Vor dem Hintergrund stotternder Lieferketten sorgen sich Rechenzentrumsbetreiber um Preissteigerungen und Versorgungsengpässe. Die Nachbeben der Corona-Krise überlagern sich mit geopolitischen Turbulenzen und neuer Gesetzgebung. Mit dem Aus der Ampelkoalition steht die Anpassung des Lieferkettengesetzes an das EU-Recht unter einem großen Fragezeichen. Die Ungewissheit macht es den Unternehmen zu schaffen.
Lieferketten mit losen Enden und mit unerwateten Hürden scheinen heute an der Tagesordnung. So mancher Datacenter-Betrieiber hortet deswegen mehr Equipment als früher.
Der KI-Boom braucht neue Infrastrukturen, das ist schon klar. Aber woher dürfen diese jetzt kommen? Das weiß so genau keiner.
Neugestaltung der Lieferketten per EU-Lieferkettengesetz
Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) aus dem Jahre 2023 bekommt eine Novelle, haben einschlägige Gremien auf EU-Ebene beschlossen. Zum Teil werden die Regeln zwischenzeitlich gelockert. Darum wollte Bundeskanzler Scholz das LkSG temporär außer Kraft setzen. Daraus wird jetzt wohl nichts, oder? Kommt wohl auf die Vertrauensfrage an.
Als erster großer Wirtschaftsraum habe die EU „verantwortungsvolles Unternehmertum zum Standard“ gemacht, freute sich Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze, hoffentlich nicht voreilig. „Das ist eine gute Nachricht für alle Menschen weltweit, die unter schlechten Arbeitsbedingungen leiden“, erklärte die SPD-Politikerin.
Über das Gesetz zur Neugestaltung der Lieferketten hat die Politik auf EU-Ebene seit mindestens Frühjahr 2022 gerungen. Im Mai 2024 war es dann so weit.
Nur gemeinsame europäische Anstrengungen können die Neugestaltung der Lieferketten resilienter und nachhaltiger gestalten. In der Abbildung: Europäische Startups auf dem „Web Summit 2024“ am 11. November 2024 in der Altice-Arena in Lissabon.
(Bild: David Fitzgerald/Web Summit via Sportsfile)
Bei dem Gesetz geht es darum, dass Unternehmen für ihre Lieferanten auch im Ausland die Verantwortung übernehmen. Es hat zum Ziel, Standards der sozialen Gerechtigkeit und Umweltschutzvorgaben der EU auf den Rest der Welt auszuweiten.
Die „Initiative Lieferkettengesetz“, ein Zusammenschluss aus Organisationen wie Amnesty International, dem Deutschen Gewerkschaftsbund und Greenpeace, spricht von einem „Meilenstein“. Johannes Heeg, Sprecher der Initiative, sieht im europäischen Gesetz einen „Paradigmenwechsel im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung durch Unternehmen“. Das sei in seinen Augen ein Erfolg der Zivilgesellschaft.
Nach der Veröffentlichung des EU-Lieferkettengesetzes im Amtsblatt der EU haben die EU-Staaten gut zwei Jahre Zeit, die neuen Regeln in nationales Recht umzusetzen.
Schockwellen mit Ansage
Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz vom 1. Januar 2023 bekommt also eine Novellierung. Diese dürfte stellenweise Schockwellen durch die Lieferketten schicken. Denn nicht alle Betroffenen teilen die Begeisterung der Befürworter einer erneuten Umgestaltung der Lieferketten.
Das deutsche Lieferkettengesetz ist seit dem 1. Januar 2023 in Kraft; seit dem 1. Januar 2024 betrifft es auch Firmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden (bis dahin nur ab 3000 Mitarbeitenden). Es sieht allerdings keine Haftpflicht vor. Nach deutschem Recht waren die Unternehmen für ihre ausländischen Lieferanten nicht haftbar, doch das wird sich jetzt ändern müssen.
Während das deutsche Lieferkettengesetz eine Haftung für Sorgfaltspflichtverletzungen ausschließt, können Unternehmen nach dem EU-Gesetz für Verstöße haftbar gemacht werden. Zudem erweitert die EU-Regelung die Sorgfaltspflicht auf die gesamte Lieferkette aus.
Ein Beispiel aus dem Baugewerbe: In Tunnelbohrmaschinen des deutschen Herstellers Herrenknecht wurden chinesische Chips entdeckt – das verstößt jedoch gegen das indische Lieferkettengesetz, wie Handelsminister Goyal hier dem deutschen Wirtschaftsminister erklärt. (siehe: X-Post) Es ist kompliziert.
(Bild: @tomdabassman/X.com)
Das EU-Gesetz macht europäische Unternehmen in der Tat haftbar für das Fehlverhalten ihrer Lieferanten. Sorgfaltspflichtverletzungen können mit Geldstrafen von bis zu fünf Prozent des weltweiten Nettoumsatzes geahndet werden. Mit solchen drakonischen Strafen will die EU globale Konformität erzwingen.
