Nicht früher verrenten, sondern länger behalten, so das Bitkom-Credo IT-Fachkräftemangel bleibt ein drängendes Problem

Von Heidi Schuster 3 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Trotz leichter Entspannung fehlen in Deutschland weiterhin über 100.000 IT-Fachkräfte. Unternehmen befürchten eine weitere Verschärfung und setzen zunehmend auf Quereinsteiger, Weiterbildung und Künstliche Intelligenz.

In 85 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland fehlt qualifiziertes IT-Personal .(Bild:  ChatGPT / KI-generiert)
In 85 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland fehlt qualifiziertes IT-Personal .
(Bild: ChatGPT / KI-generiert)

In Deutschland sind aktuell rund 109.000 Stellen für IT-Fachkräfte unbesetzt. Zwar liegt die Zahl unter dem Höchststand von 149.000 im Jahr 2023, doch von einer echten Entspannung kann laut einer neuen Studie des Digitalverbands Bitkom keine Rede sein.

85 Prozent der befragten Unternehmen beklagen einen Mangel an qualifiziertem IT-Personal. Nur 4 Prozent sprechen von einem Überangebot.

Fachkräftemangel wird sich verschärfen

Fast vier von fünf Unternehmen (79 Ürozent) gehen davon aus, dass sich die Lage in Zukunft weiter zuspitzt. Die wirtschaftliche Lage führt zwar vereinzelt zu Stellenstreichungen; 6 Prozent der Unternehmen haben in den vergangenen zwölf Monaten IT-Fachkräfte entlassen, 14 Prozent rechnen in naher Zukunft mit weiteren Kürzungen. Gleichzeitig steigt jedoch der Bedarf, insbesondere durch die fortschreitende Digitalisierung in Wirtschaft und Verwaltung.

„Der Fachkräftemangel darf nicht zur Digitalisierungsbremse werden“, warnt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. Gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung müsse mehr unternommen werden, um die IT-Fachkräftelücke zu schließen.

Unternehmen hoffen auf Chancen durch KI

Ein wachsender Anteil der Unternehmen versucht, mit digitalen Lösungen gegenzusteuern. Rund 8 Prozent setzen bereits gezielt Künstliche Intelligenz (KI) ein, um fehlende IT-Fachkräfte zu kompensieren. Die Erwartungen an die Technologie sind jedoch ambivalent: Während 27 Prozent mit einem Stellenabbau durch KI rechnen, erwarten 42 Prozent, dass durch den Einsatz neuer Systeme sogar zusätzlicher Personalbedarf entsteht – insbesondere für spezialisierte KI-Expertinnen und -Experten.

Mehr als jedes dritte Unternehmen (34 Prozent) glaubt, dass bestimmte IT-Berufsbilder durch KI ersetzt werden. Gleichzeitig gehen 42 Prozent davon aus, dass neue Tätigkeiten entstehen. Ein Viertel der Unternehmen erwartet, dass IT-Fachkräfte ohne KI-Knowhow künftig kaum noch gefragt sein werden.

Drei von zehn Unternehmen handeln nicht

Trotz des akuten Mangels an Fachkräften unternehmen 29 Prozent der Unternehmen derzeit keine gezielten Maßnahmen, um dem entgegenzuwirken. Die meisten setzen auf Weiterbildung (31 Prozent) oder spezielle Programme für Quereinsteiger (22 Prozent). Weitere Ansätze sind die Förderung älterer Beschäftigter (19 Prozent), Frauenförderprogramme (14 Prozent) oder Diversity- und Inklusionsinitiativen (7 Prozent). 12 Prozent greifen vermehrt auf externe Fachkräfte zurück.

Rekrutierung dauert im Schnitt über sieben Monate

Im Schnitt dauert es 7,7 Monate, um eine freie IT-Stelle zu besetzen – genauso lange wie vor zwei Jahren. Ein zentraler Hemmschuh sind laut Studie die Gehaltsvorstellungen: 63 Prozent der Unternehmen berichten, dass Qualifikation und Gehaltswunsch nicht zueinander passen. Weitere Hürden sind mangelnde Umzugsbereitschaft (44 Prozent) sowie fehlende Flexibilität auf Unternehmensseite, etwa bei Homeoffice (43 Prozent) oder Arbeitszeitmodellen (29 Prozent).

Auch fehlende Soft Skills, Sprachbarrieren oder veraltete Technologiekenntnisse erschweren die Personalsuche. Jedes vierte Unternehmen gibt an, kaum Bewerbungen auf offene IT-Stellen zu erhalten.

Quereinsteiger spielen zentrale Rolle

Bemerkenswert: Rund ein Viertel der neuen IT-Fachkräfte kommt ohne einschlägigen Studienabschluss in die Branche. 27 Prozent der im vergangenen Jahr besetzten IT-Stellen gingen an Quereinsteiger, etwa mit Ausbildungen außerhalb der IT, nicht-technischen Studienabschlüssen oder autodidaktisch erworbenem Wissen. Nur 27 Prozent der neuen Mitarbeitenden haben einen einschlägigen Hochschulabschluss, 37 Prozent eine duale Berufsausbildung.

Potenzial im Ausland bleibt ungenutzt

Erst 14 Prozent der Unternehmen haben bislang IT-Fachkräfte aus dem Ausland rekrutiert, ein Viertel plant dies künftig. Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in den USA sehen einige Unternehmen Chancen, internationale Fachkräfte eher für Deutschland zu gewinnen. 45 Prozent glauben, dass die USA als Zielregion an Attraktivität verloren haben.

Unternehmen setzen auf politische Reformen

Auf politischer Ebene setzen die Unternehmen große Hoffnungen auf drei Maßnahmen aus dem Koalitionsvertrag: Eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit (74 Prozent Zustimmung), eine erleichterte Fachkräfte-Einwanderung (69 Prozent) und die sogenannte Aktiv-Rente (67 Prozent Prozent), die ältere Beschäftigte länger im Arbeitsleben halten soll.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu RZ- und Server-Technik

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Bitkom plädiert für die zügige Umsetzung dieser Vorhaben. Besonders die Aktiv-Rente sei ein Paradigmenwechsel, so Wintergerst: „Erstmals diskutieren wir ernsthaft darüber, wie wir gut ausgebildete Fachkräfte länger im Berufsleben halten können und nicht, wie wir sie möglichst früher verabschieden.“

(ID:50508783)