, der FinGPT-Familie, durch die Forschungsgruppe TurkuNLP. Er hat seine Arbeit fortgesetzt, als TurkuNLP und Silo AI gemeinsam die Sprachmodelle „Poro“ und „Viking“ entwickelten, und später bei AMD/Silo AI sowie im Rahmen des OpenEuroLLM-Projekts.
  • Joni Obradovic - Obradovic hat die Bedeutung der Abschlussarbeit bereits in der Praxis unter Beweis gestellt, im Rahmen des Projekts „Secure and Accurate Federated Learning as a Service” in der Federated-Learning-Plattform für den Gesundheitssektor.
  • Joel Roth - Roths Arbeit kombiniert die Erkennung von Inhalten, Auswirkungen und Netzwerken multimodaler Propaganda zu einem KI-basierten Analyse-Framework, das Risiken priorisiert, technisch robust und gesellschaftlich transparent ist.

Das KI-Projekt des Jahres, das ein erhebliches Potenzial als Wachstumsmotor hat

  • AILiveSim entwickelt Echtzeit-Simulationsumgebungen, in denen Künstliche Intelligenz sicher trainiert, getestet und validiert werden kann, bevor sie in realen Situationen eingesetzt wird.
  • F-Secure Scam Image Scanner steht für eine neue Ära der KI-Nutzung im Bereich der Informationssicherheit. Das Projekt löst ein aktuelles und schnell wachsendes Problem – die Erkennung visueller Betrugsversuche – indem es Bildverarbeitung und maschinelles Lernen zur Förderung der Verbrauchersicherheit kombiniert.

AI-Transformation des Jahres

  • Kone Oyj hat den Schritt von einzelnen KI-Projekten zu einer konzernweiten Umstellung vollzogen. KI wird in Kundenanwendungen, zur Unterstützung des Geschäftsbetriebs und im Arbeitsalltag der Mitarbeiter eingesetzt.
  • OP Pohjola setzt seine „AI First”-Strategie in der Praxis um. 15.000 Mitarbeiter der Finanzgruppe nutzen bereits aktiv KI. Der Wandel war sowohl technischer als auch kultureller Natur.
  • Relex Solutions hat KI zur strategischen Grundlage seiner gesamten Geschäftstätigkeit gemacht und eine umfassende agentenbasierte Transformation eingeleitet, die sowohl die Geschäftsmodelle der Kunden als auch die des Unternehmens selbst verändert. Die Anwendungen liefern täglich Milliarden von Prognosen und Optimierungen, verbessern die Rentabilität der Kunden und reduzieren die CO₂-Emissionen um über eine Million Tonnen pro Jahr.

Die KI-Innovation des Jahres

  • Kuva Space kombiniert Satellitendaten, Hyperspektralbildgebung und kognitive Künstliche Intelligenz. Mit dieser Technik lassen sich Umwelt-, Landwirtschafts- und Sicherheitsbedingungen nahezu in Echtzeit vorhersagen und überwachen.
  • Orion Cube ist ein gemeinsam mit Reaktor entwickeltes agentenbasiertes LLM-Tool, das Forschern dabei hilft, Informationen aus riesigen mehrsprachigen und vielfältigen Datenbeständen wie Forschungsartikeln, Patenten und Berichten zu finden und zu strukturieren. Das Tool beschleunigt die Informationssuche und -analyse für Medizinforscher um bis zu 90 Prozent und wird bereits von über 1.000 Orion-Experten in verschiedenen Abteilungen genutzt.
  • Trueflaw ist ein finnischer Pionier im Bereich der industriellen KI-Anwendungen, der die weltweit erste für den Einsatz in Kernkraftwerken zugelassene KI-Lösung für die Inspektion von Unversehrtheit entwickelt hat. Die Innovation des Unternehmens zeigt, dass künstliche Intelligenz auch in den anspruchsvollsten und sicherheitskritischsten Umgebungen wie der Kernkraft- und Luftfahrtindustrie eingesetzt werden kann.

Innovativstes KI-Pilotprojekt des Jahres

  • Jobly Vibes ist ein von Alma Media Jobly Lab und Eficode entwickeltes KI-gesteuertes Pilotprojekt, das die Suche nach Sommerjobs für junge Menschen komplett revolutioniert. Mithilfe von KI werden Stellenanzeigen in kurze Videos umgewandelt, die der Arbeitssuchende wie auf TikTok oder Instagram durchblättern kann.
  • Bitmagic - Das preisgekrönte Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, mit der jeder innerhalb weniger Minuten Spiele erstellen kann. Die KI-Plattform funktioniert ohne Installation auf über drei Milliarden Geräten.
  • Der Smart Assistant von spogen.ai ist ein KI-Assistent, der Echtzeit-Anweisungen in Form von Audio- und Video-Anleitungen direkt in die Kabine eines Traktors überträgt und so Landwirten und Auszubildenden hilft, komplexe Arbeitsmaschinen effizienter und fehlerfreier zu bedienen. Ein im Rahmen des EU-Programms EIT Food Test Farms ausgeführtes Pilotprojekt hat gezeigt, dass die Lösung Betriebsausfälle reduziert, das Lernen beschleunigt und die Arbeitsabläufe verbessert.

