Interxion-Manager zu den Datacenter-Trends 2022 Wohin geht die Reise, Holger Nicolay?

Von Holger Nicolay*

Nur noch vier Wochen bleiben uns vom Jahr 2021. In unserer besonders schnelllebigen IT-Branche, mit ihrem Innovationsdruck und ihrer ganz eigenen Dynamik, sind die vergangenen zwölf Monate wie im Flug vergangen. So ein Jahreswechsel animiert sowohl zu einem kritischen Rückblick als auch einem Ausblick auf die kommenden Datacenter-Trends: Denn wie schon Mark Twain festhielt, sind „Prognosen bekanntermaßen schwierig (…), insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen“.

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Interxion-Manager Holger Nicolay lässt die Trendsaufblitzen, die die Rechenzentrumszukunft 2022 bestimmen werden.
Interxion-Manager Holger Nicolay lässt die Trendsaufblitzen, die die Rechenzentrumszukunft 2022 bestimmen werden.
(Bild: Arek Socha auf Pixabay)

Die allgegenwärtige Digitalisierung verändert unsere Lebensbereiche und wird dies auch weiterhin tun. Hieraus ergeben sich zunehmend anspruchsvollere Anforderungen an die Rechenzentrumsbranche: Längst organisieren viele Menschen ihr Privatleben mit Smartphone und „Whatsapp“, erwarten Zugfahrpläne und Busverspätungen online sowie unterbrechungsfreies Surfen, Streamen und Online-Gaming am Abend.

Die Digitalisierung unserer Arbeitswelt kommt uns hingegen vielfach langsamer vor, wobei dies eher auf die hohen Anforderungen an Compliance, Datenschutz und Betriebssicherheit zurückzuführen ist. Und gerade deshalb haben viele Unternehmen die Pandemie-Monate genutzt, sich weiterzuentwickeln: Mobiles Arbeiten wird erst durch Video-Conferencing-Tools und Collaboration-Plattformen möglich, im Hintergrund kommen neue, verteilte und damit oftmals Cloud-basierte IT-Security-Services zum Einsatz.

Glasfasernetze, Datenaustauschknoten und zentrale Rechenzentren werden aufgrund dieser intensiven digitalen Nutzung im Privaten wie im Beruflichen zum unverzichtbaren Rückgrat der Digitalisierung.

Drei führende Trends sind in diesem Kontext unübersehbar:

  • Hybride IT
  • Mega-Datacenter
  • Nachhaltigkeit

Die hybride IT

Zunehmend komplexere und individuellere Anforderungen sorgen dafür, dass unsere IT-Welt immer hybrider wird. Ob Angebote der Public Clouds oder das eigene Unternehmensrechenzentrum genutzt werden, ob Daten zentral oder an der Edge verarbeitet werden: Stets geht es um das geografisch verteilte Zusammenspiel von Daten sowie um Rechenleistung und Infrastrukturen auf technologisch verschiedenen Plattformen.

Dies hat zur Folge, dass insbesondere Unternehmen immer genauer darüber nachdenken, wo ihre Daten, Prozesse und Workloads am besten aufgehoben sind. Trennlinien bestehen nur vordergründig in der Frage der Technologie, also derjenigen nach Cloud und traditioneller IT. Hinzu kommen kommerzielle Herausforderungen, wie beispielsweise pay-per-use-Angebote einer Public Cloud mit dem Bedarf nach Planungssicherheit der gewohnten Budgetierungs- und Controlling-Prozesse in Einklang zu bringen sind.

Ergänzt wird dieses technologische und kommerzielle Spannungsverhältnis von einer zeitlichen Komponente: Ungünstig betriebene IT-Umgebungen führen zu ungeahnten Netzwerklasten und Verzögerungen bei der Datenübertragung, die bis zum vollständigen Stillstand einer geografisch verteilten IT führen können. Neben der Frage nach dem geeigneten Rechenzentrum muss zukünftig mehr denn je die kritische Komponente Netzwerk betrachtet werden.

Der neue Trend am Wolkenhimmel

eBook: „Wir wollen Hybrid!"

Wir wollen hybrid
Wir wollen Hybrid!
(PDF | ET 20.10.2021)

Die nächste Transformationsphase der IT-Landschaft nimmt unweigerlich ihren Lauf. Diesmal auf dem Menü: ein Ansturm auf die hybride Cloud. - und während Multicloud eine Ansammlung verschiedener Cloud-Services nebeneinander bezeichnet, ist die hybride Cloud nun das Resultat einer bewussten, zielführenden Integration mehrere separater IT-Ökosysteme über eine vereinheitlichte Orchestrierungsebene zu einer einzigen - hybriden - Umgebung.

Während alle hybriden Clouds auch Multiclouds sind, sind nicht alle Multiclouds auch automatisch Hybrid-Cloud.

