Eine unheilige Allianz Vertiv, die Datacenter-Branche und die Atomkraft

Von Ulrike Ostler 6 min Lesedauer

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Da musste man sich die Augen reiben oder auch die Verbindung von Ohren zum Gehirn überprüfen: Auf der vergangenen Veranstaltung „Vertiv Driving Innovation: The Future of AI Factories“ haben sich die versammelten Vertreter europäischer Datacenter Associations so schnell wie möglich die Umsetzung von Small Modular Reactors (SMRs) gewünscht. Andernfalls könne man in Europa zur KI-Rechnerei in den USA nicht aufschließen. Eine fragwürdige Allianz.

So könnten SMRs aussehen; das Bild ist allerdings eine Simulation.(Bild: ©  AA+W - stock.adobe.com / KI-generiert)
So könnten SMRs aussehen; das Bild ist allerdings eine Simulation.
(Bild: © AA+W - stock.adobe.com / KI-generiert)

Im Nachhinein ist es nicht so verwunderlich, dass die Verbindung Rechenzentren und Atomkraft gerade bei Vertiv, einem Ausstatter von Datacenter mit Gerätschaften für die Kühlung und Stromversorgung; denn bereits im Juli des vergangenen Jahres hatten die Oklo Inc., Anbieter von Nukleartechnik, und Vertiv ihre Kooperation bekannt gegeben. Diese zielt auf eine gemeinsamen Entwicklung von Energie- und Wärme-Management-Techniken liegt, die speziell auf Hyperscale- und Co-Location-Rechenzentren zugeschnitten sind und mit Dampf und Strom aus den Kernkraftwerken von Oklo betrieben werden. Eine Pilot-Technologiedemonstration ist für das erste „Oklo Aurora“-Kraftwerk geplant.

Überhaupt ist Zielmarkt bislang die USA. Dort gibt es eine wachsende Zahl von Start-ups im Bereich Kernenergie. Und diese erregen Aufmerksamkeit, indem sie sich auf Markttreiber konzentrieren, die einen steigenden Strombedarf ausweisen, etwa KI-Rechenzentren, und Bedarf an kontinuierlicher Energie haben. Zudem gilt Kernenergie als CO2-frei.

Jacob DeWitte, Mitbegründer und CEO von Oklo , sagt: „Wenn man ein Atom spaltet, erhält man fast fünfzig Millionen Mal mehr Energie als bei der Verbrennung eines Moleküls Erdgas oder Ähnlichem. Das ist unglaublich.“ Und SMRs könnten näher am Bedarf platziert sein.

Kernkraft-Start-ups

Jedenfalls gibt es geradezu eine Start-up-Szene in diesem Segment. Wie etwa das US-Medium „HPC Wire“ berichtet, konnte allein Radiant Nuclear Ende des vergangenen Jahres in einer Finanzierungsrunde mehr als 300 Millionen Dollar aufbringen. Diese Mittel hat das Unternehmen direkt in den Aufbau von Produktionskapazitäten und die Weiterentwicklung seines ersten betriebsbereiten Reaktors investiert.

Oklo hatte durch eine SPAC-Transaktion, SPAC steht für Special Purpose Acquisition Company – eine Zweckgesellschaft ohne operatives Geschäft, das Investoren und bekannte Manager gründen, bei dem Gang an die Börse einen Brutto-Erlös von rund 300 Millionen Dollar erzielt. Branchenweit haben Start-ups im Bereich Kernenergie, die sich auf kleine Reaktoren konzentrieren, insgesamt rund 1,1 Milliarden Dollar an neuen Finanzmitteln aufgebracht.

Selbst wenn man den Wertbeitrag außer Frage stellte, ist Umsetzung ist eine andere Sache. Das zeige sich auch in diesem Start-up-Ökosystem. Die jüngsten Finanzierungs- und Einsatzstrategien deuteten auf ein disziplinierteres Modell für Kernenergie hin - ebenso sehr von praktischen Zwängen geprägt wie von Ambitionen, schreibt HPC Wire.

Zum einen rechnen Energieversorger nach wie vor in Jahreseinheiten und SMRs sind neu und keinesfalls ausgereifte Technik. Abgesehen von Pilotobjekten in China oder Russland gibt es noch keine.

