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Béla Waldhauser über die Besiedlung des Frankfurter Umlands mit Rechenzentren „Wir tragen in der Datacenter-Branche gerne Gürtel und Hosenträger und das am liebsten doppelt und dreifach“

Autor / Redakteur: Harald Lutz* / Ulrike Ostler

Rechenzentrumsbau weiterhin auf begrenztem Terrain in Frankfurt am Main oder doch lieber im erweiterten Umland der Region Rhein-Main? Eine Einschätzung der aktuellen Situation sowie Pro- und Kontra-Argumente gibt im Interview Dr. Béla Waldhauser, seines Zeichens Leiter der Kompetenzgruppe Datacenter beim Eco-Verband Internetwirtschaft und im Brotberuf Geschäftsführer für alle deutschen Aktivitäten bei Telehouse / KDDI.

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Mit Lichtgeschwindigkeit lassen sich 300 Kilometer in einer Millisekunde überbrücken, so dass Entfernungen bis zu 30 Kilometern in puncto Latenz für die meisten in einem Data Center gehosteten Anwendungen keine Rolle spielen.
Mit Lichtgeschwindigkeit lassen sich 300 Kilometer in einer Millisekunde überbrücken, so dass Entfernungen bis zu 30 Kilometern in puncto Latenz für die meisten in einem Data Center gehosteten Anwendungen keine Rolle spielen.
(Bild: Eco - Verband der Internetwirtschaft e.V.)

Dr. Waldhauser ist seit mehr als 20 Jahren in unterschiedlichen Funktionen in der Datacenter-Branche tätig und seit einem ersten Strategiegespräch vor rund 15 Jahren eng mit Fragen zum Internetknoten De-CIX vertraut.

Immer mehr Rechenzentrumsbetreiber weichen offenbar vom Frankfurter Stadtgebiet auf Umland-Standorte in der Region Rhein-Main aus. Können Sie diesen Trend bestätigen?

„Ein Rechenzentrumsstandort sollte mindestens risikoarm, besser noch vollkommen risikofrei sein, sagt der Leiter der Kompetenzgruppe Datacenter beim Eco - Verband der Internetwirtschaft“, Dr. Béla Waldhauser.
„Ein Rechenzentrumsstandort sollte mindestens risikoarm, besser noch vollkommen risikofrei sein, sagt der Leiter der Kompetenzgruppe Datacenter beim Eco - Verband der Internetwirtschaft“, Dr. Béla Waldhauser.
(Bild: Eco Verband der Internetwitschaft e.V.)

Béla Waldhauser: Den Trend kann ich definitiv bestätigen. Das liegt schlicht und einfach daran, dass die Flächen in Frankfurt am Main immer enger werden. Darüber hinaus hat die Stadt aktuell ein großes Interesse daran, vor allem Wohnraum zur Verfügung zu stellen, und will auf dem begrenzten Terrain nicht immer mehr Rechenzentren bauen lassen. Frankfurt ist von der Fläche her gesehen eine eher kleinere Metropole. Der Großraum London ist dagegen flächenmäßig in etwa vergleichbar mit der gesamten Rhein-Main-Region.

Generell gilt: Ein Rechenzentrumsstandort sollte zumindest risikoarm, wenn nicht gar vollkommen risikofrei sein. Unser Standort auf dem alten Telenorma- / Telefonbau- und Normalzeit-Gelände an der Kleyerstraße beispielsweise ist umgeben von Wohnbebauung, 1200 neue Einheiten sollen auf der gegenüberliegenden Straßenseite gebaut werden. Da gibt es sehr enge Vorschriften, was zum Beispeil den Lärmschutz angeht.

Ein weiter Grund für die Schwierigkeiten ist die Stromversorgung. Telehouse / KDDI benötigen am Standort Kleyerstraße Energie im zweistelligen Megawattbereich; ein einzelnes RZ-Gebäude kommt schon mal schnell auf 12, 13 oder 14 Megawatt Anschlussleistung. Mitten in der Stadt wird das immer schwieriger zu realisieren.

Ein großer Vorteil des Betriebs eines Rechenzentrums in der Mainmetropole liegt in den niedrigen Latenzzeiten durch die Nähe zum De-CIX-Knoten. Macht sich dies in irgendeiner Form im Vergleich zu Umlandstandorten wie Offenbach, Hanau oder Hattersheim bemerkbar?

Mit Lichtgeschwindigkeit lassen sich 300 Kilometer in einer Millisekunde überbrücken, so dass Entfernungen bis zu 30 Kilometern in puncto Latenz für die meisten in einem Data Center gehosteten Anwendungen keine Rolle spielen.
Mit Lichtgeschwindigkeit lassen sich 300 Kilometer in einer Millisekunde überbrücken, so dass Entfernungen bis zu 30 Kilometern in puncto Latenz für die meisten in einem Data Center gehosteten Anwendungen keine Rolle spielen.
(Bild: Eco - Verband der Internetwirtschaft e.V.)

