Spotlight-Analyse Preisentwicklung im IT-Services-Markt – Ist der Optimismus vieler Anbieter berechtigt?
Die Ergebnisse der aktuellen Marktanalyse IT Services 2007/2008 deuten auf eine Trendwende bei der Preisentwicklung im IT-Dienstleistungsmarkt hin. Im Gegensatz zum Vorjahr äußert sich das anhaltend gute Geschäftsklima im IT-Dienstleistungsmarkt nicht nur in optimistischen Umsatz- und Ertragserwartungen, sondern schlägt sich auch erstmals bei der erwarteten Preisentwicklung nieder.
Anbieter zum Thema
So rechnen im laufenden Geschäftsjahr mehr als 20 Prozent der IT-Dienstleister mit einem Anstieg der Preise – in 2006 waren es gerade einmal vier Prozent. Erstmals seit der Veröffentlichung der ersten Berlecon-Marktanalyse im Jahr 2003 fallen damit die Salden bei der erwarteten Preisentwicklung positiv aus – wenngleich die Optimisten nur leicht überwiegen. Die Erwartungen, die auf Basis einer Befragung unter 137 IT-Dienstleistern mit mindestens 50 Mitarbeitern ermittelt wurden, stimmen also durchaus optimistisch. Fraglich ist jedoch, inwieweit dieser Optimismus tatsächlich auch gerechtfertigt ist.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass laut Studie im Geschäftsjahr 2006 trotz des allgemeinen Konjunkturaufschwungs keine breite Erholung bei den erzielten Nettotagessätzen verzeichnet werden konnte. Leicht erholt zeigten sich die Tagessätze im Projektgeschäft nur für Tätigkeiten, die technisches Spezialwissen und einen hohen Grad an Erfahrung voraussetzen. Für andere Tätigkeiten und Erfahrungsstufen, z.B. auf Junior-Level, wurden hingegen zum Teil deutliche Preisrückgänge verzeichnet.
Angebot und Nachfrage
Preise, und das weiß jeder Volks- oder Betriebswirt bereits aus dem Grundstudium, sind ein Ergebnis aus Angebot und Nachfrage. Entsprechend lohnt es sich, bei der Bewertung der Preisentwicklung beide Seiten genauer unter die Lupe zu nehmen. Schaut man allein auf die Nachfrage, dann erscheinen die Eurozeichen in den Augen einiger IT-Dienstleister durchaus verständlich. Schließlich führt der anhaltende Konjunkturaufschwung über kurz oder lang zur Auflösung von Investitionsstaus. Kurz gesagt: Unternehmen sind wieder bereit und in der Lage, in IT zu investieren.
Einige Themen stehen dabei besonders hoch im Kurs, zumindest aus Sicht der Anbieter. Legt man deren Umsatzerwartungen bei verschiedenen Beratungs- und Integrationsthemen für 2007 zu Grunde, so scheinen die Anwender derzeit vor allem damit beschäftigt, ihre IT-Systeme zu konsolidieren, IT-Prozesse zu straffen und die IT insgesamt stärker am Business auszurichten. So erwartet ein überdurchschnittlich großer Teil der IT-Dienstleister große oder sehr große Umsatzsteigerungen bei Themen wie Konsolidierung der IT-Infrastruktur, SOA, BPM und IT Services Management.
Ob die Belebung der Nachfrage aber tatsächlich auch einen Preisanstieg im IT-Dienstleistungsmarkt bewirken kann, hängt – und dies wird gerne vergessen – auch maßgeblich von aktuellen Entwicklungen auf der Angebotsseite ab. Ein wichtiger Faktor dabei ist der derzeit häufig beklagte Fachkräftemangel im IT-Umfeld, wobei insbesondere technische Spezialisten ein knappes Gut sind. Der Fachkräftemangel – auch das wird beim Klagen gern verdrängt – ist nicht allein die Folge von geburtenschwachen Jahrgängen, Visabeschränkungen und verfehlten Ausbildungskonzepten der Unis. Er ist zum Teil auch ein hausgemachtes Problem. So versäumten es viele Anbieter, während der letzten Jahre neue Mitarbeiter einzustellen und diese langfristig zu Spezialisten auszubilden.
