Britisches Großkraftwerk soll KI-Fabrik befeuern... sobald die Regulatorik mitzieht Ein Holzverbrenner für die KI-Revolution

Von Daniel Schrader 4 min Lesedauer

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Auf dem Gelände eines Großkraftwerks in Yorkshire will der Eigentümer Drax ein KI-Rechenzentrum errichten und mit Strom aus Holzpellets speisen. Ebenfalls erwägt Drax grüne Strom-PPAs für Datacenter-Betreiber. Den Plänen stehen nicht nur regulatorische Beschränkungen entgegen, sondern auch Umweltbedenken lautstarker Kritiker.

Symbolbild: der Energieproduzent Drax erwägt, ein KI-Rechenzentrum auf dem Gelände seines Kraftwerks in Yorkshire zu bauen und es mit Strom aus Holzpellets zu versorgen.(Bild:  ChatGPT 5 / KI-generiert)
Symbolbild: der Energieproduzent Drax erwägt, ein KI-Rechenzentrum auf dem Gelände seines Kraftwerks in Yorkshire zu bauen und es mit Strom aus Holzpellets zu versorgen.
(Bild: ChatGPT 5 / KI-generiert)

Während Meta und Microsoft mit nachhaltigen Rechenzentren aus ingenieurtechnisch konstruierten Holzmaterialen experimentieren, erwägt ein britischer Stromproduzent den Einsatz von Holz als Brennstoff für ein großflächiges KI-Rechenzentrum (KI = Künstliche Intelligenz).

Das Kraftwerk von Drax in Yorkshire produziert Strom aus Holzpellets.(Bild: ©  danheighton - stock.adobe.com)
Das Kraftwerk von Drax in Yorkshire produziert Strom aus Holzpellets.
(Bild: © danheighton - stock.adobe.com)

Das britische Energie-Unternehmen Drax betreibt nahe Selby im nordenglischen Yorkshire das ehemals größte Kohlenkraftwerk Westeuropas. Seit 2019 erzeugt es Strom allein aus komprimierten Holzpellets mit einer Gesamtleistung von knapp 2.600 Megawatt. Nun plant der Energieversorger nach Informationen von The Telegraph unmittelbar neben dem Kraftwerk ein leistungsstarkes KI-Datacenter zu errichten und es mit Strom aus Biomasse zu speisen.

Die Klimabilanz von Strom aus Biomasse

Da Drax Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern in Nordamerika importiert, positioniert das Unternehmen sein Yorkshire-Kraftwerk als „größten Erzeuger erneuerbaren Stroms im Vereinigten Königreich“. „Das Biomasse-Kraftwerk von Drax ist der größte CO2-Produzent im Vereinigten Königreich“, kontert Ember Energy, ein britischer Energiewende-Think-Tank.

Kohlenstoff heute gegen Sauerstoff morgen

Denn die komplexe Kalkulation einer positiven Klimabilanz geht nur dann auf, wenn Emissionen aus der Holzverbrennung mit der CO2-Aufnahme durch nachgepflanzte Bäume über Jahrzehnte ihrer Lebenszeit verrechnet werden. Zudem muss dafür der langfristige Waldbestand garantiert sein. Der Einsatz von Holzpellets gilt laut der „Biomass Strategy 2023“ des britischen Department for Energy Security & Net Zero als wichtiger Baustein der Energiewende, auch wenn das Policy Paper Überprüfungsverfahren zur Emissionskalkulation im Produktionskreislauf angekündigt hat.

Das deutsche Umweltbundesamt resümiert zur Klimabilanz differenziert, aber insgesamt kritisch: „das klimafreundliche Potenzial zur Nutzung von Holz“ sei vorhanden, aber „begrenzt“. Holzbasierte Biomasse sollte erst „am Ende einer möglichst langen Nutzungskette (zum Beispiel als Dachbalken, Spanplatte, holzbasierte Chemikalien)“ und in „Kraftwerken mit hohen Umweltstandards“ zum Einsatz kommen. Dem „Anbau von Biomasse eigens zur energetischen Nutzung“ hingegen steht das Umweltbundesamt „kritisch gegenüber“.

