Die plötzliche Abberufung von Patrick (a.k.a. Pat) Gelsinger von seiner Position als CEO und seinem Posten im Vorstand markiert ein abruptes Ende von dem ehrgeizigen Intel-Projekt 'Reboot'. Niemand reißt sich bisher darum, seine großen Fußstapfen zu füllen. Wohin jetzt des Weges für die angeschlagene Chip-Legende?
Wer passt in die Fußstapfen von Ex-Intel-CEO Pat Gelsinger? Wie geht es mit dem Chip-Lieferanten weiter?
(Bild: EEKONG - stock.adobe.com / KI-generiert)
Gelsingers Bemühungen, den angeschlagenen Chiphersteller zu sanieren, gerieten in den vergangenen Monaten ins Stottern. Im September 2024 hat Intel einige ambitionierte Investitionen auf Eis gelegt, unter anderem den Bau der geplanten Mega-Fab in Magdeburg. Das Vorhaben wurde um zwei Jahre verschoben.
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, oder?
Mit seiner Megafabrik in Magdeburg wollte sich Intel als Auftragsfertiger für andere Unternehmen unersetzlich machen. Das ambitionierte Vorhaben dürfte rund 3.000 Arbeitsplätze (kurzfristig bis zu 10.000) schaffen und die europäische Chipversorgung sichern (siehe: dazu den Artikel “Was macht Intel richtig?”. „Mit dieser Investition schließen wir technologisch zur Weltspitze auf und erweitern unsere eigenen Kapazitäten für die Ökosystementwicklung und Produktion von Mikrochips“ kommentierte der Bundeskanzler Olaf Scholz.
Voller Vorfreude: Keyvan Esfarjani, Chief Global Operations Officer von Intel (erste Reihe links), Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundeskanzleramt für Wirtschaft, Finanzen und Europafragen (erste Reihe rechts), Pat Gelsinger, damaliger CEO von Intel und Bundeskanzler Olaf Scholz nahmen an der Unterzeichnung der Absichtserklärung für die Wafer-Fertigung in Magdeburg am 19. Juni 2023, teil.
(Bild: Bundesregierung/Kugler)
Die Europäische Union hatte für die Ansiedlung von Intel in Magdeburg im Rahmen des neuen 'European Chips Act' vom 25. Juli 2023 Unterstützung versprochen. (Der Intel-Aktienkurs begann sich zu erholen.) Die genaue Summe der EU-Subventionen für Intel ist nicht öffentlich bekannt. Im Topf gibt es insgesamt 43 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen für die Stärkung der Halbleiterindustrie in Europa.
Für den Standort in Magdeburg hatte Intel 30 Milliarden Euro an Investitionskapital vorgesehen. Von dieser stolzen Summe würden der Chipschmiede rund 10 Milliarden Euro durch Subventionen der deutschen Bundesregierung zufließen – zusätzlich zu den Beihilfen der EU in unbekannter Höhe.
Im Juli meldete Intel überraschend einen Verlust für das zweite Quartal 2024, der größer als erwartet ausfiel, und klagte lautstark über Ausbeuteprobleme mit der „Meteor Lake“-CPU. Die Bekanntgabe der Entlassungen von 15.000 Mitarbeitern weltweit hat die Investoren verunsichert. Intels Aktie fiel wie ein Stein ins Wasser: von jetzt auf gleich um 30 Prozent.
Der abrupte Verlust von einem Drittel der Marktkapitalisierung hat die Finanzierung Gelsingers ambitionierter Expansionspläne im Foundry-Geschäft erheblich erschwert. Intel musste sich auf alternative Finanzierungsmöglichkeiten stützen und bei den Steuerzahlern die Hand aufhalten.
Ende August hat Intel ein neuartiges Halbleiter-Co-Investitionsprogramm (SCIP) angekündigt, das ein neues Finanzierungsmodell für die kapitalintensive Halbleiterindustrie debütierte, Stichwort 'Smart Capital'. Im Rahmen dieses Programms hat Intel eine endgültige Vereinbarung mit der Infrastrukturtochter von Brookfield Asset Management, einem der größten globalen alternativen Vermögensverwalter, unterzeichnet und sich damit einen erweiterten Kapitalpool für den Ausbau der Fertigung verschafft.
Im Rahmen des 'Chips'-Programms der Vereinigten Staaten hatte Intel über 20 Milliarden Dollar an Zuschüssen und zinsgünstigen Krediten zugesprochen bekommen, doch offenbar – in Ermangelung eines in Augen der Bundesbehörden tragfähigen Sanierungsplans – keinen Cent erhalten.
