Wenn die Kommunen Rechenzentren wollen, ist vieles möglich Wer Rechenzentren plant, braucht viele an einem Tisch

Von lic.rer.publ. Ariane Rüdiger 5 min Lesedauer

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Rechenzentren beeinflussen die Kommunen, in denen sie sich ansiedeln, auf vielfältige Weise. Am meisten Nutzen können sie aus den Ansiedlungen der Datacenter-Industrie ziehen, wenn alle Beteiligten kooperieren und die Bevölkerung rechtzeitig eingebunden wird. Dazu zwei Beispiele.

Neu gebaute Rechenzentren sollen in Bergheim an der Erft das Zentrum eines Innovations-Hotspots bilden. (Bild:  Kreisstadt Bergheim)
Neu gebaute Rechenzentren sollen in Bergheim an der Erft das Zentrum eines Innovations-Hotspots bilden.
(Bild: Kreisstadt Bergheim)

Rechenzentren entstehen nicht auf herrenlosen grünen Wiesen, sondern sehr häufig auf kommunalem Land. Meist befinden sie sich auf von den gemeinden und Städten zu beplanenden Flächen.

Dabei sind sie sehr spezielle Gebäude: Sie verbrauchen einerseits viel Energie und Wasser, weshalb die regionalen Versorger mitreden. Bedarf gibt es auch an möglichst vielfältigen Kommunikationsverbindungen.

Zudem produzieren sie Abwärme, die sich, sinnvolle Planung vorausgesetzt, nutzen lässt. Um zum Beispiel Wohngebiete, öffentliche Einrichtungen oder Industriebetriebe über Fern- oder Nahwärmenetze damit zu versorge, lässt sich die Wärmewende voranzubringen.

Standortfaktoren für Rechenzentren

Rechenzentren müssen ihrerseits sicher sein, an einem Standort ausreichend Ressourcen vorzufinden. Und auch an Abnehmern für ihre Abwärme haben viele inzwischen Interesse, insbesondere, seit das Energieeffizienzgesetz hier neue Maßstäbe setzt.

Schließlich ist es für alle Beteiligten am Besten, wenn die Nachbarschaft oder am besten die gesamte Kommune den Bau eines Rechenzentrums für einen Gewinn und nicht für eine Tortur hält. Wie Datacenter-Projekte positiv eingebettet werden und dadurch optimalen Nutzen für alle Beteiligten generieren können, zeigen zwei sehr unterschiedliche Beispiele.

Standortgunst statt Kohledunst

Beispiel 1: Kreisstadt Bergheim an der Erft, mitten zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen gelegen, 66.000 Einwohner groß und ehemaliges Tagebaugebiet. Der Tagebau ist Geschichte, nun fehlt noch eine neue Identität.

Außerdem gibt es dort ein Kohlekraftwerk, dessen Betrieb noch bis mindestens 2030 gesichert ist – zuverlässige Energie also. Was nach 2030 kommt, muss sich zeigen.

Positiv und gewisse ist indessen, dass sich dort zwei große Datenleitungen kreuzen: die zwischen Rotterdam und Frankfurt am Main und die von Paris nach Stockholm.

Wenn das Telefon zweimal klingelt...

Trotzdem fiel Volker Mießeler beinahe aus allen Wolken, als Ende 2021 ein Anruf von Microsoft ihm bei Bürgermeister einging. Der Mann ist der Bürgermeister von Bergheim. „Ich habe gleich geahnt, dass das Schicksal unseres Ortes ändern kann“, erinnert sich Mießeler in seinem Vortrag auf dem „Datacenter Strategy Summit 2024“, der Im Oktober stattgefunden hat. Und seine Überraschung von damals ist ihm noch immer anzumerken gewesen.

Bergheim möchte seine romantische Kulisse bewahren, aber gleichzeitig in die digitale Zukunft aufbrechen.(Bild:  Kreisstadt Bergheim)
Bergheim möchte seine romantische Kulisse bewahren, aber gleichzeitig in die digitale Zukunft aufbrechen.
(Bild: Kreisstadt Bergheim)

Der Hyperscaler ließ den Bürgermeister wissen, das Unternehmen spiele mit dem Gedanken, Bergheim als Standort für ein neues, großes Rechenzentrum zu errichten. Es folgten intensive Verhandlungen zunächst in sehr kleinem Kreis mit dem Landeswirtschaftsministerium NRW, der Gemeinde, den Grundstückseigentümern und Microsoft.

