Digitale Infrastrukturpolitik in Deutschland Kommentare zur Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung

Von Paula Breukel 3 min Lesedauer

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Die Bundesregierung hat nun Ausbauziele für Rechenkapazitäten bis 2030 definiert. Die Branche erkennt den Rahmen zwar an, verweist aber auf offene Punkte bei Energie, Genehmigungen und Fachkräften.

Digitalminister Karsten Wildberger sagt: „Deutschland braucht mehr Rechenpower.“ Die Nationale Rechenzentrums-Strategie soll hierfür den Grundstein legen und Deutschland bvis 2030 zu einem der attraktivsten Standorte für Rechenzentren machen.(Bild:  Sommerempfang der Initiative D21 2025 /Initiative D21 Michael Setzpfand / CC BY 4.0)
Digitalminister Karsten Wildberger sagt: „Deutschland braucht mehr Rechenpower.“ Die Nationale Rechenzentrums-Strategie soll hierfür den Grundstein legen und Deutschland bvis 2030 zu einem der attraktivsten Standorte für Rechenzentren machen.
(Bild: Sommerempfang der Initiative D21 2025 /Initiative D21 Michael Setzpfand / CC BY 4.0)

Die Bundesregierung hat am 18. März 2026 die erste nationale Datacenter-Strategie verabschiedet. Bis 2030 sollen sich die Rechenkapazitäten in Deutschland mindestens verdoppeln, die Kapazitäten für KI und High-Performance-Computing vervierfachen. Branchenvertreter begrüßen den Rahmen, mahnen aber konsequente Umsetzung an.

Deutschland ist mit über 2.000 Rechenzentren und rund 3.000 Megawatt IT-Anschlussleistung bereits ein führender Datacenter-Standort in Europa. Nun will die Bundesregierung diesen Vorsprung ausbauen und den wachsenden Bedarf an Rechenleistung für KI-Anwendungen decken und damit zugleich die digitale Souveränität Deutschlands sichern.

Das Papier macht dabei deutlich, dass es nicht nur um Wettbewerbsfähigkeit geht: Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern sollen abgebaut werden, damit diese nicht als wirtschaftliches Druckmittel gegen Deutschland und Europa eingesetzt werden können. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger fasste das Ziel knapp zusammen: Deutschland brauche mehr Rechenpower, um bei Künstlicher Intelligenz in Europa führend zu werden.

Drei Handlungsfelder, 28 Maßnahmen

Die Strategie gliedert sich in drei Handlungsfelder:

  • Energie und Nachhaltigkeit: Schnellere Netzanschlüsse, stärkere Integration erneuerbarer Energien, praxisnähere Effizienzanforderungen und erleichterte Abwärmenutzung. Rechenzentrums- und Energiebranche sollen den Ausbau gemeinsam in einem strukturierten Dialogprozess koordinieren.
  • Standort und Fläche: Mehr als ein Drittel der deutschen Rechenkapazität konzentriert sich heute im Gebiet Frankfurt/Rhein-Main. Ein Cluster, das zunehmend an Flächen- und Netzgrenzen stößt. Berlin-Brandenburg und das Rheinische Revier gewinnen als Ausweichstandorte an Dynamik. Die Strategie setzt auf die Ausweisung geeigneter Flächen, bevorzugt auf Brownfield-Arealen, einen „Praxis-Check“ zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren sowie eine vorausschauende Raumordnungsplanung, die Investoren und Kommunen gleichermaßen ansprechen soll.
  • Technologie und Souveränität: Unterstützung beim Aufbau von mindestens einer KI-Gigafabrik in Deutschland. „EuroHPC“ entscheidet voraussichtlich im Sommer 2026 , welche maximal fünf Standorte in der EU den Zuschlag bekommen. Dazu kommen Stärkung von HPC- und Forschungsnetzwerken sowie eine souveräne Cloud-Plattform für Behörden-KI als Teil des so genannten Deutschland-Stacks.

Alle 28 Maßnahmen sollen innerhalb von zwölf Monaten gestartet und soweit möglich abgeschlossen sein. Eine jährliche Aktualisierung ist vorgesehen. Staatssekretärin Professor Luise Hölscher vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) hatte das Dokument bereitsim Januar auf dem politischen Jahresauftakt der German Datacenter Association (GDA) als „Living Document" bezeichnet, das mit Markt, Nachfrage und Technologiepfaden Schritt halten soll.

Branchenverbände: Richtige Richtung, aber mit Lücken

Die German Datacenter Association (GDA), die rund 270 Unternehmen der Branche vertritt, begrüßt die Strategie als Bekenntnis zur digitalen Infrastruktur. Doch der Verband benennt auch vier kritische Punkte: Peter Pohlschröder, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der GDA, sagt:

„Wenn (...) in Groß-Gerau ein 2,5-Milliarden-Euro-Projekt auf einer Brownfield-Fläche am Widerstand eines Stadtparlaments scheitert, ist das ein fatales Signal an Investoren und für die Digitalisierung in Deutschland überhaupt.“ Er schließt: Die Strategie enthalte zwar Ansätze zur kommunalen Akzeptanz, bleibe dabei aber zu vage.

Konkret vermisst die GDA einen bundeseinheitlichen Genehmigungsleitfaden mit verbindlichen Fristen, einen klaren Fahrplan zu international wettbewerbsfähigen Strompreisen sowie ein eigenes Handlungsfeld zum Fachkräftemangel. „Wir messen den Erfolg dieser Strategie nicht an Ankündigungen, sondern an dem, was in zwölf Monaten im Bundesgesetzblatt steht", so Pohlschröder.

Auch der Digitalverband Bitkom bewertet die Strategie als notwendiges, aber nicht hinreichendes Signal. Präsident Ralf Wintergerst lobt die klar formulierten Ausbauziele, kritisiert aber, dass die Strategie zu oft im Vagen bleibe.

Im internationalen Vergleich

Die deutschen Rechenzentren kamen 2025 auf knapp 3.000 Megawatt. Zum Vergleich: Die USA verfügten bereits 2024 über rund 48 Gigawatt, rund 16-mal so viel. Auch China baue seine Kapazitäten schneller aus als Deutschland und Europa. „Ohne leistungsfähige Rechenzentren verliert Deutschland den Anschluss an den internationalen Wettbewerb", so Wintergerst.

Neben schnelleren Genehmigungsverfahren und besserem Netzzugang sieht Bitkom vor allem die im europäischen Vergleich hohen Energiepreise als strukturellen Wettbewerbsnachteil, der dringend angegangen werden müsse.

Positiver fällt das Urteil bei Atlasedge Data Centres aus: Die Strategie schaffe die langfristige Klarheit und Verlässlichkeit, die die Branche brauche. Wörtlich sagt Georg Raiser, Managing Director DACH bei Atlasedge Data Centres: „Mit dem Ziel, die nationale Kapazität zu verdoppeln und Planungs-, Genehmigungs- sowie Netzanschlussprozesse zu beschleunigen, übernimmt Deutschland eine klare Führungsrolle dabei, wie Europa die digitale Infrastruktur für Künstliche Intelligenz, High Performance Computing und die nächste Welle industrieller Innovation skalieren kann.“

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