Blauer Engel für Rechenzentren Kriterien-Überarbeitung für Umweltzertifikat: Sondierungen laufen

Anbieter zum Thema

Der „Blaue Engel für Rechenzentren“ wird gerade überarbeitet. Das Umweltzeichen soll attraktiver und gleichzeitig ökologisch anspruchsvoller werden, ohne Anwender zu verschrecken. Interessierte können sich selbst zu Wort melden, um Anregungen oder Einwände bezüglich der Kriterien in den Prozess einzuspeisen.

Der Blaue Engel für Rechenzentren befindet sich derzeit in einer turnusmäßig fälligen Überarbeitung.
Der Blaue Engel für Rechenzentren befindet sich derzeit in einer turnusmäßig fälligen Überarbeitung.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Schon im Januar 2023 soll der neue Blaue Engel für Rechenzentren fertig sein. Er fasst die beiden bisher möglichen Blauer-Engel-Umweltzeichen für Rechenzentren zusammen.

Bislang gibt es ein Umweltzeichen für umweltfreundliche Rechenzentrums-Gebäudetechnik (De-UZ-161), und eins für Energie-effizienten Datacenter-Betrieb (De-UZ-214). Je nach den Eigenschaften des Zertifizierungsobjekts (Datacenter-Gebäude, Ratacenter beim Kolokateur, eigenes Rechenzentrum…) werden dann aus dem neuen Blauen Engel die passenden Kriterien zur Zertifizierung herangezogen. Das soll beispielsweise den Betreibern von Co-Location-Rechenzentren stehen, eine Zertifizierung ihrer ausgelagerten Anlagen ermöglichen.

Informeller Stakeholder-Dialog im Vorfeld

Der Prozess zur Kriterienüberarbeitung wurde vom Umweltbundesamt an das Ökoinstitut Freiburg e.V. und die Rechenzentrumsberatung Data Center Excellence (DCE) vergeben. Die jetzigen Sondierungen finden im Vorfeld des formell definierten Konsultationsprozesses statt, um diesen so weit wie möglich zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Die jetzigen Inputs werden genau wie möglicherweise inzwischen erfolgende gesetzliche Änderungen eingearbeitet und im September nochmals in mehreren offenen Workshops diskutiert. Im Oktober ist eine offizielle Expertenanhörung durch die RAL gGmbH geplant, der die endgültige Formulierung der Kriterien folgt. Im Dezember soll das neue Umweltzeichen dann verabschiedet werden und ab Januar 23 gelten.

Kriteriendiskussion

Bei der ersten Video-Konferenz am 12. mai 2022 stellten sie die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit einem Kreis von Interessierten vor. Neben Datacenter-Spezialisten und -Beratern waren auch viele Auditoren, etwa vom TÜV Süd, anwesend.

Insgesamt hat es drei Videositzungen in dieser ersten Runde geben, am 19.5. 2022: Informationstechnik und 23.5.2022: Monitoring, Berichtswesen, Transparenz.

Abwärmenutzung verpflichtend?

Bei den bislang formulierten Kriterien gibt es wenig komplett Neues, einige Änderungen im Detail und auch einige Streichungen. Die wohl für Praktiker schwerwiegendste Änderung ist die geplante Verpflichtung zur Abwärmenutzung, zumindest in den eigenen Gebäuden. Viele Teilnehmer waren damit nicht einverstanden und verlangten hier Ausnahmeregeln.

Denn beispielsweise seien manche Rechenzentren in gemieteten Räumlichkeiten zur Abnahme von Wärme-Energie durch langfristige Mietverträge verpflichtet. Auch sehr kleine Rechenzentren hätten oft Probleme, mit ihrer Abwärme etwas Sinnvolles anzufangen.

Zudem seien, so einige der Praktiker, die nötigen Abwärmemengen für die eigene Heizung oft so gering, dass sie nur einen winzigen Bruchteil der vorhandenen Abwärme ausmachten, andere Nutzer aber nicht zu entdecken. Es stehe also zu befürchten, dass das Kriterium viele durchaus willige Datacenter-Betreiber eher abschrecke.

Datacenter-Abwärmenutzung: Betreiber wollen meist nicht Energie-Erzeuger sein

Der Nutzung von Abwärme außer Haus stellen sich derzeit tatsächlich häufig schwierige Hindernisse entgegen. Manche RZ-Betreiber erklärten, selbst kostenlos sei die Abwärme nicht loszuwerden. Häufig fehlten ganz einfach die Abnehmer.

Zudem gibt es keine klaren gesetzlichen Regelungen, der Nachbarn oder Wärmenetze zur Abnahme von Fernwärme zwingen würde. Oder die Wärme aus dem Rechenzentrum ist mangels Flüssigkühlung im Datacenter schlicht zu kühl fürs Heizen aus der Ferne.

