Vertrauen braucht Kontrolle Die nächste Wahl sollte auf die private Cloud für den öffentlichen Sektor treffen

Ein Gastbeitrag von Mark Neufurth* 5 min Lesedauer

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Eine Private Cloud bietet Unternehmen und dem öffentlichen Sektor viele Vorteile, vor allem bei der Absicherung sensibler Daten. Doch auch die Herausforderungen sind erheblich. Wie können vor allem öffentliche Organisationen trotzdem von den Stärken einer Private Cloud profitieren?

Eigentlich steht digitalen Wahlen auch in Deutschland nichts im Wege ..... (Bild:  Sora / KI-generiert)
Eigentlich steht digitalen Wahlen auch in Deutschland nichts im Wege .....
(Bild: Sora / KI-generiert)

In Estland beispielsweise werden bereits seit Jahren erfolgreich digitale Wahlen durchgeführt. Das bringt klare Vorteile: Die Stimmen können in Echtzeit ausgezählt werden, langfristig sinken die Betriebskosten für Personal, Papier, Transport und Logistik. Außerdem können auch im Ausland lebende Wahlberechtigte unkompliziert digital wählen. Klar, Estland ist ein vergleichsweise kleines Land, zeigt aber auf, welche Chancen in konsequenter, Cloud-basierter Digitalisierung stecken.

Digitale Wahlen sind grundsätzlich mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar, allerdings nur unter Einhaltung außerordentlich strenger verfassungsrechtlicher Vorgaben. Das Bundesverfassungsgericht hat in Leitentscheidungen zu Wahlcomputern, beispielsweise elektronische Wahlverfahren, nicht kategorisch ausgeschlossen, sondern vielmehr die Mindeststandards definiert, die für eine verfassungskonforme Umsetzung unabdingbar sind.

Die größte Herausforderung besteht darin, den so genannten Öffentlichkeitsgrundsatz zu gewährleisten: Digitale Wahlsysteme müssen so konzipiert werden, dass Bürger ohne technische Spezialkenntnisse die wesentlichen Wahlvorgänge nachvollziehen und überprüfen können. Die Herstellung dieser Transparenz ist zunächst erforderlich.

Hybrid ist machbar, aber ....

Zukünftige digitale Wahlsysteme müssten daher hybride Ansätze verfolgen, die elektronische Effizienz mit physischer Nachprüfbarkeit kombinieren; etwa durch Wahlcomputer mit verifizierbaren Papierprotokollen oder durch Blockchain-basierte Systeme mit transparenten Verifikationsmöglichkeiten. Bis solche Systeme die verfassungsrechtlichen Anforderungen vollständig erfüllen, bleibt noch viel zu tun.

Doch es tut sich gerade digital sehr viel in Deutschland und das neu gegründete Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung ist ambitioniert. Unabhängig von verfassungsrechtlichen Fragen: Um Datenschutz und Integrität zu gewährleisten, nutzt Estland für die Datenverarbeitung cloudifizierte Rechenzentren in staatlicher Hoheit.

US-Anbieter wie Google oder Microsoft wären für eine so sensible Anwendung wie Wahlen ungeeignet, unter anderem wegen des US CLOUD Act, sowie der Section 702 des FISA (Foreign Intelligence Surveillance Act). Diese Gesetze ermöglichen es US-Behörden unter bestimmten Voraussetzungen, auf Daten zuzugreifen, selbst wenn diese auf Servern innerhalb Europas gespeichert sind. In der aktuellen geopolitischen Lage und angesichts der juristischen Möglichkeiten der US-Exekutive wäre das ein unkalkulierbares Risiko.

Die Private Cloud: Extra sicher

Estlands technische Umsetzung ähnelt funktional einer Private Cloud und schützt sensible Daten effektiv. Für öffentliche Verwaltungen und Unternehmen, die kritische Informationen wie Finanz-, Steuer- oder Katasterdaten absichern wollen, ist eine Private Cloud deshalb ein logischer Schritt.

Neben bereits grundsätzlich mehr Sicherheit durch Single-Tennant-Ansätze oder einen kontrollierten Pool an Multi-Tennants ermöglicht sie auch so genannte Air-Gap-Systeme, also Systeme, die physisch oder logisch vom Internet getrennt sind. So lassen sich Cyber-Angriffe deutlich erschweren oder sogar ganz verhindern.

Aber Air-Gapped-Lösungen nicht ganz offensichtlich nicht für allgemeine Wahlen verwendbar, wohl aber Private Cloud-Szenarien. So könnten Private Clouds sehr wohl als nicht-manipulierbares Backend für dezentral digital erfolgende Stimmabgabe dienen, indem nur in ihr die autoritativen Systeme gehostet werden, die die Nachprüfbarkeit von Wahlergebnissen sicherstellen könnten.