Einfluss der US-Politik
Der Wahlsieg des republikanischen Präsidentschaftskandidaten wirft erhebliche Unsicherheiten im Hinblick auf die Auszahlung der Zuschüsse aus dem CHIPS Act auf. Trotz seiner Wahlkampfrhetorik, die das Gesetz kritisierte, dürfte es vom Prinzip her in der einen oder anderen Form bestehen bleiben (die Republikaner haben die Mehrheit im Kongress). Das Gesetz bleibt ein umstrittenes Thema. Die Verteilung der Mittel dürfte sich sicherlich verzögern. Für Intel wird es zu einer Existenzfrage.
Nach einem dramatischen Kursverlust von insgesamt 52 Prozent im Jahr 2024, einem Umsatzrückgang von 6 Prozent und einem erheblichen Quartalsverlust von 16,6 Milliarden Dollar zog der Vorstand von Intel die Reißleine. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters geht CEO Pat Gelsinger in den Ruhestand.
Stand: 08.12.2025
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Der Verwaltungsrat von Intel verfolgt das ehrgeizige Ziel, das Unternehmen schnellstmöglich wieder in die Profitabilität zu führen. Dieses ehrenwerte Vorhaben steht im Einklang mit den strategischen Zielen der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten – zumindest auf dem Papier.
Auf des Messers Schneide
Gelsingers Rücktritt wird die grundlegenden Probleme des einst führenden Halbleiterunternehmens wohl kaum lösen können. Die Ursachen für die Intel-Krise liegen tiefer: in einer organisatorischen Struktur und einem Vergütungssystem, das interne Machtkämpfe begünstigt, verraten Insider.
Doppelt hält besser? In der Übergangszeit sollen der Finanzvorstand (CFO) David Zinsner und Michelle Johnston Holthaus, Executive VP und General Manager der Client Computing Group, Intel gemeinsam lenken.
(Bild: Intel)
In der Übergangszeit sollen der Finanzvorstand (CFO) David Zinsner und Michelle Johnston Holthaus, Executive Vice President und General Manager der Client Computing Group, das Unternehmen gemeinsam lenken. Unter ihrer gemeinsamen Leitung soll wieder Stabilität einkehren. Doch eine Co-CEO-Konfiguration ist selten von Bestand.
Finanzvorstand (CFO) David Zinsner bildet derzeit mit Johnston Holthaus die derzeitige Doppelspitze von Intel.
(Bild: Intel)
Die Geschichte renommierter Unternehmen wie SAP (Jennifer Morgan und Christian Klein), Salesforce (Keith Block und Marc Benioff), Bridgewater Associates (Greg Jensen und Eileen Murray) oder BlackBerry (Mike Lazaridis und Jim Balsillie) zeigt, dass das Co-CEO-Modell nur eine Überbrückungslösung darstellt.
Eine Übernahme von Intel durch einen der vielen „fablosen“ Marktakteure wäre sicherlich nicht auszuschließen – oder eine Aufspaltung.
Zwischenzeitlich hatte Qualcomm Interesse bekundet und erntete für die Offenbarung nur Kopfschütteln. Qualcomm sah in Intel eine Möglichkeit, sich seine Design-Expertise anzueignen und neue Geschäftsfelder zu erschließen, insbesondere im lukrativen Rechenzentrumsmarkt. Finanzielle, regulatorische und betriebliche Hürden haben den Versuch aber vereitelt. Zum Glück, denn Qualcomm fehlt die Nötige Expertise, um sich aus Intels Schlamasseln einen Reim zu machen.
Gescheitert ist es aber vorerst an der Finanzierung. Qualcomm (Marktkapitalisierung: 181 Milliarden Dollar) hätte sich Intels Schulden in Höhe von mehr als 50 Milliarden Dollar (bei einer Marktkapitalisierung 103 Milliarden Dollar) aufbürden müssen. Dem Konzern stünden außerdem langwierige kartellrechtliche Prüfungen in China bevor. Das Reich der Mitte ist für beide Unternehmen ein Schlüsselmarkt.
Die Übernahme wäre eine der größten in der Geschichte der Technologiebranche gewesen. Letztendlich kühlte das Interesse von Qualcomm ab (Anm. der Autoren: „Und das ist auch gut so.“).
AMD hat Intel schon länger Beine gemacht geblasen. Die „Schrittmacherin“, Dr. Lisa Su, AMD-Chefin, zeigt, wo es langgeht.
(Bild: AMD)
Einige Analysten halten die Zusammenführung von Intel und AMD (230 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung) für wahrscheinlich. Der kühne x86-Lizenznehmer und Intel-Erzrivale schlägt sich schon länger tapfer gegen Intel und Nvidia gleichzeitig und könnte eine eigene Foundry-Expertise gut gebrauchen.
