Datacenter-Standard mit Spielraum

DIN EN 50600: Die neue Norm für Rechenzentren

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Flexibilität ist Stärke

Von bau- und gebäudetechnischen Bedingungen, Klimatisierung und Brandschutz über Stromversorgung bis hin zu Kommunikationstechnologie, Gebäudesicherheit und Zugangskontrollen: Die thematische Breite der Norm führt dazu, dass alle Beteiligten von denselben Grundlagen ausgehen - vom Architekten über die Bauherren und Betreiber bis hin zu Unternehmensvorständen, Managern und Mietern. Doch das ist nicht die einzige große Stärke der DIN EN 50600: So umfassend die Norm ist, so flexibel bleibt sie.

Viele Bereiche der DIN EN 50600 sind einzeln klassifizierbar.
Viele Bereiche der DIN EN 50600 sind einzeln klassifizierbar.
(Bild: TÜV SÜD)

Das gelingt dadurch, dass viele Bereiche einzeln klassifizierbar sind: Sowohl bei der Bewertung der Sicherheit als auch bei Verfügbarkeit, Befähigung zur Energie-Effizienz und bei der operativen Exzellenz sind Abstufungen möglich. Damit wird berücksichtigt, dass es nicht bei jedem Rechenzentrum möglich oder nötig ist, die höchste Stufe zu erreichen. Es ist durchaus legitim, wenn etwa aufgrund des Budgets oder des Standorts Kompromisse gemacht werden, solange dies transparent bleibt.

Ob die geplanten oder vorhandenen Standards eines Rechenzentrums für den einzelnen Nutzer ausreichen, wird bereits im Vorfeld durch eine so genannte Geschäftsrisikoanalyse festgestellt. Ziel ist es herauszufinden, welche Sicherheit und Verfügbarkeit das Unternehmen zwingend benötigt.

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Die Struktur der DIN EN 50600

Die Norm besteht aus sieben Teilen: Die ersten fünf wurden zwischen 2012 und 2014 von der europäischen Normungsgesellschaft CENELEC finalisiert, die beiden letzten Teile liegen noch als Entwürfe vor. Sie werden jedoch in Kürze ebenfalls finalisiert und können bereits jetzt als Projektleitfaden herangezogen werden.

  • EN-50600-1: Allgemeine Aspekte für die Konstruktion und Spezifikation
  • EN-50600-2-1: Gebäudekonstruktion
  • EN-50600-2-2: Stromversorgung
  • EN-50600-2-3: Regelung der Umgebungsbedingungen
  • EN-50600-2-4: Infrastruktur der Telekommunikationsverkabelung
  • EN-50600-2-5: Sicherungssysteme
  • EN-50600-3-1: Informationen für das Management und den Betrieb

Hätte ein Ausfall keine, deutliche oder bedrohliche Auswirkungen? Das Autohaus mag die Ansprüche niedriger ansetzen als der Online-Händler, dessen gesamte wirtschaftliche Existenz vom IT-System abhängt. Das Ergebnis der Analyse bildet schließlich die Grundlage dafür, wie das Rechenzentrum bis ins Detail geplant und eingerichtet bzw. welches Rechenzentrum ausgewählt wird.

Zertifizierung nach DIN EN 50600

Ein Zertifikat nach DIN EN 50600 macht Angebot und Standard eines Rechenzentrums schließlich transparent. Die Zertifizierung durch unabhängige Dritte*** ist nicht verpflichtend, doch entscheiden sich immer mehr Betreiber dazu: Einerseits werden aktuelle Zertifikate mehr und mehr als Grundlage für Verträge verlangt, andererseits aber auch zunehmend von potenziellen Kunden nachgefragt – denn damit haben sie die Möglichkeit, schnell den Standard eines Rechenzentrums einzuschätzen.

***In der ersten Version des Beitrags hieß es, die Zertifizierung durch unabhängige "Auditoren" sei nicht verpflichtend. Diese Aussage ist inhaltlich nicht korrekt, da es nicht die Auditoren sind, die das Zertifikat vergeben.

Mein Fazit:

In Zeiten, in denen IT-Services immer wichtiger werden, bringen klare Vorgaben mehr Transparenz für alle Beteiligten. Mit der Normenreihe DIN EN 50600 ist der Normungsgesellschaft CENELEC gelungen, sowohl Vergleichbarkeit zu schaffen als auch Flexibilität zu erhalten. Aufgrund der guten praktischen Anwendbarkeit und der Integration aller Gewerke kann davon ausgegangen werden, dass sich die Norm als Standard etablieren wird.

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Flexibilität durch detaillierte Klassifizierung

DIN EN 50600 lässt viel Spielraum, indem bei Verfügbarkeit, Sicherheit, Befähigung zur Energie-Effizienz und operativer Exzellenz jeweils verschiedene Möglichkeiten zur Umsetzung angeboten werden.

Verfügbarkeit: Unterschieden werden vier Verfügbarkeitsklassen. In der ersten werden lediglich geringe Maßnahmen ergriffen, Betriebsunterbrechungen sind jederzeit möglich. Klasse zwei verfügt über einige redundante Komponenten, Unterbrechungen durch Wartungsarbeiten sind planbar. Bei der dritten Stufe wird das Rechenzentrum bei laufendem Betrieb gewartet, es gibt zahlreiche redundante Komponenten. In der höchsten Klasse sind Betriebsunterbrechungen nahezu ausgeschlossen.

Sicherheit: Sie wird ebenfalls in vier Klassen eingeteilt. Für die Konstruktion des Rechenzentrums ist das „Zwiebelschalenprinzip“ von zentraler Bedeutung: Die wichtigsten Systeme werden im Inneren untergebracht, nach außen nimmt der Schutzbedarf ab. Ebenfalls relevant ist der Standort.

Befähigung zur EnergieEffizienz: Die Norm betrachtet die Möglichkeit der Strommessung und unterscheidet dabei drei Niveaus. Die Effizienz spielt wegen der Forderung nach CO2-Reduktion eine Rolle, denn Rechenzentren haben generell einen hohen Stromverbrauch.

Operative Exzellenz: Welche Management-Prozesse werden benötigt? Wie werden sie optimal implementiert und dauerhaft sichergestellt? DIN EN 50600 gibt Leitlinien und Bewertungsverfahren vor, etwa zu Tagesgeschäft, Wartung, Notfällen und Modernisierungen. Damit liefert sie Anknüpfungspunkte etwa an ISO 20000, ISO 27001 und die IT-Infrastructure Library (ITIL).

Damit können die Betreiber von zertifizierten Rechenzentren nach der neuen Norm DIN EN 50600 ihr Angebot einfach und umfassend darstellen. Unternehmen wird es so deutlich erleichtert, das für sie passende Rechenzentrum zu finden.

* Dipl.-Ing. Thomas Grüschow ist Senior Expert Datacenter bei der TÜV SÜD Industrie Service GmbH.

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