Datenaustausch des Jahres

  • Alma Media - hat einen Immobiliendienst entwickelt, der öffentliche und private Datenquellen kombiniert, um die Preisentwicklung von Wohnungen, regionale Trends und Marktdynamiken in Echtzeit zu analysieren.
  • Im Rahmen des Daponet-Projekts von ITA Nordic wurde ein digitaler Produktpass entwickelt, der die Strategien der EU für Kreislaufwirtschaft und Datenwirtschaft unterstützt. Die Applikation ermöglicht eine transparente Verfolgung des Produktlebenszyklus und der Materialflüsse und kann somit eine verantwortungsvolle Produktion und bewussten Konsum fördern.
  • Spatineo Discovery ist eine innovative GIS-Anwendung zur Nutzung von Standortdaten, die öffentliche und private Datenquellen leicht auffindbar und nutzbar macht.

Die KI-Errungenschaft des Jahres

  • Sita & Agion Oy - Teemu Linnan und Mikko Alasaarela haben eine Initiative ins Leben gerufen, die die Vorreiter der KI-Hacker mit ihrer Mission verbindet, Finnland zu einem Vorreiter im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu machen. In nur wenigen Wochen hat sich das Netzwerk zu einer Bewegung mit fast 2.000 aktiven Mitgliedern entwickelt.
  • Die von CSC geleitete „Lumi AI Factory“ bietet KI-Entwicklern, KMU und Forschern Zugang zu Rechenressourcen und Datenumgebungen, die normalerweise nur großen Unternehmen zur Verfügung stehen.
  • Der Wohlfahrtsbereich von Länsi-Uusimaa setzt KI-Übersetzungen ein, um die die soziale Gleichheit und die Zugänglichkeit von Dienstleistungen zu verbessern.

Europa humpelt hinterher

Und es geht um 'ìntelectual property', also um Wissen, das in der EU besessen wird und hier zugänglich gemacht wird. Man ist sich einig, dass die EU-Gelder im Vergleich zu dem Hunderten Milliarden Dollar, die etwa die Hyperscaler für KI ausgeben, gering ausfallen. Doch Wissen zu erschaffen, es zu besitzen und selbst zu vermarkten und damit zu wachsen, sei eine reelle Chance.

Die Einschränkung: Neben Innovationen, also eigenem Wissen, sind Schnelligkeit und Kapital gefragt. Und da ist Europa schlecht. Soweit der Konsens. Und hier endet er auch.

Björn Wahlroos, Chairman of Wahlroos Capital, Ex-Chairman von Sampo, Nordea & UPM, etwa bekam für seine launige Rede viel Applaus, in der er unter anderem anprangerte: „Die EU verfügt über enorme Talente ..... absolut nichts zu tun.“ An anderer Stelle lautet sein Kommentar: „Europa ist nicht immer langsam, nicht, wenn es um Regulierung geht.“ Und im Hinblick auf die Schöpfungs- oder Innovationskraft bekommt auch Deutschland sein Fett weg: „Die kommen erst mit Ideen heraus, wenn ihr Leben davon abhängt. Und selbst dann sind sie nicht gut im Erschaffen neuer Ideen, sondern im Reproduzieren.“

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Die EU brauche einen tiefgreifenden strukturellen Wandel und müsse sich auf ihre Ursprungsidee eines gemeinschaftlichen Wirtschaftsraums besinnen und hier benötige die EU-Kommission mehr Macht für Direktiven, auch im Hinblick auf die Rechtsprechung. Elina Valtonen, die Außenministerin Finnlands, kann da sogar zum Teil mitgehen. Doch bei der Frage, wie denn die Aufgabenverteilung zwischen EU-Kommission und den Nationen tatsächlich gestaltet sein soll, waren Wahlroos und Valtonen meilenweit entfernt.

Außerdem steht für den Finanzexperten die Haupttriebfeder fest: „Wachstum und Wohlstand gehört auf die EU-Agenda“. Wenn man das nicht wolle, sei Europa bereits 'raus aus dem Spiel'. Und an die Entrepreneure und Start-up-Gründer im Raum und an den Übertragungsgeräten gewandt setzt er hinzu: „Der beste weg, der Armut zu entkommen besteht darin reich zu werden: Go into tech, get rich and joyn the billionaires' club. You are welcome.“

Die Nation, die KI kann, beherrscht die Welt.

