Chancen und Risiken des IT-Standorts Deutschland

Welchen Stellenwert hat IT Made in Germany heute?

| Autor / Redakteur: Frank Zscheile* / Florian Karlstetter

Podiumsdiskussion im Rahmen des Beta Systems Technology Forum 2018 in Berlin (v.l.n.r.): Bernhard Rohleder (Hauptgeschäftsführer Bitkom e.V.), Hubert Ludwig (Geschäftsführer der Datenverarbeitungszentrale Schwerin), Prof. Dr. Christoph Meinel (Institutsdirektor und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering), Dirk Wittkopp (IBM Research & Development) und Dr. Andreas Huth (Vorstand von Beta Systems).
Podiumsdiskussion im Rahmen des Beta Systems Technology Forum 2018 in Berlin (v.l.n.r.): Bernhard Rohleder (Hauptgeschäftsführer Bitkom e.V.), Hubert Ludwig (Geschäftsführer der Datenverarbeitungszentrale Schwerin), Prof. Dr. Christoph Meinel (Institutsdirektor und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering), Dirk Wittkopp (IBM Research & Development) und Dr. Andreas Huth (Vorstand von Beta Systems). (Bild: Christian Kielmann für Beta Systems AG)

Standortbestimmung für IT Made in Germany: Ein Nachbericht einer Podiumsdiskussion zu Chancen und Risiken des IT-Standortes Deutschland mit prominenten Vertretern von Bitkom, Hasso Plattner Institut, der Datenverarbeitungszentrale Schwerin und IBM während des „Beta Systems Technology Forum 2018“ in Berlin.

Früher wurde man auf Strafexpedition an ferne Südseeinseln verbannt, heute fühlt sich ein indischer Programmierer zwangsversetzt, wenn sein Unternehmen ihn zum Arbeiten nach Deutschland statt in die USA oder nach Großbritannien schickt. Dieses absurd erscheinende Bild zeichnete Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom e.V., auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Beta Systems Technology Forum 2018 Ende April in Berlin.

Zusammen mit Rohleder sprachen über Chancen und Risiken des IT-Standortes Deutschlands dort Professor Christoph Meinel, Institutsdirektor und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering, Hubert Ludwig, Geschäftsführer der Datenverarbeitungszentrale Schwerin, Dirk Wittkopp, Vice President and Managing Director der IBM Research & Development GmbH sowie Beta Systems-Vorstand Andreas Huth. Das Strafexpeditions-Image hat erst einmal nichts mit Deutschland zu tun; denn Anstellungen bei hiesigen Maschinenbauern oder Automobilherstellern sind weltweit begehrt – nicht nur in Indien.

Der gute Ruf

Warum aber ist es um den internationalen Ruf der deutschen Soft- und Hardwarebranche nicht ebenso gut bestellt? An der Qualität dürfte es nicht liegen, die ist im internationalen Vergleich sogar sehr hoch, so Rohleder. Eher mangele es an der Fähigkeit, dies nach außen glaubhaft zu kommunizieren.

Laut Bitkom-Chef hat Deutschland vor allem ein Problem mit der Verfügbarkeit von Softwarespezialisten: „Unternehmen haben es hierzulande schwer, gute Entwickler in ausreichender Zahl zu finden“, erläutert er. In Deutschland kämen pro Jahr 25.000 Informatiker/innen von den Hochschulen, in Indien 220.000 und in China derzeit 1,1 Millionen.

Nur ein kleiner Teil von diesen sei so gut wie etwa die Studierenden am Hasso-Plattner-Institut, aber es mache eben die schiere Masse, auf die dortige IT-Firmen setzen können. Um dieses Grundproblem wenigstens langfristig zu lösen, bedürfe es einer strukturierten zielgerichteten Bildungspolitik im Bund und in den Ländern.

Zu behäbig in der Ausbildung

Dirk Wittkopp von IBM: „Ausbildung ist ein frustrierendes Thema. Wir fordern schon lange eine bessere Informatikausbildung an den Schulen. Doch Pläne dafür werden erst für die nächsten Jahrzehnte gemacht. So wird das nichts.“ Auf Geschwindigkeit kommt es an – im Internet-Zeitalter das A&O – und da gehe es in Deutschland zu oft zu behäbig zu. Ähnlich in der universitären Ausbildung: „Wir haben tolle Hochschulen und Forschungseinrichtungen“, so Wittkopp, „aber wir sind zu langsam, um das dort Erforschte in die Anwendung zu bringen. Wenn wir hier nicht besser die Hürden zwischen Entwicklung und Anwendung überschreiten, fallen wir weiter zurück.“

Auch Professor Meinel weiß aus Erfahrung: „Einen Professor an unser Institut, eine Fakultät der Staatlichen Universität Potsdam, zu berufen, kann sich bis zu zwei Jahre hinziehen. In der freien Wirtschaft müssen sich Führungskräfte oft innerhalb von zwei Wochen entschieden haben, ob sie den Job annehmen oder nicht, dann schließt sich das Zeitfenster.“ Die Beta Systems Software AG bildet inzwischen selbst aus und zieht sich so angesichts des Personalmangels ihren Nachwuchs heran, wie Vorstand Huth erklärt.

