„Es ist so viel Vertrauen kaputt gegangen, dass Europa gelernt hat, unabhängiger und souveräner zu werden“, sagt Gartner-Analyst René Büst zum Schluss der jüngsten Podcast-Aufnahme in den „DataCenter Diaries“, in dem es sich um die digitale Souveränität in Europa dreht. Doch die Sache ist schwierig: Nicht einmal in Deutschland bekommt man ein gemeinsames Handeln in den Griff, oder sollte man sagen: Bayern?
Der Urspung der Redewendung "kein Blatt vor den Mund nehmen" stammt vermutlich aus einem Verhalten im Theater des Mittelalters, als Schauspieler ein Blatt vor das Gesicht hielten, um sich dahinter zu verstecken, wenn sie unangenehme Wahrheiten aussprachen. Podcast-Gast René Büst spricht durchaus Unangenehmes aus.
René Büst ist ein erfahrener Analyst und solche sind gut darin, zu definieren, worüber sie sprechen. So betont Büst, dass es bei digitaler Souveränität primär um Kontrolle über Technik und Technologien sowie deren Betrieb geht.
Fehlt diese Kontrolle, etwa wenn externe Anbieter Infrastruktur oder Software dominieren, sinkt die digitale Handlungsfähigkeit. Als Beispiel zitiert er den Fall des Chefanklägers Karim Khan beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), dessen E-Mail-Konto kurzfristig durch Microsoft entzogen wurde; der IStGH steigt nun auf die Open-Source-Software „Opendesk“ um.
Doch wo im gesamten Technologie-Stack setzt man an? Büst erläutert, dass Souveränität den gesamten Technologie-Stack betrifft – von Hardware und Chips über Netzinfrastruktur bis zur Cloud, allerdings fehlt Europa in vielen Bereichen die Marktmacht, insbesondere bei der Hardware.
Außerdem habe der Fokus lange fast ausschließlich auf Datenhoheit gelegen, während technologische und operationale Souveränität vernachlässigt worden seien. Das ändert sich erst jetzt, etwa durch Initiativen wie Euro-Stack und durch Bestrebungen europäischer CIOs, regionale Anbieter gezielt zu stärken. Das zeige sich etwa bei den Cloud-Strategien: Weg vom „Alles-zu-einem-Hyperscaler“ hin zu einem differenzierteren Mix, der auch regionale Anbieter einbezieht.
In der Folge #59 der DataCenter Diaries „Gartner-Analyst René Büst und Chefredakteurin DataCenter-Insider werden politisch, wenn es um digitale Souveränität geht“ bekommt insbesondere Bayern sein Fett weg. Wenn es nicht einmal für bayerische Behörden IT-Kontrolle gibt, wie soll das dann in Europa funktionieren?
Europäische Technologien seien keinesfalls schlechter, aber europäische Unternehmen hätten traditionell ein schwaches Marketing und seien zögerlich in der Vergabe von Risikokapital. Zudem gehen einige Länder – etwa Finnland – Souveränitätsstrategien entschlossener an, zeigen den Willen und Bestrebungen als Europa zu handeln; andere Regionen, etwa Bayern, betonen eher die eigene vermeintliche Stärke .
Die Fragmentierung innerhalb Europas erschwere eben den Aufbau gemeinsamer Infrastrukturen und Vertrauen zwischen den Akteuren - Deutschland, Europa ist zu langsam, um insbesondere in der IT, der KI mithalten zu können. Als Gegenbeispiel zu Bayern, das entgegen aller mündlichen Bekundungen zur Digitalen Souveränität gerade einen umfassenden Deal mit Microsoft abgeschlossen habe, alle staatlichen Behörden bekommen „Microsoft 365“, nennt Büst Schleswig-Holstein, das konsequent auf Open Source setzt.
Auf die Frage, warum solchen Themen nicht aus dem Experten-Dunstkreis heraustreten, räumt Büst ein, grundsätzlich sei die breite Bevölkerung wenig sensibilisiert, weil sie nur funktionierende Dienste erwartet. Für echte Alternativen müsse Europa nicht nur gute Technologie liefern, sondern sie auch sichtbar machen und in die Breite tragen.
Ein weiteres bayerisches Projekt ist das bei München geplante eine Milliarde Euro-Telekom/Nvidia-Rechenzentrum mit dem Ankermieter SAP. Die geplante Anlage wird etwa 10.000 Nvidia-Grafikprozessoren nutzen. Bayern sagt „Unterstützung“ zu, ob auch in finanzieller Hinsicht, ist noch unbekannt.
Es gibt nicht nur in Deutschland und der EU Souveränitätsbestrebungen, doch für Büst ist es eindeutig, dass das Bestreben hierzulande durch die „America-First“-Politik von US-Präsident Donald Trump und den Erpressungen durch „Strafzölle" ausgelöst wurde. Es stellt sich die Frage, ob die EU sich nach neuen Partnern in anderen Ländern umschauen müsste.
Partnerwechsel
Laut Büst ist das gar nicht notwendig, die Anfragen kämen von allein. International betrachtet, interessiere sich insbesondere Kanada für die europäische Souveränitätsstrategien.
Eine vollständige technologische Unabhängigkeit hält Büst jedoch für unrealistisch. Selbst die USA sind auf Lieferketten aus Asien angewiesen. Alleine China habe das Potenzial, alles aus eigener Kraft zu schaffen; dort gibt es sämtliche Ressourcen, von den Rohstoffen für das IT-Equipment bis zur Manpower, von der Energieversorgung bis zum Abnahmemarkt. Europa werde auf absehbare Zeit grundlegende Technologie wie GPUs zukaufen und parallel eigene Grundlagenarbeit leisten müssen.
Stand: 08.12.2025
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