Small Modular Reactors Sorgt die KI für eine Renaissance der Atomkraft?

Von Dr. Dietmar Müller 13 min Lesedauer

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Mini-Atom-Kraftwerke, die bis zu 300 Megawatt (MW) leisten und mit Mikroreaktoren von nur 10 MW ausgestattet sind, könnten bald für die nötige CO2-freie Power in KI-Rechenzentren sorgen. Aber aktuell wären sie nur in Bayern möglich – mehr oder weniger.

Die Die Münchner Firma Proxima Fusion hat im Frühjahr dieses Jahres im Fachjournal „Fusion Engineering and Design“ ein Konzept für ein Fusionskraftwerk veröffentlicht. Bis zum Jahr bis 2031 will das Unternehmen mit „Alpha“ Strom erzeugen können. (Bild:  Proxima Fusion)
Die Die Münchner Firma Proxima Fusion hat im Frühjahr dieses Jahres im Fachjournal „Fusion Engineering and Design“ ein Konzept für ein Fusionskraftwerk veröffentlicht. Bis zum Jahr bis 2031 will das Unternehmen mit „Alpha“ Strom erzeugen können.
(Bild: Proxima Fusion)

Die EU bekundet auf vielen Ebenen, ins Rennen um die beste Künstliche Intelligenz (KI) einsteigen zu wollen. Der „AI Act“ soll für Vertrauen sorgen, was immer damit gemeint sein soll, massive Investitionen Europas „Führungsrolle in der KI-Entwicklung“ stärken, um wettbewerbsfähig gegenüber den USA und China zu bleiben. Dafür mobilisiert die EU Mittel unter anderem aus Programmen wie 'Digitales Europa' und 'Horizont Europa', um ein jährliches Investitionsvolumen von über 20 Milliarden Euro zu erreichen.

Damit sollen allen voran Initiativen wie Gigafactories für KI-Chips und der Ausbau europäischer Supercomputing-Kapazitäten vorangetrieben werden, die wiederum leistungsstarke KI-Modelle ("Frontier Models") hervorbringen sollen. Das hat jedoch gravierende Folgen, nicht zuletzt in Bezug auf den Stromverbrauch von Rechenzentren.

Der dürfte sich kurzfristig, nämlich bis 2030, mehr als verdoppeln, so die Prognose der Internationalen Energie-Agentur (IEA): „Nachdem der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren im Jahr 2022 schätzungsweise 460 Terawattstunden (TWh) betrug, könnte er im Jahr 2026 mehr als 1.000 TWh erreichen. Dieser Bedarf entspricht in etwa dem Stromverbrauch Japans.“ Kein Wunder eigentlich, verbraucht doch eine einzige ChatGPT-Abfrage fast zehnmal mehr Energie als eine Google-Suche.

Kann die Stromerzeugung mithalten?

Doch woher soll der Strom kommen? „Schätzungen zufolge werden bis 2040 mehr als die Hälfte der derzeitigen Kraftwerke in Großbritannien und der EU stillgelegt, obwohl der Strombedarf zwischen 2022 und 2050 voraussichtlich um fast 80 Prozent steigen wird. Grund dafür ist der Wunsch, sich von fossilen Brennstoffen wie Kohle unabhängig zu machen“, berichtet Patrick Smith, Field CTO EMEA bei Pure Storage.

Deutschland geht mit der „Energiewende“ sowieso einen eigenen - und schwierigen - Weg. Die Strategie fußt auf zwei primären Säulen: Zum einen Dekarbonisierung und Ausstieg aus fossilen/nuklearen Energieträgern.

Entsprechend wurde die Kernenergienutzung in Deutschland 2023 beendet. Weil man bis spätestens 2045 „klimaneutral“ sein will, muss auch die Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohle bis spätestens 2038 beendet werden. Zum anderen soll auf „saubere“ Energieträger, hauptsächlich Windkraft und Solarenergie, umgestellt werden.

