Gerät Westeuropa ins Hintertreffen? Cushman & Wakefield zum weltweiten Datacenter-Markt

Von lic.rer.publ. Ariane Rüdiger 6 min Lesedauer

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Das Klimaproblem, Stromengpässe, Landknappheit, steigende Zinsen – all diese Faktoren beeinflussen den globalen Rechenzentrumsmarkt genauso wie die bislang unaufhörlich steigende Nachfrage. Die jährliche Studie zum weltweiten Datacenter-Markt vom Immobiliendienstleister Cushman & Wakefield liefert interessante Details.

Der Immobiliensienstleister Cudhman&Wakefield evaluiert jährlich die weltweite Entwicklung des Rechenzentrumsmarkts. Unter anderem kommt dabei eine Rangliste der Top-Datacenter-Standorte heraus. (Bild:  frei lizenziert: Gerd Altmann /  Pixabay)
Der Immobiliensienstleister Cudhman&Wakefield evaluiert jährlich die weltweite Entwicklung des Rechenzentrumsmarkts. Unter anderem kommt dabei eine Rangliste der Top-Datacenter-Standorte heraus.
(Bild: frei lizenziert: Gerd Altmann / Pixabay)

Die größte Rechenzentrums-Boomregion ist derzeit nicht etwa London, Frankfurt, New York oder Tokio, sondern Nord-Virginia. Der eher ländlich geprägte US-Bundesstaat steht derzeit bei Cushman &Wakefield, der weltweit Unternehmen und Investoren rund Immobilien-Belange berät, auf Platz Nummer 1 der Hitliste der Top-Datacenter-Standorte mit einer Marktkapazität von 2,5 Gigawatt und einem Leerstand von nur einem Prozent.

Auf Platz 2 steht die US-Stadt Portland, dann folgen mit Singapur und Hongkong zwei asiatische Metropolen. Die hinteren Plätze der Top Ten nehmen mit Atlanta, Chicago und Silicon Valley, Dallas, Phoenix und Seattle wiederum US-Städte. Europäische Standorte sucht man in der Top-Liste vergeblich.

Genaue Faktoren-Gewichtung ungeklärt

Welche Kriterien wurden zugrunde gelegt? Ganz oben rangieren die Marktgröße, die Glasfaserausstattung und die Cloud-Verfügbarkeit. Mittlere Wertigkeit wies Cushman&Wakefield Incentives, der Steuerpolitik und der übrigen politischen Lage zu. Weiter gehören in diese Kategorie die Leerstandsrate, die Pipeline der Entwicklungs- und Bauprojekte, die Nachhaltigkeit und der geplante oder schon laufende Umbau in Smart Cities.

Weitere, nicht ganz so gewichtige Kriterien sind die Kosten für Land und Strom sowie vorhandene Umweltrisiken. Wie die genaue Gewichtung aussieht, haben die Marktforscher nicht verraten.

Zu monieren ist, dass in der Studie Großregionen wie Nord-Virginia oder das Silicon Valley mit eng bebauten Städten verglichen werden. Der Vergleich mit städtischen Metropolen hinkt auf mehr als einem Bein, aber sei`s drum (siehe: „Nonsens: Die Investoren liegen falsch; Kritik an den Analysen von Cushman&Wakefield zum weltweiten Datacenter-Markt“).

Nord-Virginia ganz vorn

Wer einen Blick auf einen der gewichtigsten Faktoren, das Marktvolumen, wirft, sieht gleich, wie marginal Europa inzwischen im Vergleich zu anderen Weltregionen geworden ist: Hier findet sich London auf Platz 3 (mit etwas über 1000 MW Marktvolumen), Frankfurt auf Platz 6 (zirka 800 MW) und Amsterdam auf Platz 13 (rund 500 MW) und Paris auf Platz 16 (etwa 400 MW). Ganz vorn wie schon erwähnt Nord-Virginia mit 2,5 GW.

Ganz anders sieht es beim Leerstand aus: Während die aufstrebende Datacenter-Kommune Istanbul derzeit rund 30 Prozent Platz in den Rechenzentren hat, sind es in Dublin, Paris und Frankfurt unter zwei Prozent – dasselbe trifft auch für vier weitere Standorte zu, nämlich Nord-Virginia, Columbus (Ohio), Silicon Valley, Singapur und Portland.

