Empfehlungen aus dem Thoughtworks Technology Radar

Wichtige Makrotrends in der Softwaretechnik

| Autor / Redakteur: Mike Mason * / Stephan Augsten

Welche Techniken wirklich Überflieger sind, klärt ThoughtWorks jedes Jahr aufs Neue im Technology Radar.
Welche Techniken wirklich Überflieger sind, klärt ThoughtWorks jedes Jahr aufs Neue im Technology Radar. (Bild: 12019 - Pixabay.com / CC0)

Microservices, Machine Learning, Single Page Apps: Mit welchen IT-Technologien sollten sich Unternehmen wirklich befassen? Der „Thoughtworks Technology Radar“ nennt die wichtigen Handlungsfelder.

Zweimal jährlich präsentiert das Thoughtworks Advisory Board den Technology Radar – eine Analyse zu Entwicklungen in der Welt der Unternehmenstechnologie. Der befasst sich ausführlich mit Tools, Techniken, Sprachen und Plattformen und geht in der Regel auf über hundert einzelne Themen („Blips“ genannt) ein, die als wichtig eingestuft werden.

In der Software-Industrie gibt es ein wiederkehrendes Credo: Das Veränderungstempo wächst, Unternehmen müssen schneller reagieren – was heute gilt, ist morgen bereits überholt. Im Technology Radar wird das besonders deutlich: Immer häufiger ist auch Thoughtworks gezwungen, Blips zugunsten neuer auszublenden, und immer mehr der neuen Blips überleben nur einen Radarzyklus, also gerade einmal ein halbes Jahr.

Unternehmen des 21. Jahrhunderts müssen sich also rasch an neue Technologien anpassen und sich diese aneignen, um überleben zu können. Der Technology Radar bestätigt die verkürzte Halbwertszeit des Wandels.

Evergreen-Architekturen

Continuous Delivery ist ein zentraler Wegbereiter, um Software schneller produktiv zu machen, trägt aber auch bei evolutionären Architekturen Früchte. Mit einer Cloud-Plattform und soliden Automatisierungstechniken lässt sich Software-Architektur sogar wie Code behandeln – Infrastruktur, Netzwerke, Server, Services und Vernetzung werden alle über versionsgesteuerte Textdateien definiert und verwaltet.

Dadurch können Architektursprünge realisiert werden, die bislang schwierig oder unmöglich waren. Es ist möglich, laufend Teile eines Systems auszutauschen, bis alles erneuert wurde, um dann je nach Bedarf oder Strategie weiterzumachen.

Ergänzendes zum Thema
 
Über Thoughtworks

Einen unserer Kunden, einen großen europäischen Online-Händler, haben wir von Thoughtworks bei der Einführung von Continuous Delivery unterstützt und dann bei der Umstellung von „Tomcat“-gehosteten JAR-Dateien auf „Mesos“ und schließlich zu AWS begleitet. Trotz der tiefgreifenden Änderungen verlief die Migration ohne Probleme.

Microservices mit eingeschränkter Empfehlung

Obwohl es dieses Architekturkonzept schon seit Jahren gibt, haben wir für Microservices nie die Empfehlung „Adopt“ im Technology Radar gegeben. So kennzeichnen wir Technologien, die ausgereift und in der Praxis erprobt sind und die wir bei passendem Kontext und Anwendungsfall uneingeschränkt empfehlen.

Zunächst ist festzustellen, dass Adopt nicht gleichzusetzen ist mit dem Rat „nur diese Lösung verwenden und keine Alternativen“. Nur weil wir uns zum Beispiel bei „Clojure“ für Adopt ausgesprochen haben, heißt das nicht, dass alle anderen Programmiersprachen über Bord zu werfen sind. So haben wir haben Microservices absichtlich mit der Kennzeichnung „Trial“ versehen. Dies bedeutet, dass wir mit dieser Technologie bereits viele positive Erfahrungen gemacht haben.