Die Umsetzung ist für alle sichtbar mit komplexen Herausforderungen verbunden, die Versorgungssicherheit ist nicht mehr gewährleistet. Als die wichtigsten Probleme haben sich eine verstärkte Abhängigkeit von fossilen Energieträgern herausgestellt, die Abhängigkeit von Stromimporten aus dem europäischen Ausland sowie die fehlende "Bandlast", also einer gleichmäßigen, wetterunabhängigen Leistung.

Oder um es mit den Worten des Rechenzentrumsexperten und Energiewende-Kritikers Stafan Revemann zu sagen: „Eine Industrienation kann nicht nur mit Sonne und Wind betrieben werden, auch nicht in Kombination mit Batterien.“

Ist Atomkraft (wieder) die Lösung?

Der Ausstieg aus der Kernenergie war ein politisch gewollter Schritt, er stand unter dem Eindruck von Fukushima und des Problems der Atommüll-Endlagerung. Er ist aber nur in Deutschland erfolgt und hat Druck gemacht, die Erneuerbaren Energien und die Speicherkapazitäten extrem schnell auszubauen – leider mit wenig Erfolg, wie alle Welt sehen kann. Entsprechend wird außerhalb Deutschlands die Kernenergie als ein wichtiger Faktor im zukünftigen Energiemix betrachtet, sowohl zur Deckung des Bedarfs als auch zur Unterstützung der Dekarbonisierung.

Die IEA geht entsprechend davon aus, dass sich der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung bis 2050 fast verdoppeln wird. Aktuell seien derzeit weltweit 63 Kernreaktoren mit einer Gesamtleistung von mehr als 70 GW im Bau. Der Großteil dieser Aktivitäten findet in Russland und China statt, aber auch in der EU wird fleißig gebaut. Nur nicht in Deutschland.

Das könnte sich mit dem Aufkommen von kleinen modularen Reaktoren, auch Small Modular Reactors (SMRs) genannt, ändern. Die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) definiert sie typischerweise mit einer Kapazität von bis zu 300 Megawatt (MWe) pro Einheit.

Zum Vergleich: Großreaktoren liegen bei über 1.000 MWe. Im Idealfall sind sie vorgefertigt, einfach zu installieren und schnell in Betrieb zu nehmen. Bauartbedingt benötigen SMRs weniger Platz und weniger Kühlwasser. Sie könnten daher theoretisch auch an Standorten errichtet werden, die für große Anlagen ungeeignet sind, also in entlegenen Gebieten oder an Standorten mit begrenzter Netzkapazität.

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Auch SMR-Designs entwickeln sich weiter, zunehmend ist von 'Advanced Modular Reactors' (AMRs) die Rede. Der wesentliche Unterschied zwischen liegt in der verwendeten Technologie: SMRs sind im Grunde eine kleinere Version der heute üblichen konventionellen Leistungsreaktoren der Generation II und III. Sie verwenden meist bewährte, wassergekühlte Technologien, ähnlich den großen Atomkraftwerken.

„Der Advanced Modular Reactor (AMR) ist ein Kernreaktor der nächsten Generation (Generation IV), der mit nicht proliferierendem Brennstoff betrieben wird und neue Maßstäbe in Sachen Sicherheit, Effizienz und Nachhaltigkeit setzt,“ heißt es auf der Website der Technischen Universität München. Und weiter: „Mit seinem schnellen Neutronenspektrum eröffnet der Reaktor neue Wege für die Entwicklung von Materialien für zukünftige Fusionsreaktoren und andere Hightech-Anwendungen. Damit ist der AMR ein Schlüsselelement für Forschung, Innovation und industriellen Wandel.“ (Bild:  TUM)
„Der Advanced Modular Reactor (AMR) ist ein Kernreaktor der nächsten Generation (Generation IV), der mit nicht proliferierendem Brennstoff betrieben wird und neue Maßstäbe in Sachen Sicherheit, Effizienz und Nachhaltigkeit setzt,“ heißt es auf der Website der Technischen Universität München. Und weiter: „Mit seinem schnellen Neutronenspektrum eröffnet der Reaktor neue Wege für die Entwicklung von Materialien für zukünftige Fusionsreaktoren und andere Hightech-Anwendungen. Damit ist der AMR ein Schlüsselelement für Forschung, Innovation und industriellen Wandel.“
(Bild: TUM)