Elina Valtonen, finnische Außenministerin

Auch für Janne Jaakkola, Chef der finnischen Streitkräfte, spielt die Geschwindigkeit der KI-IT-Entwicklung eine Schlüsselrolle. Der Ukraine-Krieg habe gezeigt: Die Kriegsführung habe sich komplett gewandelt; er spricht von einem Cyber- und Drohnenkrieg, von einer „anderen Zeit und anderer Geschwindigkeit", von einem „Überrennen durch die Technologie“.

Die russische Seite lerne sehr schnell und entwickle flexible (Drohnen-)Systeme. Gerade hier benötige die Verteidigung den Einsatz von Sensoren, Echtzeitanalysen und -entscheidungen. Er setzt aber auch hinzu: „Wir können die Entwicklungsgeschwindigkeit nicht verdoppeln, aber unsere Prozesse anpassen.“

Doch wie soll sich das KI-IT-Ökosystem entwickeln? Schon die Anwerbung von Fachkräften ist häufig ein Problem, wie die eingeladene Journalistengruppe etwa bei Bluefors in Erfahrung bringen konnte. Das Unternehmen baut unter den Marken Bluefors und Cryomech (2023 akquiriert) Kryostaten für Quantencomputer und die Steuerungstechnik darum herum. Dabei geht es um Tiefsttemperaturen, die mithilfe von flüssigem Stickstoff und mechanischen Kühlkreisläufen erzeugt werden. Kunden sind etwa das finnische Unternehmen IQM sowie IBM und Rigetti.

Auch wenn Ingela Waismaa, Director Marketing und Communications, sich mehr als bedeckt hält, was die Energie angeht, die für die Kühlung eines Niedrigsttemperatur-Quantencomputers aufgewendet werden muss (siehe: „Interview mit Alessandro Curioni; Was ist der Quantenvorteil?“, oder auch nur die Menge an Gold, die eine der Kühlschrankhüllen und die Leistungskontakte ummantelt, berichtete sie jedoch von den Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter für das derzeit rund 700 Personen starke und expandierende Unternehmen zu rekrutieren. Das Unternehmen mit Niederlassungen in Deutschland, den Niederlanden, Japan und den USA hat bereits 1.700 Systeme und 15.000 Kryokühler an einen Kundenstamm geliefert, zu dem einige der weltweit größten Technologie- und Forschungseinrichtungen gehören.

Die Hauptschwierigkeit besteht darin, dass bislang die Mitarbeiter eines finnischen Unternehmens Finnisch sprechen müssen, obwohl auch die neue Verfassung vom März 2000 das festschreibt, dass sowohl Finnisch als auch Schwedisch die Nationalsprachen des Landes sind. Soziale Dienstleistungen, Schulunterricht und Ausbildung sowie die Übermittlung von Informationen soll also in beiden Sprachen erfolgen und die gesamte finnische Verwaltung ist dem Gesetz nach zweisprachig.

Bei dem 2008 gegründeten Bluefors, wo man insbesondere nach Uhrmachern sucht, ist die Unternehmenssprache nun aber Englisch. Man sucht Ingenieure, Mechaniker und generell technische Experten, Physiker und Uhrmacher. Mit einem 'Fast Track' können Einsteiger binnen zwei Wochen in ihrem neuen Job starten.

Bluefors ist eines Beispiele, wie Erfolg Depp Tech(High Tech) funktionieren kann. Im Jahr 2005 wurde der Physiker Rob Blaauwgeers vom renommierten Low Temperature Laboratory (LTL) der Technischen Universität Helsinki (heute Aalto-Universität) beauftragt, alle ihre Verdünnungskühlersysteme zu verlegen und aufzurüsten. Eine der Aufgaben bestand darin, ein vielseitiges, vollautomatisches Gasbehandlungssystem zu konstruieren, das mit allen verschiedenen Verdünnungskühlersystemen kombiniert werden kann. Gleichzeitig begann Rob mit der Entwicklung des ersten kryogenfreien Verdünnungskühlersystems für das LTL.

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Im Sommer 2006 wurde das neu entwickelte Gasbehandlungssystem in Kombination mit dem ersten Prototyp des kryogenfreien („trockenen”) Verdünnungskühlersystems erstmals getestet. Es zeigte sich sofort, wie einfach und unkompliziert die Bedienung des vollautomatischen kryogenfreien Verdünnungskühlersystems im Vergleich zu einem herkömmlichen „nassen” Verdünnungskühlersystem war.

Das große Interesse, das daraufhin entstand, führte zu der Geschäftsidee, diese Systeme zu vermarkten. Blaauwgeers holte seinen Studienfreund und Kryotechniker Pieter Vorselman (MSc Physik, Universität Leiden) ins Boot und 2007 konnte das erste System des LTL in Betrieb gehen. 2008 wurde Bluefors Cryogenics gegründet.

