Refurbishing spart Schrott, Kosten und Kohlenstoffdioxid Der Hawk-Supercomputer bekommt ein zweites Leben

Ein Gastbeitrag von Heidrun Haug* 5 min Lesedauer

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Die letzten Teile des Supercomputers „Hawk“ sind jetzt am Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart (HLRS) abgebaut. Doch der ausgemusterte Rechner wird nicht verschrottet, sondern durch seinen Hersteller HPE wiederaufbereitet und weiterverkauft. Das spart rund 13,7 Tonnen Elektroschrott und 2.800 Tonnen CO2 ein.

Seltener Einblick, direkt in das Innere eine Superrechners, ins  Herz des ehemaligen HLRS-Cluster „Hawk“ mit insgesamt 4.096 Rechnerknoten, 8.192 Prozessoren und 65.536 Arbeitsspeichermodulen. (Bild:  HLRS)
Seltener Einblick, direkt in das Innere eine Superrechners, ins Herz des ehemaligen HLRS-Cluster „Hawk“ mit insgesamt 4.096 Rechnerknoten, 8.192 Prozessoren und 65.536 Arbeitsspeichermodulen.
(Bild: HLRS)

Laut Digitalverband Bitkom hat in Deutschland fast jeder fünfte schon mal ein gebrauchtes, aber professionell aufbereitetes Smartphone gekauft. Der Markt für solche 'refurbished' Geräte wächst schnell; denn sie sind günstig, sie haben Garantie, und die Aufbereitung und weitere Nutzung ist nachhaltig, weil es die Lebensdauer der Geräte verlängert. Wer dagegen immer das neueste Modell haben will, kann es über die Refurbisher zu Geld machen.

Ähnlich ist die Situation bei Rechnern, die die Leistung von einer Million Smartphones haben können: den so genannten Supercomputern. Sie werden beispielsweise von Universitäten und Konzernen für die wissenschaftliche Forschung oder die Produktentwicklung eingesetzt.

Nach vier bis fünf Jahren wird in der Regel ein neues Gerät angeschafft, weil das alte nicht mehr auf dem Stand der Technik ist. Ein Beispiel dafür ist der Superrechner „Hawk“ am Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS).

Einst der schnellste Rechner Europas

Hawk war bei seiner Inbetriebnahme im Jahr 2020 der schnellste Rechner Europas. In den Folgejahren wandelte sich die digitale Welt in hohem Tempo, insbesondere durch den kometenhaften Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI). Hawk wurde deshalb Ende 2024 von „Hunter“ abgelöst (siehe: „Autarkie bleibt ein Trugschluss“; Michael Resch über Souveränität, Nachhaltigkeit und ein wenig: Quantencomputer , der nicht nur fast doppelt so schnell wie sein Vorgänger rechnet und dabei nur 20 Prozent des Energieverbrauchs hat, sondern vor allem auch KI-Methoden für die am HLRS durchgeführten Forschungsprojekte etwa in den Klima- oder Ingenieurswissenschaften unterstützt.

Übrig bleiben von Hawk riesige Mengen an Hochleistungstechnologie, die zwar nicht mehr den Ansprüchen der Nutzer des HLRS genügen, aber an sich voll funktionsfähig sind: unter anderem 4.096 Rechnerknoten (Server), 8.192 Prozessoren und 65.536 Arbeitsspeicher-Module.

Vom Recycling zum Refurbishing

Bis vor Kurzem war es noch die Regel, dass solche Superrechner als Rohstoffquelle ausgeschlachtet werden; denn in Bauteilen wie Leiterplatten, Prozessoren oder Netzkabeln sind wertvolle Materialien wie beispielsweise Gold, Silber, Kupfer und Messing enthalten. Was keinen Wert hatte, landete auf dem Rest- oder Sondermüll.

Inzwischen hat sich die Situation geändert. Die Nachfrage nach Refurbished-IT ist auch in Instituten und Firmen gewachsen, außerdem haben Supercomputer heute eine weit größere Verbreitung als noch vor zehn Jahren, damit gibt es auch mehr potenzielle Abnehmer für Gebrauchtgeräte und Ersatzteile.

So auch bei Hawk. Der Hersteller des Rechners, Hewlett Packard Enterprise (HPE), fand mehrere Käufer für verschiedene Teile des Superrechners – darunter ein Raumfahrtunternehmen, das vor Jahren dasselbe Modell angeschafft hatte und einen Vorrat an Ersatzteilen benötigt.