Es ist auch gesetzlich nicht geklärt, wer für den Leitungsbau zuständig ist und wer dessen Kosten trägt. Und kaum ein Datacenter-Betreiber möchte wegen der Abgabe von Abwärme plötzlich als Energie-Erzeuger eingeordnet werden. Kurz: Hier sollte der Gesetzgeber endlich die nötigen Rahmenbedingungen setzen, die Fernwärme-Abgabe für Rechenzentren und Abnehmer attraktiv macht.

Strengere Messregeln - jetzt auch für Kälte

Anders als bisher sollen Antragsteller in Zukunft laufend nicht nur Messwerte für Elektrizität, sondern auch sinnvolle Messerwerte für Klimaregulierung und Kälte-Erzeugung liefern. Sie sollen ein Messkonzept für beides entwickeln und die Messstellen für Strom und Kälte in das Anlagenkonzept einzeichnen.

Von den Konferenzteilnehmern wurde ergänzend gefordert, auch Temperaturmessungen in die Kriterien aufzunehmen und Messungen digital und automatisiert durchzuführen. Außerdem soll eine Messwertdichte vorgegeben werden.

Die Jahresarbeitszahl der Kühleinrichtungen, ein Maß beispielsweise für die Effizienz von Wärmepumpen, soll durch die in der EU-Norm 50600 vorgesehene CER (Cooling Efficiency Ratio) ersetzt werden. Die Grenzwerte bleiben gleich. Werden neue Aggregate implementiert, soll sich der Wirkungsgrad der Wärmepumpe auf keinen Fall verschlechtern.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu RZ- und Server-Technik

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Trinkwasserverbrauch messen - auch auf dem begrünten Rechenzentrumsdach?

Beim Thema Wasser ist anders als bisher geplant, den Trinkwasserverbrauch konkret zu messen, da trinkbares Wasser vielerorts knapp und teuer werden könnte. Viel Trinkwasser wird beispielsweise für adiabatische Kühlverfahren verbraucht.

Dabei tauchte die Frage auf, ob und wie auch Trinkwasserverbräuche für Nicht-IT-Zwecke, beispielsweise für die Bewässerung begrünter Dächer, in die Berichtspflichten einfließen sollen. Bislang ist das nicht vorgesehen. Außerdem fanden viele Praktiker, auch andere Wasserverbräuche sollten, wenn möglich, erfasst werden.

PUE: Abstufung nach Datacenter-Klassen gefordert

Während die bisher beim Blauen Engel gültigen PUE-Werte insgesamt gleich bleiben sollen, ist aber vorgesehen, dass diese Grenzwerte möglichst während der gesamten Laufzeit einzuhalten sind. Punktuelle Überschreitungen führen nicht sofort zur Aberkennung des Blauen Engels, müssen aber gegenüber der auditierenden Institution erklärt werden.

Messungen des PUE ausschließlich zu einem bestimmten Zeitpunkt, zum Beispiel vor der Re-Evaluierung, sollen nicht mehr reichen. Gemessene Werte sollen stetig veröffentlicht werden, um Transparenz herzustellen.

Kritisch diskutierte die Runde zum einen, ob die vorgegebenen PUEs noch zeitgemäß sind: Der niedrigste vorgegebene PUE ist 1,3 für RZs, die ab dem 1.1.2019 gebaut wurden. Aktuelle RZ-Ausschreibungen gehen darüber teils deutlich hinaus.

Da es schwierig sei, die vorgegebenen PUE-Werte bei Rechenzentren der Verfügbarkeitsklasse 4 einzuhalten, wird hier jetzt eine Abstufung erwogen. Dann dürften Klasse-4-RZ etwas schlechtere PUE haben.

Referenzdesigns für Rechenzentren

Drei von DCE definierte Referenzdesigns für unterschiedliche Datacenter-Größenklassen (50, 500, 1.500 Kilowatt) sollen unter jeweils zwei unabhängige Versorgungspfade mit separater USV.

Das Referenzdesign für die Zertifizierung mit dem überarbeiteten 'Blauen Engel für Rechenzentren' wurde von der Beratung DCE für drei Datacenter-Größenklassen entwickelt.
Das Referenzdesign für die Zertifizierung mit dem überarbeiteten 'Blauen Engel für Rechenzentren' wurde von der Beratung DCE für drei Datacenter-Größenklassen entwickelt.
(Bild: DCE )

Es werden Konzepte für Luftkühlung mit N+2 Umluft-Kühlgeräten, mit N+1 Kompressoren ohne F-Gase und mit Flüssigkühlung (Immersion, Cold Plate) definiert. Dafür nutzen die Modelle wissenschaftlich abgesicherte Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes aus dem Jahr 2012 – die wahrscheinlich durch die heißere Klima-Realität schon überholt sind. Auf diesem Qualitätsstandard sind keine jüngeren Daten verfügbar.

