Große Pläne bei Apple Wozu braucht Apple nur all diese neuen Rechenzentren?

Autor / Redakteur: Bernhard Schoon / Ulrike Ostler

Für seine bekannten Online-Dienste benötigt Apple immer mehr Rechenleistung. So wie das Unternehmen aber jetzt seine Data Centers aufstockt, steht vielleicht etwas ganz Neues vor der Tür?!

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Die Betriebsfläche des Data Centers in Maiden werden um eine zweite Anlage gleicher Größe sowie ein "Tactical Data Center" erweitert.
Die Betriebsfläche des Data Centers in Maiden werden um eine zweite Anlage gleicher Größe sowie ein "Tactical Data Center" erweitert.
(Grafik: Catawba County, North Carolina)

Anders als der Rest der Hardware-Branche bietet Apple für seine Smartphones und Computer auch mehrere Online-Dienste an, mit denen das Unternehmen ordentlich Geld verdient: Von allen Songs, Apps und Multimedia-Dateien, die über den Mac App Store, den iOS App Store und den iTunes Store vertrieben werden, behält Apple stolze 30 Prozent. Hinzu kommen über 150 Millionen "iCloud"-Nutzer, deren Dateien zwischen dem Macintosh, "iPad" und "iPhone" synchronisiert werden.

Klar, dass Apple für den Betrieb dieser Angebote eine enorme IT-Infrastruktur vorhalten muss. Lange hatte sich das Unternehmen auf das Netzwerk von Akamai aus verteilten Servern zur Datendistribution verlassen – und stieß damit an die Grenzen der Kapazität. Die Reaktion war konsequent: Um von externen Dienstleistern unabhängig zu werden, gründete Apple mehrere eigene Rechenzentren.

Statt nur ein Datacenter für alle Dienste einzurichten, entschied sich Apple für den Betrieb mehrerer Anlagen in den USA. Ein einziger Standort, das war zu befürchten, könnte nicht die Latenzprobleme bewältigen, sobald mehrere Millionen Anwender gleichzeitig auf Dateien mit mehreren Gigabyte zugreifen, was zuletzt bei der Marktfreigabe des Betriebssystems „Mountain Lion“ der Fall gewesen war.

Große und kleine Anlagen

Das größte Rechenzentrum von Apple wurde Ende 2011 im strukturschwachen Catawba County in North Carolina fertig gestellt, pünktlich zur Marktfreigabe von iCloud. Der neue Server-Park mit 46.000 Quadratmeter entstand nahe der Ortschaft Maiden auf der grünen Wiese, gar nicht weit entfernt von Lenoir, wo Google seit 2007 ebenfalls ein Rechenzentrum betreibt.

Die übrigen Einrichtungen von Apple fallen gegen Maiden eher bescheiden aus: So wird die Fläche des 2006 für 50 Millionen Dollar gekauften Rechenzentrums im kalifornischen Newark mit nur rund 10.000 Quadratmeter angegeben. Noch kleiner geht''s mit einem sieben Jahre gültigen Leasing-Vertrag mit DuPont Fabros Technology (DFT). Er wurde für eine Fläche von 1.000 Quadratmeter im neuen Rechenzentrum mit 2,2 Megawatt im kalifornischen Santa Clara ausgehandelt. Die Inbetriebnahme war für das dritte Quartal 2011 vorgesehen.

Dreckiger Strom

Apple bezieht seinen Strom für die Rechenzentren laut Grrenpeace zu 50 Prozent aus Kohle.
Apple bezieht seinen Strom für die Rechenzentren laut Grrenpeace zu 50 Prozent aus Kohle.
Doch nicht überall kommen die Data Center von Apple gut weg. So haben die Umwelt-Aktivisten von Greenpeace in ihrer Studie "How dirty is your data?" Rechenzentren auf der ganzen Welt nach Stromverbrauch und Herkunft des Stroms untersucht. Demnach setzt Apple in den eigenen Rechenzentren vor allem auf Kohlestrom statt auf erneuerbare Energien.

Auch zur Stromversorgung des neuen Rechenzentrums in North Carolina sollten ursprünglich Kohle- und Atomstrom genutzt werden. Der Grund: In der Nähe von Maiden betreibt der Stromversorger Duke Energy drei ältere Kernkraftwerke in McGuire am Lake Norman, Oconee am Lake Keowee und Catawba am Lake Wylie, der auch noch ein Kohlekraftwerk kühlt.

Greenpeace schätzt, dass Apple in seinen Rechenzentren (so wie Facebook oder IBM) über 50 Prozent Kohlestrom verwendet. Da von Apple und anderen Unternehmen keine freiwilligen Angaben zum Energieverbrauch und CO2-Ausstoß zu erhalten waren, sind diese Werte jedoch nur Schätzungen von Greenpeace.

DC Maiden wird ausgebaut

Apple hat Besserung gelobt und plant die Energiegewinnung mit einer Solaranlage bis Ende des Jahres, um die Anlagen in Maiden ausschließlich mit erneuerbarer Energie zu betreiben. So soll das 690 Hektar große Solarfeld an der Startown Road zu den größten des Bundesstaates gehören.

Vielleicht wird das Rechenzentrum in Maiden bald durch ein zweites, gleich großes auf dem gleichen Grundstück erweitert, ursprünglich betitelt mit „Project Dolphin, Phase 2“ und vielleicht ein Ausfall-RZ für den iCloud-Dienst.