In den USA waren zwei Sites im Bau, eines von Nuscale ist bereits wieder eingestellt worden (siehe auch: „Small Modular Reactors; Sorgt die KI für eine Renaissance der Atomkraft?“). In Europa sollen derzeit zwei entstehen, eins in Großbritannien am Standort Wylfa in North Wales, mit einer Kapazität von 470 Megawatt, und eins in Polen.

Piotr Kowalski, Managing Director at the Polish Data Center Associaton sowie Head of Innovation bei Beyond.pl äußerst sich geradezu enthusiastisch zur Aussicht auf den ersten Small Modular Reaktor in Polen. (Bild:  Vertiv)
Piotr Kowalski, Managing Director at the Polish Data Center Associaton sowie Head of Innovation bei Beyond.pl äußerst sich geradezu enthusiastisch zur Aussicht auf den ersten Small Modular Reaktor in Polen.
(Bild: Vertiv)

Der Vertreter des polnischen Datacenter-Verbands Managing Director Piotr Kowalski, zeigte sich geradezu enthusiastisch angesichts des SMR-Projekts und des stark dominierenden Kohlestroms in Polen. Allerdings ist es seiner Aussagen zufolge frühestens 2032 fertig. Insgesamt sind in Polen mehr als 100 Projekte kleiner modularer Kernspaltungsreaktoren angekündigt. Bis di alle gebaut und in Betrieb sind, dürfte sich KI-Technik etablieren können, die weit weniger stromhungrig ist als jetzige.

Großbritannien kommt die Reaktortechnik von Rolls-Royce, Hochtief ist am Bau beteiligt. Erste Module sollen Anfang der 2030er in Betrieb gehen. Die britische Regierung prüft, ob auch Anbieter wie GE Vernova und Westinghouse für weitere Werke in Frage kämen.

Stromversorgung für Rechenzentren?

Allerdings gilt hüben wie drüben: Die Rechenzentren benötigen die Energie jetzt, nicht später. Nach Evaluationen der europäischen Dachorganisation, the European Data Centre Association (EUDCA), ein Zeitfenster von vier Jahren, um in Sachen KI gegenüber den USA aufzuholen. Dann hat Polen auch im besten Fall noch nicht einmal seinen ersten ‚kleinen“ Reaktor stehen.

HPC Wire führt weitere Komplikationen an: So könne beispielsweise der Transport eines Reaktors an einen abgelegenen Standort unerwartete Anforderungen an Logistik, Sicherheit und Standortvorbereitung mit sich bringen. Ebenso könnten Fertigungspläne während der Planung noch klar und übersichtlich erscheinen, doch Probleme in der Lieferkette mit Spezialkomponenten können die Zeitplanung durcheinanderbringen. Die Zusammenarbeit mit den Aufsichtsbehörden könne monatelang reibungslos verlaufen, dann aber aufgrund eines einzigen ungelösten Problems dramatisch verlangsamt werden oder sogar vollständig zum Erliegen kommen.

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Da scheint es doch fragwürdig, dass sich eine Branche, und EUDCA bezeichnet sich als „die Stimme der europäischen Rechenzentrumsgemeinschaft“, an eine Energiequelle binden will.

Umgekehrte Interview-Rollen

Bei Vertiv sieht man es offensichtlich anders. So ist ein Interview mit dem Regional Director Central Europe bei Vertiv Igor Grdic, auch recht merkwürdig verlaufen; denn die Autorin dieses Artikels sollte Rede und Antwort stehen auf die Frage: Was haben Sie eigentlich gegen Kernreaktoren?

