Das EnEfG und die PUE-Ziele Ist Deutschland im Energie-Effizienz-Wahn?

Ein Gastkommentar von Ulrich Terrahe* 4 min Lesedauer

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Liebe Rechenzentrums-Betreiber, liebe IT-Verantwortliche, Deutschland hat einmal mehr einen regulatorischen Alleingang hingelegt und dieser bereitet der Branche erhebliche Kopfschmerzen. Mit dieser Blog-Serie möchte ich deshalb das Thema in fünf Beiträgen umfassend beleuchten und die Schwierigkeiten und Probleme aufzeigen.

Hat das Energie-Effizienzgesetz (EnEfG) wahnhafte Hektik ausgelöst?(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Hat das Energie-Effizienzgesetz (EnEfG) wahnhafte Hektik ausgelöst?
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Denn eines ist klar: Ein „guter“ PUE-Wert hängt von einer Vielzahl ineinandergreifender Faktoren ab. Ihn allein auf die simple Formel PUE = Gesamter Stromverbrauch des Rechenzentrums ÷ IT-Stromverbrauch zu reduzieren, greift viel zu kurz.

Die Blog-Serie im Überblick

  • 1. (dieser Beitrag): Einführung in das Thema und Einordnung der politischen Vorgaben
  • 2. Die Unstimmigkeiten und Widersprüche bei der PUE-Berechnung
  • 3. Warum die PUE-Logik die Effizienzsprünge von Hardware und Software ignoriert
  • 4. Wie mangelhafte Wartung, Instandhaltung, Regelung und Monitoring den PUE massiv beeinflussen
  • 5. Mein Fazit: Warum echte Nachhaltigkeit viel weiter gefasst werden muss, um Rechenzentren ganzheitlich in ihrer Energie-Effizienz zu bewerten

Das Energie-Effizienzgesetz (EnEfG), ist seit dem 18. November 2023 in Kraft, soll den Energieverbrauch und die CO₂-Emissionen reduzieren und Deutschland auf dem Weg zur Klimaneutralität voranbringen. Klingt im ersten Moment gut, oder? Doch der Teufel steckt im Detail und dieses Detail heißt PUE-Wert.

Das EnEfG verordnet uns ehrgeizige PUE-Grenzwerte:

  • Neue Rechenzentren, die ab Juli 2026 in Betrieb gehen, müssen einen PUE ≤ 1,2 erreichen
  • Bestandsrechenzentren (vor Juli 2026 in Betrieb genommen) dürfen ab Juli 2027 maximal 1,5 erreichen; dieser Wert muss bis 2030 auf 1,3 gesenkt werden.

Wer diese Standards nicht erfüllt, riskiert nicht nur empfindliche Strafzahlungen, sondern schlimmstenfalls die Einstellung seines Betriebs. Das ist weltweit einzigartig und klingt vielleicht auf dem Papier erstrebenswert. Doch die Branche und Verbände warnen: Ein pauschaler PUE-Wert für alle Rechenzentren ist nicht praxistauglich!

Der PUE hängt von unzähligen individuellen Faktoren ab: der Betriebsart (Co-Location, Hyperscale, Enterprise etc.), der Kühlmethode, der Umgebungstemperatur, der Verfügbarkeit, der IT-Auslastung und den Wartungs-, Instandhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen während der Betriebsphase.

Nur ein hochoptimiertes Rechenzentrum in einer günstigen Klimazone, mit geringer Verfügbarkeitsklasse (VK1) und hoher Auslastung, mag einen Wert unter 1,2 erreichen. Doch sobald einer dieser Faktoren ungünstig ausfällt, ist dieses Ziel immer schwerer haltbar. Diese überambitionierten Vorgaben behindern nicht nur den notwendigen Bau neuer, moderner Rechenzentren, sondern sie spiegeln auch nicht die Anforderungen des Marktes und technologischen Möglichkeiten adäquat wider.

Die Bus-Analogie

Bleibt man allein bei dem Faktor IT-Auslastung, kann man sich vergleichsweise ein Busunternehmen vorstellen. Der Bus erreicht seine vorgeschriebene Energie-Effizienz nur dann, wenn der Verbrauch pro Fahrgast höchstens 0,5 Liter auf 100 Kilometer beträgt.

Das funktioniert jedoch nur, wenn der Bus mit 50 Fahrgästen voll besetzt ist. Was macht der Fahrer, wenn weniger Fahrgäste an der Haltestelle stehen? Oder es im Winter wieder mehr sind? Wer hilft ihm zu planen? Muss er sein Unternehmen gleich stilllegen oder hilft eine Institution, immer genau 50 Fahrgäste an die Haltestelle zu bringen?

Im übertragenen Sinn auf das Rechenzentrum:

  • Ist der Betreiber verantwortlich, welche IT seine Kunden mitbringen?
  • Wie viel Spielraum gibt ihm der Markt, sein Rechenzentrum erst dann zu betreiben, wenn alle oben erwähnten Faktoren im Optimum liegen?
  • Kann es das in der Realität geben oder müssen wir uns diesem Ziel stufenweise annähern? Welche Erfüllungsrolle hat der Planer, der noch weniger im sich anschließenden Vermarktungsprozess steckt?
  • Wer trägt die Schuld, wenn der PUE nicht eingehalten wird? Der Betreiber? Der Planer? Der Gesetzgeber?

Hier gibt es zu viele Abhängigkeiten zwischen allen Beteiligten: Bauherren, Planern, Errichtern, Komponentenlieferanten, Facility-Management-Dienstleistern und der IT selbst. Ein Streitfall über die Einhaltung der Vorgaben könnte sich schnell zu einem opulenten Rechtsstreit entwickeln, mit unkalkulierbaren Folgen für alle Beteiligten.

Die IT-Last lässt sich aufgrund ständig verändernder Parameter eben nicht verlässlich prognostizieren.

Zusammenfassend muss man hinterfragen, ob es wirklich klug ist, wenn wir PUE-Werte vorgeben, die für die meisten Rechenzentren nur theoretisch eingehalten werden können. Die Realität zeigt ein anderes Bild: Laut Borderstep-Institut liegt der durchschnittliche PUE-Wert Mitte 2025 bei 1,46. Innerhalb von fünf Jahren diesen Wert flächendeckend auf 1,3 zu senken, ist weder zeitlich noch finanziell realistisch. Fachkräftemangel, lange Genehmigungsverfahren verschärfen das Problem zusätzlich.

Die Realität und die entscheidende Frage

Damit stellt sich die entscheidende Frage: Wollen wir in Deutschland die Digitalisierung aktiv gestalten und international wettbewerbsfähig bleiben? Oder riskieren wir, dass Innovation und Rechenzentrumskapazitäten in weniger regulierte Länder abwandern?

Meine Meinung dazu ist: Wir brauchen ambitionierte, aber vor allem realistische Ziele, die der Komplexität und den realen Notwendigkeiten moderner Rechenzentrumsstandorte gerecht werden. Dabei müssen wir selbstverständlich die Energie-Effizienz und Nachhaltigkeit im Auge behalten aber nicht in einer Form, die die Branche lähmt und Deutschland ins digitale Abseits stellt.

*Der Autor
Ulrich Terrahe ist Geschäftsführer der DC-CE RZ-Beratung GmbH & Co. KG, Frankfurt. Er sagt: Wir sollten Vorreiter sein, ja, aber nicht um den Preis, dass wir Zuschauer bleiben bei der wohl größten technologischen Revolution seit der Industrialisierung durch die Dampfmaschine.

Bildquelle: DC-CE RZ-Beratung GmbH & Co. KG

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