Das ist gar nicht so weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Intel hat ja kürzlich mit AMD einen x86-Rat gegründet mit dem Ziel, die x86-Architektur gegen ARM-basierte KI-Chips wie „Snapdragon Elite“ von Qualcomm – zu schützen, frei nach dem Motto: „Wehret den Anfängen!“.
AMD versteht sich seinerseits als ein 'Datacenter-First'-Unternehmen mit einem Fokus auf Hochleistungsrechner und Künstliche Intelligenz (siehe dazu auch den Bericht “Was macht AMD richtig?” ). Das Rechenzentrumsgeschäft von AMD macht mittlerweile 50 Prozent der Umsätze des Chip-Designers aus, prahlt Dr. Lisa Su, die CEO von AMD.
In der nächsten Zukunft
Noch sind Hopfen und Malz nicht ganz verloren. Die Chip-Produktion auf dem „18A“-Prozessknoten soll bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2025 beginnen. So konnte Intel kürzlich große Aufträge vom US-Verteidigungsministerium über die Lieferung von Hochleistungschips und -prozessoren für militärische Anwendungen und von Amazon Web Services (AWS) für Cloud-optimierte Chips einheimsen.
Im Rahmen der Vereinbarung mit Amazon wird Intel maßgeschneiderte AI-Fabric-Chips auf der Intel 18A-Technologie und maßgeschneiderte Xeon 6-Chips auf der Intel 3-Technologie für den Hyperscaler fertigen – und dafür braucht es neue Fabs. Intel und Microsoft Azure haben ihre langjährige Partnerschaft ausgebaut. Die D- und E-Familien von Azure-VMs werden Intel Xeon CPUs in der 5. Generation nutzen.
Fortschrittliche Technologien wie „RibbonFET“ und „PowerVia“ für die 18A-Prozessknoten erfordern neue Fertigungsstätte wie die geplante Mega-Fab in Magdeburg. Ursprünglich sollte hier die Produktion im Jahre 2027 beginnen; das verschiebt sich jetzt auf 2029. Bis dahin versucht Intel, die Kapazitäten in Irland zu strecken.
Die Fertigungsstätten
Intel investiert derzeit in die Erweiterung seiner Fertigungsstätte in Arizona und Oregon. Eine neue Fabrik, die sogenannte Ohio One, entsteht im Bundesstaat „Buckeye State“; diese Fertigungsanlage soll bereits im Jahre 2025 den Betrieb aufnehmen, auf dem 18A-Prozessknoten versteht sich.
Die größte Herausforderung von Intel besteht kurzfristig darin, einen geeigneten Nachfolger für Pat Gelsinger zu finden. Bei Intel selbst herrschen Machtkämpfe vor. Ob ein/e externe/r CEO die notwendige Autorität und Durchsetzungsfähigkeit mitbringen kann, um sich bei Intel zu behaupten und das Unternehmen erfolgreich wieder „auf Kurs“ zu bringen, ist fraglich.
Reboot? Sollte Intel die nächsten zwei Jahre durchhalten, hätte es den Reboot dann doch noch vollbracht. In der Abbildung: Intel-Veteran Pat Gelsinger.
(Bild: Intel)
Sollten sämtliche Bemühungen, eine/n geeignete/n Führungspersönlichkeit zu finden, scheitern, wäre eine Übernahme nicht auszuschließen. An Interessenten mangelt es ja nicht. Ob die Regulierungsbehörden mitspielen, steht auf einem anderen Blatt.
Im schlimmsten Fall müsste Intel Teile des Unternehmens wohl abstoßen. Dies dürfte dem Schuldenabbau auf die Sprünge helfen. Letzteres ist eine Disziplin, in der Dr. Lisa Su, die AMD-Chefin, seit Jahren fast unfehlbar punktet – und sie versteht was von Chips.
Die Bestrebungen vieler Länder, ihre kritischen Lieferketten zu sichern und zu diversifizieren, könnten die neue Intel-Führung dazu veranlassen, die Produktions- und Lieferkettenstrategien des Unternehmens zu überdenken. Mit dem Foundry-Geschäft könnte sich Intel unersetzlich machen, wenn die Produktion in 18A erst einmal anlaufen sollte. Dafür ist das Unternehmen mittlerweile vermutlich zu klein.
Im Falle einer Übernahme wäre eine umfassende „Deglobalisierung“ von Intel durchaus denkbar. Im Lichte der aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Trends ist es möglicherweise unvermeidlich.
*Das Autorenduo
Das Autorenduo besteht aus Anna Kobylinska und Filipe Pereia Martins. Die beiden arbeiten für McKinley Denali, Inc., USA.
Ihr Fazit lautet: Sollte Intel die nächsten zwei Jahre durchhalten, könnte es den Reboot womöglich noch vollbringen. Wenn das gelingt, hat es Intel dem Pat zu verdanken.