Nonsens: Der Immobiliendienstleister liegt falsch Kritik an den Analysen von Cushman&Wakefield zum weltweiten Datacenter-Markt

Ein Kommentar von Ralph Hintemann* 4 min Lesedauer

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Das Beratungsunternehmen Cushman & Wakefield hat kürzlich seine aktuelle Analyse des weltweiten Rechenzentrumsmarkts vorgelegt (siehe: Link unten). Zentrale Aussage: Die Top-Märkte sind in den USA und Asien. Die westeuropäischen Standorte könnten mehr und mehr ins Hintertreffen geraten. Dazu der Kommentar.

Dr. Ralph Hintemann wundert sich über die Ergebnisse von Cushman&Wakefield zur Evaluierung des weltweiten Datacenter-Markts.(Bild:  frei lizenziert: OpenClipart-Vectors /  Pixabay)
Dr. Ralph Hintemann wundert sich über die Ergebnisse von Cushman&Wakefield zur Evaluierung des weltweiten Datacenter-Markts.
(Bild: frei lizenziert: OpenClipart-Vectors / Pixabay)

So weit, so schlecht. Aber was steckt hinter den Analysen? Der Laie wird vielleicht etwas verwundert sein. So spricht man doch in Westeuropa seit Jahren von einem Rechenzentrumsboom. Auch die ansässige Branche betont immer wieder, dass sie kaum so schnell bauen kann, wie der Bedarf steigt.

Das zeigen übrigens auch die Zahlen von Cushman & Wakefield. Dublin, Paris und Frankfurt sind drei von den vier Standorten weltweit mit dem geringsten Leerstand – maximal 2 Prozent der Kapazitäten sind hier verfügbar. Auch was die aktuelle Marktgröße und die Projekte in der Entwicklungspipeline angeht, stehen die europäischen Standorte nicht schlecht dar.

Irren sich also die Investoren in Europa? Werden Rechenzentren nicht da gebaut, wo Sie am besten gebaut werden sollten? Oder bildet der Benchmark doch nicht alle für Rechenzentren relevanten Kriterien richtig ab?

Laut Cushman & Wakefield ist kein westeuropäischer Standort unter den zehn Top-Standorten weltweit. Aber Seattle zählt dazu, obwohl dort aktuell nur etwa ein Zehntel der Rechenzentrumskapazitäten von London oder Frankfurt existieren. Seattle hat 15 Prozent Leerstand und anscheinend (vermutlich auch deshalb) kaum Neubauprojekte in der Pipeline.

Was daran weltweit Spitze sein soll, erschließt sich mir nicht.

Die mehr oder weniger offensichtliche Diskrepanz zwischen der Bewertung der Rechenzentrumsstandorte und den tatsächlichen Investitionsgeschehen ist insgesamt nur schwer nachvollziehbar. Insbesondere, weil Cushman & Wakefield die genaue Bewertungsmethodik nicht offenlegt.

Erstaunlich sind auch einige Teilergebnisse der Cushman&Wakefield-Analysten. So sollen die Rechenzentren in München europaweit die niedrigsten Strompreise zahlen - deutlich weniger als in Reykjavik, Oslo oder Stockholm. Hier liegt offensichtlich eine Fehleinschätzung vor.

Schon in der Vergangenheit kamen die Analysten des Beratungsunternehmens teilweise zu Ergebnissen, die Experten ins Grübeln brachten. So rangierte Deutschland in der Bewertung der weltweiten Rechenzentrumsstandorte bei Cushman&Wakefield im Jahr 2016 auf Rang 16 – hinter Katar. Nur gut, dass sich die Investoren offensichtlich nicht an diese Bewertung gehalten haben.

Verwirrung, keine Reflexion

Um die Verwirrung komplett zu machen: Die BSA Software Alliance kam 2018 in einer Analyse zum Schluss, dass Deutschland der weltweite TOP-Standort für Cloud Computing ist. Und auch das MIT hat im Jahr 2022 festgestellt, dass Europa gemeinsam mit Singapur weltweit Spitze in den Rahmenbedingungen für die Cloud Computing ist.

Kann das sein? Top Cloud Standort und nur mittelmäßig als Rechenzentrumsstandort? Und gleichzeitig wird in Europa investiert, obwohl andere Standorte viel besser sein sollten?

Eines zeigt sich jedenfalls sehr deutlich: Standort-Rankings sind mit Vorsicht zu betrachten. Aus der aktuellen Cushman&Wakefield-Analyse lassen sich aus meiner Sicht dennoch drei wichtige Erkenntnisse gewinnen:

  • Die Einschätzungen von Analysten sind keine exakte Wissenschaft. Dennoch sind sie natürlich sehr hilfreich und nützlich. Nicht zuletzt, um Verbesserungspotenziale zu erkennen und Handlungsbedarfe abzuleiten.
  • Die Rechenzentrumsstandorte in Europa und insbesondere in Deutschland haben Schwächen. Diese liegen in den teilweise sehr hohen Strompreisen, den hohen Bodenpreisen, den oft hohen Steuern und insbesondere in der CO2-intensiven Stromerzeugung vieler europäischer Staaten. Aber Europa muss auch Stärken haben, sonst würde hier nicht so viel investiert und wir hätten einen deutlich höheren Leerstand.
  • Das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger als Standortfaktor für Rechenzentren. Dies ist Herausforderung und Chance zugleich für die hiesigen Standorte. Wir müssen die Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa so weiterentwickeln, dass hier die klimafreundlichsten und nachhaltigsten Rechenzentren weltweit betrieben werden können.

Das heißt zum einen, dass hier Mindestanforderungen gesetzt und die Transparenz erhöht werden müssen. Zum anderen heißt das aber auch, dass Rechenzentrumsbetreibende unterstützt werden sollten, wenn sie ihr Rechenzentrum nachhaltiger machen möchten. Dazu brauchen wir zunächst einmal möglichst schnell mehr klimafreundlich erzeugten Strom.

Außerdem sollte Rechenzentren beispielsweise bei der Suche nach Abnehmenden für ihre Abwärme geholfen werden. Auch die energiepolitischen Rahmenbedingungen müssen verbessert werden. Leider gibt es immer noch viele bürokratische Hemmnisse, wenn beispielsweise innovative Lösungen ausprobiert oder Abwärme abgegeben werden soll. Das in der Branche vieldiskutierte Energieeffizienzgesetz kann ein wichtiger Schritt sein, Deutschland zu einem weltweit führenden Standort für nachhaltige Rechenzentren zu machen.

*Der Autor
Dr. rer. pol. Ralph Hintemann ist Gesellschafter und Senior Researcher am Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit. Sein wissenschaftliches Interesse gilt insbesondere den Nachhaltigkeitspotenzialen der Digitalisierung. Im Mittelpunkt seiner Forschungstätigkeit stehen Innovationsstrategien, neue Geschäftsmodelle für Nachhaltigkeitsinnovationen und die Erfolgsfaktoren für die Diffusion neuer Produkte und Technologien.
Ralph Hintemann studierte Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften an der RWTH Aachen und war dort von 1991 bis 2000 als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit den Schwerpunkten Innovations- und Umweltforschung beschäftigt. Im Jahr 2000 promovierte er am Institut für Wirtschaftswissenschaften der RWTH Aachen. Anschließend arbeitete er auf verschiedenen technologischen Gebieten beim Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien e.V. – Bitkom in Berlin, zuletzt als Bereichsleiter IT-Infrastruktur & Digital Office und als Leiter Business Excellence.

Bildquelle: Borderstep Institut

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