Wir halten es jedoch nicht für sinnvoll, ausschließlich mit Microservices zu arbeiten. Ein monolithisches IT-System in Microservices aufzubrechen ist sehr schwierig: Der richtige Zeitpunkt ist schwer zu bestimmen, die zugrunde liegende Plattform muss den Anforderungen genügen, und es bedarf ausgereifter DevOps-Praktiken. Microservices sind ein gutes potenzielles Ziel, aber der Weg dorthin dauert lang.

Oftmals ist es der Fall, dass Unternehmen den Monolithen aufbrechen und die Systeme verteilen, aber trotzdem keine Vorteile daraus entstehen. In erster Linie liegt dies daran, dass das Domain-Modelling ungeeignet ist und das Architekturkonzept von Microservices nicht richtig verstanden wurde: Es wurden lediglich kleine Services eingerichtet. Ungeachtet aller Vorbehalte haben sich Microservices in den vergangenen fünf Jahren als starker Trend in der Software-Architektur erwiesen und werden dies auch bleiben.

Verlangsamung bei Machine Learning?

In der aktuellen Ausgabe des Technology Radars reden wir nicht viel von Machine Learning (ML). Dass dieses Thema fehlt, ist selbst wiederum ein Thema. Machine Learning durchläuft den Gartner-Hype-Zyklus, vom „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ in das „Tal der Enttäuschungen“ zum „Plateau der Produktivität“. Genau das beobachten wir auf dem Markt und bei unseren Kunden.

Die Zeiten, in denen ein Durchbruch nach dem anderen kommuniziert wurde, sind vorbei. Die Anbieter widmen sich der Abrundung ihres Angebots (siehe das Blip TensorFlow Lite) oder schaffen ein solides Fundament für dessen Produktivnutzung. Die Unternehmen haben damit begonnen, die verschiedenen Proof of Concepts zu konsolidieren, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind – mit Tools, Plattformen und Services zum einen und den von den Medien sowie den Anbietern von Software und künstlicher Intelligenz überzogenen Erwartungen zum anderen.

Auf Unternehmens- und IT-Seite werden jetzt folgende Fragen erörtert:

  • Wo verhilft AI dem Unternehmen zu welchem Vorteil?
  • Welche Software, Tools und Plattformen sind für das Unternehmen die richtigen?
  • Welche Kompetenzen müssen intern vorhanden sein oder eingekauft werden?

Diese Fragen weisen den Weg in die richtige Richtung zum „Plateau der Produktivität“.

Browser auf dem Vormarsch, Server auf dem Rückzug

Trotz des zunehmenden Angebots mobiler Plattformen wie iOS und Android herrschen Web-basierte Oberflächen in der Branche weiterhin vor. Die Nachfrage nach hochinteraktiven Benutzeroberflächen ist groß.

Einfache Oberflächen auf Basis von „HTML+Formularen“ wurden von komplexen Single-Page-Web-Anwendungen abgelöst, bei denen große Zustands- und Logikvolumina im Browser ausgeführt werden. Gleichzeitig wurde die serverseitige Logik abgespeckt und beschränkt sich nun oft auf eine Reihe von APIs, die die Ansprüche des Browsers erfüllen. Dieser Trend hält an und zeigt sich in verschiedenen neuen Technologien, die dem Browser zu noch mehr Leistungsfähigkeit verhelfen.

WebAssembly ist ein Binärformat, das neue Sprachmöglichkeiten eröffnet, wie die direkte (und sichere) Ausführung von C++ und Rust im Browser. Web Bluetooth erschließt eine Funktionalität, die bisher nativen Anwendungen vorbehalten war. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt: Anzeige- und Interaktionslogik liegen im Client vor, Plattformen oder Sidecars verarbeiten funktionsübergreifende Anforderungen und Backend-Services können sich gezielt auf die zentrale Domänenlogik konzentrieren.

