Interview mit Dr. Ralph Hintemann, Borderstep Institut Abwärmenutzung ist herausfordernd, aber chancenreich

Das Gespräch führte High Knowledge GmbH 4 min Lesedauer

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Die Nutzung der Abwärme in Rechenzentren ist ein komplexes Thema voller Herausforderungen. Zudem rückt das Thema wegen der Richtlinien des neuen Energie-Effizienzgesetzes (EnEfG) verstärkt in den Fokus. Experte Ralph Hintemann vom Borderstp Institut erkläutert, worauf es ankommt und welche Chancen sich bieten.

Die Abwärmenutzung in Rechenzentren rückt als Thema zunehmend in den Fokus.(Bild:  kewl /  Pixabay)
Die Abwärmenutzung in Rechenzentren rückt als Thema zunehmend in den Fokus.
(Bild: kewl / Pixabay)

Das EnEfG sieht strenge Regularien zum Stromverbrauch und der Abwärmenutzung in Rechenzentren vor. Für Betreiber bedeutet das oft große Herausforderungen, die bis hin zu energetischer Sanierung oder einem Neubau reichen können.

Dr. Hintemann ist Experte für das Thema Abwärmenutzung in Rechenzentren. Der Gesellschafter und Senior Researcher des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit in Berlin hat dazu mehrfach Publikationen veröffentlicht, ist als Referent tätig und wirkte unter anderem beim Zertifikat „Sustainable Data Center“ mit. Im folgenden Interview mit dem Kölner Unternehmen High Knowledge GmbH geht er auf die aktuellen Probleme rund um die Abwärmenutzung in Rechenzentren ein.

Möglichkeiten besser und zielgerichteter nutzen

Dr. Ralph Hintemann, Gesellschafter und Senior Researcher des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit(Bild:  Screenshot / Borderstep Institute)
Dr. Ralph Hintemann, Gesellschafter und Senior Researcher des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit
(Bild: Screenshot / Borderstep Institute)

Das Thema „Abwärme-Nutzung“ ist ein wichtiger Punkt im neuen Energie-Effizienzgesetz, so muss zum einen die Nutzung der Abwärme dokumentiert und bis zum Jahr 2028 die Abwärme auch - soweit technisch möglich - komplett genutzt werden. Wie stehen Sie zu diesen staatlichen Vorgaben?

Ralph Hintemann: Ich bin ein starker Befürworter dafür, dass wir die Abwärme besser und zielgerichteter nutzen. Das Thema des Klimaschutzes ist der bestimmende Aspekt unserer Zeit. Es ist auch eine große Herausforderung, die aber zahlreiche Chancen bietet - gerade auch für Betreiber von Rechenzentren. Das betrifft vor allem auch die Planung von neuen Anlagen. Denn hier ist die Standortentscheidung sehr wichtig.

Es muss hier schon genau darauf geachtet werden, wo und wie man die Abwärme nutzt. Kann diese ins Wärmenetz eingespeist werden? Gibt es in unmittelbarer Nähe Abnehmer wie Schulen oder andere Einrichtungen? Wird eine Wärmepumpe benötigt? Was passiert im Sommer, wenn weniger Wärme benötigt wird? Man sieht, es ergeben sich zahlreiche Fragen, die man in diesem Zusammenhang beantworten muss.

Was muss Ihrer Meinung passieren, dass diese Fragen beantwortet werden können?

Ralph Hintemann: Meiner Meinung nach stehen wir in der Diskussion erst am Anfang. Darum plädiere ich dafür, dass man das Thema anreizorientierter gestaltet. Grundsätzlich ist es sehr wichtig, dass man aufgrund der stetig wachsenden Anforderungen der Digitalisierung Rechenzentren baut. Allerdings sollten diese so nachhaltig wie möglich gestaltet werden.

Hier sollte die Politik mehr Anreize schaffen. Das fängt beim Standort an und hört bei der Bilanzierung von CO₂-Mengen auf, welche die Betreiber dann wieder verkaufen könnten. Man könnte beispielsweise auch darüber nachdenken, Vergünstigungen bei den Abgaben auf Strom einzuführen, wenn Abwärme genutzt wird.

Es gehört auf jeden Fall dazu, dass sich Politik und Datacenter-Betreiber besser austauschen und man gemeinsam neue Ideen entwickelt. Wichtig ist auch, dass die Abnahme von Abwärme in Deutschland einfacher gestaltet wird. Der Staat kann den Kommunen und den Betreibern helfen und bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen setzen.

Des Weiteren muss man aber auch sehen, dass es nachhaltige Lösungen gibt, die Abwärme effektiv zu nutzen. Hierzu müssen auch die Betreiber offen für Lösungen sein. Oft hilft es dabei auch, sich externe Partner ins Boot zu holen, die beide Seiten sinnvoll unterstützen können.

Ist diese Diskussion, die Sie angesprochen haben, nicht schon in vollem Gange?

Ralph Hintemann: Man muss sehen, dass es derzeit kein größeres Rechenzentrumsprojekt in Deutschland gibt, bei dem nicht geprüft wird, wie man die Abwärme nutzen kann. Trotzdem ist es wichtig, dass das Thema noch weiter ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wird. Nicht nur aufgrund der Energiekrise und den steigenden Kosten für Energie müssen wir uns von Öl und Gas lösen.
Das ist meiner Meinung absolut alternativlos. Ganz entscheidend ist aber auch, dass sich daraus eine Win-win-Situation für die Betreiber und für die Politik bzw. Gesellschaft ergibt.

Welchen Anteil kann denn die Nutzung der Abwärme aus Rechenzentren leisten?

Ralph Hintemann: Ganz klar: Rechenzentren werden nicht allein die Wärmewende in Deutschland herbeiführen. Aber sie können einen Teil dazu beitragen, vor allem, wenn man es kommunal betrachtet. So kann ein großes Rechenzentrum eine kleinere Stadt mit Wärme versorgen.
Frankfurt am Main könnte in Zukunft fast ausschließlich mit Abwärme aus den zahlreichen Rechenzentren beheizt werden. Das Potenzial ist auf jeden Fall gegeben. Aber es bleiben natürlich auch die Herausforderungen: Wer nimmt die Wärme ab und wie viel Prozent davon ist wirklich nutzbar?

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