Selbstleugnung: Die Debatte um Strom für Rechenzentren wird unehrlich geführt Datacenter zwischen Strombedarf und Stromrealität – eine unbequeme Gleichung

Ein Gastbeitrag von Staffan Revemann* 6 min Lesedauer

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Es ist an der Zeit, die Debatte ehrlich zu führen. Nicht die Frage, wie viele und wie große Rechenzentren wir bauen wollen, sollte am Anfang stehen, sondern wie wir sie realistisch, nachhaltig und wirtschaftlich mit Energie versorgen können. Solange diese Gleichung nicht gelöst ist, bleibt die digitale Zukunft in Deutschland ein riskantes Versprechen.

Damit die Lichter im Rechenzentrum nicht ausgehen, braucht es konstant Strom; das aber ist bei dem deutschen Energiemix durchaus eine komplizierte Gleichung. Laut Autor Staffan Revemann geht sie nicht auf. (Bild: ©  abu - stock.adobe.com)
Damit die Lichter im Rechenzentrum nicht ausgehen, braucht es konstant Strom; das aber ist bei dem deutschen Energiemix durchaus eine komplizierte Gleichung. Laut Autor Staffan Revemann geht sie nicht auf.
(Bild: © abu - stock.adobe.com)

Mit jeder neuen Cloud-Anwendung, mit Künstlicher Intelligenz, mit Streaming-Diensten und digitalisierten Geschäftsprozessen steigt der Bedarf an Rechenleistung, rasant – und damit auch der Bedarf an elektrischer Energie. Die Folge: Marktanalysen gehen davon aus, dass sich die benötigten Anschlussleistungen für Rechenzentren in den kommenden Jahren drastisch erhöhen werden. Für Deutschland kursieren Prognosen, nach denen der Leistungsbedarf der Rechenzentren von heute rund 2,5 Gigawatt auf das Doppelte oder sogar Dreifache anwachsen könnte.

Solche Zahlen erzeugen Aufmerksamkeit. Sie sind aber vor allem eines: Projektionen. Ein Blick in die Zukunft bleibt spekulativ. Niemand kann heute seriös vorhersagen, wie sich Effizienzgewinne, neue Prozessorarchitekturen oder der tatsächliche Einsatz von KI entwickeln werden. Dennoch ist der Grundtrend eindeutig: Digitale Infrastrukturen werden Energie-intensiver.

In der öffentlichen Diskussion wird dabei fast ausschließlich über Netzanschlüsse gesprochen:

  • Wo entstehen neue Umspannwerke?
  • Welche Regionen verfügen noch über freie Kapazitäten?
  • Wie schnell lassen sich neue Rechenzentren an das Übertragungsnetz anbinden?

Diese Fragen sind wichtig, greifen aber zu kurz. Denn entscheidend ist nicht die Anschlussleistung, sondern ob der Strom überhaupt erzeugt werden kann, und zwar: jederzeit, in ausreichender Menge und ohne Unterbrechung.

Grün gehen stabil?

Hier beginnt das eigentliche Dilemma. Deutschland hat in den vergangenen Jahren rund 22 Gigawatt Kernkraftwerksleistung vom Netz genommen. Bis spätestens 2038 sollen zusätzlich etwa 35 Gigawatt Kohlekraftwerkskapazität inklusive Reservekapazitäten abgeschaltet werden. Diese Anlagen lieferten jahrzehntelang gesicherte, grundlastfähige Leistung, planbar und wetterunabhängig.

Erneuerbarer Stromerzeugung über die Wintermonate in Deutschland, die rote Linie ist Strombedarf zwischen 40 und 80 Gigawatt, gelb ist Solarstrom, Blau ist onshore Wind, Dunkelblau ist offshore Wind, hellblau ist Wasserkraft und grün ist Biomasse. ( Das „Agorameter“ liefert stündlich aktuelle Datan)(Bild:  Agora Energiewende)
Erneuerbarer Stromerzeugung über die Wintermonate in Deutschland, die rote Linie ist Strombedarf zwischen 40 und 80 Gigawatt, gelb ist Solarstrom, Blau ist onshore Wind, Dunkelblau ist offshore Wind, hellblau ist Wasserkraft und grün ist Biomasse. ( Das „Agorameter“ liefert stündlich aktuelle Datan)
(Bild: Agora Energiewende)

Derzeit schwankt der Strombedarf Deutschlands zwischen 40 und 80 Gigawatt, je nach Jahreszeit, Wochentag und Tageszeit. Demgegenüber stehen erneuerbare Energien wie Wind und Sonne. Ihr Ausbau ist klimapolitisch notwendig, doch ihre Erzeugung ist volatil.