AMRs gehen über die SMRs hinaus, indem sie Reaktoren der Generation IV verwenden. Solche Hochtemperaturreaktoren (HTR), Flüssigsalzreaktoren (MSR) oder Schnellen Reaktoren basieren auf grundlegend anderen physikalischen und chemischen Konzepten und nutzen Brennelemente aus Low-Enriched Uranium (LEU), High-Assay LEU (HALEU) oder Thorium.

Als Kühlmittel kommen Helium, Flüssigsalze oder Flüssigmetalle zum Einsatz, wodurch Betriebszyklen mit höheren Temperaturen möglich werden. Die Vorteile liegen in der verbesserten passiven Sicherheit, der reduzierten Menge an langlebigem Atommüll und der Möglichkeit, Prozesswärme für industrielle Anwendungen zu liefern.

Das Wichtigste aber ist, dass SMRs oder auch AMRs prinzipiell in Rechenzentren integriert werden könnten. Während der Bau herkömmlicher Kernkraftwerke acht bis zehn Jahre dauert, sollen SMRs in nur zwei bis drei Jahren einsatzbereit sein.

Konzepte sind noch unausgereift

Hört sich zu gut an? Stimmt; denn die meisten SMR-Konzepte befinden sich noch in der Entwicklungs- und Genehmigungsphase. Nur wenige Projekte weltweit nähern sich dem Bau oder der Inbetriebnahme, einige gelten sogar als gescheitert.

Die versprochene Serienfertigung ist längst noch nicht Realität. Insofern ist unklar, ob SMRs ohne staatliche Subventionen wettbewerbsfähig sein werden. Ihre Wirtschaftlichkeit müssen sie erst in der Praxis erweisen.

Doch hier ein genauerer Blick auf einige mögliche Projekte: Das SMR-Konzept von der Rolls-Royce Holdings Plc. - einem britischen Industriekonzern, der auf Flugzeugtriebwerke, Verteidigung und Energie spezialisiert ist, aber nichts mit der Automobilsparte Rolls-Royce Motor Cars zu tun hat, die der BMW Group gehört – setzt auf einen Druckwasserreaktor (Pressurised Water Reactor, PWR) der Generation III+. Das Design basiert auf etablierter Technologie, ist jedoch für einen modularen Bau optimiert.

Die elektrische Leistung des Einzelmodulkonzepts beträgt 470 MWe pro Einheit. Das ist vergleichsweise hoch, da die IAEA-Obergrenze bei 300 MWe liegt, aber der Rolls-Royce SMR wird oft als "großer SMR" bezeichnet. Die thermische Leistung liegt bei 1.358 Megawatt thermisch (MWth) und soll 60 Jahre lang abgegeben werden können.

Eine Hürde stellt selbstredend die Sicherheit dar: Obwohl SMRs auf vereinfachte Sicherheitssysteme setzen, müssen sie dieselben hohen Sicherheitsanforderungen wie Großanlagen erfüllen. Gleichzeitig fehlen aber standardisierte und klaren Genehmigungs- und Aufsichtsstrukturen für die neuen modularen Designs und Fertigungsprozesse.

Drei renommierte Anbieter und ihre Projekte

Das Design von Rolls-Royce befindet sich im sogenannten Generic Design Assessment (GDA)-Prozess beim britischen Office for Nuclear Regulation (ONR). Dieses sieht ein mehrstufiges Verfahren zur Genehmigung des generischen Designs vor, das für eine Serienfertigung entscheidend ist. Erste Einheiten könnten demnach frühestens Anfang der 2030er Jahre in Betrieb gehen.