Das Aufbereiten von IT-Equipment bei HPE

Dass HPE Abnehmer fand, ist wiederum kein Zufall. Zum Unternehmen gehört der Finanzdienstleister HPE Financial Services, der Refurbishing als eigenen Geschäftszweig etabliert hat. Er betreibt die zwei weltweit größten Refurbishing-Zentren in Herstellerbesitz und verarbeitet pro Jahr über 3 Millionen gebrauchte IT-Systeme. Damit kann das Unternehmen zum Beispiel Rückläufer aus Leasingverträgen weiterverkaufen oder Kunden durch den Aufkauf ihrer Gebrauchtgeräte eine Kapitalspritze für neue IT-Anschaffungen geben.

Mehr als 90 Prozent von Hawk bekommen ein zweites Leben.

Der Abbau und das Refurbishing von Hawk ist in mehreren Phasen verlaufen. Teile davon werden auch nach Inbetriebnahme des Nachfolgers Hunter benötigt, um Software-Programme an die neue Rechner-Architektur anzupassen.

So sind im Sommer 2024 in einem ersten Schritt ein Drittel der Rechner-Knoten beziehungsweise Server abgebaut und in HPEs Refurbishing-Zentrum im schottischen Erskine transportiert worden. Im Frühjahr 2025 folgten die restlichen Server.

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In Erskine haben Experten die Rechner in ihre Einzelteile zerlegt und sie in einem standardisierten Refurbishing-Prozess bearbeitet. Dazu gehören zum Beispiel das Überschreiben der Datenträger nach geltenden Standards und Gesetzen, Funktionsprüfung, Reparatur und Einsatz von Ersatzteilen. Komponenten, die die abschließenden Tests bestanden haben, sind verkauft worden.

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Am längsten sind die Speichersysteme in Betrieb gewesen, nämlich bis September 2025. Denn hier sind die Forschungsdaten gelagert worden, die dann sukzessive auf das neue System gewandert sind.

Mehr als 90 Prozent der Rechnerinfrastruktur von Hawk bekamen auf diese Weise ein zweites Leben. Nur die Serverschränke und die Wasserkühlung ließen sich nicht weiterverwenden und wurden recycelt.

Rund 2800 Tonnen CO2 eingespart

Refurbishing reduziert oder eliminiert eine Reihe von negativen Umwelteffekten, etwa Materialien, die auf Deponien landen oder die Auswirkungen der Neuproduktion, bei der Materialien und Energie verbraucht und CO2 erzeugt wird. Für jedes Refurbishing-Projekt erstellt HPE einen Kreislaufwirtschaftsbericht, der die konkreten Auswirkungen beziffert. Zum Einsatz kommt dabei die Methode der konsequenten Ökobilanzierung (Consequential Life Cycle Assessment). Die Berechnung erfolgt auf der Grundlage einer Reihe von ISO-Standards und ist von externen Gutachtern validiert.

Für das Refurbishing des Supercomputers Hawk ergeben sich die folgenden Werte:
  • Rund 2.800 Tonnen CO2 eingespart; das entspricht ungefähr dem CO2-Ausstoß einer Person über 25.000 Flugstunden.
  • Rund 64.000 Kilowattstunden Energie eingespart; das entspricht ungefähr der Energiemenge, die benötigt wird, um ein Elektro-Auto 1000-mal vollzuladen.
  • Rund 13,7 Tonnen Elektroschrott vermieden; das entspricht ungefähr der jährlichen durchschnittlichen Elektroschrottmenge von 1.700 Privatpersonen in Deutschland.

Das KI-Zeitalter braucht Kreislaufwirtschaft

Mit dem Refurbishing von Hawk kann das HLRS aber nicht nur seine Ökobilanz verbessern. Es hat auch wirtschaftliche Vorteile. Während beim klassischen Recycling der Materialwert eines Computers meist nur die Kosten für Abbau, Transport und Verarbeitung deckt, ermöglicht das Refurbishing eine Wiederverwertung, deren Erlös vollständig in Service-Leistungen von HPE reinvestiert wird.

Die Bedeutung solcher Kreisläufe wird klar, wenn man sich die enormen Investitionen vor Augen führt, die derzeit von Institutionen und Firmen weltweit in KI-Infrastrukturen gesteckt werden. Sie werden benötigt, um KI-Modelle zu trainieren, die viele Milliarden oder sogar Billionen von Parametern haben können.

Die Unternehmensberatung McKinsey hat ausgerechnet, dass bis zum Jahr 2030 Investitionen von 5,2 Billionen Dollar nötig sein werden, um den Bedarf zu decken. Alle diese KI-Infrastrukturen werden nach ein paar Jahren zum „alten Eisen“ gehören. Deshalb ist eine effektive Kreislaufwirtschaft ein unverzichtbarer Baustein des KI-Zeitalters.

*Die Autorin
Heidrun Haug ist eine freie Autorin aus Tübingen.

Bildquelle: Storymaker

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