Kommentar zur Accessibility-Studie „Go Beyond ‚Good Enough‘“Digitale Barrierefreiheit – eine Chance für alle
Ein Gastkommentar von
Jan Wolter *
5 min Lesedauer
Jeder sollte von Technologie profitieren können – doch viele Unternehmen tun sich schwer, Barrierefreiheit bei der Entwicklung zu priorisieren und effektiv umzusetzen. Hilfe auf dem Weg dorthin liefern der Einsatz von internen Accessibility-Experten und manuelle Tests.
Während physische Maßnahmen bereits für Barrierefreiheit sorgen, haben wir Software-seitig noch Nachholbedarf.
Die Bedeutung der digitalen Barrierefreiheit darf nicht unterschätzt werden. 15 Prozent der Weltbevölkerung – ca. 1,3 Milliarden Menschen – leben mit einer Form von Beeinträchtigung. Das jährliche, weltweit verfügbare Einkommen dieser Bevölkerungsgruppe beträgt etwa 1,2 Billionen Dollar – wobei auch diejenigen berücksichtigt werden müssen, die eine vorübergehende Behinderung wie einen gebrochenen Arm haben.
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Die Pandemie hat außerdem die allgemeine Abhängigkeit von digitalen Assets noch einmal deutlich verstärkt hat. Routineaufgaben wie z. B. an Meetings teilzunehmen, einzukaufen, Termine zu buchen und viele andere Szenarien finden heute hauptsächlich online statt. Genau das gleiche gilt natürlich auch für Menschen mit Beeinträchtigungen.
Verbesserungen beim Bewusstsein für digitale Barrierefreiheit, aber es bleibt noch viel zu tun
Glücklicherweise scheinen viele Unternehmen diese noch einmal gestiegene Bedeutung der digitalen Barrierefreiheit erkannt zu haben. Das geht aus der aktuellen und globalen Umfrage „Go Beyond ‚Good Enough‘“ von Applause unter mehr als 1.800 Fachleuten hervor, die sich mit digitaler Barrierefreiheit auseinandersetzen.
Hiernach stimmen 69 Prozent der Befragten zu, dass ihr Unternehmen der digitalen Barrierefreiheit jetzt wegen der Corona-Pandemie eine höhere Priorität einräumt. Dieser Prozentsatz wird sogar noch höher, wenn man Großunternehmen (mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden) betrachtet: 73,5 Prozent gaben hier an, dass digitale Barrierefreiheit jetzt eine größere Priorität für sie hat.
Dieses gestiegene Bewusstsein innerhalb aller Unternehmen ist ermutigend. Gleichzeitig gaben jedoch mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der Befragten an, dass ihr Unternehmen in den letzten drei Monaten nicht auf Barrierefreiheit getestet hat, und fast die Hälfte (48 Prozent) sagte, dass ihr Unternehmen in den letzten sechs Monaten nicht getestet hat.
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Die Prüfung der Barrierefreiheit ist jedoch keine einmalige Anstrengung und erfordert stattdessen ein kontinuierliches Engagement. Ähnliche Probleme lassen sich bei der Einhaltung der WCAG 2.1-Standards (Web Content Accessibility Guidelines des World Wide Web Consortium) erkennen. Nur gut ein Drittel der Befragten (34 Prozent) gab an, dass die Website ihres Unternehmens die WCAG 2.1-Standards erfüllt.
Hierbei geben jedoch weitere Ergebnisse neue Hinweise, durch welche Faktoren Unternehmen diesen Problemen besser entgegenwirken können. So hat das Vorhandensein von dedizierten Accessibility-Expertinnen und -Experten eindeutig positive Auswirkungen auf die Erfüllung des WCAG-2.1-Standards durch das Unternehmen: Fast 52 Prozent der Befragten aus Unternehmen mit solchen Angestellten sagen, dass die Website ihres Unternehmens die WCAG 2.1-Standards erfüllt, während nur 15 Prozent der Befragten aus Unternehmen ohne dedizierte Accessibility-Beauftragte dies bestätigen.