Keine Besserung in sicht
Angesichts des anhaltenden Aufschwungs versuchen nun viele Akteure, dieses Versäumnis durch Neueinstellungen wett zu machen – koste es was es wolle. Da aber aus neu eingestellten Uni-Absolventen nicht über Nacht Experten werden, dürfte es auch in den nächsten Monaten weiterhin an technischen Spezialisten mangeln. Umgekehrt kann man davon ausgehen, dass in den letzten Monaten die Zahl der Juniors bei den IT-Dienstleistern überproportional gestiegen ist.
Die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf den Marktpreis sind entsprechend ambivalent: Auf der einen Seite sorgt die anhaltende Spezialistenknappheit im Zusammenspiel mit der Nachfragebelebung dafür, dass die Preise für Tätigkeiten, die technisches Spezialwissen und Erfahrung erfordern, steigen. Folgerichtig sehen laut Studie die IT-Dienstleister bei technisch komplexeren Themen wie BPM, Business Intelligence oder Multi Project Management die größten Chancen zur Erzielung überdurchschnittlicher Tagessätze.
Umgekehrt sorgt das Überangebot an unerfahrenen Absolventen in den Belegschaften vieler IT-Dienstleister dafür, dass die Preise für Junior-Leistungen trotz gestiegener Nachfrage sinken. Und genau dieser Mechanismus schien sich bereits auf die Entwicklung der Tagessätze 2006 auszuwirken. So wurden für alle Tätigkeiten auf Junior-Niveau im Vergleich zum Vorjahr niedrigere Preise verzeichnet.
Faktor Wettbewerbsintensität
Das Preisniveau im IT-Services-Markt hängt schließlich auch maßgeblich davon ab, wie viele Anbieter sich in den jeweiligen Segmenten tummeln – sprich: wie hoch die Wettbewerbsintensität ist. So führen überdurchschnittlich optimistische Preiserwartungen, wie sie im Vorjahr z.B. für Business Consulting ermittelt wurden, typischerweise auch dazu, dass die Zahl der Anbieter in solch vermeintlich lukrativen Marktsegmenten zunimmt. Schließlich lässt doch kein guter Unternehmer Marktchancen ungenutzt. Das Dilemma dabei ist, dass mit der Anzahl der Anbieter auch der Druck auf die Preise steigt. Dies dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass – trotz steigender Nachfrage – die in 2006 durchschnittlich erzieltenTagessätze im Bereich Business Consulting gesunken sind.
Die optimistischen Preiserwartungen der IT-Dienstleister für das laufende Jahr sollten also – trotz des anhaltenden Konjunkturaufschwungs – nicht überbewertet werden. Denn für die Preisbildung sind nicht nur die Entwicklungen auf der Nachfrageseite, sondern auch die Dynamik im Angebotsmarkt maßgeblich. Gerade vor dem Hintergrund der beobachteten Preisentwicklung im IT-Services-Markt 2006 rät Berlecon Research den Anbietern im IT-Dienstleistungsmarkt davon ab, sich einseitig auf Segmente zu fokussieren, die überdurchschnittlich hohe bzw. steigende Preise versprechen.
Stattdessen sollten die Anbieter die Industrialisierung und ggf. auch die Internationalisierung des Geschäftes vorantreiben, indem sie z.B. Leistungsangebote standardisieren, Nicht-Kern-Angebote auslagern oder sich selbst als Lieferanten für den IT-Dienstleistungsmarkt profilieren. Denn die nächste Konjunkturabschwächung kommt bestimmt. Und – auch das zeigen die Ergebnisse der Marktanalyse – wirklich clevere Unternehmer schätzen die Änderungen bei Angebot und Nachfrage langfristig ab, antizipieren die Handlungen der Wettbewerber und richten ihre Personal- und Angebotspolitik entsprechend aus.
Über den Autor
Dr. Andreas Stiehler ist Berater bei Berlecon Research. Das Unternehmen bewertet Trends und Themen rund um IT, Internet und Mobilfunk in Deutschland und Europa.
(ID:2008294)