Von Modul-Migration, über Cloud- und KI-Adaption hin zur Ressourcenverschwendung Anwender-Vorstand: DSAG schließt Frieden mit SAP-Produktstrategie

Von Jürgen Frisch 8 min Lesedauer

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Die Migrationen auf „S/4 HANA“ kommen gut voran, berichtet Sebastian Westphal, Technologievorstand der SAP-Anwendervereinigung DSAG. Bei der Koppelung von SAP-Innovationen an die Cloud gibt es inzwischen Entspannung, beim Security Dashboard sogar große Erleichterung. Harmonie pur. Oder?

Pure Harmonie zwischen Deutscher SAP Anwendergruppe un ihrem Software-Lieferanten? Im Großen ja, im Ganzen nein. (Bild:  frei lizenziert: Eve /  Pixabay)
Pure Harmonie zwischen Deutscher SAP Anwendergruppe un ihrem Software-Lieferanten? Im Großen ja, im Ganzen nein.
(Bild: frei lizenziert: Eve / Pixabay)

Welche Themen bewegen aktuell die DSAG-Mitglieder und wie wurden diese auf den Technologietagen diskutiert?

Sebastian Westphal: Die Transformation des SAP-Produktportfolios, also die Abkündigung und das Auslaufen wesentlicher Produkte 2027, bleibt der dringliche Schmerzpunkt der SAP-Anwendungsunternehmen. Diese müssen in absehbarer Zeit migrieren, und dafür müssen die Unternehmen die Folgeprodukte und die Zielszenarien kennen.

Schließlich gibt es noch einige Punkte, wo das neue Produktportfolio der SAP nicht alle benötigten Funktionalitäten bereitstellt, und wo wir seit Jahren Nachlieferungen einfordern. Wir haben aber mehrere Ankündigungen gehört, dass SAP diese Services bereitstellen und Migrationsszenarien unterstützen will.

Ein zweites großes Thema ist die Aufklärung darüber, was es aktuell an nutzbaren Produkten und Services rund um generative Künstliche Intelligenz gibt und wann und wie sich dies in konkreten Produkten und Services widerspiegeln wird.

Wie kommen die Unternehmen bei der Migration von SAP ERP auf SAP HANA voran?

Sebastian Westphal: Hier ist das Bild sehr heterogen. Die Investitionsumfragen zeigen, dass die Migrationswilligkeit zunimmt, aber dass die Unternehmen sehr genau prüfen, wann für sie der wirtschaftlichste Zeitpunkt dafür ist.

- Muss ich frühzeitig wechseln, um schnell Innovationen zu generieren?

- Oder habe ich ein relativ schmales ERP-System für eine Ländergesellschaft, dass ich mit einer Brownfield-Migration relativ kurz vor Wartungsende migrieren kann?

Wir sehen bei Beratungsunternehmen eine sehr starke Nachfrage nach Transformationsressourcen – aber wir stellen auch fest, dass die Fragen sehr individuell sind, die die Ausgestaltung des jeweiligen Business Cases je nach Unternehmensgröße und Businessmodell erschweren können.

SAP hat im vergangenen Jahr angekündigt, dass sie eiige Innovationen nur noch in der Cloud zur Verfügung stellt. Die DSAG hatte den Zugang dazu auch für Anwender mit On-Premises-Systemen gefordert. Wie weit konnten Sie sich durchsetzen?

Sebastian Westphal: Die Bereitstellung und Integration von Modellen für Gererative Künstliche Intelligenz kann nicht von einem bestimmten Vertragskonstrukt abhängig gemacht werden. Das ist aus technologischer Sicht nicht haltbar. 'SAP Rise' ist ein Vertragsmodell mit umfangreichen Serviceleistungen, und daran koppelt SAP bestimmte Innovationen.

Auf den Technologietagen haben wir aber nun erste Klarheit bekommen. SAP wird neue Funktionalitäten zur Nutzung von Generativer Künstlicher Intelligenz in seinen Kernprodukten, also S/4 HANA, 'Success Factors', 'Ariba' im Rahmen der Subscriptionsverträge embedded anbieten. Zusätzlich ist es aber möglich, über die 'Business Technology Platform' jedwedes System oder Large Language Model anzubinden.