Sowohl Blaauwgeers als auch Vorselmann haben unter anderem in Leiden studiert, Blaauwgeers auch in Helsinki, haben mit einer Universität in der Entwicklung zusammengearbeitet und mit führender Technik einen Markt kreiert. Denn auf der AI-Konferenz war man sich nicht einig, ob es gutzuheißen ist, wenn Professoren Universitäts-Spin-offs gründen, wie das Verhältnis zu Startups und von denen zu Investoren sein und welche Rolle Deep-Tech überhaupt spielen soll - Facebook, Microsoft und AWS waren keine Deep-Tech-Companies.

Fest steht jedenfalls: Der Weg raus aus der Hochschule, hinein ins Business war noch nie so kurz. Von Hochschulseite kommen daher auch Bedenken: „Wir können viel Schaden anrichten.“ von der Wirtschaftsseite „Groß träumen ist nicht genug.“ in Anspielung darauf, dass einerseits europäische Firmen häufig der Wille fehlt, weltweit zu agieren und andererseits zwar Anschubfinanzierungen heute leichter zu bekommen sind, als noch vor ein paar Jahren, doch nur wenige Unternehmen, es vom Startup zu einem großen Business Player schaffen.

Dabei scheint es manchmal leicht. so Meredith Whittaker, President und Board Director der Signal Foundation, eine

2018 gegründete US-amerikanische Non-Profit-Organisation, die den Messenger Signal entwickelt und fördert. Mit Sitz in den USA verfolgt sie das Ziel, freie Meinungsäußerung und sichere globale Kommunikation durch Open-Source-Datenschutztechnologie zu schützen. Sie zählt ein paar KI-Start-ups auf:

  • Lovable, Sitz in Stockholm, das Startup hat auf der Helsinkier Slush-Konferenz seine Idee zur schnellen Erstellung von Prototypen und produktionsreifen Apps vorgestellt und innerhalb eines Jahres rund 8 Millionen Nutzer sammeln können und nach jüngsten Kapitalrunden wird der Wert des Unternehmens auf 6,6 Milliarden Dollar geschätzt.
  • Quantumblack - Sitz in London - ein zentraler Bestandteil des AI- und Analytics-Geschäfts von McKinsey & Company betreut Hunderte von Kundenprojekten jährlich weltweit. Der Bereich umfasst über 1.300 Mitarbeitende, die in mehr als 40 Büros global tätig sind. Der Umsatz soll im Jahr bei 57 Millionen Dollar liegen.
  • Hugging Face - Sitz in New York - wurde 2016 gegründet und zählt zu den am schnellsten wachsenden KI-Unternehmen. Die aktuelle Bewertung liegt bei 45 Milliarden Dollar nach einer D-Serie-Finanzierung im Jahr 2023 von 235 Millionen Dollar. Es gibt rund 10 Millionen Nutzer beziehungsweise Community-Mitglieder.

Die europäischen Gründungen brauchen also den amerikanischen nicht unbedingt nachstehen .... und es muss nicht immer primär darum gehen, Märkte zu beherrschen und persönliche Bereicherung.

Bei einem Besuch von Canatu, weist CEO Juha Kokkonen auf die Studie „Private equity-backed companies drive economic impact in Finland“ hin, die Finnish Venture Capital Association (FVCA) zusammen mit PwC im November 2024 veröffentlicht hat. Demnach wachsen finnische Unternehmen, die von Private-Equity- oder Venture-Capital-Investoren finanziert werden, signifikant schneller als ihre nicht investierten Wettbewerber sowohl bei Umsatz als auch bei Mitarbeiterzahl.

Im Zeitraum von drei Jahren nach der Erstinvestition verzeichneten diese Firmen ein 13-mal schnelleres Umsatzwachstum und ein 8-mal schnelleres Anwachsen der Anzahl an Beschäftigten. Zusätzlich zeigt die Analyse, dass diese investierten Unternehmen wirtschaftlich relevanten Impact erzeugen, zum Beispiel bei der Schaffung von über 2.000 neuen Arbeitsplätzen und einen deutlich stärkeren Steuerbeitrag zur finnischen Volkswirtschaft leisten.

Canatu gehört nicht direkt zu den IT-KI-Companies, sorgt aber dafür, dass diese sich entwickeln können. Canatu entwickelt Nanotechnik, genauer gesagt: Röhren (Carbon Nanotubes - CNTs) und CNT-Reaktoren für die Halbleiter-, Automobil- und medizinische Diagnostikindustrie auf der Basis von Kohlenstoff.

Dabei verfolgt das Unternehmen zwei Geschäftsmodelle.

  • Erstens entwickelt und produziert es CNT-Materialien, -Produkte und -Reaktoren im eigenen Haus.
  • Zweitens verkauft Canatu CNT-Reaktoren und lizenziert die Technologie, so dass Kunden unter einer eingeschränkten Lizenz selbst CNT-Produkte herstellen können.

