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Modernste Datacenter-Technik aus Bayern Zu Gast bei Vintin: Energie-Effizienz und -Zusatznutzen

Autor / Redakteur: lic.rer.publ. Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Bei seinem „Datacenter R_evolution Forum“präsentierte das Unternehmen Vintin modernste Technologie fürs Rechenzentrum, darunter gar eine Marktneuheit, die bisher auf keiner Messe oder Veranstaltung vorgestellt wurde. Rund 35 fachkundige Besucher waren gekommen, um sich darüber zu informieren, wie man Rechenzentren effektiv, leistungsfähig und kostengünstig baut und betreibt.

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Michael Scheuring, Projektleiter Datacenter bei Vintin, berichtet über das in diesem Jahr live gegangene Rechenzentrum der Hartl Group.
Michael Scheuring, Projektleiter Datacenter bei Vintin, berichtet über das in diesem Jahr live gegangene Rechenzentrum der Hartl Group.
(Bild: Ariane Rüdiger)

Den Besuchern des Schweinfurter Forums wurde ein abwechslungsreiches Programm geboten. Neben ausführlichen Informationen über die neue, europaweit gültige Norm EN 50600 zur RZ-Gestaltung, derzeit ein beliebtes Thema auf nahezu jeder einschlägigen Veranstaltung, gab es einige echte Neuheiten zu erfahren.

Wer oder was ist Vintin?

Der Dienstleister Vintin entstand erst Mitte 2016. Vorläufer waren unterschiedliche, aus der 1990 gegründeten Danes hervorgegangene Spezialisten für diverse IT-Dienstleistungsthemen für Unternehmenskunden – von der Systemintegration über Managed- und Cloud-Services bis hin zum Datacenter-Bau im Generalunternehmerschaft.

Sie wurden nun wieder zusammengelegt. Insgesamt beschäftigt Vintin 160 Mitarbeiter, davon 140 technische Spezialisten, an neun Standorten bundesweit. Die Zentrale befindet sich im fränkischen Sennfeld. Das Unternehmen hat beispielsweise das technisch fortschrittliche neue Rechenzentrum der Hartl Group gebaut.

Neue Fusion-Modelle bei Huawei

In Schweinfurt fielen besonders zwei Vorträge auf: der von Huawei und der von Enermoc. Huawei stellte zum ersten Mal zwei neue Module seiner Produktreihe für modulare Rechenzentren, „Fusion“, vor. „Obwohl wir davon überzeugt sind, dass früher oder später die meisten gerade kleineren und mittelständischen Firmen viel oder die gesamte IT in die Cloud auslagern werden, wollen wir doch eine Lösung für Niederlassungen anbieten“, begründet Huawei-Mann Hermann Hartwig die Einführung der neuen Produkte „Fusion 800“ und „Fusion 500“ aus der Serie modularer RZ-Elemente Fusion.

Das Ein-Modul-Modell Fusion 500 von Huaweii bringt die gesamte RZ-Infrastruktur in nur einem Schrank mit 42 Höheneinheiten unter.
Das Ein-Modul-Modell Fusion 500 von Huaweii bringt die gesamte RZ-Infrastruktur in nur einem Schrank mit 42 Höheneinheiten unter.
(Bild: Huawei)

Früher war Fusion unter der Markenbezeichnung „IDS“ erhältlich. In Deutschland gibt es erst drei bis vier Infrastrukturen, die auf den bisher erhältlichen Fusion-Modulen basieren. „Unser Marktauftritt ist hier erst im Aufbau“, erklärt Hartwig. Für die neuen Module habe man jedoch bereits eine europäische Einzelhandelskette als Kunden geworben.

Bei Fusion 800 besteht eine Lösung aus mindestens zwei 42 Höheneinheiten hohen Schrank. In einem davon steckt die Informationstechnik, in dem anderen die Infrastruktur, also USV-Anlagen, Lüfter, Management-Module und Verteilfelder beispielsweise. In größeren Konfigurationen – es sind bis zu acht Schränke nebeneinander platzierbar – kommt noch ein Batterieschrank dazu, so dass sechs IT-Schränke und zwei Infrastruktur-Schränke vorhanden wären. Jeder IT-Schrank fasst hier bis zu 15 Kilowatt Leistung.

Langlebigkeit und Effizienz

Das kleinere Modell Fusion 500 besitzt nur einen Schrank, in dem alle Komponenten untergebracht sind. Für sehr überschaubare Leistungsansprüche ist auch noch ein Modul in halber Standardhöhe erhältlich.

Technisch gehorchen die Produkte denselben Regeln wie die „größeren“ Produkte der Systemfamilie. Sie sind sie beispielsweise ohne Werkzeug montierbar und auf Langlebigkeit hin konzipiert. So soll das Ventilatorenlager zehn, die USV zehn bis 15 Jahre halten. Die beiden neuen Fusion-Systemen lassen sich in das zentrale Rechenzentrums-Management-System von Huawei „Neteco“ einbinden.

