Chancen, Streitthemen und Image-Probleme der Datacenter-Branche im Podcast Carsten Schneider von Cyrusone bricht eine Lanze für die Großen

Von Daniel Schrader 8 min Lesedauer

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Rechenzentren stehen als Stromfresser und als Preistreiber am Immobilienmarkt in der Kritik. Aus der Perspektive großer Datacenter argumentiert Carsten Schneider, die Branche müsse ihre gesellschaftliche Relevanz stärker betonen, zugleich aber auch flexibler werden. Bei stockenden Planungsverfahren und Regulierungslücken würden projektbezogene Allianzen nachhaltigere Energielösungen ermöglichen. Keinerlei Gefähdung sieht Schneider für das Wachstum der Branche durch effizienterer Chips und KI-Modelle.

Als Ritter sich in Turnieren maßen, war eine Disziplin der Tjost, der Kampf mit der Lanze. In dem gingen sie mit speerförmigen Stangen als Wurfgeschosse, später als Stichwaffen aufeinander los, die dann brachen. Die Ritter kämpften nicht nur für sich, sondern für andere: Sie brachen also ihre Lanze zur Ehre dieser Personen oder des jeweiligen Anliegens. (Bild:  © StockSavant - stock.adobe.com - KI-generiert)
Als Ritter sich in Turnieren maßen, war eine Disziplin der Tjost, der Kampf mit der Lanze. In dem gingen sie mit speerförmigen Stangen als Wurfgeschosse, später als Stichwaffen aufeinander los, die dann brachen. Die Ritter kämpften nicht nur für sich, sondern für andere: Sie brachen also ihre Lanze zur Ehre dieser Personen oder des jeweiligen Anliegens.
(Bild: © StockSavant - stock.adobe.com - KI-generiert)

Rechenzentren haben ein Image-Problem. Das ist auch Carsten Schneider klar, dem Managing Director Germany beim Anbieter großer Co-Location- und Hyperscale-Rechenzentren Cyrusone. Man sage ihm häufig, Rechenzentren seien „Stromfresser, belegten Fläche, brächten ungenügend Arbeitsplätz und trieben die Preise in die Höhe“.

Carsten Schneider (Cyrusone) und Ulrike Ostler diskutieren im „DataCenter Diaries“-Podcast #42 die Gegenwart und Zukunft der Datacenter-Branche.(Bild:  Ulrike Ostler)
Carsten Schneider (Cyrusone) und Ulrike Ostler diskutieren im „DataCenter Diaries“-Podcast #42 die Gegenwart und Zukunft der Datacenter-Branche.
(Bild: Ulrike Ostler)

Schneider hält dem energisch entgegen. Es gebe eine klare „Mission, darüber aufzuklären“, dass Rechenzentren gerade „die Grundlage für eine ganz neue Art von Ökonomie“ legen und damit auch für eine „Verbesserung des Lebens, was wir als Menschen haben“.

Schneller entwickelte Medikamente? Nicht ohne Rechenzentren

Zu Cyrusone kam Schneider 2023 nach einer langjährigen Station beim pharmazeutischen und chemischen Standort-Betreiber Pharmaserv. Gerade die Potentiale des Rechenzentrenwachstums für das Gesundheitswesen liegen so für Schneider auf der Hand. Eine Entwicklungszeit neuer Medikamente von „sieben bis acht Jahren“ ließe sich mit bereits verfügbaren KI-Modellen auf ein „Siebtel der Zeit" verkürzen und mit „im großen Stil eingesetzter KI“ noch wesentlich stärker.

„Das bedeutet auf Deutsch, dass Menschen früher, eher nicht mehr leiden müssen.“ Zugleich läge die durch Datacenter-Kapazitäten ermöglichte „Digitalisierung die Grundlage für den Umgang mit Klimawandel oder auch mit so wichtigen Sachen wie der Ernährung der Menschheit“.