Vorher aber entsteht noch etwas ganz Anderes: Ein „Tactical Data Center“ mitten in der bereits bestehenden Anlage. Die Baugenehmigung beim Catawba County und eine Zeitungsmeldung im Hickory Daily Record lassen ein Gebäude mit 1.950 Quadratmeter, elf Räumen und 22 Klima-Anlagen, fünf Lüftern und 14 Luftbefeuchtern erwarten.

Taktik oder Strategie?

Es kann sich dabei um ein modulares Rechenzentrum von NxGen Modular handeln, das bereits in einer kleineren Anlage in Prineville, Oregon für Apple seinen Dienst versieht. Dann würde sich das Rechenzentrum aus Modulen für Strom, Kühlung und die aktiven Komponenten schnell zusammensetzen lassen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind mit Personenschleusen und einem 2,50 Meter hohen Sicherheitszaun branchentypisch.

Das neue Rechenzentrum wurde bereits als „Tactical Data Center“ gehandelt. Dieser Begriff ist nicht wirklich neu, er stammt aus der militärischen IT und bezeichet luftbewegliche Container mit IT-Equipment, die als Außenlast per Hubschrauber zum Einsatzort transportiert werden. Aber das ist es wohl nicht, was Apple vorhat.

Wahrscheinlicher ist, dass Apple bereits eine Verbindung zwischen den beiden großen Rechenzentren baut, bevor das zweite in Betrieb geht. Vielleicht werden auch die vier Betriebssysteme übernommen, die im ersten Block von Maiden gefahren werden.

Viel Kapazität in Prineville und Ren

In einer Stellenanzeige hatte Apple einen Linux-erfahrenen „Senior Systems Engineer“ gesucht und gefordert, dass eine Infrastruktur aus Mac OS X, IBM/AIX, Sun Solaris und Linux zu administrieren sei, der Schwerpunkt liege auf Red Hat-Linux und Oracle Enterprise Linux.

So groß wie das Rechenzentrum in Maiden soll auch eine Erweiterung der Anlage in Prineville, Oregon werden. Dort betreibt Apple bereits ein kleineres Rechenzentrum mit 930 Quadratmeter. Mitte August wurde bekannt, dass ein weiteres Gebäude mit 46.000 Quadtarmeter, also der Größe des DC in Maiden enstehen soll. Allerdings hat Apple noch keine konkreten Angaben über die geplante Größe und Fertigstellung veröffentlicht.

Konkreter ist ein Neubau in der Wüste von Nevada: Ganz in der Nähe der Spielerstadt Reno soll bei der Ortschaft Sparks ein neues Rechenzentrum von Apple entstehen. Wie in Maiden soll Apple auch in Sparks während der kommenden zehn Jahre um 1 Milliarde Dollar investieren, darin enthalten auch die Kosten für ein Ladengeschäft im Herzen der Innenstadt.

Steuernachlass für die Wüste

Das neue Apple-Rechenzentrum im Bau
Das neue Apple-Rechenzentrum im Bau
(Bild: Catawba County)
Das Rechenzentrum soll im Reno Technology Park gebaut werden, für den die Kommune noch weitere Untermieter sucht. Insgesamt umfasst der Park eine Fläche von 890 Hektar, davon allein 400 Hektar für die Rechenzentren, außerdem ein Projekt für erneuerbare Energien.

Zur Zeit beschäftigt Apple bereits 400 Mitarbeiter im Büro von Reno, sie sind mit dem Online-Helpdesk und der Kundenberatung beschäftigt. Nach heutigem Stand könnte Apple dort um weitere 35 Vollzeit-Jobs und rund 200 Mitarbeiter mit Zeitverträgen im Rechenzentrum aufstocken.

Um Apple zum Bau des Rechenzentrums in der Wüste zu bewegen, wurde ein deutlicher Steuernachlass von 89 Millionen Dollar versprochen, so eine AP-Meldung. Der Grund: Für den Bundesstaat Nevada wäre Apple ein willkommener Vorreiter für weitere Unternehmen, die sich ebenfalls an dem Standort ansiedeln könnten. Sollten die Arbeiten noch im August aufgenommen werden, könnte das Rechenzentrum in Reno schon Ende des Jahres den produzierenden Betrieb aufnehmen.

Und jetzt der Knackpunkt: "The Next Big Thing"?

Bei den Arbeiten an den neuen Rechenzentren handelt es sich um öffentlich genehmigte und gut sichtbare Baustellen, die sich nicht so geheim halten lassen wie die Produktpläne von Apple. Bleibt die Frage: Wozu benötigt Apple eine Verdoppelung der bestehenden Kapazität in Maiden sowie die beiden neuen Anlagen gleicher Größe in Prineville und Reno?

Vielleicht holt Apple gerade wieder zu einem ganz, ganz großen Streich aus, vielleicht der letzte, den der verstorbene Firmengründer Jobs sich noch ausgedacht hat?

Man sollte davon ausgehen, dass ein neues Produkt und ein begleitender Online-Dienst wirklich große Datenmengen transportieren. Einiges spricht für Streaming-Video, zumal die Zukunft von Apple-TV in jüngster Zeit immer häufiger hinterfragt wurde. Angeblich befand sich Apple bereits in Gesprächen mit Kabelnetzbetreibern in den USA, doch wurden noch keine konkreten Ergebnisse bekannt.

Es bleibt also spannend, welche neuen Dienste so viel Rechenleistung voraussetzen. Die Infrastruktur dafür entsteht ja gerade.

Der Autor:

Bernhard Schoon ist ein freier Autor, der in München lebt.

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