Interview mit Jim Zemlin, Vorsitzender der Linux Foundation, zu Erfolgen und Niederlagen

Wir bauen ökonomische Systeme um die Open Source-Projekte herum

| Autor: Ludger Schmitz

Die Linux Foundation hat über Linux hinaus die Open-Source-Welt mitgestaltet.
Die Linux Foundation hat über Linux hinaus die Open-Source-Welt mitgestaltet. (Bild: Linux Foundation)

Die Linux Foundation kümmert sich um weit mehr als Linux. Ludger Schmitz sprach im Auftrag von DataCenter-Insider mit Jim Zemlin, Vorsitzender der Linux Foundation, über ihre Erfolge und Niederlagen, über ihre Funktion, Arbeitsweisen und Perspektiven.

Elf Jahre gibt es die Linux Foundation. Was betrachten Sie als den größten Erfolg?

Jim Zemlin, Linux Foundation
Jim Zemlin, Linux Foundation (Bild: Ludger Schmitz / BY 3.0)

Jim Zemlin: Dass es uns noch gibt. So viele Organisationen scheitern in den ersten zehn Jahren. Als wir anfingen, wollten wir Linux helfen, gegen kommerzielle Wettbewerber zu bestehen, vor allem gegenüber Microsoft und Sun Microsystems. Sehr viele Leute haben gedacht, es ginge um Linux versus Microsoft, David gegen Goliath. In Wirklichkeit war es für Linux viel einfacher, die proprietären Unix-Derivate zu verdrängen.

Der Sieg gegen die `Unixe´ ist der größte Erfolg. Heute dominiert Linux bis hinauf ins Supercomputing. Tut mir leid für meinen Großvater; der war ein Mitbegründer von Cray. Und im Mobile Computing haben wir auch gewonnen. Das ist schon was.

In der Zwischenzeit hat sich der Fokus der Linux Foundation von Linux auf Open Source im weiteren Sinne gewandelt.

Jim Zemlin: Das ist ein weiterer Erfolg für uns. Wir haben erfolgreich dazu beigetragen, dass Linux in weitere Bereiche gewachsen ist. Wir haben gelernt, was es braucht, um große Open-Source-Projekte auf die Beine zu stellen.

Wir wollen heute Ecosysteme, Ökonomien um die Projekte herum aufbauen, die wir hosten. Deswegen rede ich beispielsweise so oft von Open Source in der Automobilindustrie. Hier gibt es eine ganze Menge Linux- und Open-Source-Software bei der Produktion und in der ganzen Wertschöpfungskette der Zulieferer.

Es ist immer der gleiche Ablauf, bei all unseren Projekten: Unternehmen nutzen Open-Source-Software, verdienen mit ihr und investieren wieder in ihre Verbesserung. Wir versuchen dabei zu helfen, dass dieser Kreislauf in Schwung kommt und seine Dynamik behält.

Außer der Linux Foundation gibt es aber auch noch andere Foundations mit zahlreichen Projekten. Wozu braucht es verschiedene Foundations?

Jim Zemlin: Ich stimme völlig zu. Wir brauchen nur eine, die Linux Foundation (lacht).

Was würden wohl die anderen Foundations zu diesem Anspruch sagen?

Jim Zemlin: Spaß beiseite. Wir haben tatsächlich ein sehr gutes Verhältnis zu den anderen Foundations, wir reden oft miteinander. Beispielsweise treffe ich mich nicht nur oft mit Brian Behlendorf von der Apache Software Foundation. Mit ihr macht die Linux Foundation auch gemeinsame Veranstaltungen, wir haben auf unseren Veranstaltungen Vorträge von denen und umgekehrt. Das Verhältnis zur Apache Software Foundation ist sehr positiv.

Aber es gibt anscheinend Überschneidungen. Sind die nicht konfliktträchtig?

Jim Zemlin: Es gibt so viele Projekte... Man muss beachten, dass Projekte gewöhnlich einen Lebenszyklus haben. Ein Projekt entwickelt Code, er wird immer besser, das Projekt wächst und seine Lösung. Mit der Zeit entstehen andere Projekte, lernen vom ersten, verwenden möglicherweise den Code des ersten Projekts, und der neue Code erweist sich als noch erfolgreicher. Das erste Projekt erlebt einen Niedergang, ist aber noch nicht gleich tot.

So entstehen immer wieder scheinbar gleichgerichtete Projekte. Das Interesse der Anwender, der Markt und die Community regeln die Entwicklung.

Und was machen Sie mit Projekten, die auf das Ende ihres Lebenszyklus zugehen?

Jim Zemlin: Wir reduzieren die Ressourcen für sie. Es gibt gleichwohl noch Anwender, die diese Lösungen verwenden, diese Projekte sogar weiter unterstützen.

