Im Jahr 2026 werden Unternehmen erfolgreich sein, die Infrastruktur nicht länger nur als Kostenfaktor betrachten, sondern als strategischen Enabler. Stromversorgung, Resilienz, Souveränität und Nachhaltigkeit sind keine nachgelagerten IT-Themen mehr – sie stehen heute im Zentrum unternehmerischer Wettbewerbsfähigkeit.
Bruce Owen, President EMEA bei Equinix, lenkt den Blick unter anderem auf das Gesundheitswesen und die Finanzhäuser.
2025 markierte einen Wendepunkt in der Wahrnehmung von Rechenzentren. Der Sektor wird erstmals in seiner systemischen Bedeutung anerkannt.
Für Unternehmen, die sich in einem zunehmend volatilen Umfeld behaupten müssen, sind Rechenzentren, insbesondere Co-Location-Rechenzentren, längst mehr als reine Flächenanbieter. Sie sind strategische Partner, die den kontinuierlichen Fluss von Daten und Energie sicherstellen, auf dem Wirtschaft und Gesellschaft aufbauen.
Mit Blick auf das neue Jahr sollten Führungskräfte diese neue Aufmerksamkeit nutzen und Infrastruktur konsequent in den Fokus rücken; denn die größten technischen Herausforderungen 2026 liegen nicht im Code oder in der Cloud, sondern in der physischen Infrastruktur, die Unternehmen und Volkswirtschaften trägt. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich fünf zentrale Entwicklungen ab:
1. KI im Finanzsektor scheitert oder skaliert an der Stromdichte
Seit Jahren gilt Künstliche Intelligenz (KI) als Schlüssel zur nächsten Entwicklungsstufe des Finanzsektors. Doch zunehmend wird genau diese Technologie zum Engpass. Der eigentliche Fortschritt hängt weniger von neuen Modellen ab als von oft übersehenen Vorarbeiten: der Bereinigung, Strukturierung und Verarbeitung historischer Finanzdaten, ein Prozess mit enormem Energiebedarf.
Viele Finanzinstitute stoßen mit ihrer bestehenden Infrastruktur an Grenzen. Veraltete Rechenzentrumsumgebungen sind nicht in der Lage, moderne GPU-Workloads zuverlässig zu betreiben. Entsprechend wächst der Druck, klare Roadmaps für höhere Leistungsdichten pro Rack zu entwickeln.
2026 ist KI im Finanzsektor keine Vision mehr. Doch ohne die passende Infrastruktur verlieren selbst die fortschrittlichsten Modelle ihre Wirkung. Investitionen in Stromdichte und Hochleistungsumgebungen sind keine Zukunftsoption mehr, sondern Voraussetzung dafür, dass KI echten Mehrwert für Kunden schafft.
2. Resilienz ist kein Zusatz mehr. Sie ist der Mindeststandard
Zusätzliche Redundanzen galten lange als Luxus. Diese Denkweise ist überholt. In einer Always-on-Welt wird digitale Verfügbarkeit vorausgesetzt – jederzeit und überall.
Co-Location-Rechenzentren leisten hier einen entscheidenden Beitrag. Im E-Commerce etwa ermöglichen dezentrale Infrastrukturen die Nähe zum Kunden, reduzieren Latenzen und verhindern Kaufabbrüche. Gleichzeitig erlaubt hybride Multicloud-Architektur, massive Lastspitzen, etwa bei Verkaufsaktionen, stabil abzufedern. Dasselbe gilt für die Gaming-Industrie, in der Millisekunden über Nutzererlebnis entscheiden. Infrastruktur muss nah am Nutzer sein.
Regulatorisch wird diese Entwicklung flankiert. Doch noch stärker als Regulierung wirkt der Markt selbst: Infrastruktur ist zur kritischen Versorgungsleistung geworden. 2026 gilt: Resilienz ist nicht das Ziel, sondern die Basis.
3. Datensouveränität braucht globale Ökosysteme
Kaum ein Sektor verdeutlicht die Komplexität moderner Datenökonomie so stark wie die Life-Sciences-Industrie: Hochsensible Daten müssen lokal geschützt werden; die Erkenntnisse jedoch global nutzbar sein. Personalisierte Medizin und Wirkstoffforschung sind auf Real-World-Daten aus verschiedenen Ländern angewiesen. Gleichzeitig führen grenzüberschreitende Restriktionen häufig zu Anonymisierung und damit zu einem Verlust an Präzision.
Die Lösung liegt in vernetzten, souveränen Infrastrukturen. Durch In-Country-Deployments und sichere Interconnection-Modelle können sensible Daten lokal verarbeitet werden, ohne sie physisch zu verlagern. So bleibt regulatorische Compliance gewahrt, während globale Zusammenarbeit ermöglicht wird.
Diese Modelle verkürzen Entwicklungszyklen in der Pharma- und Biotech-Industrie erheblich. Der entscheidende Erfolgsfaktor 2026 wird eine hybride Architektur sein, die globale Lernprozesse mit lokaler Datensouveränität verbindet.
4. Die nächste KI-Welle ist agentisch
Der Fokus verschiebt sich: Weg von reinen Trainings-Clustern, hin zu KI-Inference und Echtzeit-Anwendungen. Intelligenz soll nicht nur Inhalte erzeugen, sondern handeln.
Agentische KI wird zunehmend dezentral eingesetzt, näher am Nutzer, näher am Anwendungskontext. Rechenleistung wandert aus zentralen Clustern an den Netzwerkrand.
Stand: 08.12.2025
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KI wird damit unsichtbar, aber allgegenwärtig – vergleichbar mit Strom oder Wasser. Anbieter, die ihre Kunden nicht dabei unterstützen, diese Brücke zwischen zentraler Kapazität und Edge-Anwendungen zu schlagen, werden an Relevanz verlieren.
Langfristig deutet sich bereits die nächste Stufe an: Quantencomputing. Noch in der frühen Phase, aber mit rasant wachsender öffentlicher und privater Investition.
5. Europäische Führungsrolle entscheidet sich an Nachhaltigkeit
2025 hat einen klaren regionalen Unterschied offengelegt: Nachhaltigkeit spielt in Europa eine deutlich größere Rolle als in anderen Weltregionen.
Getrieben durch Regulierung und Markterwartungen reicht Effizienz allein nicht mehr aus. Europäische Unternehmen verlangen belastbare Roadmaps, die es Vorständen ermöglichen, ihre eigenen ESG-Ziele zu erreichen. Energie-Effizienz ist damit kein reines Umweltargument, sondern ein strategischer Wettbewerbsfaktor. Wer in Europa erfolgreich sein will, muss Nachhaltigkeit messbar, transparent und skalierbar in seine Infrastruktur integrieren – auch 2026 und darüber hinaus.
*Der Autor Bruce Owen ist President EMEA bei Equinix.