Rolls-Royce kooperiert mit Siemens

Partner dabei wäre unter anderem Siemens Energy, das mit Rolls-Royce eine exklusive Vereinbarung zur Lieferung der "Turbine Island" eingegangen ist, das ist der nicht-nukleare Teil des Kraftwerks, einschließlich Dampfturbinen und Generatoren. Als Interessenten haben sich bislang vorrangig Tschechien und Polen hervorgetan. Andere Länder wie Russland und China haben Berichten zufolge bereits erste kleine, nicht-modulare Reaktoren (nicht von Rolls-Royce) in Betrieb oder in Bau.

Zu weiteren wichtigen Akteuren für SMR-Technologie in Rechenzentren gehören in Europa u.a. Nuward von EDF, Newcleo und Kärnfull Next. Daneben wollen wir uns exemplarisch TerraPower und NuScale als prominente Anbieter ansehen:

NuScale in der Sackgasse

Das Vorhaben von NuScale in den USA war lange Zeit das bekannteste und am weitesten fortgeschrittene SMR-Projekt weltweit, erlitt jedoch im November 2023 Schiffbruch. Beim „NuScale VOYGR SMR“ handelte es sich eigentlich um einen PWR, dessen Module jeweils 77 MWe beziehungsweise 250 MWth erzeugen sollten.

Die Anlage war skalierbar und als VOYGR-4 (308 MWe), VOYGR-6 (462 MWe) oder VOYGR-12 (bis zu 924 MWe) geplant. Die einzelnen Module konnten ohne menschliches Eingreifen, ohne Wechselstrom und ohne zusätzliches Wasser heruntergefahren und selbstständig gekühlt werden. Alle Module befanden sich in einem gemeinsamen Wasserbecken im Containment.

Eigentlich sah alles nach Vollzug aus, das ursprüngliche 50-MWe-Modell war 2020 sogar von der US-Aufsichtsbehörde Nuclear Regulatory Commission (NRC) zertifiziert worden. Auch ein 77-MWe-Uprate wurde genehmigt. Das „Carbon Free Power Project (CFPP)“ des Utah Associated Municipal Power Systems (UAMPS), ein Verbund von örtlichen Stadtwerken, sollte 12 Module erhalten, die im Laufe des Projekts aber auf sechs Module mit 462 MWe heruntergeschraubt wurden.

Eingestellt

Im November 2023 stellten UAMPS und NuScale ihr Vorhaben aber ein, als Hauptgrund wurde eine Kostenexplosion sowie die fehlende Abnehmer-Bindung genannt. Der geschätzte Strompreis war nämlich von ursprünglich 55 Dollar pro MWh auf 89 Dollar/MWh gestiegen, was Konzept für viele Mitglieder von UAMPS nicht mehr wirtschaftlich machte, sie gingen von der Stange.

Trotz des Scheiterns des CFPP in Idaho treibt NuScale die Vermarktung seiner Technologie in den USA und international aber weiter voran. Im September dieses Jahres etwa kündigte man eine Partnerschaft mit der Tennessee Valley Authority (TVA) und ENTRA1 Energy für ein 6-GW-SMR-Programm an. Auch gibt es Vereinbarungen und Absichtserklärungen zur Bereitstellung seiner VOYGR-Anlagen u.a. mit Rumänien, Polen, Tschechien und Jordanien.

TerraPower baut in Wyoming

TerraPower ist ein von Bill Gates mitgegründetes Start-up, das gleich mehrere ehrgeizige Projekte verfolgt. Ein Natrium-Reaktor stellt das das aktuell am weitesten fortgeschrittene und wichtigste Projekt dar, die Bauarbeiten dafür haben im Juni 2024 begonnen. Es handelt sich um einen natriumgekühlten schnellen Reaktor (Sodium-Cooled Fast Reactor / SFR) der Generation IV.

