Was als Browser-Technologie begann, entwickelt sich zunehmend zum Infrastrukturrückgrat: WebAssembly (Wasm) ist auf dem besten Weg, eine universelle, sichere und performante Laufzeitumgebung für Cloud-, Edge- und IoT-Anwendungen zu werden. Doch warum ist diese Entwicklung vielen noch nicht bewusst? Was steht einer breiteren Adoption im Weg?
Web Assembly entwickelt sich zum Rückgrat für Cloud-, Edge- und IoT-Anwendungen.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Bei einem Seminar des Leibniz-Zentrums für Informatik zum Thema „Utilising and Scaling the WebAssembly Semantics“ ist eindrucksvoll deutlich geworden, wie WebAssembly über die klassischen Grenzen von Programmiersprachen und Plattformen hinaus denkt. Besonders spannend war die Diskussion über so genannte formale Semantik, also mathematisch exakt definierte Regeln dafür, wie Code verarbeitet wird.
Das klingt zunächst akademisch, eröffnet aber hochgradig praktische Möglichkeiten: Man kann beweisen, dass Programme nicht abstürzen, keine unerlaubten Speicherzugriffe vornehmen und deutlich effizienter ausgeführt werden können – ein gewaltiger Schritt hin zu sicherer Software ohne unnötige Laufzeitprüfungen.
Ein weiteres Highlight ist die Frage gewesen, wie sich dynamische Sprachen wie JavaScript oder Python besser für WebAssembly optimieren lassen. Während Sprachen wie C, C++ oder Rust seit Jahren gut auf Wasm übersetzt werden können, arbeiten Forschung und Industrie gemeinsam daran, auch dynamische Sprachen performant und sicher auf dieser Plattform lauffähig zu machen.
Von Smart-TVs bis CDNs: Wo WebAssembly heute schon wirkt
WebAssembly ist längst keine Spielwiese für Entwickler mehr; es steckt bereits tief in unserer Infrastruktur. Große CDNs, Clouds, Kubernetes-Umgebungen oder sogar Smart-TVs setzen auf Wasm, um plattformübergreifend und sicher Anwendungen zu betreiben.
Bei Fastly etwa nutzen wir Wasm produktiv in unserem Compute-Produkt. Unsere Kunden verarbeiten damit Millionen Anfragen pro Sekunde, etwa für API-Gateways, Content-Personalisierung, IoT-Monitoring oder Media-Encoding.
Warum WebAssembly (noch) nicht überall angekommen ist
Die ursprüngliche Vision von WebAssembly war klar: eine universelle Laufzeitumgebung für alle Plattformen, Sprachen und Anwendungsfälle. Technisch sind wir dieser Vision heute sehr nahe, doch die Realität der Entwickler hinkt noch hinterher.
Es fehlt an reibungsloser Toolchain-Integration, besseren Debugging-Möglichkeiten, ausgereiften Paketmanagern und tiefgreifender IDE-Unterstützung. Kurz: Die Technologie ist bereit, aber das Entwicklererlebnis muss aufholen.
Die entscheidende Hürde ist damit weniger technischer, sondern vielmehr ergonomischer Natur: Für die breite Akzeptanz muss WebAssembly so „unsichtbar“ werden, dass man beim Entwickeln gar nicht merkt, dass man es nutzt, etwa wie bei modernen Prozessorarchitekturen.
WASI: Der Schlüssel zur universellen Plattform
Deshalb ist das WebAssembly System Interface (WASI) ein zentrales Puzzleteil. Es sorgt dafür, dass Anwendungen nicht nur auf Bytecode-Ebene, sondern auch im Zusammenspiel mit Betriebssystem-APIs plattformübergreifend funktionieren.
Die aktuelle Version „Preview 3“ bringt insbesondere Fortschritte bei der asynchronen Sprachinteroperabilität. Damit ist sie ein wichtiger Meilenstein, aber auch eine komplexe Herausforderung für Governance und Sicherheit.
Tools wie WIT (WebAssembly Interface Types) ermöglichen es Entwicklern, eigene Schnittstellen zu erstellen und damit die Standardisierung von APIs voranzutreiben – ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur universellen Laufzeit.
WebAssembly in der Praxis: Zwischen Sicherheit und Performance
Mit Projekten wie „Wasmtime“ und „Lucet“ haben wir gezeigt, wie sich Sicherheit und Flexibilität ausbalancieren lassen. Wasmtime etwa läuft sowohl im Just-in-Time- (JIT) als auch im Ahead-of-Time-Modus (AOT), womit es sich für alles vom Embedded Device bis zum Hochleistungsserver eignet. In der Sicherheitsarchitektur wird dabei großer Wert darauf gelegt, dass sich keine unsicheren Konfigurationen 'aus Versehen' einschleichen.
Ein Paradebeispiel für die Verbindung von Forschung und industrieller Praxis ist das Projekt „Crocus“, das die Korrektheit des „Cranelift“-Compilers formell verifiziert. Auch das ist wiederum ein bedeutender Beitrag zur Sicherheit von WebAssembly-Workloads.
Performance am Edge: Bereit für den Echtzeit-Einsatz?
Im Bereich Edge Computing spielt WebAssembly seine Stärken voll aus: minimaler Overhead, schnelle Startzeiten, Portabilität und hohe Sicherheit machen es zur idealen Wahl für kleine bis mittelgroße Workloads direkt am Netzwerkrand. Noch spannender: Mit den passenden APIs lässt sich sogar GPU-Hardware ansprechen, was mittelfristig auch bestimmte KI-Szenarien denkbar macht, selbst wenn WebAssembly selbst (noch) nicht für das Training großer Modelle gedacht ist.
WebAssembly wird Fundament statt Trend
WebAssembly ist kein kurzfristiger Hype – es ist auf dem Weg, ein stilles Fundament der nächsten Infrastruktur-Generation zu werden. Als sichere, portable und performante Sandbox-Technologie eignet es sich für eine Vielzahl von Einsatzszenarien – von Plugins und Serverless-Funktionen bis hin zu Betriebssystemkomponenten.
Stand: 08.12.2025
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Und genau darin liegt seine Stärke: Wenn niemand mehr darüber spricht, weil es einfach funktioniert, hat WebAssembly sein Ziel erreicht.
*Der Autor Tyler McMullen ist der Co-Founder und aktuell Fellow bei Fastly. Er war für die Systemarchitektur verantwortlich und treibt die technologische Vision des Unternehmens an. Als Teil von Fastlys Gründungsteam entwickelte er die ersten Versionen von Fastlys Instant Purge System, API und Echtzeitanalysen.