Es gibt Tage und Wochen, in denen Wind- und Solaranlagen zusammen nur einen Bruchteil ihrer installierten Leistung liefern, manchmal nahezu nichts. Für ein Rechenzentrum ist das relevant, denn Server müssen rund um die Uhr laufen. Unterbrechungen sind schlicht nicht akzeptabel.

Die entscheidende Frage lautet daher: Wie sollen künftig mehrere Gigawatt zusätzlicher Rechenzentrumsleistung in einem Land zuverlässig versorgt werden, das gleichzeitig große Teile seiner gesicherten Erzeugungskapazitäten abschaltet? Diese Gleichung wird in vielen Strategiepapieren erstaunlich selten ehrlich beantwortet.

Stattdessen entsteht der Eindruck, dass mit sehr optimistischen Annahmen geplant wird: Mehr Wind, mehr Sonne, mehr Batteriespeicher, intelligente Netze. All das ist sinnvoll, aber es reicht nicht aus. Batteriespeicher können nur sehr kurzfristige Schwankungen ausgleichen, nicht jedoch mehrtägige oder gar wochenlange Dunkelflauten. Batteriespeicher erzeugen keinen Strom. Stromimporte sind ebenfalls nur begrenzt eine Lösung, da Nachbarländer vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Der 2025er Strommix in Deutschland  ; Anteil der Energieträger an der Netto.Stromerzeugung (Bild:  Fraunhofer ISE: Der Strom)
Der 2025er Strommix in Deutschland ; Anteil der Energieträger an der Netto.Stromerzeugung
(Bild: Fraunhofer ISE: Der Strom)

Die Bundesnetzagentur schlägt deshalb vor, rund 30 Gigawatt neue Gaskraftwerkskapazität zu installieren, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Diese Anlagen sollen einspringen, wenn erneuerbare Energien nicht liefern.

Doch auch hier zeigt sich eine erhebliche Lücke zwischen Anspruch und Realität. Neue Gaskraftwerke sind unter heutigen Marktbedingungen kaum wirtschaftlich und müssten subventioniert werden. Das wiederum bedarf einer Genehmigung der Europäischen Union. Nach aktuellem Stand wurden jedoch erst etwa 10 bis 12 Gigawatt genehmigt.

Hinzu kommt die Frage, woher das benötigte Gas überhaupt kommen soll. Noch vor wenigen Jahren wurde politisch erklärt, Deutschland habe kein Stromproblem, sondern ein Gasproblem. An dieser Einschätzung hat sich strukturell einiges geändert, wir haben ein Gas- und ein Stromproblem.

Für eine Branche, die sich im Rahmen des „Climate Neutral Data Centre Pact“ zu Klimaneutralität verpflichtet hat, ist diese Perspektive problematisch. Ein Rechenzentrum, das letztlich teilweise auf fossil erzeugtem Gasstrom basiert, kann per Definition nicht klimaneutral sein.

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Ein Ausweg, der seit Jahren diskutiert wird, ist die Nutzung der Abwärme von Rechenzentren. Nahezu die gesamte aufgenommene elektrische Energie wird in Wärme umgewandelt, eine wertvolle Ressource. In Schweden, Dänemark oder Finnland ist es längst üblich, Rechenzentren systematisch in Fernwärmenetze einzubinden.

In Deutschland wurde dieses Konzept lange belächelt. Heute ist Abwärmenutzung zwar gesetzlich verankert – doch die notwendige Infrastruktur fehlt zu oft.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt das Problem: Stockholm verfügt über mehr als 3.000 Kilometer Fernwärmenetz. Frankfurt am Main, der größte Rechenzentrumsstandort Deutschlands, kommt auf etwas mehr als 300 Kilometer. Deutschlandweit existieren zwar rund 30.000 Kilometer Fernwärmeleitungen, doch der Anteil Frankfurts beträgt damit gerade einmal etwa ein Prozent. Dort, wo enorme Mengen nutzbarer Abwärme anfallen, fehlen die Netze, um sie sinnvoll zu verteilen.

Neben Versorgungssicherheit wird ein zweiter Aspekt oft verdrängt: die Stromkosten. Die Rechenzentrumsindustrie fordert regelmäßig niedrigere Strompreise, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei wird häufig übersehen, dass ein Unterschied besteht zwischen Stromkosten und Strompreisen. Sinkende Preise bedeuten in der Regel nicht geringere Kosten, sondern höhere Subventionen.