Insofern spielt Canatu CNT im Halbleitersektor eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung des EUV-Lithografieprozesses, der für die Herstellung modernster Mikrochips erforderlich ist. Das Produktportfolio von Canatu umfasst CNT-Membranen für EUV-Pellicle-, Schmutzfilter- und optische Filteranwendungen.

Mit der IT-Prominenz und -Intelligenz schwitzen

Die finnische Unternehmenskultur basiert auf der Sauna-Tradition

Die Überschrift ist geklaut. Sie stammt aus einem Artikel, der sich auf der Website von Business Finland findet, veröffentlicht am 19. Juni 2025. Demnach lässt sich der Einfluss kaum unterschätzen: „Stärken der finnischen Unternehmenskultur wie flache Organisationsstrukturen, langfristige Geschäftsbeziehungen, die auf Vertrauen und Respekt basieren, sowie Diplomatie bei Geschäftsabschlüssen sind Elemente, die eine gemeinsame Grundlage haben. Nämlich die finnische Sauna.“ Und nein, das ist nicht scherzhaft gemeint.

In Finnland gibt es schätzungsweise über 3,3 Millionen Saunen - bei einer Bevölkerung von 5,5 Millionen Menschen. 90 Prozent davon gehen mindestens einmal pro Woche in die Sauna, 40 Prozent sogar mehrmals pro Woche.

Das Geheimnis auch für eine vertrauensvolle Geschäftsbasis, die in der Hitze aufgebaut und manifestiert werden: „Alle betreten den Saunaraum gleichberechtigt – in der Sauna gibt es kein Ego.“ Außerdem sollen es die Finnen schätzen, wenn sie gemeinsam Verantwortung für Entscheidungen übernehmen können, und legen Wert darauf, dass Informationen prägnant und ohne Umschweife vermittelt werden. Sie sagen die Dinge, wie sie sind, und legen Wert auf eine direkte Kommunikation. Und Saunen sind dafür bekannt, dass sie einen ungefilterten Dialog fördern.

Coole Ideen

Der in Finnland sicherlich prominenteste KI-Vertreter ist Peter Sarlin, CEO und Mitbegründer von AMD Silo AI, Europas größtem privaten KI-Labor, und Professor für Praxis an der Aalto-Universität. Mit einem Doktortitel in Maschinellem Lernen verfügt er über einen reichen akademischen Hintergrund, der Positionen als ordentlicher Professor, Gastprofessor und wissenschaftlicher Mitarbeiter an Institutionen wie dem Imperial College London, der London School of Economics, der University of Technology Sydney, der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität Pavia, der Universität Stockholm, dem IWH Halle und der Universität Kapstadt umfasst.

Peter Sarlin(Bild:  Peter Sarlin)
Peter Sarlin
(Bild: Peter Sarlin)

Sarlins Fachkompetenz wird auch durch seine früheren Funktionen als stellvertretender Vorsitzender des IEEE Computational Finance and Economics Technical Committee und des IEEE Analytics and Risk Technical Committee anerkannt. Seine berufliche Laufbahn umfasst unter anderem Tätigkeiten bei der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds. Nach dem Verkauf seiner Firma finanziert Peter Sarlin fast jeder Universität in Finnland eine neue Professorenstelle für Künstliche Intelligenz; das sind 13 Professorenstellen.

AMD Silo AI ( siehe: „Übernahme von finnischem KI-Anwendungs-Anbieter KI-Software-Offensive: AMD kauft Silo AI“ unterstützt Kunden bei der Entwicklung und Bereitstellung von KI-Modellen. Nestai eine Art Gründerwerkstatt, der Sarlin vorsteht, ist in den Bereichen Logistik, Sicherheit und Verteidigung tätig und konzentriert sich auf intelligente unbemannte Systeme sowie Kommando- und Kontrollsysteme.

Meredith Whittaker, Präsidentin und Vorstandsmitglied der Signal Foundation. (Bild:  Signal Foundation)
Meredith Whittaker, Präsidentin und Vorstandsmitglied der Signal Foundation.
(Bild: Signal Foundation)

Ebenfalls sehr prominent und sehr gefragt, ständig zwischen New York und Paris pendelnd, ist Meredith Whittaker, Präsidentin und Vorstandsmitglied der Signal Foundation. Sie verfügt über mehr als 17 Jahre Erfahrung in der Technologiebranche, sowohl in der Privatwirtschaft als auch in der Wissenschaft und im Regierungsbereich.

Bevor sie als Präsidentin zu Signal kam, war sie Minderoo-Forschungsprofessorin an der NYU und Fakultätsleiterin des von ihr mitgegründeten AI Now Institute. Ihre Forschungen und wissenschaftlichen Arbeiten haben dazu beigetragen, die globale KI-Politik zu gestalten und die öffentliche Meinung über KI zu verändern, um die privatwirtschaftliche Überwachungspraxis und die Konzentration industrieller Ressourcen, die moderne KI erfordert, zu erkennen.

