Geschichte des Microsoft-Betriebssystems

Windows-Historie, Teil 4 – Die sechste Generation

| Autor: Sebastian Gerstl

Windows 8, 8.1 & RT: Apps, Kacheln und Tablet-Ausrichtung

Windows 7 hatte zwar bereits Multi-Touch-Funktionalität eingeführt, war jedoch kein auf Tablet-Nutzung optimiertes Betriebssystem. Um das verstärkte Wachstum in diesem PC-Marktsegment zu adressieren, entschloss sich Microsoft für die nächste Fassung von Windows daher zu einem radikalen Neudesign.

Mit dem Erscheinen von Windows 8 wollte Microsoft die Nutzererfahrung auf Tablets optimieren - verärgerte damit allerdings zahlreiche Desktop-PC-Nutzer.
Mit dem Erscheinen von Windows 8 wollte Microsoft die Nutzererfahrung auf Tablets optimieren - verärgerte damit allerdings zahlreiche Desktop-PC-Nutzer. (Bild: Microsoft)

Dieses war allerdings in erster Linie nur optischer Natur – im Inneren von Windows 8 schlägt weiterhin der NT6-Kernel, diesmal in der Version NT 6.2. Zudem reduzierte das Unternehmen die Zahl der angebotenen Varianten wieder: an Stelle der sechs verschiedenen Fassungen von Windows 7 traten bei Windows 8 die für Heimanwender gedachte Version „Windows 8 Core“ (im Handel nur „Windows 8“ genannt), das an die Verwendung von Domänennetzwerken gerichtete „Windows 8 Pro“ und schließlich das umfangreiche „Windows 8 Enterprise“ für große Lizenzkunden.

Windows 8 erschien weltweit am 26. Oktober 2012. Um Streitigkeiten mit EU-Kartellwächtern zu entgehen und auf alternative „N“-Fassungen wie in XP, Vista und 7 zu verzichten, ist das Windows Media Center nun nicht mehr in der Basisinstallation von Windows 8 vorhanden. In der Pro-Ausgabe kann es allerdings für einen separaten Aufpreis nachgerüstet werden. In OEM-Fassungen ist die Software allerdings meist bereits vorinstalliert.

Die neue Startoberfläche namens "Modern UI" ließ sich in der Touch-Bedienung gut verwenden. Das ständige Umschalten zwischen Desktop- und Kacheloberfläche erwies sich aber in der Alltagspraxis als ziemlich umständlich.
Die neue Startoberfläche namens "Modern UI" ließ sich in der Touch-Bedienung gut verwenden. Das ständige Umschalten zwischen Desktop- und Kacheloberfläche erwies sich aber in der Alltagspraxis als ziemlich umständlich. (Bild: Screenshot/Microsoft)

Wie bereits erwähnt, entschloss sich Microsoft mit Windows 8 zu einer radikalen Umgestaltung der GUI. Anders als bislang gewohnt landeten Nutzer nach dem Systemstart nicht mehr direkt auf dem Desktop. Stattdessen wurde ein neues, bildschirmfüllendes Startmenü präsentiert, dass zunächst „Metro“ genannt wurde – nach einer Klagedrohung der Handelsgruppe Metro AG benannte man das User Interface in „Modern UI“ um.

Die neue Oberfläche wurde für die Nutzung auf Tablets optimiert: Mit Wischgesten konnte durch die Übersicht der installierten Anwendungen hin- und hergeblättert werden, Apps ließen sich in zwei verschiedenen Größen frei auf der Oberfläche anordnen. Such- und Einstellungsfunktionen wurden nun versteckten Schnellzugriffsleisten untergebracht, die sich nach Bedarf ein- und ausblenden lassen. Per Tipp auf die Windows-Taste auf Tablet oder Tastatur oder über die Auswahl der entsprechenden Schaltfläche ist ein schneller Wechsel zwischen der Modern UI und der gewohnten Desktop-Oberfläche möglich.

Der Taskmanager wurde in Windows 8 signifikant erweitert, zudem wurden einige Zusatzfunktionen wie Dienstüberwachung und Autostart-Menü hier vereint.
Der Taskmanager wurde in Windows 8 signifikant erweitert, zudem wurden einige Zusatzfunktionen wie Dienstüberwachung und Autostart-Menü hier vereint. (Bild: Screenshot/Microsoft)

Der Desktop selbst wurde ebenfalls überarbeitet. Die Schaltfläche für das Startmenü fehlt, da diese Funktion von der Modern UI übernommen wurde. Der Explorer bekam neue Schaltflächen zur schnellen Funktionsauswahl spendiert, die optisch an die bereits seit Office 2007 eingeführten „Ribbons“ angepasst wurde.

Der „Task-Manager“ erfuhr weite weitgehende Neugestaltung, in ihn wurden zudem die Funktionalitäten zur Überwachung von Diensten, Steuerung zum Autostart von Anwendungen und ein App-Verlauf integriert. In den Fassungen „Windows 8 Pro“ und „Windows 8 Enterprise“ ist zusätzlich die Virtualisierungssoftware „Hyper-V“ enthalten. ISO-Images können somit direkt ins System eingebunden und wie Laufwerke ausgeführt werden. Der Windows Defender funktioniert in Windows 8 nun auch als Basisschutz inklusive Virenscanner.

Vollkommen neu ist dagegen der Windows-Store, der direkt als Schaltfläche in die Modern UI integriert wurde und sich stark an vorhandene Angebote wie der „App Store“ von Apple oder „Google Play“ orientiert. Nutzer sollen hier schnell und unkompliziert Anwendungen suchen, bewerten und direkt installieren können.

