Rund 1.800 Gäste diskutierten in München über Quantenanwendungen, digitale Souveränität und Künstliche Intelligenz. Die elfte Ausgabe der Münchner „Tech Days“ in der vergangenen Woche haben gezeigt: Viele Technologien sind längst im industriellen Einsatz.
Hier kam die Branchenwelt zusammen: Auf den Tech Days 2025 trafen Experten aufeinander und diskutierten über die Zunkt der IT.
Die Tech Days 2025, ein Event von der Bayern Innovativ GmbH, haben eine Verdopplung der Registrierten verzeichnet: Mit rund 1.800 Fachbesuchern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sei die Veranstaltung so groß wie nie zuvor, hebt Rainer Seßner, Geschäftsführer beim Veranstalter hervor. In der „Tonhalle“ und im „Technikum“ des „Werksviertel Mitte“ haben Branchenexperten auf drei Bühnen über aktuelle Entwicklungen in Bereichen wie Quantencomputing, Künstliche Intelligenz (KI), Digitalisierung und Energie diskutieren können.
Quantencomputing mit konkretem Anwendungsbezug
Ein Schwerpunkt des Events am 16. und 17. Juli auf industriellen Einsatzszenarien von Quantencomputing. Jasper Krauser, Quantum Technology Central Coordinator bei Airbus Germany, hat anhand mehrerer Beispiele aufgezeigt, wie das Unternehmen die Technologie bereits nutzt. Beim Flugzeugdesign etwa helfe Quantencomputing dabei, Materialien mit optimalem Verhältnis von Gewicht, Stabilität und Nachhaltigkeit zu identifizieren.
Auch bei der Planung satellitengestützter Erdbeobachtung, etwa zur Auswahl optimaler Zeit- und Ortsfenster für Aufnahmen, gewinne die Technologie zunehmend an Bedeutung. Im Fokus stehen dabei so genannte Quantenlöser, also quantengestützte Optimierungsverfahren für hochkomplexe Gleichungssysteme.
Post-Quanten-Kryptografie gewinnt an Dringlichkeit
Mit Blick auf die IT-Sicherheit haben Fachleute auch den Stand von Post-Quanten-Kryptografie (PQC) in Deutschland und Europa erörtert. Manfred Rieck, Head of Quantum Tech bei der Deutschen Bahn, hat das Whitepaper „Kryptografie quantensicher gestalten. Grundlagen, Entwicklungen, Empfehlungen.“des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vorgesetllt, das konkrete Anforderungen für die Absicherung von IT- und OT-Infrastrukturen skizziert.
Während die USA mit ihrer Nationalen Quantenstrategie (National Quantum Strategy) von 2018 laut Rieck klar voraus seien, sieht er Deutschland aber in der öffentlichen Verwaltung gut aufgestellt. Die Empfehlungen des BSI könnten nach seiner Einschätzung mittelfristig verbindlich werden. In den USA allerdings werden strategische Vorgaben bereits teilweise durch gesetzlich bindende Maßnahmen wie das National Security Memorandum 10 konkretisiert, etwa zur verpflichtenden Einführung quantenresistenter Kryptografie in Bundesbehörden.
Anwendungsorientierter Überblick zu weiteren Quantenprojekten
Ergänzend haben Forschende und Unternehmen Einblicke in laufende Industrieprojekte gewährt. Sebastian Senge, Next Gen Computing Lead DACH bei Accenture, ist darauf eingegangen, wie hybride Quantenansätze bereits heute zur Lösung betrieblicher Optimierungsprobleme eingesetzt werden, unter anderem für die Fahrplansoptimierung der Deutschen Bahn.
Ein Kessel Buntes. ein Kommentar
Der Anspruch sei, die Besten zu sein, so Tobias Gotthardt, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. Sogleich fügt er hinzu: „Meistens gelingt uns das auch. [....] Ich will kein MP3-Drama erleben - hier entwickelt und woanders vermarktet." Er mahnt Souveränität an, wobei es dabei nicht darum gehe, „wer Freund, Feind und nicht mehr so ganz Freund sei“, lässt aber weitgehend offen, wie denn diese zu erreichen ist und ob er dabei lediglich an Bayern denkt. Aber: Das Bundesland hat „in den letzten Jahren“immerhin 6 Milliarden Euro „für Hightech“ ausgegeben.
