Wird ein Produkt niemals fertiggestellt, könnte das Unbehagen hervorrufen. Ganz anders ist das meist bei der Perpetual Beta. Wenn eine solche Software sich stets in Entwicklung befindet, ist dies nicht ihre größte Schwäche – sondern ihre größte Stärke.
So wie das Axolotl nie seinem Larvenstadium entwächst, ist auch eine als Perpetual Beta ausgelieferte Software nie ganz fertig.
Der Begriff Perpetual Beta ist ein seltsames Kunstwort aus dem lateinischen – perpetuum – (also einem Zustand auf Ewigkeit) und dem zweiten Buchstaben des griechischen Alphabets, Beta. Letzterer wird in der Softwareentwicklung gerne für die unfertige Version genutzt, die kurz vor dem finalen Release steht und bereits intensiv getestet wird, ehe sie letztendlich für die Öffentlichkeit freigegeben wird.
Doch die Perpetual Beta funktioniert nach dem sogenannten Bananenprinzip und reift beim Verbraucher. Sie ist also sowohl eine Release-Version als auch eine Beta-Version, die stets weiter entwickelt wird. Das ist sowohl für Entwicklerinnen und Entwickler als auch für User von Vorteil.
Perpetual Beta – Definition und Geschichte
Hinter dem Mantra der Perpetual Beta steckt historisch auch - zumindest in Teilen - die Ideologie von Open-Source-Software. Releases sollen früh und oft erfolgen, die Entwicklung ist inkrementell. User können schließlich wählen, welche Version und welcher Grad an Stabilität gewünscht ist.
Doch wirklich instabil sind die meisten Perpetual Betas nicht, im Gegenteil: Selbst große Unternehmen setzen auf lange, verlängerte oder ewig anhaltende Beta-Versionen, um komplexe Software bereits während der Verwendung weiter entwickeln zu können.
Die Perpetual Beta im Anwenderbereich erlaubt Development Teams schließlich, neue Features in die Software zu integrieren oder bestehende Features zu ändern und laufendes Feedback von der größtmöglichen Anzahl an Testpersonen zu sammeln. Sollte die Perpetual Beta irgendwann enden (und dies ist keinesfalls gegeben), so durchlief das Produkt bereits mehrere Jahre des robusten Testens.
Die User sind in diesem Anwendungsfall nicht nur die Zielgruppe, sondern Teil des Entwicklungsteams. Durch ihren Arbeitsanteil (das Testen) sammeln sie Daten zur tatsächlichen Anwendung und Robustheit von Features, zusätzliche Feedback-Funktionen können den Developern sogar noch mehr Aufschluss über die Funktionalität einer Software geben.
Die Grenzen der Perpetual Beta
Einige Applikationen sind für eine Perpetual Beta deutlich besser geeignet als andere. Grundsätzlich sollten Perpetual Betas nicht an neuralgischen Punkten von Organisationen, Unternehmen oder auch Privatpersonen eingesetzt werden. ?Jeder Punkt, der die Operationsfähigkeit eines Unternehmens gefährdet, sensible Daten schützt oder die Lauffähigkeit anderer kritischer Software einschränkt, sollte auf stabilen Fundamenten ruhen.
Beispiele für Perpetual Betas
Die Perpetual Beta ist kein Entwicklungsmodell, das ausschließlich von kleineren Unternehmen genutzt wird, die auf die Schwarmintelligenz ihrer Basis setzen. Selbst Google ließ Software wie Gmail, Google Maps oder Google Earth über Jahre in einer Beta-Version, um Features offen nachzubessern und neue Versionen zu liefern. Dass es zu sehr häufigen Aktualisierungen kam und sie sich überhaupt in einem offenen Beta-Test befanden, dürfte den meisten Usern nicht einmal aufgefallen sein.
Gerade weil die oben genannten Beispiele eine so rege Verbreitung fanden, war die Perpetual Beta für ihre Entwicklung und Popularität sogar entscheidend. Die Nutzer*innen mussten nicht lange auf neue große Releases warten, sondern kleine Nachbesserungen wurden sofort integriert.
Web 2.0-basierte Anwendungen erleichtern diesen Prozess natürlich auch auf der Entwicklungsseite, da die Software aus dem Browser abgespielt wird und so die neueste Beta-Version garantiert wird. Auch der Bilderdienst Flickr operierte über Jahre in einer Perpetual Beta.
Weiterentwicklung des Begriffs und Software as a Service
In der modernen App-Entwicklung sollten nahezu alle größeren Apps theoretisch unter den Sammelbegriff Perpetual Beta fallen. Schnellere Internetverbindungen machen es für Apps (und Betriebssysteme) möglich, auch kleinere Verbesserungen sofort aufzuspielen. Größere Versionen befinden sich anschließend in einer jahrelangen, womöglich nie endenden Phase der steten Verbesserungen.
Dass mobile Applikationen wie Facebook, WhatsApp oder Google Maps so oft Updates beziehen, bringt für die Anwender*innen keinen Nachteil mit sich. Die Grenzen zwischen einer Release-Version, die laufend neue Updates bezieht, und einer Perpetual Beta sind in diesem Fall fließend.
Auch Software as a Service garantiert Development-Teams die Möglichkeit, ihre Software für eine große Kundenbasis stets inkrementell weiterentwickeln zu können. Systeme wie die Adobe Cloud gewährleisten dabei sogar, dass User*innen die stets neueste Softwareversion nutzen. Solange neue Releases die Stabilität einer Software nicht gefährden, spricht nichts gegen das Open-Source-Mantra: Release early, and release often.
Stand: 08.12.2025
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Positive und negativ Beispiele
Richtig genutzt, ist die Perpetual Beta eine großartige Methode, um Feedback und Usage-Daten zu sammeln und in den Entwicklungsprozess zu integrieren. Weder der Begriff Perpetual Beta noch das Bananenprinzip sind prinzipiell wertbar.
Eine Perpetual Beta, die Anwenderinnen und Anwendern eine stabile und funktionale Software liefert, sich aber dank des erweiterten Beta-Einsatzes stets verbessert, ist sicher das bestmögliche Beispiel. User werden hier in die Entwicklung eingebunden und die Software passt sich der Zielgruppe an. Am anderen Ende des Spektrums stehen Releases, die nach dem Bananenprinzip verkauft und durch ständige Patches an die Usergruppe angepasst werden müssen.