Warum das so ist, verrät das eBook in den Kapiteln:

  • Szenarien der Hybridisierung
  • Die Schaltzentrale einer hybriden Cloud
  • Cloud-Stacks und Hybrid-Ökosysteme
  • Stolperfallen der Hybridisierung
  • Hybrid? Ja - aber wie? - Impulse aus der Praxis

    >>> eBook: „Wir wollen Hybrid!“ zum Download
  • Und dennoch ist davon auszugehen, dass unsere IT-Welt immer hybrider wird: Es gibt eben kein unternehmensweites oder globales „richtig“ oder „falsch“. Vielmehr hat jeder Workload und jeder Use-Case seine eigenen Anforderungen, und damit seine eigene Topologie- und Infrastrukturanforderungen. Während Lösungsansätze für die eine Anwendung goldrichtig sind, können Kosten oder Performanz für andere vollständig aus dem Ruder laufen. Die Lösung ist eine hybride IT, welche Workload für Workload die Technologie-, Kosten- und Compliance-Fragen stellt und Netzwerkanforderungen dabei nicht aus den Augen lässt.

    Die Mega-Datacenter

    Führende Co-Location-Provider in Frankfurt haben ein Luxusproblem: eine große Nachfrage nach Rechenzentrumsleistungen vor allem durch Plattform-Provider und ihre Endkunden. Grund hierfür ist die zentrale Lage Frankfurts in Europa, der starke Wirtschaftsstandort mit einer großen Konzentration von datenverarbeitenden Unternehmen und der daraus resultierenden hohen Verfügbarkeit von Glasfasernetzen.

    Mit anderen Worten: Wo bereits gute Bedingungen für Daten und Datenverarbeitung herrschen, werden mehr und mehr Daten zusammengezogen und verarbeitet. „Data Gravity“ ist der Begriff, welcher dieses Phänomen kurz und knapp beschreibt.

    Auf Frankfurt als unbestrittene deutsche Datenhauptstadt, eigentlich sogar führend in Kontinentaleuropa, kommt damit eine ganz besondere Herausforderung zu: Mehr und mehr Public Clouds sowie Content- und Social-Media-Provider wollen vom Frankfurter Standortvorteil und der dortigen Infrastruktur profitieren. All diese Unternehmen sind global tätig, sie bedienen sich daher der ebenso global agierenden Co-Location-Provider.

    Dies hat die Konzentration an einigen wenigen Datacenter-Standorten zur Folge. Erschienen Datacenter mit 100 Megawatt Kundenleistung vor kaum drei Jahren noch als „groß“, so werden im Rhein-Main-Gebiet aktuell zwei mit jeweils 200 Megawatt doppelt so große Standorte geplant: von Interxion in Frankfurt Fechenheim und von Google in Hanau.

    Eine einzelne Stadt wie Frankfurt wird kaum in der Lage sein, diese unglaublich große und stetig wachsende Nachfrage an Rechen- und Speicherleistung in einer sich stetig globalisierenden Welt zu bedienen. Vielmehr besteht für die Rhein-Main-Region als ganzes die Chance, Bestandteil neuer Wertschöpfungsketten und des digitalen Rückgrates zu werden.

    Längst bauen Rechenzentrumsanbieter in Offenbach, Hattersheim und Hanau ihre Datacenter, und auch in der Stromversorgung bahnen sich neue Trends an: An den Stellen, an denen der Frankfurter Platzhirsch Mainova nicht oder nicht schnell genug Stromkapazitäten bereit stellen kann, springen aus lokaler Sicht Anbieter wie beispielsweise die Avacon bereitwillig in die sich auftuende Bresche.

    Was zudem zu sehen ist, ist ein Trend zu Mega-Datacentern, der sich auch in Zukunft aufgrund des fortschreitenden Digitalisierungsbedarfs und des „Data Gravity“-Phänomens fortsetzen wird: Rechenzentrumsstandorte mit dem Strombedarf einer mittleren Kleinstadt werden sich im „Speckgürtel“ um die ursprünglichen Großstädte ansiedeln. Und zwar genau dort, wo herausragende Netzwerkverbindungen bestehen und die Stromversorgung in großem Stil sichergestellt ist. Regionale Cluster sind anstelle einer Konzentration auf die Großstädte zu erwarten.

    Die Nachhaltigkeit

    Wo viel Strom wie beispielsweise in Rechenzentren verbraucht wird, stellt sich die berechtigte Frage nach Umweltverträglichkeit. Gerade unter diesem Aspekt sind die Mega-Datacenter eine Chance für Nachhaltigkeit, schließlich stehen sie für Energie-Effizienz, die viele kleine Unternehmensstandorte für sich genommen nicht realisieren könnten. Mit ihrer intrinsischen Motivation für Effizienz und Synergien sorgen die führenden Colocation-Provider bereits seit Jahren dafür, dass ihre Rechenzentren einen deutlich besseren (niedrigeren) PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) aufweisen als die einzelnen und kleinen Unternehmensrechenzentren ihrer Kunden.

    Wo sich aber viele Kunden mit hoher Rechenleistung eine gemeinsame Infrastruktur teilen, die sie sich einzeln gar nicht leisten könnten, wird zwangsläufig viel Strom verbraucht. Dies ist zum einen weit weniger, als diese Kunden auf sich allein gestellt verbrauchen würden. Zum anderen entsteht durch diese Konzentration auf Mega-Datacenter überhaupt erst die Chance, die anfallende Abwärme sinnvoll zu nutzen.