Damit ist unsere Forderung nach der Technologie-Offenheit an dieser Stelle erfüllt. Die Kernkritik, die sich an dieser Aussage von Christian Klein entzündet hat, ist damit für einen wichtigen Bereich entschärft, bleibt aber beispielsweise für die Bereitstellung der Nachhaltigkeitslösungen wie das „Green Ledger“ unverändert gültig. Offen bleibt allerdings noch die Frage, wie sich diese Modelle für Unternehmensarchitekturen übergreifend einsetzen lassen – die Unternehmen wollen ja nicht mit jedem Anbieter einen eigenen Hub oder einen eigenen Sprachassistenten betreiben.

Müssen die Unternehmen dann, mit hohem Aufwand das integrieren, was sie bei Rise with SAP out of the box bekommen?

Sebastian Westphal: Auch hier ist der Blick auf die Details erforderlich. Die Dinge, die in den SAP-Prozessen ablaufen, werden vorkonfiguriert geliefert. Unternehmensindividuelle Integration wird SAP allerdings über einen Rise-Vertrag nicht bereitstellen, wenn dafür Non-SAP Komponenten notwendig sind. Die Unternehmen müssen also zweigleisig fahren.

Wir setzen hier stark auf die SAP-Partner, die genau diese Lücken füllen. So gibt es beispielsweise spezialisierte Anbieter, die sich auf die Produktionssteuerung oder auf andere Branchen fokussieren. SAP reagiert aber auch hier und stellt Kunden im Rahmen des neuen Angebots 'Rise with SAP Migration and Modernization' ab einem gewissen Vertragsvolumen einen Enterprise-Architekten zur Verfügung, der sie ohne Vertriebsdruck als Trusted Advisor in diesen Fragen beraten soll.

Für On-Premises-Anwender, die in Richtung Rise with SAP migrieren, bietet die SAP gerade große Rabatte an. Wie stark steigert das nach Ihrer Einschätzung die Cloud-Akzeptanz der Unternehmen? Immerhin kam in der Investitionsumfrage 2023 der Anteil von S/4 HANA Private Cloud gerade einmal auf 8 Prozent und SAP HANA Public Cloud auf 3 Prozent.

Sebastian Westphal ist Technologievorstand der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG.  (Bild:  DSAG)
Sebastian Westphal ist Technologievorstand der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG.
(Bild: DSAG)

Sebastian Westphal: Dieses Angebot zielt im Wesentlichen auf Kunden, die sehr frühzeitig auf S/4 HANA gewechselt sind, als es noch kein Rise-Angebot gab. Damals ist man ins Rechenzentrum eines Hosting-Partners oder zu einem Hyperscaler gegangen und hat dort ein klassisches S4/ HANA-On-Premises-System aufgesetzt.

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Diese Unternehmen haben hohe Summen investiert, um diese Projekte zu realisieren. Jetzt stehen sie vor dem Dilemma, dass sie von Innovationen abgeschnitten werden sollen, wenn sie nicht in den Rise-Vertrag und auf die dazugehörige Plattform wechseln. Insbesondere für die Kunden, die der SAP-Strategie in Richtung S/4 HANA bereits gefolgt sind, bietet SAP nun das Programm 'Rise with SAP Migration and Modernization' an, um die Kosten für die Migration zu reduzieren und die Zeit zu verkürzen, bis Mehrwert geschöpft wird.

Gleichzeitig machen sie den Wechsel in Richtung Rise with SAP auch Anwendern von 'SAP ECC' schmackhaft. Ob diese nun bevorzugt in einen Rise- oder 'Grow'-Vertrag wechseln, oder ob sie trotzdem lieber S/4 HANA on Premises in der Cloud Infrastruktur eines Hyperscalers aufbauen, das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen. Schließlich sind die Entscheidungen je Unternehmen sehr individuell.

