Nicht erst seit Quevedos Schachautomat und dem Turing-Test fasziniert Künstliche Intelligenz die Menschen. In diesem Beitrag wollen wir uns ansehen, wie die im 20. Jahrhundert ausformulierte Idee nach und nach gereift ist.
Forschung an Künstlicher Intelligenz in den frühen 2000er Jahren – eine Interpretation der generativen KI Dall-E.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Die Geburt der KI – Lange Winter
Die Begriffe „künstliche Intelligenz“ und „maschinelles Lernen“ begannen Mitte des 20. Jahrhunderts die technologische Landschaft zu prägen, wobei die offizielle Geburtsstunde der KI auf der Dartmouth-Konferenz im Jahr 1956 erfolgte. John McCarthy und seine Kollegen prägten dort den Begriff „künstliche Intelligenz“. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu immer neuen Fortschritten und Begeisterungswellen. Der frühe Optimismus der 60er und 70er wurde durch die Komplexität der menschlichen Kognition gedämpft.
Dank Expertensystemen und systematischen Ansätzen erwachte in den 1980er Jahren das Interesse für maschinelles Lernen wieder, und es ergaben sich neue Finanzierungsmöglichkeiten. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren führten jedoch technologische und methodische Beschränkungen zu einem weiteren KI-Winter, wobei mit den Erwartungen auch die finanziellen Mittel geringer wurden.
KI schaut ins Gehirn – Frühlingserwachen
Mit Beginn des 21. Jahrhunderts änderte sich der Forschungsstand erneut. Trotz der Befürchtungen eines weiteren KI-Winters in den frühen Nullerjahren führten Fortschritte bei der Datenverarbeitungsleistung, Big Data und verbesserte Algorithmen zu neuem Interesse und Optimismus. Bis 2012 markierten Deep-Learning-Architekturen, wie die von Alex Krizhevsky beim ImageNet-Wettbewerb vorgestellten CNNs, eine entscheidende Wende in der KI-Forschung.
Seit 2015 hat sich die Entwicklung hochentwickelter KI-Systeme beschleunigt. Technologien wie GANs, Transformers und Reinforcement Learning haben die Grenzen der KI verschoben, indem sie Spiele meistern, Autos fahren und bei medizinischen Diagnosen helfen.
KI wird immer heißer ...
Aus der Perspektive des späten 20. Jahrhunderts stehen die KI-Technologien im Jahr 2024 für die Erfüllung ehrgeiziger Ziele. Damals schienen ein Sehvermögen auf menschlichem Niveau und ein nahtloser Dialog mit den Maschinen noch in weiter Ferne. Heute erfüllen und übertreffen die Errungenschaften der computerbasierten Bildverarbeitung und der dialogfähiger KI diese Erwartungen in vielen Fällen
KI-Modelle können es inzwischen mit der menschlichen Leistung bei der Objekterkennung und Szeneninterpretation aufnehmen und verändern Bereiche wie Sicherheit, Gesundheitswesen und autonomes Fahren. Ebenso ist die dialogfähige KI, wie ChatGPT, so weit fortgeschritten, dass Interaktionen oft nicht mehr von menschlichen zu unterscheiden sind. Die Verarbeitung natürlicher Sprache war bisher Gegenstand von Spekulationen und Bestrebungen, die von Philosophen, Neurowissenschaftlern und KI-Forschern erörtert wurden.
Eine philosophische Fragestellung, die in diesen Diskussionen besonders einflussreich war, ist das Argument des „Chinesischen Zimmers“, das von John Searle entwickelt wurde. Es stellt die Frage, ob eine Maschine, die Sprache nach vordefinierten Regeln verarbeitet, ohne die Bedeutung hinter den Wörtern zu verstehen, Sprache wirklich auf dieselbe Weise wie der Mensch „verstehen“ kann.