Vor ihrer Zeit an der NYU arbeitete sie über ein Jahrzehnt bei Google, wo sie Produkt- und Entwicklungsteams leitete, die Open Research Group von Google gründete und M-Lab mitbegründete, eine global verteilte Netzwerkmessplattform, die heute die weltweit größte Quelle für offene Daten zur Internetleistung darstellt. Sie war auch federführend bei der Organisationsarbeit bei Google. Sie war eine der Hauptorganisatoren, die sich gegen die unzureichende Reaktion des Unternehmens auf die Besorgnis über KI und die damit verbundenen Schäden wehrten, und war eine der Hauptorganisatoren des Google Walkout.

Sie hat das Weiße Haus, die FCC, die Stadt New York, das Europäische Parlament und viele andere Regierungen und zivilgesellschaftliche Organisationen in den Bereichen Datenschutz, Sicherheit, künstliche Intelligenz, Internetpolitik und Messverfahren beraten. Vor Kurzem beendete sie eine Amtszeit als Senior Advisor on AI to the Chair bei der US Federal Trade Commission.

Vom Microchip über Umwelt- und Lebensrettung bis zur Signalverarbeitung

  • Petriina Paturi ist Dekanin, Professorin der Universität Turku und leitet das Ocean-Aut-Projekt. Dabei geht es um Energie-effiziente, memristorbasierte neuromorphe Rechner für sichere und autonome Systeme. Durch die Ermöglichung intelligenter, stromsparender Edge-KI, die unabhängig von der Cloud arbeitet, setzt es einen neuen Standard für Ausfallsicherheit und Autonomie. Das Projekt ebnet den Weg für eine neue Ära nachhaltiger, vom Gehirn inspirierter Mikro-Elektronik.
  • Karno Tenovuo ist Mitbegründer und CEO von Awake.AI, ein finnisches Unternehmen für maritime Technologie, das eine KI-gestützte Plattform für intelligente Häfen und Schifffahrt anbietet und so eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schiffen, Häfen und Logistiksystemen ermöglichen will. Die Technik konzentriert sich auf die Reduzierung von Wartezeiten für Schiffe, die Optimierung der Liegeplatzplanung und der Frachtströme sowie die Senkung der schifffahrtsbezogenen Emissionen durch Daten und prädiktive Analysen; der Hamburger Hafen sei Kunde, so Tenovuo. Die Mission des Unternehmens ist es, die maritime Logistik nachhaltig zu gestalten, indem bis 2030 eine Reduzierung der CO₂-Emissionen um 10 Prozent erreicht wird.
  • Juuso Blomster ist CEO und Mitbegründer von Cardio Signal. Herzkrankheiten gehören weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Herzerkrankungen wie Vorhofflimmern würde dazu beitragen, Schlaganfälle und Herzinfarkte zu verhindern. „Cardio Signal“ ist eine mobile, für iOS und Android verfügbare Anwendung und ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt der MDR-Klasse IIb zur Erkennung von Anzeichen von Vorhofflimmern. Dafür müssen die registrierten Patienten ihr Handy für etwa eine Minute auf die Brust legen und entspannen.
  • Marcus Nordström ist CEO von Marshallai. Das Unternehmen beschäftigt sich mit KI-gestützter Signalverarbeitung, entwickelt und bietet Software, für die Verteidigung, Sicherheit und Fertigung. Sein Flaggschiffprodukt, die Software „Agile Focused Signal Analysis“ (AFSA), ermöglicht die Analyse von Bildern, Audio- und Funksignalen zu automatisieren – ohne Programmierkenntnisse oder KI-Fachwissen.

Die finnische Startup-Szene

Canatu und Bluefors dürften nicht zu den KI-Startups zählen, die weltweit zu Tausenden aus dem Boden schießen. Wer einen Beweis dafür sucht ist auf der Konferenz Slush richtig. Sie ist mit mehr als 13.000 Teilnehmern, eine der größten Start-up-Konferenzen in Europa. Dieses Jahr trafen sich am 19. und 20. November rund 6.000 Startups und Scaleups, 3.500 Investoren, 1.700 Partner und Akteure des Ökosystems, 250 Medienvertreter, 200 Sprecher und 1.700 freiwillige Helfer.

Übersicht über die finnische Start-up-Szene. (Bild:  Business Finland)
Übersicht über die finnische Start-up-Szene.
(Bild: Business Finland)

Slush, übrigens ein Ausdruck für das Gruselwetter, das Ende November in Helsinki herrscht, ist eine gemeinnützige Organisation, deren Ziel es ist, Gründer zu unterstützen und zu fördern, um die Welt zu verändern. Die Veranstaltung beziehungsweise Organisation wurde 2008 als Treffen mit 250 Teilnehmern gegründet. Sie ist zwar vor allem für seine jährliche Hauptveranstaltung in Helsinki bekannt, doch haben sich die Veranstalter ebenso auf die Fahnen geschrieben, junge Menschen für eine Karriere in der Tech-Branche und im Unternehmertum zu begeistern.