Einige Unternehmen fürchten, dass sie von künftigen Preissteigerungen komplett abhängig sind, wenn sie ihre Kauflizenz ohne möglichen Rückweg zu Gunsten eines Mietmodells aufgeben. Teilen Sie diese Befürchtung?

Sebastian Westphal: Wir registrieren bei allen Cloud-Anbietern Preissteigerungen, sobald sie Services um Innovationen erweitern. Allerdings sehen wir diese Preissteigerungen auch in einem On Premises Setup. Insofern ja, Vendor Lock in und die Risiken von Preissteigerungen sind immer ein Thema in übergreifenden Architekturen, da möchte ich SAP gar nicht ausnehmen.

Die IT-Verantwortlichen sind gefordert, ihre IT-Architekturen so flexibel zu gestalten, dass sie im Zweifel wechseln können, wenn Preiserhöhungen oder veränderte Abrechnungsmodelle den Use Case nicht mehr attraktiv machen. Das ist uns ein Dorn im Auge, aber das ist kein SAP-spezifisches Problem. Wichtig ist uns vor allem, dass den Preiserhöhungen entsprechende Mehrwerte wie Innovationen oder neue Funktionalitäten gegenüberstehen.

Für Cloud-Szenarien mit der Business-Technology-Platform fordert die DSAG einfachere Lizenzmodelle, die bei Bedarf auch nach unten skalieren. Wie sollen die aussehen?

Sebastian Westphal: Aus Sicht der Anwender sollte sich die Abrechnung immer so nah wie möglich an der tatsächlichen Nutzung ausrichten. Dann bezahlen sie nur das, was sie brauchen und können selbst entscheiden, wie intensiv sie einen Service nutzen. Paketierung oder Pauschalangebote haben immer das Risiko, dass ich Dinge bezahle, die ich gar nicht brauche. Darüber hinaus sollte die Abrechnung in der 'Business-Technology-Plattform' Service-übergreifend funktionieren.

Was ich an der einen Stelle weniger brauche, möchte ich an anderer Stelle einsetzen können, anstatt für jeden Service ein eigenes Vertragskonstrukt zu haben. Hier hat SAP definitiv noch Verbesserungspotenzial: So sollten beispielsweise im Hinblick auf Pay-as-you-go-Modelle Cloud-Verträge Lines-of-Business-übergreifend funktionieren und dabei das Guthaben nicht verfallen.

Die Business Technology Platform haben viele Anwender zwar lizenziert, aber sie nutzen sie bislang nicht. Die DSAG hat daher eine klarere Positionierung gefordert. Wie weit ist die SAP gekommen?

Sebastian Westphal: Die Positionierung ist inzwischen klar: Die Business Technology Platform ist ein elementarer Bestandteil der 'Clean Core'-Strategie, denn alle Extensions werden künftig dorthin verlagert. Darüber hinaus ermöglicht es diese Plattform, generische Modelle in Unternehmensarchitekturen zu integrieren. Auf der Business-Prozess-Seite entsteht damit ein zentraler Integrations- und Service Hub.

Schwierig ist bislang das Monitoring der einzelnen Services, wenn beispielsweise eine Transaktion in Ariba startet, über ein S/4 HANA-System läuft und dann über die Business Technology Platform auf einen Payment Service zugreift. Bislang sind das separate Produkte. Wir fordern eine Durchgängigkeit, damit Unternehmen Prozesse übergeordnet testen, implementieren, monitoren und steuern können.

Der DataCenter-Diaries-Podcast # 28: „Sebastian Westphal, wie läuft die S/4-HANA-Migration bei den Anwendern?“ gibt das Gespräch von Autor Jürgen Frisch und dem DSAG-Technologievorstand wieder.

Die Podcast-Folge #28 von DataCenter Diaries findet sich auf Spotify, Apple Podcasts, Deezer, Amazon Musik und Google Podcasts.

In Sachen SAP-Security fordert die DSAG eine Lösung, die automatisch auf sicherheitsrelevante Einstellungen und auch auf Sicherheitslücken in einer SAP-Landschaft hinweist. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Sebastian Westphal: Hier hat die SAP geliefert. Die strukturierte Bereitstellung dieser Informationen hilft zum einen Unternehmen, die über eine zentrale Monitoring-Infrastruktur verfügen.

