Viele Aussteller, interessantes Programm und wenig Besucher Gitex Berlin – ein Start mit Hindernissen

Von Dr. Jakob Jung 6 min Lesedauer

Mit einem wenig berauschenden Zuschauerandrang, aber interessanten Vorträgen und zahlreichen Ausstellern hat sich die IT-Messe „Gitex Europe x Ai Everything“ in Berlin präsentiert. Die Veranstaltung mit Wachstumsanspruch hat Autor Jakob Jung für DataCenter-Insider besucht.

Nur wenige Besucher fanden sich am 23. Mai vor dem Eingang zur „Gitex“ um 9.30 Uhr. (Bild:  Jakob Jung)
Nur wenige Besucher fanden sich am 23. Mai vor dem Eingang zur „Gitex“ um 9.30 Uhr.
(Bild: Jakob Jung)

Der erste Eindruck war Leere. Die S-Bahn 3 von Friedrichsstraße bis Messe Süd, die bei der IFA im September und bei Heimspielen von Hertha BSC aus allen Nähten platzt, war nur spärlich besetzt. Auch am Eingang zur Messe Gitex Europe x Ai Everything waren am zweiten Messetag nur vereinzelte Besucher zu entdecken: ohne zu warten direkt zur Registration! Angenehm für die Besucher, weniger schön für Veranstalter und Aussteller. Erst am Nachmittag füllten sich die Hallen allmählich.

Dabei gab es durchaus einiges zu sehen: Über 1.400 Unternehmen, Start-ups und Investoren aus mehr als 100 Ländern trafen sich in der deutschen Hauptstadt vom 21. bis zum 23. Mai 2025, um Zukunftstechnologien, Künstliche Intelligenz und digitale Innovationen zu präsentieren.

Zum Vergleich: Bei der IFA im vergangenen Jahr waren es 1.800 Aussteller und 215.000 Besucher, die alle 26 Hallen des Berliner Messegeländes in Anspruch nahmen. Die Gitex begnügte sich dagegen mit sechs Hallen. Offizielle Angaben zur Besucherzahl gibt es keine.

Die Vorgeschichte

Die Gitex Europe x Ai Everything 2025 wurde organisiert vom Dubai World Trade Centre und Kaoun International in Partnerschaft mit der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie sowie dem Europäischen Innovationsrat (EIC), Europas größtem Deep-Tech-Investor. Die Veranstaltung wurde ursprünglich in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gegründet und Gitex-Messen gab es bereits in Marokko, Nigeria, Singapur, Thailand, VAE und Vietnam. Die Veranstaltung in Berlin begann mit dem etwas verwegenen Anspruch „Europas größte Technik-Messe“.

Die Ausstellerstimmen

Es gab eine Diskrepanz zwischen großen und kleineren Ausstellern, allerdings sehr viel internationales Publikum, was die Großen gut fanden, während die Kleinen sich mehr Leads aus dem DACH-Raum (Deutschland, Österreich und der Schweiz) erhofft hatten. Ungewöhnlich war der Zapfenstreich um 17:00 Uhr, der sowohl mich als auch die Aussteller, mit denen ich nach 17:00 Termine vereinbart hatte, total überraschte, darunter den Platinum Sponsor Amazon Web Services.