Es gibt ein Vollzeit-Team aus 44 Teammitgliedern; etwa ein Drittel hat eine andere Staatsangehörigkeit als die finnische. Die Erfolgsbilanz von Slush kann sich durchaus sehen lassen: 15 Prozent der Vollzeit-Slush-Alumni haben nach Slush ihr eigenes Unternehmen gegründet.

Angesichts der Bevölkerungszahl ist die Zahl der finnischen Startups und Unicorns hoch. (Bild:  Business Finland)
Angesichts der Bevölkerungszahl ist die Zahl der finnischen Startups und Unicorns hoch.
(Bild: Business Finland)

Nach der auf der Konferenz veröffentlichen Umfrage „Startup Struggle Survey 2025“ ist die Kapitalbeschaffung für 58,1 Prozent der Gründer nach wie vor das wichtigste Anliegen, wenn auch mit einem leichten Rückgang gegenüber den 63 Prozent des Vorjahres. Auffälliger ist jedoch der Anstieg der Bedenken hinsichtlich des Umsatzwachstums, das im Vergleich zum Vorjahr um fast 16 Prozentpunkte zugenommen hat. Dies deutet auf eine wachsende Herausforderung hin: Selbst wenn Kapital beschafft werden kann, ist es alles andere als einfach, dieses Kapital in nachhaltiges Wachstum umzuwandeln.

Das sind die Bereiche, in denen sich die Startups hauptsächlich wiederfinden. (Bild:  Business Finland)
Das sind die Bereiche, in denen sich die Startups hauptsächlich wiederfinden.
(Bild: Business Finland)

Die Konferenz selbst bot vier Bühnen, etwa eine auf der sich die Jungunternehmer präsentieren konnten, und eine, die „Impact“-Bühne, auf der Geldgeber und quasi 'Hasen' Tipps zu Organisation, Kundenbetreuung und Marketing, zu Personal- und Wachstumsstrategien preisgaben und wie man mit Fehlschlägen klarkommt.

Die nächste Slush in Helsinki findet am 17. November 2026 statt.

Und Datacenter?

Kürzlich kündigte Peter Lambrecht, Vice President Sales in der Region EMEA an, Finnland werde zu einem DataCenter-Hotspot, nachdem er am Vortag mit vielen Vertretern europäischer Datacenter Associations konferiert hatte. Doch was heißt das?

Laut Antti Poikola, Head of Data Economy - Technologies, Data and Innovations, Technology bei Industries of Finland, gibt es derzeit 34 Rechenzentren mit mehr als 1 Megawatt in Finnland. Google hatte bis zum Mai 2024 seit 2009 rund 3,5 Milliarden Euro in das Rechenzentrum von Hamina investiert. Dann kündigte der Konzern eine Aufstockung des Campus im Wert von 1 Milliarde an - inklusive Wärmerückgewinnung. Derzeit arbeitet das Datacenter mit 97 Prozent CO2-freier Energie.

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Und mit der Verfügbarkeit fossilfreier Energieversorgung geht das Land hausieren: Es gibt Zugang zu reichlich günstiger, erneuerbarer Energie aus Wind- und Wasserkraft. Dazu kommt, das Klima: Vergleichsweise kühle Temperaturen ermöglichen eine freie Kühlung, was Kosten senkt, und das Land bietet eine der weltweit zuverlässigsten Strominfrastrukturen.

Die wichtigsten Standorte bisher sind:

  • Helsinki/Espoo - hier gibt es Co-Location und Cloud-Services, mit Anbietern wie Equinix, Digita und Atnorth und Hetzner.
  • Kajaani: Wichtig für Hochleistungsrechnen; dort siedeln sich neue Projekte von XTX Markets und Borealis Data Center an.
  • Mäntsälä, Pori und Tampere - hier finden sich Datacenter von Verne.

Insgesamt soll der Ausbau nachhaltiger Energie-Infrastruktur in den kommenden Jahren rund 400 Gigawatt betragen. 300 Gigawatt davon sind für Rechenzentren gedacht. Das wäre enorm, da die finnischen Haushalte in einem kalten Winter rund 180 Gigawatt benötigen.