Microsoft unterzeichnet

Am 15.2.2024 konnte der Vertragsschluss mit Microsoft verkündet werden. Das Land hatte in einer Studie als für forcierte Digitalaktivitäten bestgeeigneten Standort befunden, stand also hinter dem Vorhaben.

Schon einen guten Monat später war ein neuer Bebauungsplan einstimmig beschlossen und nach Offenlegung im Juli planungsreif. Allerdings gab es durch Planänderungen bei Microsoft eine weitere Schleife in Form einer neuen Offenlegung im Bebauungsplanverfahren.

Reichlich Planungsreserve

Microsoft seteh hier rund 25 Hektar Fläche zur Verfügung. Die Stadt respektive die Stadtwerke können mit mehr als 60 Megawatt Abwärme rechnen. Rund sechs Kilometer vom Datacenter entfernt soll ein Digitalpark („Hotspot of Innovation“) entstehen, der neue ökonomische Kern der Region.

Dazu passend, hat sich Bergheim die neue lokale Vision für 2045 „Heim of Innovation“ gewählt. Er beschreibt die neue Identität der Gemeinde: bodenständig und gleichzeitig zukunftsorientiert sowie Technologie-offen.

„Heim of Innovation beschreibt unsere neue Identität sehr gut“, sagt Volker Mießeler, Bürgermeister von Bergheim an der Erft. Er ist derzeit ein auf vielen Veranstaltungen gern gesehener und gehörter Gastredner. (Bild:  Mießeler)
„Heim of Innovation beschreibt unsere neue Identität sehr gut“, sagt Volker Mießeler, Bürgermeister von Bergheim an der Erft. Er ist derzeit ein auf vielen Veranstaltungen gern gesehener und gehörter Gastredner.
(Bild: Mießeler)

Vorgesehen sind für den Digitalpark vorläufig 10 bis 15 ha. Es bestehen Erweiterungsmöglichkeiten um mindestens 50 ha. Planungshoheit hat Bergheim in dieser Gegend auf insgesamt 150 ha, dazu kommt nach 2030 noch die jetzige Kraftwerksfläche.

Digitalpark soll für Synergien sorgen

„Wir erwarten hier Synergien zwischen Forschung, Industrie und Bildung. Dafür können wir nun ein lokales Rechenzentrum mit geringer Latenz anbieten“, führt Mießeler aus. 2.500 neue Arbeitsplätze sollen entstehen. Mießeler: „Das erfordert natürlich auch urbane Strukturen und Wohnungen um den Digitalpark herum.“ Insgesamt werde ein neues, nachhaltiges Gewerbezentrum entstehen.

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Auch für neue Wohnungen sind die Voraussetzungen gut: Eine für 700 Menschen ausreichende Fläche beispielsweise ist seit 30 Jahren planungsreif, wurde aber nicht beplant, weil es kein Interesse gab. Das ändert sich gerade.

Qualifizierungsoffensive

Microsoft müht sich derweil um die Herzen und Hirne der Bevölkerung. So betreibt der Hyperscaler eine Qualifizierungsoffensive. Er fährt beispielsweise mit einem KI-Mobil Schulen an, um junge Menschen für das Thema zu gewinnen.

Außerdem entsteht ein dauerhaftes, solide gebautes Info-Zentrum, das der Bürgerschaft alles rund um den Rechenzentrumsbau erklären und Fragen beantworten soll. Es scheint, als befinde sich Bergheim auf einem guten Weg aus dem fossilen ins Digitalzeitalter - von der Kohle zur KI.

Planung aus einem Guss

Beispiel 2: Die Stadt Offenbach, der kleine Nachbar des Datacenter-Schwergewichts Frankfurt am Main mit seiner Ballung digitaler Infrastruktur. Doch während dort hinsichtlich der Planung neuer Rechenzentrumsstandorte relativ dirigistisch vorangegangen ist, wählte Offenbach einen anderen Weg.