Er verwendet – nomen est omen - flüssiges Natrium als Kühlmittel. Das ermöglicht den Betrieb bei Umgebungsdruck und sehr hohen Temperaturen, was Sicherheit und Effizienz verbessert, weil kein Druckbehälter benötigt wird.

Standort ist in Kemmerer, Wyoming, USA, die Nennleistung beträgt 345 MWe. Das System verfügt über einen integrierten Energiespeicher auf Basis geschmolzener Salze, der die Leistung bei Bedarf für über fünfeinhalb Stunden auf 500 MWe steigern kann, um Schwankungen im Stromnetz auszugleichen.

Das Ziel

TerraPower hat sich zum Ziel gesteckt, den Betrieb 2030 aufzunehmen. Gerade eben, im Oktober 2025, hat das Unternehmen zudem den Natrium-Reaktor zur regulatorischen Genehmigung (GDA-Prozess) in Großbritannien eingereicht.

Damit aber nicht genug: Auch an einem Laufwellen-Brutreaktor (Traveling Wave Reactor, TWR) wird gebastelt. Dabei handelt es sich um einen schnellen Reaktor, der nach dem Prinzip eines Brutreaktors arbeitet. Er ist so konzipiert, dass er jahrzehntelang ohne Brennstoffwechsel auskommen kann.

Der Reaktor würde mit einer kleinen Menge angereichertem Uran 'gezündet'. Die Kettenreaktion "wandert" dann durch den Kern und brütet das umliegende, leicht verfügbare Uran-238 in spaltbares Plutonium-239 um und verbrennt es gleichzeitig. Die Entwicklung wird aktuell aber durch den Handelskonflikt zwischen den USA und China behindert, TerraPower darf mit keinem chinesischen Partner mehr zusammenarbeiten. Der Fokus liegt daher nun auf dem Natrium-Reaktor.

Daneben forscht das Unternehmen an Chloridschmelze-Reaktoren (Molten Chloride Fast Reactors / MCFRs). Im Gegensatz zum Natrium-Reaktor verwendet dieser geschmolzene Chloride sowohl als Brennstoff als auch als Kühlmittel. Dadurch kann er theoretisch bei sehr hohen Temperaturen betrieben werden, was diverse Vorteile birgt.

Das Drei-Kreislauf-Kompakt-PWR-Design von Rolls-Royce setzt auf eine Kombination aus passiven und aktiven Sicherheitssystemen, einschließlich Notabschalt- und Kernkühlsysteme. Als Brennstoff kommt gering angereichert Industriestandard-Urandioxid mit bis zu 4,95 Prozent Uran-235 zum Einsatz. Idealerweise werden fast 90 Prozent der Fertigungs- und Montagearbeiten in Fabriken unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt.

Andere SMR-Designs verwenden höher angereichertes Uran, sogenannter HALEU-Brennstoff, was bei einer weltweiten Verbreitung der Technologie das Risiko der Weiterverbreitung waffenfähigen Materials erhöhen könnte. Auch die Fragen der Zwischen- und Endlagerung des nuklearen Abfalls, die ja u.a. zur Abschaltung der traditionellen Reaktoren in Deutschland geführt haben, sind weit- und weiterhin ungeklärt.

Mit welchen Kosten müssen Nutzer rechnen?

Die verbindlichen Kosten für Rechenzentrumsbetreiber, die einen SMR von Rolls-Royce erwerben und nutzen möchten, sind nicht öffentlich verfügbar. Sie seien stark von der finalen regulatorischen Genehmigung und der Seriengröße abhängig. Man kann aber spekulieren und sich auf Basis der Unternehmensschätzungen annähern. Zunächst müssen die Ausgaben in zwei Hauptkomponenten unterteilt werden: in einerseits Anschaffungs- und Baukosten und andererseits in die „Stromgestehungskosten“ (Levelized Cost of Electricity / LCOE).