Viel Gesprächsstoff

Zu den Kontakten und Informationen der beiden Konferenzen und der Firmenbesuche kommen noch viele während der diversen Mittag- und Abendessen. Von einigen Firmen wird DataCenter-Insider noch berichten. An dieser Stelle gibt es nur einen kurzen Überblick:

  • Meeri Haataja, CEO und CPO von Saidot Oy. Dahinter steckt ein in Europa ansässiges interdisziplinäres Team, das Technologien für KI-Governance und -Ausrichtung entwickelt, um Unternehmen dabei zu helfen, das Potenzial der KI sicher zu nutzen.
  • Irina Kupiainen, Direktorin des CSC – IT Center for Science Ltd. Irina Kupiainen ist als Mitglied der Geschäftsleitung und Direktorin für EU-Angelegenheiten, Politik und Geschäftsentwicklung bei CSC-IT Center for Science Ltd., einem gemeinnützigen Unternehmen, das digitale Infrastrukturdienstleistungen auf der Grundlage eines Ökosystems aus Hochleistungsrechnern (HPC), Daten-Management, Informationsnetzwerken, KI und Quantentechnologien anbietet. Das CSC beherbergt LUMI, einen der leistungsstärksten Supercomputer der Welt, und wurde kürzlich als Standort für eine der europäischen KI-Fabriken ausgewählt – die LUMI AI Factory.
  • Henri Schildt ist Professor an der Aalto University Business School und CEO und Mitbegründer von „Skimle“, einer KI-Plattform zur Dokumentenanalyse.
  • Antti Honkela ist Professor für Datenwissenschaft - Maschinelles Lernen und KI am Institut für Informatik der Universität Helsinki. Er untersucht, wann KI-Modelle ihre Trainingsdaten speichern und wie wir dies verhindern können.
  • Janne Lehtinen ist CSO Chief Science Officer bei Semiqon. Das Unternehmen wurde 2022 als Spin-off von VTT, einer der führenden Forschungseinrichtungen Europas, gegründet und entwickelt Silizium-basierte Quantenprozessoren. Das Unternehmen hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Potenzial des Quantencomputing zu realisieren, indem es skalierbare, leistungsstarke, robuste und kostengünstige Quantenprozessoren und zugehörige Komponenten anbietet. Der weltweit erste kryo-optimierte CMOS von Semiqon bildet die Grundlage für seine Quantenchips und findet vielfältige Anwendungen in den Bereichen Quantenphysik, Raumfahrt und darüber hinaus.
  • Boris Sokolov ist Mitgründer von Algorithmiq. Das Unternehmen kümmert sich um Algorithmen zur Lösung komplexer Probleme in den Biowissenschaften. Diese sollen auf Quantencomputern laufen und derzeit unlösbare Probleme lösen.
  • Hannu Kauppinen ist CEO und Mitgründer von Qmill, ein finnisches Quantencomputing-Unternehmen, das 2024 gegründet wurde und sich der Entwicklung von Quantenalgorithmen widmet, die kurzfristige, praktische Vorteile für industrielle Anwendungen bieten. Durch den Einsatz von Quantenhardware der nahen Zukunft will Qmill komplexe Optimierungsprobleme lösen und in verschiedenen Branchen einen erheblichen Mehrwert schaffen.
  • Mikko Hyppönen ist Chief Research Officer bei Sensofusion. Der Anbieter kümmert sich um fortschrittliche Anti-Drohnen-Systeme. Das Flaggschiffprodukt „Airfence“ wird bereits von Militär und Strafverfolgungsbehörden für die passive Drohnenerkennung und -abwehr eingesetzt.
  • Timo Leino ist der Vorstandsvorsitzende von Agate Sensors Oy. Gegründet 2004 hat das Unternehmen hyperspektrale Bildgebung in Laborqualität in einem einzigen Pixel entwickelt, das kleiner als ein Sandkorn ist. Das wird integriert in einen Chip, der so kompakt ist, dass er auf Ihre Fingerspitze passt. Von Wearables, die neue menschliche Signale offenbaren, über Verteidigungssysteme mit beispielloser Bedrohungserkennung bis hin zu Smartphones, die die Sicht in Laborqualität auf den Alltag ausweiten kann die Technologie Einblicke auf molekularer Ebene liefern.
  • Jussi Mäkine ist, CMO und Mitgründer von Distance Technologies. Das Unternehmen entwickelt eine brillenlosen XR-Lösung, die für die Automobil- und Luftfahrtindustrie entwickelt wurde. Damit verbindet sich die synthetische und die reale Welt zu einem nahtlosen Ganzen.

Anmerkung der Autorin:Der Bericht aus Finnland ist zu einer Herzensangelegenheit geworden. Business Finland hatte eingeladen; Salla Salovaara, Head of International PR und Media, sowie Maija Palomäki, Head of Marketing, waren mit vielen Informationen und praktischen Hilfen stets mit Rat und Tat zu Hilfe. Umso mehr möchte ich mich für die Einladung und die Einblicke bedanken. Und an meine Leser hinzufügen: Nein, auch in Finnland läuft nicht alles optimal und viele Argumente für und gegen EU-Souveränität, für und wider KI, Quantencomputing, Integration von Fachleuten finden sich auch in hiesigen Diskussionen.

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