Kontroverse Kältemitteldiskussion

Größere Diskussionen löste die Absicht aus, auch für Luftentfeuchtungsanlagen Halogenfreiheit zu fordern. Bestehende Kühlanlagen sollen ab 1.1. 2023 komplett halogenfrei arbeiten. Ausnahmen sind in Zukunft für Split-Kühlanlagen und Raumlufttemperieranlagen bis 10 kW geplant. Denn für diese Leistungen gibt es derzeit weltweit nur eine in Deutschland nicht erhältliche Anlage auf dem Markt.

Dies liege daran, dass die Gebäudetechnik Segmenten mit größeren Kühlaggregaten hinterherhinke. Im Lebensmittelsektor etwa sind halogenfreie Kühlmittel schon lange selbstverständlich.

Übrigens: Auch Kühlmittel, deren Abbauprodukte statt des Kühlmittels selbst klimaschädliche Wirkungen entfalten, fallen unter die Halogenrichtline.

Marina Köhn, die beim Umweltbundesamt für das Thema 'Green IT' zuständig ist, wies noch einmal dringlich darauf hin, dass der Abschied vom halogenierten Kühlmittel EU-weit wie geplant fortschreitet. Es sei Datacenter-Betreibern dringlich anzuraten, sich rechtzeitig auf die inzwischen schon erhebliche Verknappung des Angebots an so genannten F-Gasen vorzubereiten.

Schwefelhexafluorid und Flächeneffizienzwert ade

Auch ein weiterer Stoff soll, geht es nach dem neuen Kriterienvorschlag, möglichst aus Rechenzentren verschwinden: Schwefelhexafluorid. Schaltanlagen, die ab 1.1.23 angeschafft werden, sollen komplett ohne den klimaschädlichen Isolator auskommen. Alte dürfen weiterlaufen, werden sie aber ausgetauscht, müssen sie einen anderen Isolator nutzen.

Anders als bisher soll es in Zukunft keinen Grenzwert mehr für die Flächeneffizienz von Rechenzentren geben. Allerdings wird dafür die reine IT-Fläche separat als Zahl und nicht mehr als Anteil erhoben.

Auf nähere Festlegungen zum Thema Energie-Management-System verzichtet der Kriterienentwurf, da hierzu derzeit ein Gesetzgebungsverfahren läuft, dessen Ergebnisse einfließen.

Keine Effizienznormen mehr für USV und Steckerleisten

Verschwinden sollen aus den Kriterien Effizienznormen für USV und PDU. Eine schlechte USV-Effizienz mache es laut DCE ohnehin unmöglich, die geforderten PUE-Werte einzuhalten. Und PDUs am Markt sind heute allesamt effizienter. Auch das Thema Lebenszykluskosten beim Einkauf wurde gestrichen.

Das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung betreibt eines der ökologischsten Rechenzentren Deutschlands.
Das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung betreibt eines der ökologischsten Rechenzentren Deutschlands.
(Bild: GSI/Otto )

Aspiranten für den Blauen Engel für Rechenzentren müssen zur abschließenden Evaluierung einen Energie-Effizienzbericht vorlegen, die derzeit gültigen Kriterien während der Laufzeit einhalten und neue vor der erneuten Antragstellung realisieren und in die Berichterstattung einpflegen. Für die Verlängerung des Blauen Engels wird ein Audit durchgeführt.

Offene Fragen und Ideen

Auch für neue Kriterien ist noch Platz. So brachten die Teilnehmer der Veranstaltung die Frage auf, wie in Zukunft die Versorgung mit selbst erzeugter Erneuerbarer Energie, etwa durch Photovoltaik auf dem Dach, bewertet werden soll.

Ist es sinnvoll, nachweislich regional oder lokal erzeugten erneuerbaren Strom günstiger zu bewerten als den schlichten Einkauf von Zertifikaten? Was ist mit Datacenter-Betreibern, deren Dachgesellschaften, etwa Industrie-Unternehmen, in deren Strombezugsverträge einbezogen sind und nicht die Chance haben, selbst einen Stromlieferanten zu wählen?

Weitere Anregungen aus dem Teilnehmerkreis: eine stärkere Differenzierung zwischen Bestands- und neuen Rechenzentren, Übergangsfristen bei einigen Kriterien sowie die Bewertung der Nutzung von Dachflächen und der Regenwassernutzung.

Kriterienkatalog online kommentieren

Alle Interessenträger sind zudem aufgefordert, die bislang definierten Kriterien auf der eigens für diesen Zweck erstellten Webseite des Ökoinstitutes (Workshops) zu kommentieren und weitere neue Ideen einzubringen.

(ID:48316297)