Es ist eigentlich ein ganz normaler Vorgang: Wenn eine neue, viel versprechende Technologie entsteht, investieren die Foundations ziemlich viele Ressourcen in sie. Sobald sie am Markt bekannt ist, genug Akzeptanz und Unterstützung von Anwenderseite hat, reduzieren wir unsere Kräfte langsam.

Es gibt etliche aktive Projekte, die dem Titel nach im gleichen Bereich arbeiten, sich vielleicht sogar überschneiden. Ist das noch sinnvoll?

Jim Zemlin: Man muss da schon ganz genau hinschauen. Die Projekte machen schon ganz unterschiedliche Dinge in unterschiedlichen Feldern. Sie sind also nicht überlappend, sondern ergänzend. Sie beeinflussen sich gegenseitig, betreiben aber jeweils unverwechselbare Entwicklungsarbeiten.

Wäre es für die Anwender nicht übersichtlicher, wenn man die Projekte zu einem Thema unter einen Hut zusammenfasste?

Jim Zemlin: Wir versuchen durchaus, die Projekte in übergeordnete Kategorien zu fassen, es gibt eine Network-, eine Automotive-, IoT-, Cloud-Gruppe und so weiter. Aber das Projekt `nodeJS´ etwa unterscheidet sich sehr von `jQuery´ aus unserer JS Foundation. Alles geht um Javascript, aber jedes Projekt verfolgt eine sehr markante, einzigartige Implementierung für unterschiedliche Anforderungen. In der Richtung sehe ich nicht unsere Hauptaufgabe.

Sondern was?

Jim Zemlin: Die Hauptaufgabe der Linux Foundation besteht darin, die Projekte voranzubringen, diesen Communities mehr Entwickler zu vermitteln, ihre Produkte den End-Usern näher zu bringen und kommerzielle Produkte und Services auf der Basis der Projektarbeiten anzustoßen. Wir beschäftigen dafür keine Entwickler, aber dass die meisten Community-Entwickler von kommerziellen Unternehmen kommen, die diese Produkte für ihr Business verwenden, zeigt, dass wir wohl eine ganz gute Arbeit machen.

Wie unabhängig agieren die Projekte in der Linux Foundation?

Jim Zemlin: Wir folgen generell der Linie, dass es zu guten Ergebnissen führt, wenn man den Entwicklern einer Technologie die technischen Entscheidungen überlässt. Wir haben technische und Architektur-Committees, die Projekte beraten können. Aber die Entscheidung über die Technik bleibt den Projekten vorbehalten.

Nur haben die Techies meistens nicht so ein Händchen fürs Marketing ...

Jim Zemlin: Stimmt. Das ist es, wo wir viel helfen können: Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Rechtsberatung, Kontakte, Organisation von Meetings, Präsentation auf Veranstaltungen von uns oder befreundeten Organisationen. Dafür bieten wir Strukturen, einen Rahmen, und Mittel.

Wir sprachen eingangs von Erfolgen. Was sind die größten Niederlagen?

Jim Zemlin: Eins bedauere ich sehr: Wir hatten ein Projekt `AllSeen´. Es wollte versuchen, für das Internet of Things die zahllosen Protokolle zu vereinen, damit wirklich alle Geräte miteinander kommunizieren, Daten austauschen können. Es fing sehr vielversprechend an - 200 Firmenmitglieder.

Aber daraus ist nichts geworden; es ließ sich nicht realisieren. Und das wird die Welt Billionen kosten. Denn jetzt gibt es einen Haufen herstellereigene Lösungen, die nicht miteinander können. So wird es nichts mit IoT.

Gab es nicht genug Druck von Seiten der Anwender?

Jim Zemlin: Den Endkunden war und ist nicht bewusst, dass sie ihre Möglichkeiten einschränken, wenn sie sich für `Amazon Alexa´ oder `Google Home´ oder soetwas entscheiden. Wenn ein Anbieter seine Lösung als Industriestandard durchsetzen kann, hat das längst nicht den ökonomischen Effekt wie ein offener Standard.

Wie sieht es mit den Anforderungen der Unternehmen aus?

Jim Zemlin: Da ist die Lage viel besser. Die Unternehmen haben sehr viel besser die Nachteile eines Lock-in verstanden. Deswegen haben Interoperabilitätsstandards Erfolg. Bei Firmen wird sich eine offene Standardisierung von IoT durchsetzen.

Also sind Sie letztlich doch optimistisch?

Jim Zemlin: Aber sicher. Wir haben aus dieser Geschichte gelernt. Ich glaube, in den Unternehmen haben wir anspruchsvollere Konsumenten. Sie wissen von den Folgen eines Lock-in. Ich hoffe, dass eines Tages auch die Privatanwender so weit sein werden.

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