Das Argument von Searle hat eine anhaltende Debatte über das Wesen von Bewusstsein und Maschinenintelligenz ausgelöst. Trotz dieser philosophischen Herausforderungen zeigen die praktischen Fähigkeiten von Systemen wie ChatGPT, dass KI in der Lage ist, Aufgaben zu erfüllen und Dialoge zu führen, die früher ein menschenähnliches Verständnis und eine menschliche Kognition voraussetzten.
Immerwährender Sommer
Die Fähigkeit der KI, Sprache zu verarbeiten und zu generieren, wie sie von Systemen wie ChatGPT gezeigt wird, verändert die Landschaft der Datenwissenschaft grundlegend. Moderne Datenwissenschaftler verschieben ihren Schwerpunkt zunehmend von der Entwicklung benutzerdefinierter Algorithmen auf die Übernahme von „Backbone“-Deep-Learning-Modellen.
Hochentwickelte KI-Modelle wie ChatGPT haben die Art und Weise, wie Datenwissenschaftler an ihre Arbeit herangehen, verändert. Jetzt nutzen wir Tools wie ChatGPT, um nach Lösungen zu suchen, unsere Skripte zu schreiben und zu überprüfen und technische Berichte für Geschäftsanwender zu übersetzen.
Die Zukunft der Datenwissenschaft entwickelt sich in Richtung „Prompt-Engineering“, bei dem das Wissen darüber, was man fragen muss, wie man es fragen muss und das Verständnis für die Richtigkeit der Antworten zu entscheidenden Fähigkeiten werden. In diesem neuen Paradigma liegt der Schwerpunkt weniger auf den Details des klassischen maschinellen Lernens und mehr auf der Nutzung von vorab trainierten Modellen, um effizient Ergebnisse zu erzielen.
Stand: 08.12.2025
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Dieser Paradigmenwechsel bringt verschiedene praktische Auswirkungen und Herausforderungen mit sich. Einerseits wird der Zugang zu fortgeschrittenen KI-Fähigkeiten demokratisiert, sodass Datenwissenschaftler schnell leistungsstarke Modelle einsetzen können, ohne ausgiebiges Fachwissen über die zugrunde liegenden Mechanismen zu besitzen. Dies beschleunigt die Innovation und ermöglicht die rasche Entwicklung von Prototypen und den Einsatz von KI-Lösungen in verschiedenen Sektoren.
Andererseits bringt es neue Herausforderungen mit sich, z. B. die Bewältigung der Risiken, die mit einer zu starken Abhängigkeit von vorab trainierten Modellen verbunden sind, und die Notwendigkeit, ein tiefes Verständnis für die verwendeten Daten zu erhalten. Datenwissenschaftler müssen auf den Datenschutz, algorithmische Abweichungen und die Transparenz von Modellen achten.
Mit dem zunehmenden Einzug von KI-Tools in den Data-Science-Workflow wird sich die Rolle des Datenwissenschaftlers weiter verändern. Diese Entwicklung bedeutet einen Schritt hin zu einem verstärkt strategischen Ansatz auf höchster Ebene in der Datenwissenschaft, bei dem das Verständnis und die Nutzung von KI ebenso wichtig werden wie die technische Expertise im maschinellen Lernen.
Technologischer Singularitäts-Sturm
Dieser Zusammenfluss technologischer Fortschritte verändert den Dialog über künstliche Intelligenz und ihren Platz in der menschlichen Zivilisation und bringt uns dem näher, was manche als „technische Singularität“ bezeichnen – ein hypothetischer Punkt, an dem das technologische Wachstum unkontrollierbar und unumkehrbar wird und die Menschheit grundlegend verändert.
Die laufende Debatte über die Frage, ob diese Systeme die menschlichen kognitiven Prozesse wirklich „verstehen“ oder nur imitieren, erhält damit eine neue Tiefe. Im Mittelpunkt stehen dabei weiterhin die KI-Philosophie und zunehmend auch unser breiteres Verständnis der Rolle der Technologie in der Zukunft.
Ihar Rubanau Ihar Rubanau ist leitender Datenwissenschaftler bei der Sigma Software Group.