Fabian Mehring, der Bayrische Staatsminister für Digitales, sagt später: „KI wird dafür sorgen, dass sich der Wohlstand neu verteilt“ und räumt ein, dass es noch weit fehlt, hier die Nummer eins zu sein: man müsse die Seitenlinie verlassen und endlich das Gaspedal finden. Seine recht markige Rede endet im Appell: „Wir brauchen eigene digitale Champions!" und dies sei ein Wake-up-Call".
Die Hindernisse sind auch ihm klar: die hohen Energiepreise in Deutschland, keine natürlichen Rohstoffe, Überalterung der Gesellschaft, „mit die höchsten Löhne“... Das habe ich mitgeschrieben. Er spricht von „Oberangsthasen“ und „Oberregulierern“ und meint die bayerische, nein, vermutlich die gesamte deutsche Bevölkerung. „Wir brauchen ein KI-Wirtschaftswunder!“.
Ein roter Faden?
Wenn es einen roten Faden auf der Veranstaltung gegeben hat, dann den: Fast jeder Vortrag endet mit mindestens einem Aufruf zu mehr Mut, zu mehr Innovation, zu mehr Unternehmertum; die meisten sind von Menschen gehalten worden, die eben keine Unternehmer sind und auch keine sein wollen, die aus Ideen Geschäft generieren - mit rühmlichen Ausnahmen:
Da gibt es zum Beispiel Benedict Padberg, Gründer von Friendly Captcha, das eine DSGVO-konforme Google-Alternative zum Schutz von Webseiten sicher vor Bots und Spam darstellt, welche im Gegensatz zur Konkurrenz keine Daten der Nutzer abgreift, und der Interlink GmbH, beides Wörthsee, die er schon mit 17 gegründet hat - ein echter Entrepreneur also.
Die Wirklichkeit für die meisten aber sieht so aus: Die Besucher der Tech-Messe zahlen für Getränke und Essen, aber bitteschön in bar, weil es dazu keine Alternative gibt; doch zumindest steht WLAN auf dem gesamten Gelände zur Verfügung, wie der Veranstalter anscheinend betonen muss.
Matthias Maurer wurde durch seine Teilnahme am Flug SpaceX Crew-3 im Jahr 2021 der 12. Deutsche, der in den Weltraum gereist ist und der vierte, der einen ISS-Außenbordeinsatz absolviert hat, der 441. in der Raumfahrtgeschichte.
(Bild: uo/Vogel IT-Medien GmbH)
Ansonsten hält das Event einen Kessel Buntes bereit, so dass zumindest mir unklar geblieben ist, an wen sich die Veranstaltung eigentlich richtet. Unzweifelhaft ist es schön, wenn eine Berühmtheit wie ESA-Astronaut Matthias Maurer deutlich macht, dass Raumfahrt eine Zukunftsindustrie ist und die Europäer bei der Eroberung des Mondes 2030 dabei sein müssten, aber SpaceX, die Firma von Elon Musk, als derzeit einzige in der Lage ist, nahezu alle zwei Tage einen Raketenstart zu vollbringen. Laut Maurer sucht die ESA, bisher Juniorpartner der NASA, derzeit nach neuen Partnern, etwa in Indien: „Doch, müssen wir mit einer Rikscha ins All?“ Selbstredend seien die Inder gut - gut, weil sie Mut zu etwas Neuem hätten. „Wo bleibt unser Mut?“
Schön auch, wenn der Veranstalter 1.800 Anmeldungen gezählt hat und sich Start-ups eingefunden haben. Startups sind schließlich im Trend: Die Neugründermesse „Vivatech“ in Paris zählte kürzlich 14.000 Start-ups, 171 Nationalitäten, KI-Themen nahmen rund 40 Prozent der Vorträge auf der Hauptbühne ein und 180.000 Besucher waren zugegen; außerdem gab es natürlich eine verständliche Konferenzagenda mit Angaben über die Zielgruppe und Technikverständnisgrad, die für die Techdays fehlt.
Also?
Letzteres hätte vielleicht den fehlenden inhaltlichen roten Faden ersetzen können, da sich die Besuchswilligen selber hätten einen spinnen können. Doch irgendwas mit Innovation, Hightech - KI, Energie, Quantencomputing, Raumfahrt und ,ach ja, Security - sowie populistische Appelle an Mut und Souveränität zeigen wohl eher, dass man genau diese Thematiken nicht richtig verstanden hat.
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