Hinsichtlich der Entwicklungs-Pipeline führt Nord-Virginia mit rund 760 MW vor Mumbai mit zirka 570 MW und Chicago mit ungefähr 510 MW. London (Platz 6, rund 300 MW) und Dublin, Platz 8, zirka 290 MW sind diesbezüglich die führenden europäischen Lokationen. Frankfurt folgt als dritter europäischer Standort weltweit auf Platz 19 (in etwa 130 MW).

Bei Strom- und Bodenpreisen können europäische Metropolen nicht mehr mithalten

Auf die Hitliste der Bestplatzierten bezüglich des Strompreises schafft es keine einzige der bisherigen europäischen Datacenter-Metropolen. Immerhin zwei bislang weniger prominente europäische Standorte finden sich unter den ersten 29 und dazu mit Lagos und Johannesburg zwei afrikanische Städte, die das Marktforschungsunternehmen der Region EMEA zuschlägt. In Warschau (Nr. 29) kostet der Strom etwa 10,5 Cent pro Kilowattstunde (Cent/kWh), in Reykjavik etwa 6,7 Cent/kWh.

Der günstigste Standort aus dieser Perspektive ist Montreal, dort kostet Strom etwas über fünf Cent pro Kilowattstunde. Da können europäische Metropolen wie Frankfurt schlicht nicht mehr mithalten.

Am günstigsten ist Datacenter-Strom mit ungefähr 5,5 Cent pro kWh und Monat in Montreal. Keine kontinentaleuropäische Stadt ist unter den ersten 29 der Preis-Hitliste.(Bild:  Cushman&Wakefield)
Am günstigsten ist Datacenter-Strom mit ungefähr 5,5 Cent pro kWh und Monat in Montreal. Keine kontinentaleuropäische Stadt ist unter den ersten 29 der Preis-Hitliste.
(Bild: Cushman&Wakefield)

Auch bei den Bodenpreisen ist Europa aus der Liste der günstigsten 29 Orte verschwunden. Die günstigsten Standorte heißen Columbus, Santiago, Johannesburg, Atlanta, Nashville, Phoenix, Austin, Denver, Chicago und Ho-Chi-Minh-Stadt. Acht von ihnen liegen auf dem amerikanischen Kontinent.

EMEA: Können die alten Metropolen ihre Rolle bewahren?

Andrew Fray, Head of Datacenter Advisory, EMEA, gibt einen Überblick über die EMEA-Märkte. Mehr Wettbewerber (inzwischen mehr als 30), steigender Bedarf und steil wachsende Größen für die einzelnen Lokationen bei schmalen und teuren Energie- und Flächenressourcen kennzeichnen das Bild: „Vor zehn Jahren, als wir noch darüber geredet haben, 10-MW-Sites in mehreren Stufen zu bauen, hätte sich niemand träumen lassen, dass wir heute über 200-MW-Deployments reden.“

Der durchschnittliche geplante oder im Bau befindliche Datacenter-Standort hat heute eine Kapazität von 25 MW. Das führe dazu, dass Co-Location-Anbieter aufgekauft und alte Enterprise-Standorte zum Beispiel als Edge-DC weitergenutzt würden, um das in sie eingebettete Kohlendioxid zu verwerten.

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Knapper Strom, Konkurrenz zu anderen Anwendern

Fray verweist auf den Druck auf die Energienetze, der von wachsenden Bedarfen allenthalben ausgeht. „Rechenzentren, die Strom für Daten verwenden, werden als Konkurrenten zu Anbietern empfunden, die Menschen versorgen.“ Der Begriff Moratorium sei bis vor drei Jahren im Datacenter-Bereich vollkommen unvorstellbar gewesen, heute aber in einigen Metropolen Realität.

London ist preislich sehr viel günstiger und ein größerer Datacenter-Markt als Frankfurt am Main.(Bild:  Cushman&Wakefield)
London ist preislich sehr viel günstiger und ein größerer Datacenter-Markt als Frankfurt am Main.
(Bild: Cushman&Wakefield)

Damit verbinde sich die Frage, ob sich die großen, etablierten kontinentaleuropäischen Datacenter-Standorte würden halten können, oder ob es letztlich mit ihnen abwärts gehe. Ein wichtiger Hemmfaktor seien die seit zwei bis drei Jahren extrem volatilen Energiekosten.

Zudem werde Europa zwar grüner, aber längst nicht durchgängig, sondern als Patchwork. Fray: „Angesichts all dessen fragt man sich, ob vielleicht doch die USA der bessere Rechenzentrumsmarkt ist.“

Amsterdam europäischer Top-Standort

Die Top-Liste der europäischen Datacenter-Standorte in der Gesamtwertung der Region führt Amsterdam an, gefolgt von Paris, Zürich, Madrid und Dublin auf Platz 5, London, Frankfurt, Stockholm und Oslo gemeinsam auf Platz 8 und schließlich Berlin. Davon kann man Zürich, Madrid, Stockholm und Oslo als aufstrebende Standorte betrachten.