„Als etwas Invasives wahrgenommen“

Anderen Vorwürfen sei die Datacenter-Branche „richtigerweise“ ausgesetzt. Über Jahre hätten finanziell leistungsstarke Betreiber in gegenseitiger Konkurrenz für gut angebundene Grundstücke „Top-Preise“ gezahlt, die sich andere Branchen nicht leisten konnten. So werde man oft „als etwas Invasives wahrgenommen“.

Schneider sieht hier die Branche in der Pflicht, Standorte zu diversifizieren. Technisch wäre dies nach und nach ermöglicht. Bessere Latenzzeiten würden Rechenzentren im größeren Radius zum Frankfurter Internet-Knoten DE-CIX möglich machen. Der Ausbau der Konnektivität in NRW und Berlin biete weitere Potentiale.

Co-Location-Rechenzentren sind effizienter – belegbar?

Das Thema „Stromfresser“ hingegen sei Schneider zufolge eher ein Image- und Kommunikationsproblem. Eine von Cyrusone durchgeführte Studie hätte ergeben, dass von 13.000 befragten Menschen in Europa nur die knappe Hälfte ein Verständnis dafür aufbringt, dass wenn „die Kids eine Netflix-Serie gucken, […] hintendran eben auch ein Rechenzentrum seine Arbeit macht“.

Der Kritik an Rechenzentren als Stromfressern und Preistreibern am Immobilienmarkt stellt sich Carsten Schneider, Managing Director Germany bei Cyrusone, im DataCenter-Diaries-Podcast #42 „Von Stromfressern zu Innovationstreibern“. Im Gespräch mit Ulrike Ostler, Chefredakteurin von DataCenter-Insider, diskutiert Schneider wirksame Gegendarstellungen, Regulierungslücken sowie Wege und Irrwege geteilter Bestrebungen, Rechenzentren stärker in die Energiewende einzubinden.

Die Podcast-Folge #42 von DataCenter Diaries findet sich auf Spotify, Apple Podcasts, Deezer und Amazon Musik.

Bei steigenden Lasten seien aber gerade „Großrechenzentren“, wie sie Cyrusone betreibt, „die effizientesten aller Rechenzentren“. Diese seien laut Schneider oft drei- bis viermal effizienter als Datacenter im 300- bis 500-kW-Bereich.

Gerade in Bezug auf eine wirksame Kommunikation mit der Öffentlichkeit stellt sich allerdings die Frage der Belegbarkeit dieser Effizienz. Schneider akzeptiert, dass es – zumindest international – ein verbindliches „Ecolabel noch nicht“ gäbe. Ferner habe er Bedenken, „ob das, was gerade als Labeling diskutiert wird, wirklich ein geschickter [Zu]gang ist“.

Belegen ließe sich die Effizienz von Großrechenzentren aber laut Schneider zum Beispiel mit der Studie des Branchenverbands, der German Datacenter Association (GDA). Dessen „Data Center Impact Report Deutschland 2024“ kommt aufgrund einer Befragung von Betreibern zu dem Schluss, dass neuere „Co-Location-Rechenzentren […] weitaus effizienter im Betrieb als unternehmenseigene Rechenzentren“ seien.

Allerdings unterstreichen die Autoren, dass ein „klarer Trend“ weg vom Enterprise-Rechenzentrum gerade „nicht zu verzeichnen“ sei. Die Realität ist so deutlich komplexer als ein Siegeszug der großen Co-Location-Anbieter. Stattdessen entwickeln sich „Unternehmens-IT-Umgebungen zunehmend zu hybriden Architekturen, die teils in verschiedenen Cloud-Modellen, teils in Enterprise- oder Colocation-Rechenzentren angesiedelt sind“, so Schneider.

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Langwierige Planungsverfahren und projektbezogene Allianzen

Ein klarer – und gesetzlich verordneter – Weg zu einer besseren Umweltbilanz führe über die Abwärme-Abgabe. Gerade im Datacenter-Hub Frankfurt aber stockt dabei der Ausbau eines städtischen Wärmenetzes. Zugleich sind vorhandene deutsche Netze oft auf wesentlich höhere Temperaturen ausgelegt, als sie Rechenzentren abgeben können.