Cloud wird komplizierter

Der aktuelle Technology Radar enthält zahlreiche Blips rund um „AWS“. Spricht die starke Präsenz von AWS für seine Ausgereiftheit, eine echte Präferenz des Marktes für das Produkt oder ist sie das Resultat der expliziten Strategie von Amazon, andere Cloud-Anbieter mittels Funktionalität auszustechen?

Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Viele Einzelhandelsunternehmen meiden AWS, weil sie in Amazon einen Mitbewerber sehen und sich aus strategischen Gründen entschieden haben, dessen Services nicht zu nutzen. Unseren Beobachtungen zufolge sind „Microsoft Azure“ und „Google Cloud Platform“ im Kommen. Beide Plattformen werden immer ausgereifter und ihre Messaging-Funktionen finden bei den Käufern Anklang.

Die Palette der Cloud-Angebote ist groß. Mit Inkrafttreten neuer Datenschutzvorschriften wie der DSGVO der EU wird es für Unternehmen jedoch schwieriger, festzustellen, welche Cloud-Lösung ihren Verpflichtungen zur Einhaltung von Auflagen und Bestimmungen gerecht wird. Heute ist die Cloud wesentlich komplizierter als die Umsetzung des CTO-Beschlusses, „alles in die Cloud zu verlagern“.

Kubernetes, ein „Anwendungs-Server für die Cloud-Ära“

Bei der Diskussion der Themen für diese Radar-Ausgabe kamen die Fragen auf:

  • Werden wir in drei bis fünf Jahren so verärgert über Kubernetes sein, wie wir es momentan über „Websphere“ sind?
  • Wird Kubernetes zum künftigen „Anwendungs-Server-Ungetüm“, das alles an sich bindet und so inkrementelle Technologieerneuerungen verhindert?
  • Wird Kubernetes zur neuen Middleware und macht aus unseren Systemen ein verworrenes, undurchschaubares und Google-gesteuertes Gebilde?

Hier wurde tatsächlich eine mögliche negative Entwicklung verhindert. Viele der PaaS-Umgebungen sahen schon nach „Websphere 2.0“ aus, aber Kubernetes hat sich mit einer einfacheren Plattform und einem einfacheren Modell von dieser Komplexität abgewandt.

Doch Technologieerweiterungen sind unvermeidlich. Müssen wir also damit rechnen, dass sich Kubernetes zur ausufernden „Bloatware“ entwickelt? Dies ist unwahrscheinlich. Die ständig zunehmende Komplexität ist Anbietern geschuldet, die ihre Bedürfnisse nach mehr und umfangreicheren Produkten stillen wollen.

Bei Kubernetes (ursprünglich von Google, jetzt von der Linux Foundation verwaltet) liegt die Sache anders; denn es stammt nicht von einem Unternehmen für IT-Tools oder -Produkte. Tools, Frameworks und Plattformen werden vermehrt von Anwendern oder Unternehmen betreut, die (aus welchen Gründen auch immer) ihre eigenen Entwicklungen zur Verfügung stellen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Kubernetes grundlegend von Anwendungs-Servern.

Mike Mason
Mike Mason (Bild: ThoughtWorks)

Aber wird das – angesichts der verkürzten Halbwertszeit des Wandels – in fünf Jahren überhaupt noch eine Rolle spielen? Heute können wir unsere Architekturen binnen eines Nachmittags radikal ändern. Dafür müssen wir lediglich die Implementierung von Software und Komponenten anders konfigurieren.

Wenn alles Software-definiert ist, können wir schneller agieren. Konzepte wie Continuous Delivery haben die Szenerie verändert. Es wird immer etwas Neues geben, das besser ist, aber jetzt lässt es sich leichter übernehmen. Diese rasante Entwicklung macht die Softwarebranche so faszinierend.

* *Mike Mason ist Global Head of Technology bei Thoughtworks.

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