Auf dem deutschen Markt hat sich Huawei hinsichtlich seiner USV-Anlagen, die beispielsweise in den „Wisus“-Produkten des Stromversorgungsspezialisten Wöhrle stecken, schon einen guten Namen gemacht. Neueste, bereits wegen des Wirkungsgrades von 97 Prozent ab einer Last von 20 Prozent preisgekrönte Errungenschaft dieser Reihe ist die Anlage „Wisus-S“. Zur Langlebigkeit trägt auch bei, dass Huawei anders als viele andere Anbieter die Leiterplatten lackiert und so von Auflagerungen schützt.

Geld verdienen mit der Netzersatzanlage

Auf Interesse stieß auch die von Fabian Becker, Business Development Manager des US-Unternehmens Enernoc, propagierte Möglichkeit, die eigenen Notfall-Generatoren zum Netzersatz bei Ausfällen des Stromnetzes, bisher ein lästiger Kostenfaktor, zum Geldverdienen zu nutzen – eine Möglichkeit, die sich im Zuge der Einführung erneuerbarer Energien und der Liberalisierung des gesamten Stromnetzes auftut.

Enernoc fungiert als so genannter Aggregator im Stromnetz. Diese Rolle hier im Detail zu beschreiben, würde zu weit führen. Wichtig zum Verständnis ist aber, dass nur Aggregatoren von den Netzbetreibern per Signal erfahren, wenn nicht nur die Netzfrequenz etwas „wackelt“, sondern wenn dieses auch ein echtes, akutes Ausfallrisiko bedeutet.

Das bloße Schwanken der Netzfrequenz, auf das hausinterne USV und nachgeschaltete Systeme gegebenenfalls reagieren, ist dafür nämlich nicht immer ausreichend – nötig sind auch möglichst aktuelle Erzeugungs-, Bedarfs- und Wetterprognosen sowie Prognose-Algorithmen, die alle diese Daten integrieren und über die kaum ein Rechenzentrumsbetreiber verfügen dürfte.

Achtung! Abschaltlastverordnung

Die Netzbetreiber, deren Aufgabe darin besteht, die Netzfrequenz möglichst konstant bei 50 Hertz zu halten, suchen für dieses Aufgabe Unterstützung bei Unternehmen, die bereit sind, bestimmte Aggregate bei Bedarf zeitweise abzuschalten – oder, wie das bei Rechenzentren möglich wäre, auf Inselbetrieb umzuschalten. Dafür sind sie je nach der Ausgestaltung des Dienstes (es gibt insgesamt zwei bis drei Varianten, die für Rechenzentren in Frage kommen) bereit, pro Jahr höhere fünfstellige Summen pro kW als Bereitschaftspauschale sowie zuzüglich ein Entgelt für reale Fälle von signalbedingten Umschaltvorgängen zu entrichten. Diese Gewinne entlasten nicht nur das Budget des Rechenzentrums, sondern sie machen die ansonsten reine Vorsorgemaßnahme „Generatorsystem“ zu einem Umsatzträger.

Viele innovative Firmen waren beim "Datacenter R_evolution Forum" in Schweinfurt präsent – rechts zu sehen die Stände von BM Green Cooling und Wöhrle.
Viele innovative Firmen waren beim "Datacenter R_evolution Forum" in Schweinfurt präsent – rechts zu sehen die Stände von BM Green Cooling und Wöhrle.
(Bild: Ariane Rüdiger)

Enernoc sieht seine Aufgabe in diesem Zusammenhang darin, Datacenter-Betreiber im Vorfeld der Bereitstellung einer Abschalt-Dienstleistung darüber zu beraten, welcher Dienst im Detail am besten passt – ab April kommt hier mit der Abschaltlastverordnung (AbLaV) der Bundesregierung ein neuer Faktor ins Spiel. Außerdem wird die Infrastruktur zusammen mit dem Kunden vorbereitet, falls Änderungen nötig sind, und die Konfiguration wird mit einem simulierten Signal getestet, bevor der Echtbetrieb beginnt. Dafür erhält Enernoc entweder laufend einen Teil der Gebühren für die Abschalt-Dienstleistung, die der Stromnetzbetreiber ausschüttet, oder aber ein vorher vereinbartes Projekthonorar.

Geothermie und Heizung per Abwärme

Auch hinsichtlich der Kühlung gab es einige interessante Informationen. So arbeitet BM Green Cooling, Spezialist für geothermische Rechenzenztrumskühlung, nun erstmals an einer Technik, bei der die Abwärme aus dem Rechenzentrum direkt dafür genutzt wird, einen Bürotrakt zu heizen, bevor sie zum erneuten Abkühlen in die Erde zurückgeleitet wird. „Wir sind sicher, dass die Temperaturspreizung zwischen der Temperatur am RZ-Eingang und der Temperatur am RZ-Ausgang dafür ausreicht“, sagt Eberhard Knödler, Geschäftsführer der BM Green Cooling, die seit Jahren unter anderem Geothermie-basierende Kühlsysteme realisiert.

* Ariane Rüdiger ist freie Autorin und lebt in München.

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Über den Autor

lic.rer.publ. Ariane Rüdiger

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Freie Journalistin, Redaktionsbüro Rüdiger