    Einzelne Pilotimplementierungen gaben im vergangenen Jahr mögliche Lösungswege vor: So wird in Norddeutschland die Nutzung der Abwärme durch eine Algenfarm auf dem Dach eines Rechenzentrums sichergestellt (siehe: Das Windcloud 4.0-Datacenter in Nordfriesland; Wo ein Rechenzentrum CO2-absorbiert, wachsen Algenund in Skandinavien eine Hummerfarm unweit eines neuen Mega-Datacenters geplant. In Frankfurt machte die Kooperation rund um das zukünftige Wohnquartier „Westville“ kürzlich von sich reden.

    All diesen Pilotprojekten ist gemein, dass sie mit großer Vorbildwirkung den Weg für Abwärme-Nutzungskonzepte vorgeben, aber jeweils nur wenige hundert Kilowatt Abwärme an benachbarte Abnehmer liefern. Auch müssen sie für sich betrachtet noch nicht wirtschaftlich erfolgreich sein.

    Der Übergang von diesen kleinen Leuchtturmprojekten zur Abwärmenutzung in großem Stil ist für die kommenden Jahre zu erwarten. Voraussetzung hierfür ist, dass die Abwärme abgebenden Co-Location-Provider auf Abnehmer treffen, die ganzjährig Verwendung für eine mindestens zweistellige Megawatt-Anzahl haben. Denn für Rechenzentren ist (Frei-)Kühlung im Winter billig, die eigentlichen Klimatisierungskosten fallen im Hochsommer an.

    Zögern und Zaudern sind Tabus

    Kompendium: „Nachhaltigkeit im Rechenzentrum"

    Nachhaltigkeit im Rechenzentrum
    Nachhaltigkeit im Rechenzentrum

    Datacenter müssen effizienter werden, nachhaltiger wirtschaften, in eine sektorübergreifende Kreislaufwirtschaft eingebunden werden. Für kann oder könnte, soll oder sollte, darf oder dürfte ist kein Platz im Sprachgebrauch, wenn es darum geht, die Umwelt zu entlasten.

    Zögern, Zaudern, Zaghaftigkeit sind Tabus.

    Es muss sein, jetzt, und es wird wehtun.
    (PDF | ET 21.09.2021)

    Lesen Sie im Kompendium unter anderem:

  • ... wie die Europäische DC-Branche die Vorreiter-Rolle anstrebt.
  • ... wie wir von anderen Branchen lernen können.
  • ... wie Rechenzentren nachhaltig und klimaneutral werden können.


    >>> Kompendium: „Nachhaltigkeit im Rechenzentrum“ zum Download
  • Rechenzentren als Abwärmequellen werden daher zukünftig mit solchen Abnehmern nachhaltig und zum beiderseitigen wirtschaftlichen Vorteil zusammenarbeiten, die auch in den Sommermonaten Abwärme verarbeiten können. Nahnutzungskonzepte wie benachbarte Bürogebäude oder Wohnquartiere werden das kaum in großem Umfang realisieren können, hier sind Versorgungsunternehmen mit Fernwärmenetzen gefragt.

    Als Standortkriterium für neue Mega-Datacenter wird sich neben der Verfügbarkeit von Glasfasernetzen und Stromkapazitäten zukünftig ein drittes Kriterium herausbilden: die Nähe zu Fernwärmenetzen. Im Umkehrschluss werden Politik und Kommunen, die Abwärmenutzung fordern, den geeigneten gesetzlichen Rahmen und die Infrastruktur zur Abwärme-Aufnahme schaffen müssen. Alles andere wäre so inkonsequent wie von Autofahrern zu fordern, ihre Straßen selbst zu bauen.

    Zwei Grundsteine hierfür sind bereits gelegt worden. Erstens hat der öffentliche Druck des vergangenen Jahres die Zweitverwertung der in Rechenzentren anfallenden Abwärme befördert. Und zweitens haben sich Colocation-Provider und Versorgungsunternehmen durch die aktuellen Pilotprojekte zur Abwärmenutzung bereits aneinander angenähert und ein gemeinsames Verständnis von den Rahmenbedingungen und Anforderungen des jeweils anderen erarbeitet. 

    Ergänzendes zum Thema
    * Über den Autor

    Der Autor, Holger Nicolay, ist Business Development Manager bei der Interxion Deutschland GmbH.
    Der Autor, Holger Nicolay, ist Business Development Manager bei der Interxion Deutschland GmbH.
    ( Bild: Interxion )

    Der Fokus von Holger Nicolay liegt auf der Digitalen Transformation sowie auf Connectivity- und Infrastruktur-Konzepten, mit denen Interxion seine Kunden als Infrastrukturpartner und Cloud Exchange Provider bei der Implementierung von hoch-integrierten hybriden Clouds und flexiblen Multi-Cloud-Lösungen unterstützt. Er ist Diplom-Informatiker (TU) und hat vor Interxion in verschiedenen Sales-, Marketing- und Management-Rollen in der Telekommunikationsbranche gearbeitet. Frühere berufliche Stationen waren die heutige 1&1 Versatel und Colt Technology Services.

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