Jene Unternehmen, die manuelle Tests für die Barrierefreiheit verwenden, sind darüber hinaus deutlich zuversichtlicher, dass sie die WCAG 2.1-Standards erfüllen. So ergab sich hier eine entsprechende Bejahung von 44 Prozent bei Unternehmen, die manuelle Test einsetzen, im Gegensatz zu 16 Prozent bei Unternehmen, die dies nicht tun.
Kernelemente von Accessibility Testing
Während Accessibility-Fachleute und manuelle Tests also einen entscheidenden positiven Faktor auf dem Weg zur digitalen Barrierefreiheit darstellen, stellt sich nun die Frage, welche Kernelemente für ein umfassendes Barrierefreiheits-Testing weiterhin wichtig sind. Zunächst sollte hierbei klar sein, dass genauso wie bei Funktionsprüfungen im Software Development Lifecycle (SDLC) die Kosten für die Behebung von Barrierefreiheitsfehlern viel höher sind, je später sie im SDLC entdeckt werden.
Analog dazu ist es deshalb sehr wichtig, nach links zu gehen und die Arbeitsabläufe und Funktionen bereits zu überprüfen, während sie noch entwickelt werden. Je früher die Meldung ans Entwicklerteam gehen, desto mehr Kosten und Zeit können gespart werden. Darüber hinaus sollten Entwicklerinnen und Entwickler – oder die Test-Partner, die mit ihnen zusammenarbeiten – Menschen mit Beeinträchtigungen in die Benutzertests mit einbeziehen.
Am besten kommen diese Tests und entsprechende Audits und Feedback dabei direkt aus der realen Welt. Mit der „In-the-Wild"-Testmethodik lässt sich dies am schnellsten und flexibelsten sicherstellen. Hierbei werden maßgeschneiderte Testteams eingesetzt, die sich aus einer weltweit verteilten Gemeinschaft von Digitalsachverständigen rekrutieren.
Stand: 08.12.2025
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Auf diese Weise lassen sich sowohl Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen in die Tests integrieren als auch Personen, die in jeder Sprache, auf jedem Gerät und jedem Betriebssystem testen können. Zudem geben diese Testerinnen und Tester authentisches Feedback aus verschiedensten Alltagssituationen und unter realen Bedingungen, die in QA-Laboren so nicht umfassend nachgestellt werden können.
Digitale Barrierefreiheit bietet mehr Chancen als Kosten
Die nach wie vor großen Herausforderungen bei der digitalen Barrierefreiheit zeigen deutlich, dass immer noch ein langer Weg vor uns liegt. Gleichzeitig achten nun immer mehr Unternehmen auf die Bedürfnisse all ihrer User und bemühen sich aktiv um die Verbesserung der digitalen Barrierefreiheit.
Letztlich sollte das Thema grundlegend als Chance angesehen werden, anstatt nur als Mittel zur Vermeidung von Rechtsstreitigkeiten. Ähnlich wie bei physischen Maßnahmen wie Rollstuhlrampen, gekennzeichneten Parkplätzen und Braille-Touchpads, bewegen wir uns auch in der digitalen Welt immer mehr darauf hin, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten, Zugang zu einem nützlichen und angenehmen digitalen Erlebnis bekommt.
Jan Wolter
(Bild: Applause)
Wer sich bewusst als Teil dieser positiven Entwicklung sieht, wird auch weniger Schwierigkeiten haben, die richtigen Maßnahmen einzuleiten und mit entsprechender Expertise und frühzeitigen Tests die digitale Barrierefreiheit effektiv umzusetzen.
* Jan Wolter leitet als General Manager für Applause den europäischen Geschäftsbereich und ist verantwortlich für den Ausbau des Unternehmens im europäischen Markt. Seine Hauptaufgabe besteht darin, sicherzustellen, dass die Ziele von Applause Europe in Bezug auf das Umsatzwachstum und die Kundenakquisition umgesetzt werden. Außerdem sorgt er dafür, dass die Qualität und die Kundenzufriedenheit des Unternehmens auf höchstem Niveau bleiben.
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