Subventionen wiederum werden von den Steuerzahlern getragen. Es ist schwer vermittelbar, warum private Betreiber von Rechenzentren ihre Energiekosten teilweise auf die Allgemeinheit abwälzen sollten. Wer digitale Geschäftsmodelle betreibt, muss auch die realen Kosten seiner Energieversorgung tragen. Eine dauerhafte staatliche Alimentierung einer ganzen Industrie kann keine Lösung sein.

Statt reflexartig nach finanzieller Unterstützung zu rufen, wäre es Aufgabe der Branche, sich aktiv und kritisch in die energiepolitische Debatte einzubringen. Auf vielen Konferenzen entsteht jedoch ein anderer Eindruck. Diskussionen wirken oft wie Selbstvergewisserungen, kritische Töne gegenüber der Politik sind selten. Manchmal hat man das Gefühl, Branchenvertreter hätten sich auf einen Kirchentag verirrt. Doch mit der Politik muss nicht geschmust, sondern Tacheles geredet werden.

Ein Beispiel dafür war die Abschaltung der letzten drei deutschen Kernkraftwerke. Sie erfolgte mit der Begründung, diese Anlagen seien für die Versorgung nicht notwendig. Dass diese drei Reaktoren mehr Strom produzierten als sämtliche rund 1.700 deutschen Offshore-Windkraftanlagen zusammen, wurde kaum thematisiert. Die Rechenzentrumsbranche schwieg weitgehend, obwohl sie zu den unmittelbar Betroffenen gehört.

 CO2-Emissionen pro kWh Stromerzeugung, eine neue Momentaufnahme gibt es alle 15 Minuten. (Bild:  Electricity Maps)
CO2-Emissionen pro kWh Stromerzeugung, eine neue Momentaufnahme gibt es alle 15 Minuten.
(Bild: Electricity Maps)

Heute wird darüber gesprochen, neue Stromleitungen von Norddeutschland nach Frankfurt zu bauen, um Offshore-Windenergie zu den dortigen Rechenzentren zu transportieren. Doch was passiert, wenn diese Windkraftanlagen nichts liefern? Genau diese Frage müsste viel lauter gestellt werden. Warum bleibt eine Branche, die existenziell von sicherer Energieversorgung abhängt, in zentralen energiepolitischen Fragen so zurückhaltend?

Neben all dem stellt sich eine weitere, strategisch wichtige Frage: die Standortfrage. Muss tatsächlich jedes Rechenzentrum zwingend in Deutschland stehen? Deutschland ist Teil eines europäischen Binnenmarktes. Viele Nachbarländer verfügen über deutlich günstigere Strompreise und über Stromsysteme, die stärker auf CO₂-arme Erzeugung setzen. Frankreich, die Niederlande oder die skandinavischen Länder bieten oft bessere energiewirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Natürlich sind für manche Anwendungen kurze Latenzzeiten entscheidend. Doch ein großer Teil der Workloads, etwa Backups, Archivsysteme, KI-Training oder Big-Data-Analysen, ist deutlich weniger zeitkritisch. Diese könnten ohne nennenswerte Nachteile auch in anderen EU-Ländern betrieben werden. Eine europäisch gedachte Standortstrategie würde das deutsche Stromsystem entlasten und zugleich klimatisch sinnvollere Lösungen ermöglichen.

Die Vorstellung, dass sämtliche Rechenkapazitäten physisch in Deutschland stehen müssen, ist weder technisch noch ökonomisch zwingend. Eine realistische Analyse würde zeigen, dass ein relevanter Teil künftiger Kapazitäten problemlos im EU-Ausland betrieben werden könnte.

Für Investoren bleibt die Situation dennoch schwierig. Der Bau eines modernen Hyperscale-Rechenzentrums erfordert Milliardeninvestitionen und Planungszeiträume von vielen Jahren. Wer heute ein solches Projekt startet, muss darauf vertrauen können, dass in zehn oder fünfzehn Jahren ausreichend Strom zu vertretbaren Preisen verfügbar ist. Dieses Vertrauen wird durch die aktuelle und vergangene Energiepolitik zunehmend erschüttert.

Die Rechenzentrumsbranche kann viel beitragen: durch höhere Effizienz und konsequente Abwärmenutzung. Aber sie kann das grundlegende Problem nicht allein lösen. Ohne gesicherte, bezahlbare und saubere Stromerzeugung bleibt jedes digitale Wachstum fragil.

*Der Autor
Staffan Revemann ist Energieberater und ein gern gesehener Redner auf Veranstaltungen wie dem „DataCenter Stategy Summit“. Seine Artikel provozieren durchaus und regen in jedem Fall zur Meinungsbildung an.

Bildquelle: Staffan Revemann

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