  • Sie sind nicht „grün“: Sie müssen gekühlt werden. Material-Transport und Beschaffung sind aufwändig. Das Baumaterial ist ebenfalls speziell und keinesfalls CO2-neutral
  • Sie sind teuer: Scaleneffekte fehlen. Serienfertigung ist reine Theorie.
  • Unterschiedliche Designs (Wasser-, Salz-, Gas-, Blei- oder Natriumgekühlt) erhöhen Komplexität und Zulassungsaufwand.
  • Jede neue Reaktorlinie erfordert neue Sicherheitsnachweise, was eben Zeit und Geld kostet. Harmonisierung internationaler Standards ist bislang kaum erreicht.
  • Die Versicherungen sind immens hoch Der Abbau kostet.
  • Mehr Reaktoren = mehr potenzielle Angriffsziele, immer einmal wieder ist bisher angereichertes Uran verschwunden.
  • Atommüll ist ein ungelöstes Problem, auch SMRs reduzieren die Endlagerungsproblematik nicht grundlegend. Alleine für den Rückbau und die Zwischenlagerung der nunmehr abgeschafften Atomkraftwerke in Deutschland hatten die betriebwirtschaftlich verantwortlichen Unternehmen bis zum Dezember 2024 Rückstellungen in Höhe von 28 bis 48 Milliarden Euro aufgebaut. Eine volkswirtschaftliche Analyse (FÖS/Greenpeace Energy) kommt auf Gesamtkosten und -Nutzen der Atomenergie über Jahrzehnte, inklusive Subventionen und externen Kosten im Zeitraum bis 2022 auf mehr als 1 Billion Euro beziehungsweise kumulierte gesamtgesellschaftliche Belastungen. Damit hätten diese die reine Betriebsertragssicht überstiegen.
  • Es ist davon auszugehen, dass SMRs zehn bis 15 Jahre von Planung bis Betrieb benötigen.
  • Mit Widerstand von Kommunen und Bürgerinitiativen ist zu rechnen. Wo sollte etwa in Frankfurt ein Kernkraftwerk, auch nur ein klitzkleines stehen?

Diese kleine Auswahl an Einwänden zeigt, dass SMRs zwar als konzeptionell interessant gelten könnten, derzeit aber

  • die Wirtschaftlichkeit nicht belegt ist,
  • sie technologisch unreif sind,
  • regulatorisch anspruchsvoll
  • und gesellschaftlich umstritten.

Für die Unterstützung und Planung von Rechenzentren, die möglichst schnell KI bereitstellen sollen, sind sie also ungeeignet.

Selbst in den USA sind Deals mit Kernkraft-Anbietern nicht unumstritten, insbesondere weil das zu Lasten der Stromversorgung anderer Verbraucher gehen kann und wegen der strategischen Ausrichtung mit gesellschaftlichen und normativen Kontroversen über Energiebedarf für KI:

  • So hat der Tech-Riese Meta am 9. Januar bekannt gegeben, dass neue Vereinbarungen mit Vistra, Terra Power und Oklo bis 2035 bis zu 6,6 Gigawatt GW an neuen und bestehenden Kapazitäten dessen Rechenleistungen unterstützen werden. Zusammen mit der Vereinbarung mit Constellation Energy aus dem vergangenen Jahr wird Meta damit zu einem der bedeutendsten Unternehmenskunden für Kernenergie in der Geschichte der USA.
    Vor sieben Monaten hatte Meta bekannt gegeben, dass das Unternehmen eine Vereinbarung getroffen hat, den Kernreaktor dem US-Energieversorgunger Constellation Energy in Illinois für 20 Jahre in Betrieb zu halten. Durch den Vertrag kann das Kraftwerk „Clinton“, das über eine Kapazität von 1.121 Megawatt verfügt, um 30 MW erweitert werden. Bisher versorgt das Kraftwerk versorgt etwa 800.000 US-Haushalte mit Strom. Clinton wurde 1987 in Betrieb genommen, und im vergangenen Jahr beantragte Constellation bei der US-Atomaufsichtsbehörde die Verlängerung der Betriebsgenehmigung bis 2047.
  • Google hat indes Vereinbarungen getroffen, seine Rechenzentren über ein halbes Dutzend kleinerer Reaktoren, die von einem kalifornischen Energieversorger gebaut wurden, mit Atomstrom zu versorgen.
  • Ein ähnlicher Vertrag von Microsoft sieht die Wiederinbetriebnahme des Kernkraftwerks Three Mile Island vor, dem Ort des schwersten Atomunfalls und der schwersten Strahlenbelastung in der Geschichte der USA.

Apropos Atomunfall: Im März 2026 wird sich die Katastrophe von Fukushima zum 15. Mal jähren. Sie führte letztlich zum Atomausstieg in Deutschland. Jetzt geht das weltweit größte Atomkraftwerk wieder an Netz. Allerdings nicht ohne Störungen: Am 22. Januar 2026 sorgte ein Alarm beim Wiederanfahren von Block 6 des Werks Kashiwazaki-Kariwa für den Stopp der Arbeiten.

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