Zum anderen sehen wir jetzt ein vorkonfiguriertes Dashboard, mit dem auch kleine und mittlere Unternehmen ohne eine Monitoring-Infrastruktur die sicherheitsrelevanten Informationen auf einen Blick erkennen. Das ist ein klares Commitment zu dieser Kundengruppe.

Die DSAG wird dieses Thema weiter begleiten. Security verliert nicht an Aktualität – und sicherlich wird es weitere Schnittstellen brauchen und weitere regulatorischen Anforderungen geben.

Den Bereich Analytics hat die SAP im vergangenen Jahr neu aufgestellt. 'SAP Datasphere' wurde als Evolution der 'Data Warehouse Cloud' positioniert, die 'One Data Suite' als Zusammenschluss von 'SAP Data Intelligence', 'SAP Analytics Cloud' und 'Data Warehouse Cloud'. Wie nahe ist diese Roadmap an den Bedürfnissen der Anwender?

Sebastian Westphal: Sehr nahe. Das Zielbild auch im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Daten für generative Modelle ist absolut richtig und ist genau das, was die Experten fordern.

Die Umsetzung bleibt allerdings vom Tempo her hinter dem zurück, was wir zum Beispiel bei den Hyperscalern sehen. Die sind bei Ansätzen rund um Data Fabric, aber auch bei Lakehouse-Architekturen sehr viel weiter und liefern bereits produktive Szenarien. Hier brauchen wir mehr Tempo, um von der Vision zu wirklich nutzbaren Produkten zu kommen.

Darüber hinaus sollte die SAP Unternehmen, die bisher Analytics und Datenhaltung über 'SAP BW' abbilden, bei der Migration in Richtung Datasphere noch aktiver unterstützen. Die Datenmodelle der Systeme bei den Kunden sind der SAP bekannt. Insofern erwarten wir automatisierte Services, um die Migration zu erleichtern.

Cloud Szenarien und insbesondere Künstliche Intelligenz Services haben einen erheblichen Bedarf an IT-Ressourcen. Wie bringen die Unternehmen das mit ihrer Nachhaltigkeitsstrategie in Einklang?

Sebastian Westphal: Hier klaffen Visionen und Realität extrem weit auseinander. Einerseits ist der Betrieb einer Lösung in der Cloud effizienter als im eigenen Rechenzentrum. Wenig transparent ist es heute allerdings, wie ich den Energieverbrauch meiner Infrastrukturen optimieren kann.

Public Cloud Systeme sind Always on und sorgen dafür, dass Daten redundant an verschiedensten Stellen gehalten werden. Wir verzeichnen einen enormen Energieverbrauch für die Datenhaltung und den Traffic, der die Kommunikation zwischen diesen Plattformen abbildet.

Ein weiteres Problem sind die Ressourcen für den Betrieb und vor allem die Kühlung. Die Rechenzentren werden heute größtenteils mit Trinkwasser gekühlt. Das geht nicht mehr lange. Die Stadt Frankfurt kann nach 2030 die Versorgung mit Trinkwasser nur dann sichern, wenn Industrie-Unternehmen und besonders die dort angesiedelten Rechenzentren künftig mit Brauchwasser kühlen.

Wie kann eine Lösung aussehen?

Sebastian Westphal: Hier sind die Unternehmen gefordert, die Rechenzentrumsleistung nutzen. Nur, wenn wir bei unseren Ausschreibungen diese Ressourceneffizienz verbindlich einfordern und keinen Zuschlag mehr erteilen an Unternehmen, die diese Kriterien nicht erfüllen, führen wir eine signifikante Veränderung herbei. Ansonsten werden wir künftig angesichts der ressourcenhungrigen Modelle für Künstliche Intelligenz einen Energieverbrauch bekommen, den wir ohne signifikante Einschnitte für die Bevölkerung nicht mehr liefern können.

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