  • Am Stand von Kaspersky (Halle 3.2 A 60) sagte Anne Mickler, Corporate Communications Manager DACH & Nordics Kaspersky, der Eindruck sei wie erwartet eher global als auf der IT-SA. Es gebe aber eine Menge Leads und gute Gespräche.
  • Sehr kritisch äußerte sich dagegen Paul Moll, Senior Field Marketing Manager Central Europe bei Watchguard: „Wir erreichen die Zielgruppe nicht. Es ist sehr bitter.“
  • Kevin Leusing, EMEA Chief Technologist and Country Manager, Republic of Ireland Proofpoint , äußerte sich enttäuscht darüber, dass die Besucherfrequenz schwächer als erwartet war.
  • Thomas Henk, Director Vendor Management, Deutschland bei Exclusive Networks, zeigte sich insgesamt zufrieden: „Es ist ok. Gestern war viel los. Die Qualität ist positiv, aber es ist bestimmt keine IT-SA.“ Immerhin war Exclusive Networks auf der Gitex mit einem eigenen Stand vertreten, was auf der IT-SA derzeit nicht geplant ist.
  • Voll befriedigt äußerte sich Tim Kartali, Head of Global Partner Sales Ionos: „Die Qualität und die Zielgruppe war für uns als Cloud-Anbieter perfekt. Ich hatte 2 1/2 Tage lang non-stop Gespräche bei uns am Stand. Für mich war die Gitex neben der 'Smart Country Convention' die beste Messe seit langem. Organisation top. Fazit: 1A.“
  • Holger Fischer, Director Sales EMEA Central Opswat, erläuterte: „Die Messe ist ganz ok, aber wenig fokussiert auf unsere Themen. Es ist gut besucht für das erste Mal, aber der 'Cyber Summit' in Hamburg war interessanter.

Das IBM Quantum System auf dem IBM-Stand der Gitex.(Bild:  Jakob Jung)
Das IBM Quantum System auf dem IBM-Stand der Gitex.
(Bild: Jakob Jung)

  • Ralf Borgwardt, Vice President Data Platform Leader DACH IBM Technology Sales, berichtete: „Die Gitex ist sehr gut, sehr voll und sehr international.“ Er war sehr zufrieden mit dem starken Andrang zu seiner Keynote zum Thema „IBM watsonx Orchestrate“. Die Enterprise ready Agentic AI -Anwendung hilft Kunden, KI-Assistenten und -Agenten zu entwickeln, einzusetzen und zu verwalten, die Workflows und Prozesse mit generativer KI automatisieren.
    IBM selbst als „Client Zero“, also Pilotkunde, hat damit KI at Scale umgesetzt und in zwei Jahren erhebliche Produktivitätsgewinne erzielt. Auch Audi und die Finanzaufsicht Bafin haben mit IBM watsonx Orchestrate positive Erfahrungen gemacht.
  • Jonathan Weiss, Managing Director Amazon Development Center GmbH, zeigte sich sehr stolz auf die AWS Entwickler-Gemeinschaft, die am Standort Berlin 2.500 Mitarbeiter umfasst und demnächst durch die europäische souveräne Cloud in Brandenburg weiter verstärkt wird. Die Resonanz am Stand bezeichnete er auch als sehr gut mit vielen internationalen Kontakten.
    Sein Hauptthema war „Amazon Q“: Dabei handelt es sich um einen generativen KI-Assistenten mit speziellen Funktionen für Software-E-ntwickler, Business-Intelligence-Analysten, Kontakt-Center-Mitarbeiter, Lieferketten-Analysten und alle, die mit AWS entwickeln.

Die Quantum Expo

Die „Gitex Quantum Expo“, GQX (Halle 6.2) fand in Partnerschaft mit IBM und QBN - dem globalen Industrienetzwerk und Beratungsunternehmen für Quantentechnologien zur Förderung von Kommerzialisierung, Zusammenarbeit und Übernahme – statt und bot ein Präsentations- und Konferenzprogramm, das sich mit fortschrittlicher Quantenforschung und branchenübergreifenden Auswirkungen befasste. Zu den Rednern gehörten Mira Wolf-Bauwens, Responsible Quantum Computing Lead, IBM Research, Schweiz; Joachim Mnich, Director of Research & Computing, CERN, Schweiz; Neil Abroug, Head of the French National Quantum Strategy, INRIA; und Jan Goetz, CEO & Co-Founder, IQM Quantum Computers, Finnland.