Die Baukosten beziehen sich auf die Investition, die nötig ist, um die Anlage zu errichten. Rolls-Royce schätzt, dass die erste SMR-Einheit in Großbritannien mit 470 MWe etwa 2,5 Milliarden Pfund, also rund 2,9 bis 3,5 Milliarden Euro kosten wird. Dies entspräche etwa 5.300 Pfund pro kW.

Durch die angestrebte Massenfertigung soll der Preis auf rund 2,0 Milliarden Pfund sinken. Ein Rechenzentrumsbetreiber würde im Falle einer direkten Kopplung den Preis für eine komplette Rolls-Royce SMR-Anlage bezahlen, also die oben genannten Milliardenbeträge.

Alternativ könnten Betreiber einen Stromabnahmevertrag (PPA) mit dem Betreiber des SMR-Kraftwerks, häufig ein Energieversorger, abschließen. Dann wäre lediglich für den gelieferten Strom zu bezahlen. Rolls-Royce hat sich zum Ziel gesteckt, Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen zu liefern. In der Vergangenheit wurden Zielwerte genannt, die im Bereich von £ 40–60 pro Megawattstunde (MWh) lagen, was 4 bis 6 Pence pro Kilowattstunde (kWh) entspricht. Aktuell gibt es jedoch noch keine kommerziellen Verträge über Bau und Nutzung des Rolls-Royce SMR, daher sind alle Zahlen Schätzungen beziehungsweise Ziele des Herstellers.

Die Rechtslage in Deutschland: Bayern fusioniert statt zu spalten

In China und den USA wird gebaut, in Großbritannien und anderen Ländern geplant – wie aber sieht es mit der Rechtslage in Deutschland aus? Um es kurz zu machen: Hier gilt der Betrieb von SMRs zur gewerblichen Stromerzeugung als unzulässig.

Verantwortlich dafür ist das deutsche Atomgesetz (AtG), das keine neuen Genehmigungen für den Betrieb von Kernkraftwerken zur Stromerzeugung zulässt. Anträge auf Errichtung und Betrieb nach § 7 des AtG müssen abgelehnt werden. Die einzige Ausnahme betrifft Forschungsreaktoren an Universitäten und Forschungseinrichtungen, da sie nicht der gewerblichen Stromerzeugung dienen.

Doch ähnlich wie die Technik befindet sich auch die Rechtslage in einem ständigen Wandel. Seit Wochen und Monaten gibt es in Deutschland auf Bundes- und Länderebene eine Vielzahl von Initiativen, Gesetzen und Pakten, um Baugenehmigungen und die zugehörigen Verfahren zu beschleunigen und Bürokratie abzubauen. Diese Vorstöße zielen zuvorderst auf den Wohnungsbau und die Infrastruktur, aber auch auf den Ausbau der erneuerbaren Energien ab. Der Presse ist jedoch zu entnehmen, dass mehrere Ministerien als Bremser auftreten.

In Bayern

In Bayern aber hat die Staatsregierung Ende 2023/Anfang 2024 einen „Masterplan zur Förderung der Kernfusion und neuartiger Kerntechnologien" vorgelegt. Bei der Kernfusion werden kleine Atomkerne, anders als in Reaktoren von herkömmlichen Atomkraftwerken, bei extremen Temperaturen verschmolzen statt gespalten, sprich: fusioniert.

Im Masterplan wird auch das Konzept der SMRs thematisiert und erklärt, dass Bayern im Bereich der Kernfusion „Vorreiter“ sein will, Forschung und Ausbildung sollen intensivieren sowie ein "Bavarian Fusion Cluster" plus „Fusion Campus“ aufgebaut werden. Die Kernfusion wird im Masterplan gar als die langfristig sichere, CO2-neutrale und grundlastfähige Energiequelle der Zukunft bezeichnet. Daneben bekennt er sich auch zur Erforschung und Entwicklung "neuartiger Technologien zur Kernspaltung", insbesondere im Bereich der SMR bzw. der AMR und ihrer Transmutation.