Aus Betreiberperspektive sieht Carsten Schneider insbesondere die Planungsverfahren kritisch. Bei Diskussionen um die Netzplanung „fallen auch mal von öffentlichen Vertretern Aussagen wie: ‚Ist ja schön, wenn ihr alles schnell machen wollt, aber die nächsten zehn Jahre sehen wir eigentlich keine Chance‘“.

Schneider freue sich deswegen umso mehr über Kooperationen mit solchen Akteuren, die als „Fixer“ auftreten, „die sagen dann auch: ‚Hey, ihr habt da ein Rechenzentrum und das liegt direkt neben XY, können wir nicht mit einem kurzen Nahwärmenetz da an der Stelle was machen?‘“

Ein Beispiel sei das 81-Megawatt-Rechenzentrum „FRA7“, das Cyrusone gerade in Frankfurt baut. Ein von der Beos AG bereitgestelltes Nahwärmenetz soll zukünftig ein 730 000 Quadratmeter großes Gewerbequartier mit Wärme speisen.

Lücken im Energie-Effizienzgesetz

Erschwerend zu langwierigen Planungsphasen hinzu kämen laut Schneider unklare oder lückenhafte Regulierungen im Eneregie-Effizienzgesetz. So „steht im Gesetz nicht, dass man die Wärme verschenken muss“. Schon die Umsatzsteuer-Gesetzgebung würde dies nicht zulassen. Das Gesetz „sagt aber nicht, wie [die Abwärme-Abgabe] berechnet wird“. Ebenfalls würde zwar „geregelt, wie viel Prozent der Wärme rausgehen muss. Aber Schnittstellenregelungen finden nicht statt.“

Problematisch sei ebenfalls die gesetzliche Fokussierung auf Rechenzentrenbetreiber. Dabei würden gerade die Co-Location-Kunden, nicht die Betreiber, die Ausmaße der produzierten Abwärme in der Hand haben. Bei bestimmten Vertragsmodellen seien sie gar die Besitzer der Abwärme.

Aus der Perspektive eines Anbieters von Großrechenzentren beklagt Schneider zudem fehlende Möglichkeiten, Defizite mit Investitionen in andere nachhaltige Energieprojekte zu kompensieren. Ein städtisches Rechenzentrum mit Anbindung an ein Nahwärmenetz hätte eine gänzlich andere Ausgangslage als „eine der Mega-Campusanlagen, die wir gerade vor Berlin oder in NRW entstehen sehen. Wo sollen die denn hin mit ihrer Abwärme?“

Abwärme-Abgeber, keine Energieversorger

Weiter für gesetzliche Modifikationen zu werben, ist ein Ansatz. Denkbar wäre es aber auch für Rechenzentrenbetreiber, stärker eigene Lösungen für die Abwärme-Abgabe zu implementieren. So bereitet das schwedische Conapto die Abwärme seiner vier Rechenzentren in Stockholm über eigene Wärmepumpen selbst für das – allerdings bereits sehr gut ausgebaute – städtische Wärmenetz auf.

Aus Schneiders Sicht sei dies pauschal keine tragbare Lösung. Es gehöre zur Freiheit der Unternehmer, entscheiden zu können, „was ihr Kerngeschäft ist“. Je nach Fall ergebe es durchaus Sinn, Wärmepumpen auf dem eigenen Gelände zu installieren. Es sei genauso sinnvoll, sich für moderne Wärmenetze mit geringeren Temperaturen einzusetzen. Aber als selbständiger Aufbereiter oder Endkundenanbieter unter die komplexen „Regularien im Energieversorger-Bereich“ zu fallen, wäre kontraproduktiv für einen „hundertprozentigen Fokus auf das Rechenzentrum“.