Umweltbedenken von Wissenschaftlern und Aktivisten

Laut Ember Energy könne je nach Kalkulationsansatz und Lieferkette der Energiegewinn aus Biomasse sogar zu einer schlechteren Klimabilanz als der Einsatz von Kohle führen. Auch der Wissenschaftliche Beirat europäischer Wissenschaftsakademien (European Academies Science Advisory Council) verneint insgesamt den Nutzen von holzbasierter Biomasse für europäische Nachhaltigkeitsziele. Zudem verweisen Umweltschützer auf Gefahren langfristiger Entwaldung sowie auf die Emissionen durch den Übersee-Transport und die 18 Pelletmühlen, die Drax in den USA und Kanada betreibt.

Drax will und soll grüner werden

Im Rahmen des Umstiegs auf Biomasse hat Drax staatliche Subsidien für erneuerbare Energien in Höhe von 6,2 Milliarden britischen Pfund erhalten. Die Labour-Regierung kürzte im Februar 2025 die Subventionen für das Kraftwerk um die Hälfte, sagte aber weitere 2 Milliarden Pfund Unterstützung bis 2031 zu. Bedingung dafür soll die Einhaltung höher Nachhaltigkeitstandards bei der Holzproduktion sein.

Gleichzeitig strebt Drax eine vollständige Emissionsneutralität bis 2030 an, wenn es gelingt, Technologien zur Absorption und Speicherung von CO2 bei der Holzverbrennung zur Marktreife zu führen. Zudem will das Unternehmen verstärkt grünen Wasserstoff einsetzen.

Grüne PPAs und KI-Datacenter bis 2030

Momentan ist das Yorkshire-Kraftwerk ein zentraler Energieversorger für britische Haushalte. 2024 lieferte es fünf Prozent des Stroms im Vereinigten Königreich und verbrannte dafür 6,4 Millionen Tonnen Holz. Da die Lieferantenverträge von Drax mit der britischen Regierung 2031 auslaufen, sucht das Unternehmen nach alternativen Einkommensquellen.

„Wir erwägen den Bau eines Rechenzentrums auf freiem Land am selben Standort, das zuverlässig grüne Energie direkt aus unserem Kraftwerk beziehen könnte“, erklärte Drax-CEO Will Gardiner gegenüber The Telegraph. „Dafür führen wir Gespräche mit Datacenter-Betreibern“.

Dank des direkten Strombezugs würde das öffentliche Netz lediglich als Backup dienen. Zudem soll das Grundstück durch die Infrastruktur des ehemaligen Kohlekraftwerkes Zugang zu Wasserkühlung bieten.

Das KI-Rechenzentrum „könnte bis Ende des Jahrzehnts“ in Betrieb gehen. Zudem erkunde Drax die Möglichkeit, Eigentümern anderer Rechenzentren Power Purchas Agreements (PPAs, Strombezugsvereinbarungen) anzubieten, die den Datacenter-Betrieb mit erneuerbaren Energien zertifizieren sollen.

Drax: KI-Fabriken nur mit Regulatorik-Reform

Auch der Direktor für Entwicklung bei Drax Richard Gwilliam argumentiert in einem aktuellen Pitch, der Bau von Rechenzentren an Kraftwerk-Standorten böte klare Vorteile, darunter bessere Resilienz und weniger Energieverluste. Gerade stromhungrige GPU-Rechenzentren sollten vorzugsweise ohne Risiko für das öffentliche Netz per Direktversorung betrieben werden. Das Drax-Kraftwerk in Yokrshire sei damit „einzigartig dafür geeignet, ein Hyperscale-Datacenter zu beherbergen“.

Zuvor allerdings fordert Gwilliam von der britischen Regierung signifikante Regulierungsanpassungen. Die Gesetzeslage würde es momentan verhindern, dass ein Kraftwerk Energie an das öffentliche Netz und an einen privaten Abnehmer zugleich liefert. Solche Regeln seien „für eine andere Ära verfasst worden, [als] solche Stromkonsumenten wie KI-Cluster [...] noch nicht vorhersehbar waren“. Erst wenn „wir diese Hindernisse beseitigen, können wir [...] die digitale Infrastruktur unterstützen, die wir für Wirtschaftswachstum brauchen“, so der Drax-Verantwortliche.

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