Die europäischen Regionen wachsen allesamt steil. Am geringsten sind im Verhältnis zum Bestand derzeit die Zubauabsichten in Nordeuropa: Dort befinden sich rund 1,2 GW Rechenzentrumsleistung in Betrieb, weitere 810 MW sind im Bau oder geplant. Und dies trotz reichlich erneuerbarer Energien.

In Westeuropa befinden sich die alten Zentralen des Datacenter Business wie London, Paris, Dublin, Frankfurt und Amsterdam. Trotz der oben angedeuteten Umstände ist weiter erhebliches Wachstum vorgesehen. Es existieren 4,5 GW operationale Ressourcen und einen Leerstand von nur 7 Prozent. Geplant oder im Bau sind weitere 4,1 GW.

Zentral- und Osteuropa, zu dem beispielsweise Wien, Warschau oder Prag gehören, besitzen 251 MW operative Rechenzentren, haben 14 Prozent Leerstand und bauen oder planen 201 MW.

Mittelmeerregion und Mittlerer Osten holen auf

Der mediterrane Raum, also Madrid, Marseille, Mailand und andere Orte in dieser Region wie etwa Barcelona profitieren von möglichen Erneuerbaren-Ressourcen (Wind, Solar) und der Anlandung großer Überseedatenkabel. Das Wachstum ist hier besonders stark: Im Betrieb sind bereits 609 MW im Bau und geplant sind mit 698 MW mehr als dieselbe Menge.

Die Marktkapitalisierung der zehn größten Rechenzentrumsmärkte weltweit. Ganz vorn: Nord-Virginia, London mit weitem Abstand auf Platz 2, Frankfurt am Main als einziger kontinentaleuropäischer Standort auf Platz 6.(Bild:  Cushman&Wakefield/Rüdiger)
Die Marktkapitalisierung der zehn größten Rechenzentrumsmärkte weltweit. Ganz vorn: Nord-Virginia, London mit weitem Abstand auf Platz 2, Frankfurt am Main als einziger kontinentaleuropäischer Standort auf Platz 6.
(Bild: Cushman&Wakefield/Rüdiger)

Schließlich scheinen auch West- sowie Ostafrika und der Nahe Osten langsam aufzuschließen: Dort sind 605 MW im Betrieb, die Leerstandsrate ist wie bei allen sich entwickelnden Datacenter-Märkten mit 24 Prozent relativ hoch, aber mit 652 MW sind es ebenso die Zubaupläne. Also wichtige aufstrebende europäische Märkte im DC-Bereich sieht Fray etwa Istanbul oder Bukarest.

Klimawandel ist die wichtigste Herausforderung

„Der Klimawandel ist derzeit für die Branche die größte Herausforderung“, meint der Analyst. So müssten in Zukunft die Kunden in vielen Co-Location-Rechenzentren ihren Kohlendioxid-Ausstoß messen und sich darum bemühen, die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Außerdem seien lokale Regulierungen etwa zum Wasserverbrauch zu beachten.

Wie es weitergehe, könne man nicht wissen. Doch Fray schlägt drei Szenarien vor:

  • Erstens unbegrenztes Wachstum um jeden Preis.
  • Zweitens Bewältigung der Klimaproblematik durch neue Technologien wie neue Kühltechnik, Kohlenstoffabscheidung und -speicherung oder Erneuerbare Energien.
  • Und drittens eine Bepreisung von Datenvolumina, die zum haushälterischen Umgang mit Speicherressourcen und Daten zwinge, um so die Datenflut einzudämmen.

Die Carbon-Intensität der europäischen Märkte: Je dunkler, desto mehr Kohlendioxid.(Bild:  Cushman&Wakefield)
Die Carbon-Intensität der europäischen Märkte: Je dunkler, desto mehr Kohlendioxid.
(Bild: Cushman&Wakefield)

„Ich hatte schon vor zehn Jahren die Idee einer Social-Media-Steuer auf gespeicherte Daten oder Videos, und vielleicht wird die sich langfristig doch als die richtige herausstellen“, meinte er. Doch wie genau es weitergehe, könne niemand wissen. Klar sei nur, dass die Klimaprobleme dringlich seien und gelöst werden müssten.

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