In Bergheim an der Erft soll die IT ein wesentlicher Baustein der wirtschaftlichen Zukunft werden.(Bild:  Stadt Bergheim)
In Bergheim an der Erft soll die IT ein wesentlicher Baustein der wirtschaftlichen Zukunft werden.
(Bild: Stadt Bergheim)

Vor der Planung neuer Datacenter-Standorte holte Donald Badoux, Bereichsleiter Abwärmenutzung beim lokalen Energieprovider EVO (Energieversorgung Offenbach), Stadtplanung, Wirtschaftsförderung und Rechenzentrumsbetreiber an einen Tisch. „Wenn man einen kooperativen Rahmen schafft, rennt man eigentlich offene Türen ein; denn im Prinzip wollen alle kooperieren“, sagt Badoux.

Vier- bis fünfmal habe man sich getroffen, ehe die Planung stand: Im Einvernehmen gestaltete sich eine Karte möglicher Datacenter-Standorte in Gewerbegebieten mit Fernwärmeanbindung.

Das bedeutet, dass die dort entstehenden Rechenzentren ihre Abwärme tatsächlich loswerden - in Frankfurt ein offensichtliches Problem. So können sie die Anforderungen der Vorschriften erfüllen, was vielen Rechenzentren in weniger günstigen Lagen schwer fallen dürfte.

Vertragsgestaltung ist alles

Bei der Planung eines neuen Standorts wird nun ein städtebaulicher Vertrag zwischen Stadt und Rechenzentrumsentwickler geschlossen. Er regelt alles: von der Fassadengestaltung über den Umgang mit Wasser, z.um Beispiel durch Versickerungsflächen auf dem Dach, bis zur verbauten Fläche und so weiter.

Eines der Kraftwerke, mit denen EVO heute Energie erzeugt.(Bild:  EVO)
Eines der Kraftwerke, mit denen EVO heute Energie erzeugt.
(Bild: EVO)

Mit EVO schließt der jeweilige Datacenter-Entwickler ein weiterer Vertrag über die Abwärmenutzung. Darin wird die Abwärme-Abnahme geregelt. Bei einem ersten Projekt entsteht beispielsweise auf einem separaten Grundstäck eine 800 Quadratmeter große Wärmezentrale in unmittelbarer Nähe eines alten Rechenzentrums.

Kosten- und klar abgegernzte Verantwortungsbereiche

Das Abwasser aus dem Datacenter wird mit 28 Grad Celsius Einlasstemperatur geliefert und wird von EVO mit einer Wärmepumpe mit Wirkungsgrad 2,6 auf 90 bis 105 Grad Celsius, der Temperatur des Fernwärmenetzes, erhitzt und dann ins Wärmenetz übergeben.

Für den Wärmetauscher und die Verrohrung bis zur Wärmezentrale ist das Rechenzentrum zuständig. Es entstehen 10 MW Wärme, für die rund 3,3 MW Strom benötigt werden, damit die Wärmepumpe läuft.

"Bringt man alle Beteiligten an einen Tisch, rennt man meistens offene Türen ein." Donald Badoux, Bereichsleiter Abwärmenutzung beim Offenbacher Energieversorger EVO.(Bild:  DC Insider/EVO)
"Bringt man alle Beteiligten an einen Tisch, rennt man meistens offene Türen ein." Donald Badoux, Bereichsleiter Abwärmenutzung beim Offenbacher Energieversorger EVO.
(Bild: DC Insider/EVO)

Der Betrieb der Anlage beginnt im Januar 2025. Das erste Neuprojekt auf diesem Campus soll 2028 begonnen werden.

Die Voraussetzungen für das Gelingen sind gut. Rollen, Kosten und Risiken sind klar verteilt. Der Datacenter-Markt wächst. Und alle Beteiligten ziehen an einem Strang. „Dazu mussten wir keine großen Widerstände überwinden, sondern einfach nur einen kooperativen Rahmen schaffen“, freut sich Badoux.

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