Studie aus München: „Digitalisierung ist die Achillesferse der deutschen Wirtschaft“

Wie digital denkt und arbeitet die deutsche Wirtschaft heute?

| Autor / Redakteur: Kriemhilde Klippstätter / Ulrike Ostler

Die Studie wurde im Maximilianeum, dem Sitz des Bayerischen Landtags, vorgestellt, wo man einen schönen Blick auf die Landeshauptstadt hat.
Die Studie wurde im Maximilianeum, dem Sitz des Bayerischen Landtags, vorgestellt, wo man einen schönen Blick auf die Landeshauptstadt hat. (Bild: Kriemhilde Klippstätter)

Die Digitalisierung gilt als die größte Innovation der Gegenwart. Sie schafft ungeahnte Chancen aber auch neue Konkurrenzsituationen, riesige Rechenzentren, ratlose Mittelständler – und sie ist nahezu universell. Denn fast jedes Produkt, jede Dienstleistung und jeder Geschäftsprozess basiert schon heute auf digitaler Technik.

Wie gut stellt sich die deutsche Wirtschaft auf die neuen Chancen und Risiken ein, welche Wege sollen eingeschlagen werden? Das untersucht der Münchner Kreis, ein gemeinnütziger Verein, der sich laut Eigendefinition „konstruktiv mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzt“. Jedes Jahr wird eine Zukunftsstudie veröffentlicht und immer unter einem leicht veränderten Blickwinkel.

(v.l.n.r.) Dr. Malthe Wolf von TNS Deutschland GmbH, Staatssekretär Franz Josef Pschierer und Jürgen Walter, Fujitsu Technology Solutions GmbH
(v.l.n.r.) Dr. Malthe Wolf von TNS Deutschland GmbH, Staatssekretär Franz Josef Pschierer und Jürgen Walter, Fujitsu Technology Solutions GmbH (Bild: Kriemhilde Klippstätter)

In diesem Jahr wurden Thesen entwickelt, die die Auswirkungen der digitalen Transformation in verschiedenen Handlungsfeldern von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beleuchten sollen. Untersucht wurde, „ob die Digitalisierung die verwundbare Stelle des Standorts Deutschland darstellt“, beschreibt Franz Josef Pschierer, Staatssekretär im bayerischen Wirtschaftsministerium und Schirmherr der Studie, die Zielsetzung. Denn falls es verwundbare Stellen gebe, müssten Mittel zum Schutz und zur Abhilfe bereitgestellt werden.

Die Macher der Studie definieren 29 Thesen, die sich in sechs „Zukunftsräume“ zusammenfassen lassen und die Experten und Entscheidern zur Beurteilung auf Gültigkeit vorgelegt wurden. Dabei sollten sie auch eine Einschätzung für die Zukunft geben.

Die sechs Zukunftsräume zeichnen kein rosiges Bild

Angefangen bei der „Ausbildung von Verlierern“ über Kritik an Politik, die nicht „up-to-date“ ist bis hin zur „Sackgasse: Made FOR Germany“ oder dem „Verharren in ausgedienten Handlungsmustern“, erkennen die Befragten genug Anhaltspunkte dafür, dass die Digitalisierung tatsächlich als Achillesferse der deutschen Wirtschaft gelten muss.

Ergänzendes zum Thema
 
Fazit: Software is eating the World

So sei etwa die aktuelle Förderung von IT-Fachkräften unzureichend, so dass einerseits Spitzenkräfte ins Ausland abwandern und andererseits die berufliche und akademische Ausbildung daheim qualitativ und quantitativ zu verbessern ist. Denn die digitale Welt fordere „vernetztes Denken, Kreativität und Selbst-Management“.

Die Politik steht nach Ansicht der Studienherausgeber vor einem Strauß von Problemen. Derzeit sei die deutsche Gesetzgebung nicht in der Lage, mit der technologischen Entwicklungs-Power mitzuhalten woraus sich für die Wirtschaft Wettbewerbsnachteile ergeben.

In weiter Ferne: einheitlicher Rechtsraum in der EU

Da sich dies in absehbarer Zeit nicht ändern werde, soll zumindest innerhalb der EU ein verbindlicher Rechtsraum angestrebt werden um das Potenzial des digitalen Binnenmarktes nutzen zu können. In den deutschen Bundes- und Landesministerien könnten Stabsstellen für digitale Kommunikation für mehr Konsolidierung und Entwicklung digitaler Infrastrukturen sorgen.

Die Erfolgsfaktoren einer Digitalisierung in den Jahren Jahr 2014 und 2020
Die Erfolgsfaktoren einer Digitalisierung in den Jahren Jahr 2014 und 2020 (Bild: Kriemhilde Klippstaätter)

Ähnliches gelte für den Datenschutz, der unter dem verharmlosenden Begriff „Datensouveränität“ ein zwiespältiges Leben führt: einerseits beklagt man durch den relativ hohen Schutz der Bürger bei uns Wettbewerbsnachteile im internationalen Vergleich, andererseits herrscht über die Verwendung der gesammelten Informationen Rechtsunsicherheit. Insgesamt könnten sich die relativ hohen deutschen Privacy-Hürden aber auch als Chance erweisen wie schon bei der Verlagerung von Daten in die Cloud, wo deutsche Anbieter Vorteile gegenüber der internationalen Konkurrenz verzeichnen.

Das Gütesiegel „Made in Germany“ verführt die deutsche Wirtschaft dazu, am „scheinbar erfolgreichen hergebrachten Denken“ festzuhalten und mehr den eigenen Markt als eine digitale Wachstumsstrategie zu verfolgen. Dabei gilt als ausgemacht, dass selbst in den deutschen Schlüsselindustrien Newcomer wie China aufholen. Im ITK-Sektor herrsche „mangelnde Sichtbarkeit deutscher Angebote“. Hier würden branchen- und länderübergreifende Zusammenarbeiten das Selbstbewusstsein heben. Ziel könnte eine Marke „Made in Europe“ sein.

Macht faul: Made in Germany

Das erfordert aber auch mehr Innovationskultur und erweiterte Wertschöpfungsketten. Ebenfalls ausbaufähig ist die mangelhafte Skalierbarkeit von Produkten und Dienstleistungen für internationale Märkte. Selbst erfolgreiche Geschäftsmodelle müssen auf den –digitalen – Prüfstand, soll die Wirtschaft mit den rasanten Entwicklungen Schritthalten können.

Ergänzendes zum Thema
 
Bayern Digital

Das erfordert Kreativität und Kooperationsbereitschaft, so die Studie und dürfe auch vor Kannibalismus nicht Halt machen: „Das Verlassen von aktuell noch tragfähigen Pfaden und das Prüfen, wie sich diese durch digitale Technologien und neue Geschäftsmodelle verändern“ sind die neuen Aufgaben für das Management.

All diese Maßnahmen sollten schnell durchgeführt werden, denn schon jetzt zeichnet sich die deutsche Wirtschaft mehrfach dadurch aus, Innovationen nicht erfolgreich umzusetzen. Dazu braucht es schlankere Prozesse, eine offene Unternehmenskultur und den Mut zum Ausprobieren. Das betrifft auch das Fördersystem, das die befragten Experten als „zu träge, starr, langsam und bürokratisch“ einstufen. Auch die unterschiedlichen Innovationsraten der analogen und der digitalen Welt wachsen sich in Deutschland zum Konflikt aus, da konventionelle Produkte zunehmend durch Digitalisierung ergänzt werden.

* Kriemhilde Klippstätter ist freie Autorin und Coach in München.

Was meinen Sie zu diesem Thema?

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
Kommentar abschicken
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 43169740 / Services)