Produktunabhängigkeit der Bildung weiter unterminiert?

Windows 10 S stößt auf Kritik

| Autor: Ludger Schmitz

Soll Microsoft den IT-Schulunterricht modernisieren - und dominieren?
Soll Microsoft den IT-Schulunterricht modernisieren - und dominieren? (Bild: Manfred Jahreis / Pixelio.de)

Mit Windows 10 S hat Microsoft eine Variante des Betriebssystems herausgegeben, die sich besonders für Schüler und Studenten eignen soll. Kritiker sehen die Produktneutralität der Lehre in Gefahr.

Auch wenn das „S“ im Produktnamen nicht für Schüler oder Studenten stehen soll: Microsoft positioniert „Windows 10 S“ als Betriebssystem für das Bildungswesen. Es soll für diese Konsumentengruppe vorinstalliert auf preiswerten Laptops ab weniger als 200 Dollar im Sommer auf den Markt kommen. Die Systeme sollen „streamlined“ sein, das „S“ für verbesserte Sicherheit stehen. Ein Upgrade auf ein „richtiges“ Windows 10 Pro soll 49 Dollar kosten.

Alles fokussiert auf die Microsoft-Cloud

Microsoft hat angekündigt, im eigenen App-Store würden in Kürze Programme für diese preisgünstige Schüler-Umgebung zur Verfügung stehen. Hervorgehoben wurde allerdings Office 365. Die Geräte sollen sich per Microsoft „Intune“ wie andere mobile Geräte administrieren lassen. Für Lehrer mit der Nebenaufgabe Administrator ihrer Schule ist das möglicherweise attraktiv. Aber alles läuft über die Microsoft Cloud. Und genau das ist der Ansatz für Kritik an den Systemen, die letztlich jedoch viel weiter geht.

Denn kurz nach der Ankündigung von Windows 10 S wurde bekannt, dass sich nur Apps aus dem Microsoft-Store auf die Geräte laden lassen. Und Edge ist der Standardbrowser, was sich nicht deaktivieren lässt. Man könnte zwar einen anderen Browser installieren, aber bei einem Klick auf einen Link, beispielsweise in einem Text, läuft alles über Edge. Die Standardsuchmaschine ist Bing.

Eine Kampfansage an Wettbewerber

Wegen dieser Koppelung hatte Microsoft schon einmal große und teure Probleme mit europäischen Behörden. Bisher haben sich andere Softwarehersteller nicht definitiv geäußert, ob sie wegen Behinderung des Wettbewerbs Klagen erheben wollen. In erster Linie scheint es Microsoft auch um den US-Markt zu gehen, wo Chromebooks ähnlich funktionieren und angeblich mehr als 50 Prozent Marktanteil haben. Hier wäre es eine Kampfansage an Google.

In Europa kommt die Kritik vornehmlich aus einer anderen Ecke. Es geht dabei darum, dass die Geräte Schüler, also die potenzielle Kundschaft von morgen, früh auf Microsoft-Umgebungen fixieren würden. So heißt es in Kommentaren, Schüler sollten IT-Grundkompetenzen erlernen, nicht die Anwendung von Programmen eines Herstellers. Das Microsoft-Angebot sei eine „unschöne Strategie, den User schon im Kindesalter zu vergiften“.

Abhängigkeit von Microsoft in der Kritik

Vielleicht fiel die Kritik auch so heftig aus, weil kurz zuvor die Journalistengruppe „Investigate Europe“ einen umfangreichen Bericht über die Abhängigkeit europäischer Behörden von Microsoft Office vorgelegt hatte (deutsche Fassung hier). Er beschreibt detailreich die Kosten dieser Abhängigkeit, die Untergrabung des Wettbewerbsrechts, den politischen Einfluss von Microsoft, das Sicherheitsrisiko etc. Andreas Rösler vom Groupware-Anbieter Kopano hat in einem Blogbeitrag einen über MS Office hinausgehenden Aspekt der Abhängigkeit hinzugefügt: „Outlook (ist) nicht nur ein weiterer, sondern meiner Erfahrung nach ein wesentlich stärkerer Suchttreiber.“

Plattformneutralität in der Bildung gefordert

Als nächstes also Schulen? Dort sind Microsoft-Programme ohnehin schon weitgehend „Standard“ und demnächst auch noch die Microsoft-Cloud. „Wir benötigen dort nicht Zwang und unnötige Beschränkungen, sondern Freiraum für Kreativität und Qualität“, mahnt Peter Ganten an. Der Geschäftsführer des Bremer Open-Source-Softwarehauses Univention kommentiert die Ausschließlichkeit von MS-Browser und Store: „Das ist eine Gängelung aus vergangen geglaubten Zeiten, die in die Abhängigkeit führt.“

Ganten weiter: „Darüber hinaus wird Microsoft so zum Gatekeeper für Geräte, Software und Inhalte, die im schulischen Bereich genutzt werden können. Das ist ein Angriff auf die Freiheit der Lehre und die Möglichkeit von Schulen und Kultusministerien, zu bestimmen, welche Inhalte mit welchen Hilfsmitteln und Werkzeugen vermittelt werden.“ Ganten sieht in dem Microsoft-Angebot einen „diametralen Widerspruch“ zu dem im Dezember 2016 von den Kultusministern vorlegten Strategiepapier zur Bildung in der digitalen Welt. Darin ist für Geräte in Bildungseinrichtungen Plattformneutralität als Richtlinie ausgegeben worden.

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Das große Problem in der Sache ist doch nicht Microsoft oder Googel. Sondern, dass Privatfirmen...  lesen
posted am 12.05.2017 um 11:48 von Unregistriert


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