"Da kümmert euch mal drum!“, fordert Max Schulze von der SDIA Die Rechenzentrumslobby muss die Blockade beenden

Ein Gastkommentar von Max Schulze* 3 min Lesedauer

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Wen repräsentieren eigentlich die großen deutschen Tech-Verbände - Großkonzerne mit Sitz irgendwo außerhalb Deutschlands und der EU, Immobilienfonds aus Asien oder doch hier zu verortende Interessen der wirtschaftlichern, ökologischen und gesellschaftlichen Art. Verhindern sie den Einsatz und die Entwicklung von Innovationen oder fördern diese? Sorgen sie für einen sicheren Rahmen oder für Instabilität?

Die Verbände, die die Rechenzentrumsbranche repräsentieren sollen, aberbeiten daran, alle Regulierungen wieder rückgängig zu machen, kommentiert Max Schulze aktuelles Geschehen. (Bild:  Sawyer0 - stock.adobe.com / KI-generiert)
Die Verbände, die die Rechenzentrumsbranche repräsentieren sollen, aberbeiten daran, alle Regulierungen wieder rückgängig zu machen, kommentiert Max Schulze aktuelles Geschehen.
(Bild: Sawyer0 - stock.adobe.com / KI-generiert)

Ein Gesetz zur Regulierung eines Wirtschaftsbereichs ist als Auftrag und Aufgabe durch die Gesellschaft an die Wirtschaft zu verstehen. Natürlich erfordert die Umsetzung der Aufgabe, Veränderungen. Oft sind die, für die Erfüllung des Gesellschaftsauftrags, notwendigen Veränderungen nicht wirtschaftlich. Für solche Veränderungen kann die Wirtschaft wiederum um Unterstützung bitten. Dieser Dialog wird von den Interessenvertretungen übernommen.

Ein Beispiel ist der Automobilsektor. Auftrag der Gesellschaft: Elektromobilität. Antwort der Wirtschaft: Ja, dann müssten aber Käufer kurzfristig Anreize bekommen um umzusteigen, damit ein Markt für uns entsteht.

In der Rechenzentrumsbranche läuft es etwas anders.

  • Erste Runde: Auftrag der Gesellschaft: Abwärme nutzen. Antwort der Verbände: Geht nicht - Temperatur zu niedrig, nur Warme Luft, keiner will es haben.
  • Zweite Runde: Abwärme nutzen, JETZT, weil brauchen wir für Dekarbonisierung des Wärmenetzes. Antwort der Verbände: Geht nicht - gibt doch keine Fernwärmenetze, Temperatur zu niedrig, wo soll die Wärmepumpe hin und wer bezahlt dafür?
  • Dritte Runde: Jetzt aber doch bitte mal irgendwas - Transparenz, Abwärme. Antwort der Verbände: Nein falsch, schaut mal Künstliche Intelligenz, Souveränität - dafür brauchen wir doch jetzt viele Rechenzentren, das alles verlangsamt uns doch nur! Und wir brauchen Strom und Flächen und zwar schnell: Da kümmert euch mal drum!

Erstaunlich ist das der Großteil der Rechenzentren in Deutschland und Europa, mit denen wir sprechen, den Auftrag der Gesellschaft durchaus verstehen und versuchen umzusetzen. Dabei wird aber schnell klar: Das ist so nicht wirtschaftlich und wettbewerbsfähig.

Das Beispiel Abwärmenutzung

Ein Beispiel dafür ist die Abwärmenutzung: Wer bezahlt die Wärmepumpe oder den zusätzlichen Strom der dafür notwendig ist die Wärme aufzubereiten? Oder Umrüstung auf Flüssigkühlung - der Kunde wird es nicht bezahlen und als Datacenter-Betreiber fehlen uns die Mittel. Rechenzentren aus Holz? Da steht uns der Brandschutz im Weg. (Kann man das nicht ändern?)

Nun könnte man erwarten das die Interessensvertretungen der Datacenter-Branche sofort in Aktion treten, die Aufgabe annehmen und klar kommunizieren was die Branche in Deutschland dafür braucht um sie umzusetzen. Stattdessen wird blockiert und daran gearbeitet alle Regulierungen wieder rückgängig zu machen.

  • Liegt das daran, dass ein Großteil der Rechenzentrumsbetreiber in den Verbänden gar keine deutschen Unternehmen sind, sich also gar nicht verantwortlich für die gegebene Aufgabe der deutschen Gesellschaft fühlen?
  • Oder liegt es daran, das diese ausländischen Unternehmen oft so groß und profitabel sind, das sie wahrscheinlich gar keine Förderung oder Unterstützung bekommen würden?
  • Oder liegt es an ein einem Kulturunterschied, das diese Unternehmen aus Regionen kommen wo Regulierung grundsätzlich als wirtschaftsschädlich betrachtet wird?

In allen großen Verbänden für die Digitalwirtschaft, oder die Rechenzentrumsbranche sind große internationale Immobilienfonds aus den USA und Japan starke Kräfte. Gleichermaßen sind große internationale Tech-Unternehmen in den Vorständen und Arbeitskreisen omnipräsent. Kann überhaupt noch davon ausgegangen werden, dass hier die Interessen der deutschen Wirtschaft repräsentiert werden?

Wessen Interessen stehen im Vordergrund?

Denn aus unserer Erfahrung, haben die deutschen Rechenzetrumsbauer durchaus Lust auf Innovationen wie Abwärmenutzung, Batteriespeicher, Flüssigkühlung und andere Maßnahmen die zu Energie-Einsparung führen. Jedoch brauchen sie für die Umsetzung konkrete Förderungen, Änderungen von Richtlinien und einen produktiven, offenen Dialog mit der Politik.

Ohne Interessenverbände ist dieser Dialog gestört: Unternehmen die die anstehenden Aufgaben angehen, wollen sie umsetzen, werden aber nicht unterstützt. Vielmehr sorgen die Verbände für Unsicherheit, weil bei ihrer Lobby-Arbeit auf längere Sicht unklar ist, ob die bestehende Regulierung so bleibt wie sie ist und Unternehmen sich darauf ausrichten können.

Übrigens: Schaut man sich die Liste der tragenden Mitglieder im deutschen Automobilverband an, sind das wirklich zum Großteil deutsche Unternehmen (zugegeben: auch wenn ein paar in ausländischer Hand sind).

*Der Autor
Max Schulze ist Director, Vorstand, der Sustainable Digital Infrastructure Alliance e.V., kurz SDIA.

Bildquelle: Max Schulze

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