Auch die Benutzerkontensteuerung wurde erneut aktualisiert. Ähnlich wie von iOS- oder Android-Systemen gewohnt besteht nun die Möglichkeit, Nutzerkonten direkt mit einem Email-Konto zu verbinden. Damit lassen sich mehrere Angebote der Microsoft-Welt verknüpfen: Derselbe Account kann für Microsofts Spiele- und Konsolenplattform „XBOX Live“, den „Windows Store“, dem „MSN Messenger“ und andere Angebote genutzt werden, was einen höheren Komfort beim Nutzen der Dienste verspricht.

Zudem erhalten Nutzer mit Angabe der Email Zugriff auf Microsofts Cloud-Dienst „One Drive“ (vormals „Sky Drive“, ehe eine weitere Klagedrohung zu einer neuerlichen Namensänderung führte), in dem Bilder und Dokumente gespeichert und übers Internet mit Kontakten geteilt werden können.

Mit Windows 8.1 reagierte Microsoft auf zahlreiche Kritikpunkte. So war nun wieder der direkte Systemstart in den Desktop-Modus möglich. Auch das Startmenü wurde, zumindest als Schaltfläche, wieder in die Taskleiste integriert.
Mit Windows 8.1 reagierte Microsoft auf zahlreiche Kritikpunkte. So war nun wieder der direkte Systemstart in den Desktop-Modus möglich. Auch das Startmenü wurde, zumindest als Schaltfläche, wieder in die Taskleiste integriert. (Bild: Screenshot/Microsoft)

Windows 8 wurde von Nutzern deutlich weniger positiv angenommen als sein Vorgänger. Schuld daran war in erster Linie die Modern UI. Die Nutzeroberfläche ist zwar praktisch für Touch-Bedienung, für die Steuerung mit Maus und Tastatur allerdings weniger gut geeignet, was vor allem viele Laptop- und Desktop-PC-Nutzer verärgerte.

Viele Anwender waren zudem anfänglich durch die scheinbare Abwesenheit des Desktop verwirrt. Viele OEM-Hersteller wie Acer und Samsung reagierten darauf, indem Sie ihre Rechner standardmäßig in die Desktop-Anwendung starten ließen. Zudem integrierten diese Anbieter oft eigene Anwendungen, die das abwesende Startmenü nachahmen sollten.

„Neue“ Version 8.1

Auch wenn sich Windows 8.1 nur in relativ wenig Punkten zu seinem "Vorgänger" unterscheidet, sieht Microsoft die aktualisierte Fassung quasi als ein eigenständiges Betriebssystem.
Auch wenn sich Windows 8.1 nur in relativ wenig Punkten zu seinem "Vorgänger" unterscheidet, sieht Microsoft die aktualisierte Fassung quasi als ein eigenständiges Betriebssystem. (Bild: Microsoft)

Aus diesen Gründen und zur Verbesserung der Systemperformance reichte Microsoft daher ein Jahr später über den Web Store ein umfangreiches, kostenloses Systemupdate namens „Windows 8.1“ nach, das auch den Systemkernel auf Version NT 6.3 aktualisierte. In dieser Version war es Anwendern nun möglich, wahlweise auch selbst direkt in den Desktop-Modus zu starten.

Die Start-Schaltfläche kehrte ebenfalls zurück, stellt aber nur eine weitere Möglichkeit für den Wechsel zwischen Modern UI und Desktop-Umgebung dar. Zudem wurde auch die Modern UI selbst gründlich überarbeitet, so gibt es nun beispielsweise die Möglichkeit, mehrere Größen für einzelne Schaltflächen auszuwählen.

Auch wenn es sich bei Windows 8.1 essentiell um ein umfangreiches Service Pack handelt, behandelt Microsoft diese Version wie einen eigenen Betriebssystem-Release: Support für Windows 8 Endet offiziell im Oktober 2015. Damit sollten Nutzer bereits frühzeitig zu einem Update auf 8.1 bewegt werden.

Variante für ARM-Prozessoren

Parallel zu Windows 8 bot Microsoft erstmals auch eine Windows-Variante für ARM-Prozessoren an. Windows RT war nur in vorinstallierten Fassungen für Tablets erhältlich und ausschließlich auf Touch-Bedienung ausgelegt. Der Name leitete sich von „Windows Run Time“ ab, was der Name für die Laufzeitumgebung der Modern-UI-Oberfläche ist.

Auch wenn das OS auf dem ersten Blick Windows 8 stark ähnelte, handelte es sich bei „Windows RT“ um ein von Grund auf neu gebautes Betriebssystem mit unterschiedlicher Architektur – mit seinem PC-Cousin hatte es nur die kachelbasierte Touch-Oberfläche. Der aus Windows bekannte Desktop war – außer zum Ausführen der speziellen Office-Versionen für RT – nicht vorhanden.

Zudem ließen sich ausschließlich Apps aus dem Windows App Store installieren. Da es allerdings an nützlichen Anwendungen mangelte verzichteten die meisten Tablet-Hersteller darauf, Windows RT zu lizensieren, so dass es hauptsächlich in Microsofts hauseigenen „Surface“-RT-Tablets Verwendung fand.

Da auch diese Produktreihe nicht die erhofften Verkaufszahlen erreichte, gab Microsoft am 29. Januar 2015 die Einstellung der Produktlinie bekannt, was gleichzeitig auch das Ende des RT-Betriebssystems bedeutete.

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