Deutlichere Potenziale sieht Schneider bei Projekten, die Rechenzentren in die Produktion nachhaltigerer Energie einbinden, auch angesichts des Versprechens von Cyrusone, „bis 2030 echt klimaneutral zu sein“. Allerdings sei das Unternehmen „in Amerika schon deutlich weiter, wo wir aktiv bereits an Windparks anbinden“ und teils „das Stromnetz nur doch die Sicherung darstellt“. Dahingehend sei es in Deutschland „noch ein ziemlicher Weg“.

Schneider verneint auch hier pauschale Lösungen. Die Nutzung von Batterie-kapazitäten der Rechenzentren als Backup für das allgemeine Stromnetz sei der falsche Ansatz. Produktiv seien aber projektbezogene Allianzen mit Netz- und Stromspeicher-Betreibern.

Regulär ungenutzte Energiereserven könnten problemlos an benachbarte Stromspeicher abgeben werden, solange Rechenzentren jederzeit auf ihre maximale Kapazität hochfahren könnten. Mit solchen Synergien würden dann auch Datacenter-Betreiber „mit unseren Batterien und auch mit unseren Dieseln irgendwann runtergehen und nicht mehr doppelt redundant denken“.

Auch die direkte Anbindung von Windparks an deutsche Datacenter würde in den nächsten zwei bis drei Jahren zur Realität werden können. Futuristischere Lösungen sind nicht so weit. Zusammen mit Energieversorgern prüfe Cyrusone momentan Konzepte für die Eigenproduktion von Wasserstoff, womit auf „ein Megawatt Power-Produktion etwa 0,9 Megawatt an Kälte“ für die Datacenter-Kühlung generiert werden könnten. Damit seien PuE-Werte „unter 1,1“ erreichbar bei einer hohen Abwärme-Temperatur, die keine Wärmepumpen nötig macht.

Kein Ende des Datacenter-Booms?

Die Bereitschaft zu beträchtlichen Investitionen in neue Energie-Konzepte spricht auch von einem anhaltenden Interesse an neuen Großrechenzentren. Steigenden Datacenter-Kapazitäten steht aber zugleich eine zunehmende Effizienz von Hardwarechips gegenüber. Auch schlankere und effizientere KI-Modelle könnten sich in Zukunft durchsetzen. Die Gefahr einer Blase, die bei fallendem Bedarf an Rechenkapazitäten platzen könnte, verneint Schneider aus der Perspektive von Cyrusone.

Durchaus aber wandle sich die Branche. Auch Kunden von Co-Location-Rechenzentren würden bereits deutlich effizientere Lösungen implementieren, ob durch den Einsatz einer Immersionskühlung oder durch rechenstärkere Hardware wie die „Blackwell“-GPUs von Nvidia. Weitere Technologiesprünge seien abzusehen.

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Gleichzeitig seien für Datacenter-Betreiber bereits „Grenzen des technisch Machbaren und des Finanzierbaren“ in Sicht. Nicht reguläre Kapazitäten über sechs Gigawatt seien laut Schneider wahrscheinlich, sondern dass „wir in der Größenordnung zwischen 3 und 5 Gigawatt am Ende liegen“. Es gebe auch regionale Diskrepanzen zwischen Nachfrage und angekündigten Kapazitäten. Fraglich sei etwa, „wie viele Großcampus-Anlagen Berlin noch braucht“.

Die Datenflut bleibt „einfach immens“

Eine generelle Bedrohung für das Geschäftsmodell großer Rechenzentren sieht der Managing Director Germany von Cyrusone aber nicht am Horizont. Weiterhin sei „die Datenflut einfach immens“. Die Marktreife solcher Technologien wie des autonomen Fahrens würde perspektivisch eher zu noch „deutlich mehr Bedarf“ führen. Speziell in und um Frankfurt sowie im Ruhrgebiet würde der Bedarf an neuen Kapazitäten anhalten.

Um für eine unvorhersehbare Zukunft bereit zu sein, müsse man aber als Betreiber „in deinem Rechenzentrumsdesign die Flexibilität einbauen“, um „von einfacher Luftkühlung bis zur absoluten High Density alles abzubilden“. Damit würden auch Großrechenzentren für zukünftige Technologiesprünge gewappnet sein.

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