Béla Waldhauser: Überhaupt nicht. Mit Lichtgeschwindigkeit lassen sich 300 Kilometer in einer Millisekunde überbrücken, so dass 20 bis 30 Kilometer in puncto Latenz so gut wie keine Rolle spielen. Noch einmal zum Vergleich London: In der britischen Kapitale macht sich auch niemand Gedanken darüber, ob er zum London-Internet-Exchange-Knoten, dem Pendant zum De-CIX, zehn oder 20 Kilometer weit entfernt sein Datacenter baut.

Es gibt ganz wenige Anwendungen, wo die Entfernung wirklich eine sehr große Rolle spielt; beispielsweise müssen bestimmte Aktienhändler, so genannte Algotrader, die geringste Kursschwankungen ausnutzen, ganz nah an der Börse sein. Dort kommt es auf Nanosekunden und damit jeden Meter wirklich an. Bei normalen Anwendungen dagegen ist das vollkommen irrelevant.

Im Großraum Rhein-Main spielt nach Ihrer Einschätzung die Entfernung also keine entscheidende Rolle. Ab wie viel Kilometern kommen die in der Standortdiskussion oftmals ins Feld geführten Latenzzeiten überhaupt zum Tragen?

Béla Waldhauser: Dafür kann es keine Faustformel geben. Hier kommt es entscheidend auf die einzelne Anwendung an. Erlauben Sie mir zwei Beispiele:

Viele Unternehmen und Behörden betreiben ein zusätzliches Ausweichrechenzentrum für den Notfall. Im Idealfall sind beide Rechenzentren in der Datenhaltung absolut synchron. Falls das eine ausfällt, muss gewährleistet sein, dass alle Daten absolut auf dem neuesten Stand sind – ohne Wenn und Aber. Hierbei ist es entscheidend, dass die Entfernung zwischen bei-den Standorten nicht sehr groß ist, da sonst keine synchrone Datenhaltung zu gewährleisten ist; das liegt neben der Entfernung auch am Zusammenspiel des gesamten Equipments wie Mainframe, Server und Storage-Einheiten.

In diesem Fall wäre es nicht schlecht, wenn die Entfernung 20 bis 30 Kilometer nicht überschreiten würde. Bei 100 Kilometern wird die Datensynchronisation bereits echt schwierig. Ein Standort in Nordhessen, zum Beispiel Kassel, ist mit 200 Kilometern eindeutig zu weit entfernt.

Ein anderes Beispiel: Die Daimler AG hat sich dazu entschieden, ihre Rechenzentrumskapazitäten von Stuttgart in die Rhein-Main-Region zu verlegen. Gründe dafür waren die Konnektivität, die Nähe zum De-CIX und last, but not least das Gesamtpaket, das Frankfurt am Main zu bieten hat. Eine Lokation davon ist bei uns im Frankfurter Gallusviertel, die andere bei Maincubes in Offenbach auf dem EVO-Gelände.

Hier haben wir genau den Punkt, dass für die meisten Anwendungen, die ein Unternehmen braucht, die Entfernung von Frankfurt nach Stuttgart keine Rolle spielt. Wichtig ist aber, dass beide Rechenzentren, die sich gegenseitig absichern, nicht so weit auseinanderliegen.

Zusätzlich benötigt ein Konzern wie Daimler auch noch kleinere Rechenzentren in den einzelnen Werken selbst, um die Produktion zu gewährleisten. An dieser Stelle kommen Dinge wie Industrie 4.0, Smart Factory, Autonomes Fahren und mehr ins Spiel. Dafür ist die Entfernung wiederum sehr relevant.

Wie stellen sich nach Ihrer Wahrnehmung die Umlandgemeinden und Versorger dort in puncto Strom- / Kältelieferung, Abnahme von Abwärme, Unterpufferung der Netze durch die Notstromreserven der Rechenzentren auf?

Béla Waldhauser: Vor Kurzem hatte ich Gelegenheit, auf einer gemeinsamen Panel-Diskussion in München Herrn Klaus Schindling, seines Zeichens Bürgermeister der Stadt Hattersheim, persönlich kennenzulernen. Er hat in der Diskussion den Eindruck vermittelt, dass Hattersheim sich sehr umfangreich mit all diesen Themen auseinandergesetzt hat.