Wissenschaftsminister Markus Blume 2023:

„Energiefragen haben in den letzten Jahren immer gespalten. Wir wollen alte Dogmen überwinden und die Gesellschaft hinter einem neuen Projekt versammeln“, so Wissenschaftsminister Markus Blume 2023 in Garching, unweit des „Atomeis“. „Wir wollen gemeinsam ein neues Energiezeitalter einläuten. Wir wollen nicht nur Atomkerne vereinen, sondern auch die Gesellschaft.“

Der bayerische Vorstoß zielt nicht direkt auf den sofortigen Bau kommerzieller SMRs ab, man wolle aber neue Technologien erforschen und damit das Know-how ausbauen. Anfang dieses Jahres wurde die Ziele konkretisiert: Für die strategische Energie-Unabhängigkeit Deutschlands wird nun neben den erneuerbaren Energien auch das „Gebiet der Kernenergie“ in Betracht gezogen.

Bis 2028 sollen dort Investitionen von 100 Millionen Euro hineinfließen. Die schon vorhandenen Kompetenzen werden mit einer großen Ausbildungsoffensive mit bis zu sechs neuen Lehrstühlen, davon drei prioritär, Nachwuchsforschergruppen und einschlägigen Studien- und Graduiertenangeboten deutlich ausgebaut. Zudem werde ein hochschulübergreifender Studiengang Nuclear Fusion Technologies eingerichtet.

Und erstmals wieder sind die modularen Kraftwerke ein Thema. Ein neuer, noch einzurichtender TUM-Lehrstuhl für Angewandte Kerntechnologien soll neue Entwicklungen im Bereich AMR für die Fusion nutzbar machen. Diese werden nach den Vorstellungen der Politik neben der Sicherung der Grundversorgung auch den „Weg zum europäischen KI-Mekka ebnen“.

Die Staatsregierung startete deshalb eine für Forschungszwecke nutzbare Infrastruktur namens „BayernKI“, deren Rechenleistung vom Leibniz Rechenzentrum in Garching (LRZ) und dem Regionalen Rechenzentrum Erlangen (RRZE) erbracht wird. Zusätzlich sollen 134 (!) neue KI-Lehrstühle eingerichtet werden. Und tatsächlich scheint sich als Ergebnis nun viel zu tun in Bayern in Sachen KI und Rechenzentren, nicht nur in Schweinfurt.

Was können Datacenter-Betreiber tun?

Man sieht: Zumindest in Bayern ist der Weg von der friedlichen Nutzung der Nuklearenergie hin zu der der KI ein kurzer. Während der Bund am strikten Atomausstieg festhält und keine gewerbliche Nutzung der Kernspaltung zulässt, hält die bayerische Staatsregierung bestehend aus CSU und Freie Wähler die Option Kernkraft offen.

Ausdrücklich wird die Forschung an neuen Spaltreaktoren wie SMRs unterstützt, um die „nukleartechnische Kompetenz in Bayern zu stärken“. Trotz dieses Hoffnungsschimmers für energiehungrige KI-Rechenzentren haben sich SMRs in der Praxis noch nicht bewährt. Dies wird sich jedoch in den kommenden Jahrzehnten durch die immens steigende Nachfrage rasch ändern.

Was können die Rechenzentrumsbetreiber bis dahin tun? Schließlich benötigen sie schnelle Lösungen, um den Energieverbrauch zu senken. Dafür müssen sie - aber das müsste man an dieser Stelle eigentlich nicht thematisieren, weil selbstredend - jeden Bereich des Energieverbrauchs im Gebäude genau unter die Lupe nehmen: vom Netzwerk über die Rechenleistung bis hin zur Datenspeicherung und allen damit verbundenen Kühlungs- und Stromanforderungen.

Zudem gilt es, die weitere politische Diskussion um die Kernenergie genau zu verfolgen. Vielleicht erhalten Stimmen wie die von Staffan Revemann doch wieder mehr Gehör.

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