Nach dem EU-Gesetz haften künftig Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten und 450 Millionen Euro Jahresumsatz für die Verstöße ihrer Lieferanten, aber erst nach einer Übergangsfrist von fünf Jahren. (Ursprünglich war von Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und 150 Millionen Euro Umsatz die Rede; Kritiker sahen darin eine „Schrumpfgefahr“ des Personalbestands und konnten sich durchsetzen.) Nur die ganz Großen werden für ihre Versorger mehr oder weniger sofort zur Rechenschaft gezogen.
Die Ausgestaltung der Novelle des LkSG im Kleingedruckten ist unklar und ungewisser denn je. Im Großen und Ganzen muss sie aber die Vorgaben der EU umsetzen. Sven Giegold, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, verspricht: „Wir werden (…) eine wirksame und Bürokratie-arme Umsetzung in Deutschland sicherstellen.“
Die werden wir schon schaffen, die Beschaffung
Die Preise für Hardware-Komponenten wie Grafikkarten und Prozessoren sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Geopolitische Spannungen im Anschluss an die Pandemie haben die Versorgungssicherheit der Datacenter-Branche ohnehin schon hart getroffen. Handelskonflikte, wie die drohende Auseinandersetzung zwischen den USA und China, lassen die Preise hochklettern und drohen, die Warenflüsse zum Stillstand zu bringen.
Stand: 08.12.2025
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Die Kosten der Seeschifffahrt sind ja bereits angezogen und bleiben volatil. Der Mangel an Arbeitskräften und die eingeschränkte Verfügbarkeit von Containern führen zu langen Wartezeiten und steigenden Frachtkosten.
Der Drewry WCI Composite Index erreichte Ende Oktober 2024 den Wert von 3.213 USD pro FEU. Das entspricht einem Anstieg von mehr als 126 Prozent gegenüber dem Vor-Pandemie-Durchschnitt aus dem Jahre 2019 (1.420 USD), es ist aber immerhin 69 Prozent unter dem Pandemie-Höchststand von 10.377 USD vom September 2021.
Corona ist schuld
Das Problem begann während der Pandemie, als weltweit große Teile der Produktion zum Erliegen kamen. Quarantänemaßnahmen zwangen Fabriken zur Schließung. Die Nachfrage nach digitalen Dienstleistungen schnellte in die Höhe, als das Home-Office zum Standard wurde. Die Nachfrage nach essenziellen IT-Komponenten überstieg plötzlich die Lieferkapazitäten um das Mehrfache. Chips wurden Mangelware. Lieferzeiten zogen sich in die Länge wie ein Kaugummi.
Just-in-time-Lieferungen wurden praktisch unmöglich, weshalb viele Rechenzentren ihre Lagerstrategien überdenken mussten und müssen. Anstatt wie zuvor auf Minimalbestände zu setzen, entscheiden sich viele Unternehmen dafür, ihre Lagerbestände signifikant aufzustocken. Das hat jedoch wiederum steigende Kosten zur Folge.
Lieferengpässe bei den Halbleitern wirken sich auf die Verfügbarkeit einer ganzen Reihe von betriebskritischen Datacenter-Komponenten aus. Wenn jetzt schon wieder Lieferanten wegfallen, dürfte sich die Chip-Knappheit verschärfen.
Und die Chips?
Die Auswirkungen auf den Betrieb und die Erweiterung von Rechenzentren sind deutlich spürbar: Erweiterungsprojekte werden verschoben oder sogar gestrichen, weil schlichtweg keine Komponenten verfügbar sind. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach digitalen Infrastrukturen weiterhin ungebremst an, getrieben durch die fortschreitende Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche.
Da sich China und die USA immer weiter voneinander entfernen, werden Produktionsstandorte in Europa wieder reizvoller, glaubt Ulrich Ackermann, Vorstand Tax der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG AG. Nicht zuletzt soll ja der AI Chips Act Abhilfe schaffen. Bis dahin bleibt die Situation sehr angespannt. Man kann ja gar nicht so schnell Fabriken errichten, wie schnell High-Tech-Produkte wegfallen, wenn Chip-Lieferungen ausbleiben.
Decoupling und die Nachwirkungen der Pandemie gefährden die Versorgung von Unternehmen, äußert Ulrich Ackermann, Vorstand Tax der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG AG.
(Bild: KPMG)
Exportbeschränkungen der Vereinigten Staaten gelten im Übrigen weltweit. Betroffen sind alle Lieferungen von Technologieprodukten mit U.S.-Ursprung an Wirtschaftseinheiten, die als nicht zugelassen klassifiziert wurden—und ihre Stützpunkte in Europa. Mindestens eine solche Adresse, die aktuellen U.S.-Exportbeschränkungen unterliegt, gibt es in Deutschland (siehe: „Consolidated Screening List“).