Mehr Souveränität

Ein weiterer zentraler Vorteil der Private Cloud ist mehr digitale Souveränität: Organisationen behalten die volle Kontrolle über ihre Daten und Infrastruktur, schließen zudem auch lästige 'Nois y Neighbours' aus. Allerdings ist diese Art von Exklusivität mit hohen Investitionen (CAPEX) verbunden, da der Aufbau, Betrieb und die Wartung der Infrastruktur in Teilen selbst übernommen werden müssen.

Diese Aufwendungen bleiben zumindest teilweise bestehen, auch wenn durch Automatisierung oder Kooperationen Effizienzpotenziale entstehen. Skaleneffekte und niedrigere Grenzkosten einer Leistung lassen sich so schwerer erzielen.

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Die Voraussetzungen müssen gegeben sein

Wenn sich Organisationen für eine Private Cloud entscheiden, braucht es die richtigen Rahmenbedingungen, insbesondere im öffentlichen Sektor. Gesetze und Vorschriften könnten so angepasst werden, dass digitale Prozesse zum Standard werden und nicht nur Ausnahme sind. Nur so wird die Verwaltung letzten Endes effizient arbeiten können und am Puls der Zeit sein.

Die Chancen digitaler Verwaltung waren noch nie so gut wie heute. Ein frisches Ministerium zeigt die Aufmerksamkeit der Bundesregierung für Digitalisierung. Ressourcenbündelung gewinnt als Konzept gemeinsamen öffentlichen Handelns an Popularität. Digitalisierung ist zudem gelebte Bürgernähe und somit ein Influencer für einen “sexy Staat”. Gleichzeitig bieten Private Clouds ebendiesem Staat mehr Möglichkeiten, souverän zu handeln und geltendes Gesetz digital abzubilden.

Viele Herausforderungen

Neben den Investitionen gibt es weitere Hürden. Technisch gesehen basieren viele Private-Cloud-Lösungen auf proprietären Technologien, bestimmte Software-Stacks oder spezialisierte Hardware). Das kann zu einem Vendor-Lock-in führen und erschwert Wechsel und Weiterentwicklung.

Auch organisatorisch stellt die Umsetzung eine Herausforderung dar: Der Betrieb einer Private Cloud erfordert hochqualifiziertes Personal mit Expertise in Bereichen wie Cloud-Architektur, Security, Automatisierung und Orchestrierung. Viele öffentliche Einrichtungen und Unternehmen haben jedoch nicht genügend Fachkräfte, vor allem angesichts des anhaltenden IT-Fachkräftemangels.

Die richtige Strategie

Um diese Herausforderungen zu meistern, ist eine fundierte Strategie unerlässlich – besonders, wenn bisher wenig Cloud-Erfahrung vorhanden ist. Ein sinnvoller erster Schritt ist die Zusammenarbeit mit erfahrenen Managed Service Providern (MSPs). Diese helfen beim Einstieg, vermeiden typische Fehler und entlasten die interne IT.

Auch Systemhäuser wie IT.NRW, Dataport, Komm.One, Computacenter oder Bechtle und weitere sind tägliche Partner. Sie kennen die Anforderungen des öffentlichen Sektors, bieten zertifizierte Infrastrukturen und haben oft maßgeschneiderte Lösungen für Behörden im Portfolio.

Vertrauen braucht Souveränität

Was Estland mit digitalen Wahlen vormacht, zeigt exemplarisch, worauf es beim digitalen Staat ankommt: Geschwindigkeit, Effizienz – und vor allem Vertrauen. Genau hier kann die Private Cloud ihre Stärken ausspielen.

Sie bietet Kontrolle, Sicherheit und Rechtsklarheit bei der Verarbeitung besonders sensibler Daten. Also: Selbst wenn Estland ein manchmal zu oft genanntes Role Model sein sollte, Digitalisierung der öffentlichen Hand lohnt sich und Private Clouds können vielleicht noch mehr als Public Clouds Bedenken lösen.

Der Weg dorthin ist jedoch anspruchsvoll. Technische und organisatorische Hürden sowie notwendige Investitionen und Fachkenntnisse schrecken viele Organisationen noch ab. Wer diese Herausforderungen jedoch strategisch und mit den richtigen Partnern angeht, kann langfristig profitieren – nicht nur in Sachen gesteigerte Effizienz, sondern auch durch mehr Nähe zu Bürgerinnen und Bürgern.

*Der Autor
Mark Neufurth ist Lead Strategist Public Cloud bei Ionos und verfügt über 20 Jahre Markterfahrung in Web Hosting und IT. Er begann seine berufliche Laufbahn bei der 1&1 Internet AG. Als Assistent des CEO führte er Marktanalysen durch, entwickelte Geschäftsstrategien und bereitete M&As mit vor. Danach betreute er als Produktmanager Internet-Zugangs- sowie Hosting-Produkte wie „1&1 My Website“ und „1&1 Do-it-yourself“ und agierte als Produktmanager Monetarisierung für „Xing“. Seit 2013 konzentriert er sich auf den Cloud B2B-Markt und erstellt unter andere, Marktanalysen für das Enterprise Cloud Geschäft von Ionos.

Bildquelle: Ionos

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