Man traf sich zur Podiumsdiskussion „Quantum Race“(Bild:  Jakob Jung)
Man traf sich zur Podiumsdiskussion „Quantum Race“
(Bild: Jakob Jung)

IBM zeigte eine exklusive Quantum-Demonstration mit Einblick in das Innenleben des „IBM Quantum System Two“ und einer Nachbildung des Cryostats. Christian Geckeis, Vice President & Head of Sales IBM Technology DACH, erklärte: „Die Verbindung von Quantencomputing und KI funktioniert in beide Richtungen – zum einen beschleunigt Quantencomputing neue KI-Modelle, zum anderen hilft generative KI bei der Entwicklung von Quanten-Code.“

Green Digital Action Summit

Der „Green Digital Action Summit“ wurde veranstaltet von der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) und dem Umweltbundesamt (UBA). Die erstmalige Gitex Europe x Ai Everything bot eine Plattform zur Entwicklung eines „grünen Playbooks“ für den europäischen Wandel – unterstützt durch strategische Partner wie Start Up Energy Transition (SET), eine globale Plattform zur Förderung von Energie-Innovationen, und Tact+Invest, eine Deep-Tech-Investmentgruppe mit Fokus auf reale Nachhaltigkeit.

Der Gipfel, ausgerichtet von ITU und dem UBA, befasste sich mit der Rolle von Regulierung und Politik, der Nutzung digitaler Infrastrukturen, KI und Big Data sowie der Harmonisierung technologischer und ökologischer Standards zur Erfüllung der Klimaziele.

Tomas Lamanauskas, stellvertretender Generalsekretär der ITU, eröffnete mit einem Hinweis auf die Ambivalenz KI-gestützter Klimamaßnahmen: „Um das Klima für uns selbst zu bewahren, brauchen wir alle verfügbaren Werkzeuge – digitale Technologien können helfen: von der satellitengestützten Klimabeobachtung bis zur Anpassung an den Klimawandel. Schätzungen zufolge kann KI 5–10 % der Emissionen einsparen – das entspricht dem CO₂-Ausstoß Europas. Doch die rapide Entwicklung der KI bedeutet auch steigenden Energieverbrauch.“

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Proessor Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), hielt eine Keynote.(Bild:  Gitex)
Proessor Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), hielt eine Keynote.
(Bild: Gitex)

In seiner Keynote betonte Professor Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), die Notwendigkeit systemischer Zusammenarbeit: „Wir arbeiten an einem Rahmen für diese Kooperation. Es geht um drei systemische Veränderungen: Erstens die Ausrichtung der Digitalisierung auf Klima- und SDG-Ziele; zweitens die Begrenzung möglicher negativer Effekte digitaler Dynamiken; drittens die Nutzung des Potenzials von KI und digitaler Innovation zur Förderung der SDGs und des Klimaschutzes.“

Till Stenzel, Partner bei SET Ventures, sagte: „Energietechnologie entwickelt sich zu einer eigenständigen Investmentkategorie. Anders als Klimatechnologie ist sie weniger von Regulierung und Subventionen abhängig, sondern vom technologischen Wandel. Start-ups im Bereich ‚Energy AI‘ sind die logische Weiterentwicklung. In einem dezentralisierten Energiesystem muss alles automatisiert, optimiert und orchestriert werden – Start-ups, die höhere Anlagenauslastung ermöglichen, werden dabei eine Schlüsselrolle spielen.“

Moritz Jungmann, Partner bei Future Energy Ventures, formulierte es so: „KI wird zur Betriebssystem-Infrastruktur für saubere Energie. Besonders vielversprechend sind Anwendungen in Netzprognosen, vorausschauender Wartung und Energiehandel. Der eigentliche Gamechanger ist jedoch KI als Orchestrator dezentraler Energieressourcen – für lokale, automatisierte und reaktionsfähige Systeme. Der jüngste Blackout in Spanien und Portugal hat gezeigt, wie wichtig smartere Netzsteuerung ist.“

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