Wenn eine Kommune ein neues Gewerbegebiet mit mehreren Tausend Quadratmetern erschließen will, muss sich die Stadt schon Gedanken machen: Welche Industrien sollen dort angesiedelt werden, welche Infrastruktur benötigen sie?.... Es ist aber oftmals nicht die Kommune, die für diese Dinge Verantwortung trägt, sondern der regionale Netzbetreiber: Laut Bundesnetzagentur haben wir in Deutschland ja die Trennung zwischen Netzbetreiber und Stromlieferant.

Wir tragen in der Rechenzentrumsbranche gerne Gürtel und Hosenträger und das am liebsten doppelt und dreifach. Sie können sich daher vollkommen sicher sein, wenn ein großer Datacenter-Betreiber nach Offenbach, Hattersheim, Hanau, Rüsselsheim oder anderswo in der Region Rhein-Main geht, werden von den Verantwortlichen vorab die zwei Hauptfragen für die Standortwahl gestellt.

1. Das K.-o.-Kriterium ist: „Risikofrei oder zumindest risikoarm?“

2. Danach wird die Stromversorgung unter die Lupe genommen. Hier lautet das Zauberwort Redundanz. Uns genügt in der Regel keine Stichleitung. Die Stromversorgung eines Rechenzentrums muss daher mindestens von zwei Seiten beziehungsweise Umspannstationen in Mittel- oder Hochspannung kommen, das heißt mindestens mit 10.000 bis 30.000 Volt, gerne aber auch 110.000 Volt. Wenn diese und andere Dinge von den Umlandgemeinden und Netzbetreibern her nicht gegeben sind, die Zurverfügungstellung zu lange dauert oder zu teuer ist, kann ein regionaler Bürgermeister lieb und nett sein, aber sein potenzieller Standort wird bei der engeren Auswahl durch das Raster fallen.

Worin sehen Sie die entscheidenden Vor- und Nachteile, im Frankfurter Umland zu bauen?

Größter Standortvorteil von Frankfurt am Main ist der direkte Zugangang zum De-CIX-Knoten mit Peer-to-Peer-Verküpfungen zu vielen Orten in aller Welt.
Größter Standortvorteil von Frankfurt am Main ist der direkte Zugangang zum De-CIX-Knoten mit Peer-to-Peer-Verküpfungen zu vielen Orten in aller Welt.
(Bild: Eco - Verband der Internetwirtschaft e.V.)

Béla Waldhauser: Die Wachstumsrate der Branche ist gigantisch. Es vergeht ja fast kein Monat, wo nicht ein neues Datacenter in der Region angekündigt oder eröffnet wird. Vor diesem Hintergrund müssen wir zwangsläufig über den Tellerrand beziehungsweise die Stadtgrenze Frankfurts hinausschauen: Der geeignete Platz und auch der Strom sind endlich.

Auch die Übertragungsnetzbetreiber sind oftmals noch in ihrer alten Denkweise mit Planungszeiträumen von 10 bis 15 Jahren verfangen. Das ist für die Digitalwirtschaft viel zu lang. Da können aber die Kommunen in der Regel nichts dafür: Die Kapazitäten zur Verfügung stellen müssen schließlich die Übertragungsnetzbetreiber.

In Amsterdam wurde jüngst ein Baustopp für neue Datacenter verhängt. Neue Umweltauflagen wie die Zurverfügungstellung von Abwärme für Wärmenetze sollen Abhilfe schaffen. Ist das auch für hiesige Verhältnisse realistisch?

Béla Waldhauser: Ja, definitiv. Die Stadt Frankfurt am Main hat bereits vor zirka zwei Jahren ein Abwärmekataster erstellt – nicht nur für Rechenzenten, sondern für alle Industrien – und ist damit sehr fortschrittlich. Die Stadt versucht zu identifizieren, wo überhaupt die Abwärme erzeugt wird, wo potenzielle Abnehmer dafür sitzen und wo die Einspeisung in das Fernwärmenetz erfolgen kann.

Wir bei Telehouse / KDDI sind beispielsweise mit dem örtlichen Energieversorger Mainova im Gespräch, ob wir für die neuen Wohneinheiten auf der gegenüberliegenden Straßenseite Nahwärme zur Verfügung stellen. Das Hauptproblem bei den meisten Rechenzentren ist, dass die Abwärme nur 30 bis 35 Grad Celsius hat.

Das ist für Fernwärme zu wenig, die 80 Grad Celsius und mehr benötigt. Aufzuheizen wäre weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll. Aber man kann die Abwärme aus den Rechenzentren sehr gut als Nahwärme nutzen. Man braucht sie nur einige wenige Grad nach oben zu bringen.

* Harald Lutz ist Fachjournalist und Technikredakteur in Frankfurt am Main.

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