Hyperscaler-Rechenzentren in den Niederlanden trotz Baustopp Umgeht Microsoft mit drei Türmen in Amsterdam die Hyperscale-Regel?

Von Paula Breukel 3 min Lesedauer

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Drei 85-Meter-Türme im Hafen Westpoort bringen zusammen 78 Megawatt Anschlussleistung. Das Projekt läuft trotz Hyperscale-Restriktionen weiter. Politik und Gesellschaft kritisieren Strom- und Flächenbedarf, die SDIA prüft juristische Schritte.

Symbolbild: Brad Smith, der Microsoft Vizepräsident und Präsident auf dem „Web Summit 2019“ in der Altice Arena in Lissabon, Portugal. In Amsterdam plant Microsoft drei Rechenzentrumstürme, die einzeln unter den Schwellenwerten liegen sollen und damit zu einen Streit um die Hyperscale-Definition auslöste.(Bild:  HM2_7681 /Harry Murphy/Web Summit via Sportsfile / CC BY 2.0)
Symbolbild: Brad Smith, der Microsoft Vizepräsident und Präsident auf dem „Web Summit 2019“ in der Altice Arena in Lissabon, Portugal. In Amsterdam plant Microsoft drei Rechenzentrumstürme, die einzeln unter den Schwellenwerten liegen sollen und damit zu einen Streit um die Hyperscale-Definition auslöste.
(Bild: HM2_7681 /Harry Murphy/Web Summit via Sportsfile / CC BY 2.0)

In Amsterdams Hafengebiet Westpoort entsteht ein Microsoft-Rechenzentrum. Laut Recherchen der niederländischen Zeitung „NRC“ umfasst das Projekt drei rund 85 Meter hohe Gebäude.

Das Vorhaben sorgt für politischen Druck, weil Amsterdam neue Hyperscale-Rechentren innerhalb der Stadtgrenzen nur bedingt oder gar nicht zulassen will. So ist die Stromversorgung in der Region ein Engpass. Stadt und Netzbetreiber verweisen seit Monaten auf fehlende Entlastung.

In Den Haag verweist die amtierende Ministerin für Raumordnung Mona Keijzer darauf, dass die Genehmigung bereits vor rund fünf Jahren erteilt wurde. Daraus leitet sie ab, dass sie Vorhaben nicht stoppen kann. Abgeordnete kritisieren, dass knappe Netzkapazitäten Wohnungsbau und lokale Unternehmen bremsen, während das Projekt weiterläuft.

Die Hyperscale-Debatte

In der Debatte taucht auch der Vorschlag auf, die Hyperscale-Definition neu anzupassen, mit dem Ziel, dass entweder die Fläche oder die Anschlussleistung als Kriterium reicht. Kern der Diskussion ist die niederländische Übergangsregelung aus dem Jahr 2022. Damals stoppte die Regierung ein Vorhaben von Meta.

Die Hyperscale-Rechenzentrumspläne lösten in Flevoland politischen Widerstand aus und scheiterten am Ende. Daraus entstanden Übergangsregeln, die neue Großvorhaben bremsen sollen, deren Definitionen aber Ausweichbewegungen zulassen.

Die Übergangsregel von 2022 betraf Vorhaben, die diese beiden Kriterien erfüllen: ab zehn Hektar Fläche und 70 Megawatt Anschlussleistung gilt ein Rechenzentrum als Hyperscale-Datacenter.

Microsoft plant drei Türme, um den Schwellenwert zu umgehen

Für Amsterdam berichten Medien, dass Microsoft die Anlage in drei Türme aufteilt. Die Gesamtkapazität beträgt 78 Megawatt. Jeder Turm bleibt damit unter 70 Megawatt, und die Grundfläche beträgt 23.000 Quadratmeter und liegt somit unter der genannten Schwelle von 10 Hektar.

Pieter Grinwis, Abgeordneter der ChristenUnie im niederländischen Parlament, kritisiert die Übergangsregel von 2022 und sagt, dass die Definition für eine Hyperscaler-Anlage geschärft werden solle und Vorhaben, die entweder mehr als 10 Hektar oder mehr als 70 Megawatt Anschlussleistung beanspruchen, zu Hyperscale-Rechenzentren zählen sollten. Berichte verweisen darauf, dass die Planungen bereits 2016 öffentlich wurden, also vor den späteren Restriktionen.

Transparenzforderung aus der Gesellschaft

Die Debatte dreht sich nicht nur um Megawatt und Quadratmeter. „Leitmotiv“ und weitere Organisationen fordern Transparenz zur Eigentümerstruktur und zu Governance-Vorgaben des Projekts in einem offenen Brief.

Als Größenordnung nennen Kritiker einen Strombedarf, der in der öffentlichen Debatte mit dem Jahresverbrauch einer kleineren Stadt verglichen wird. In Amsterdam verbindet sich das mit der Frage, welche Projekte angesichts knapper Netzkapazitäten priorisiert werden.

SDIA setzt auf juristische Hebel und neue Prüfungen

Max Schulze, geschäftsführender Vorsitzender der Sustainable Digital Infrastructure Alliance (SDIA), sieht im Amsterdamer Fall vor allem eine Umgehung über Grenzwerte. Er beschreibt das Prinzip als Aufteilung in mehrere Teilgebäude, die einzeln unter den Schwellen bleiben, in Summe aber eine Hyperscale-Größe sind.

Für die SDIA bleibt damit die Frage, ob sich die Genehmigung noch angreifen lässt. Schulze nennt zwei Ansatzpunkte: Klimaregeln, wenn das Vorhaben den Klimafußabdruck der Stadt über definierte Grenzen treibt, sowie eine erneute Umweltprüfung, falls Eigentümerwechsel und veränderte Nutzung eine Aktualisierung erzwingen.

Offizielle Statistiken beziffern den Stromverbrauch von Rechenzentren in den Niederlanden zuletzt auf 5.100 Gigawattstunden, das entspricht 4,6 Prozent des landesweiten Verbrauchs. In der Praxis berichten Medien zugleich über Lücken bei veröffentlichten Verbrauchsdaten einzelner Betreiber, obwohl EU-Vorgaben Transparenz anstreben.

Für Schulze passt der Amsterdamer Fall in ein Muster, in dem sich Planung, Netzengpässe und Genehmigungslogik gegenseitig verstärken. Er kündigt an, dass die SDIA ähnliche Konstellationen auch bei weiteren Projekten identifiziert und öffentlich machen will.

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Was macht die SDIA?

Die Sustainable Digital Infrastructure Alliance (SDIA) ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Hamburg. Sie arbeitet seit 2019 an Nachhaltigkeit, Transparenz und regionalem Nutzen digitaler Infrastruktur- Der Fokus liegt auf Rechenzentren, Netzen sowie IT- und Cloud-Ökosystemen.

Die SDIA ist Teil des Thinktanks „Leitmotiv“ ein. Sie setzt auf Kriterien und Vergleichbarkeit, damit Anbieter Umweltwirkung und lokalen Beitrag nachvollziehbar ausweisen, etwa über Vorlagen für Nachhaltigkeitsberichte, Rankings und Kriterien für Beschaffung.

Die SDIA veröffentlicht Analysen und Monitoring, entwickelt Policy-Instrumente und moderiert Stakeholder-Dialoge. Im Gespräch nennt der geschäftsführende Vorsitzende Max Schulze drei Schwerpunkte: Forschung, Policy-Arbeit sowie strategische Prozessführung gegen aus Sicht der SDIA irreführende Nachhaltigkeitsversprechen, inklusive der Finanzierung.

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