Das Lieferkettengesetz der EU
Für Rechenzentrumsbetreiber und ihre Lieferanten bedeutet die Umgestaltung der Lieferketten einen erheblichen Mehraufwand: Sie müssen alternative Bezugsquellen finden und Lagerbestände neu organisieren. Die daraus resultierenden Zusatzkosten belasten die ohnehin angespannte Situation. Wenn große Technologie- oder Handelsunternehmen auf unwürdige Zulieferer verzichten müssen und ihre Wertschöpfungsketten neugestalten, könnte es große Kreise um sich ziehen.
Einige Datacenter-Betreiber greifen schon heute vermehrt auf Second-Hand-Komponenten zurück oder versuchen, durch Hardware-Upgrades mehr Leistung aus bestehenden Systemen herauszuholen, anstatt neue Systeme zu beschaffen. Monitoring-Software-Tools sollen die Verschwendung minimieren.
In Krisenzeiten zeigt sich auch die Bedeutung einer diversifizierten Lieferantenbasis. Anstatt sich auf wenige große Anbieter zu verlassen, suchen viele Unternehmen nach kleineren Zulieferern. Diese Maßnahme senkt das Risiko zukünftiger Engpässe, ist jedoch mit erheblichem Aufwand verbunden. Qualitätsüberprüfungen und die Anpassung technischer Spezifikationen an neue Anbieter sind umständlich und unumgänglich, da nicht jeder Hersteller dieselben Standards garantieren kann. Diese Pandemieerfahrungen verstärken den bereits bestehenden Trend zu resilienteren und flexibleren Lieferketten.
Frauen in Tech und Energie: Etosha Cave, Mitbegründerin und Chief Science Officer von Twelve, will mit synthetischen Kohlenwasserstoffen „aus heißer Luft“ Brennstoffe wie Diesel und Biodiesel ersetzen. In der Abbildung: Cave auf der Hauptbühne während der Eröffnungsnacht des „Web Summit 2024“ in der MEO Arena in Lissabon, Portugal.
(Bild: David Fitzgerald/Web Summit via Sportsfile)
Technologisch gesehen verlassen sich viele Betreiber während der Engpässe auf KI-gestützte Prognosemodelle, um künftigen Bedarf besser einzuschätzen und ihre Bestellungen zu optimieren. Ein weiterer Trend, der in der Erholungszeit nach der Pandemie an Fahrt aufnimmt, ist die verstärkte Nutzung modularer Rechenzentren. Die hohe Anpassungsfähigkeit dieser erweiterungsfähigen und Upgrade-freundlichen Lösungen bietet mehr Flexibilität, in kurzer Zeit auf Marktänderungen zu reagieren. Die schnelle Inbetriebnahme und die geringeren Anfangsinvestitionen haben dem Ansatz zu Popularität verholfen.
Unternehmen nutzen zunehmend Software zur Überwachung des Betriebs, reduzieren die Anzahl von kritischen Komponenten und investieren in das Refurbishing von Komponenten, um ihre Lebensdauer zu verlängern. Was Hyperscalern wie AWS recht ist, kann es offenbar auch anderen billig sein.
Rechenzentrumsbetreiber müssen sehr genau abwägen, welche Projekte unabdingbar sind, und welche verschoben werden können. In vielen Fällen entscheiden sie sich für Modernisierungsmaßnahmen anstelle von Neubauten (siehe auch den Bericht über große Investoren in der Datacenter-Branche: „Das riecht quasi nach großen Geld; Blase, Boom, Risiken - Datacenter-Land Deutschland aus der Sicht der Geldgeber..“). Die Effizienzsteigerung der bestehenden Infrastruktur gestaltet sich oft einfacher als eine Neuanschaffung neuer Technologien, wie etwa Kühlungssysteme mit geringerem Energieverbrauch.
*Das Auorenduo
Das Autorenduo besteht aus Anna Kobylinska und Filipe Pereia Martins. Die beiden arbeiten für McKinley Denali, Inc., USA.
Ihr Fazit lautet: Die Lieferengpässe nach der Pandemie haben die Rechenzentrumsbranche schwer getroffen. Die neuen Regelungen regen jedoch zum Denken an.
Datacenter-Betreiber müssen ihre Lieferketten flexibilisieren, um sich auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten. Dazu zählt ein stärkerer Fokus auf Resilienz, Effizienz und Nachhaltigkeit. Diese Trends dürften die Rechenzentrumsbranche widerstandsfähiger und resilienter machen, wenn sich der sprichwörtliche Staub erst einmal gelegt hat.