Bis die bildungspolitischen Weichen gestellt sind und Wirkung zeigen, sind also ausländische Fachkräfte nötig. Wie man diesen allerdings den IT-Standort Deutschland schmackhafter machen könnte (abseits vom sprachlichen Vorteil angelsächsischer Länder), dazu blieben auch die Diskutanten in Berlin ein Patentrezept schuldig. Ebenso die Frage, ob es Software made in Germany im eigentlichen Sinne überhaupt gibt. Denn heute kann man Kompetenzen und Module über das Internet aus allen Teilen der Welt hinzukaufen und in die eigenen Produkte integrieren.

Gibt es eine rein nationale Informationstechnologie?

Dirk Wittkopp skizziert, wie dies bei IBM funktioniert: „Wir arbeiten bei unseren Projekten in weltweiten Teams mit größtmöglicher Bandbreite. Eine rein nationale Informationstechnologie gibt es heute gar nicht mehr. Die Entwicklung ist schneller und agiler geworden; man kann heute überall auf der Welt unter Nutzung der Cloud Softwareprodukte in Stunden auf die Beine stellen, in Tagen verbessern und in wenigen Wochen auf den Markt bringen. Dafür nutzen wir ein zur Verfügung stehendes Ökosystem aus deutscher oder amerikanischer Technologie.“

Es geht also vor allem um Vernetzung und schnelle Kommunikation. Dabei helfen Verbandsarbeit, Konsortien und Initiativen wie das Cyber Valley in der Region Stuttgart-Tübingen, das die Forschungsaktivitäten internationaler Key Player aus Wissenschaft und Industrie auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz bündelt. Gefördert durch das Land Baden-Württemberg, arbeiten dort deutsche Automobilhersteller, Amazon, Facebook und andere gemeinsam an der Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz.

Fachkräftemangel sei eines der Probleme, so Hubert Ludwig, die rechtlichen Rahmenbedingungen – gesteckt auch durch den Föderalismus – ein weiteres. Ludwig ist Geschäftsführer der DVZ und auch im Vorstand der Initiative D 21. Neben Rechenzentrumsbetrieb und der Ausschreibung und Implementierung von Drittsoftware generiert die DVZ ihre Umsätze zu einem Drittel aus Beratung und eigener Software. „Der Rechtsrahmen, in dem wir unsere Produkte gestalten, schränkt enorm ein, so dass sie in Europa nicht zum Einsatz kommen“, klagt er.

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Ein Problem, dass die DVZ mit Rechenzentren in anderen Ländern teilt. „Unsere Produkte sind gut, aber wir bekommen sie international nicht verkauft!“ Deshalb hat die DVZ 2017 mit dem Bundesrechenzentrum Österreich „Euritas“ gegründet, die „European Association of Public IT Service Providers“. Inzwischen hat das Netzwerk zwölf aktive Mitglieder in sieben europäischen Ländern.

Nicht nur international haben es deutsche Hersteller schwer, auch im eigenen Land müssen sie sich starker ausländischer Konkurrenz erwehren, wie Huth zu berichten weiß: Der Heimatmarkt der US-Hersteller umfasst 29 Prozent des IT-Weltmarktes. Sie haben also dort ihre Produkte bereits kostendeckend verkauft, so dass sie international mit knallhart kalkulierten Preisen einheimische Firmen unterbieten können (unterfüttert noch von besten Gartner-Einstufungen).

Deutschlands Anteil am IT-Weltmarkt beträgt gerade einmal vier Prozent, wie Rohleder ergänzt und dabei konstatiert: „Es wird in den USA viel mehr in IT investiert. Das muss auch hierzulande der Fall sein. Wir müssen die Bereitschaft der Kunden fördern, IT als ein leistungsförderndes analytisches Instrument stärker in Anspruch zu nehmen.“

Die Schweden machen´s vor

Wie man auch als kleine Nation zu Weltrang kommen kann, zeigen – einmal wieder – die skandinavischen Länder. Sie bieten ambitionierten Unternehmen schlicht zu wenig Raum und Wachstumspotenzial. So adressieren (IT-)Firmen aus Norwegen oder Schweden zwangsläufig internationale Märkte, kommunizieren von Beginn an ausschließlich in Englisch...

Das Resultat: Von den disruptivsten europäischen Unternehmen kommen zwei aus Skandinavien: Spotify und Skype. Bernhard Rohleder: „Das sollten wir auch können, wir machen es uns aber schwer und sind manchmal einfach zu genügsam.“ So klein ist der deutsche Markt nämlich nicht, dass sich in ihm nicht auch erkleckliche Umsätze erzielen ließen. Das fördert nicht, aber es begünstigt immerhin Zufriedenheit mit dem Erreichten.

Mit dem deutschen Föderalismus wird gerne gehadert und auch die Diskutanten bei Beta Systems waren sich einig: Das Thema IT muss zentral aufgehängt und einheitlich vorangebracht werden. Ludwig: „Jedes Bundesland hat heute eine eigene Digitalisierungsstrategie, es gibt keinen gesamtdeutschen Ansatz. Wir brauchen nicht nur mehr Breitbandanschlüsse, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass Unternehmen wachsen. Der Bund muss auch den Rechtsrahmen für eine einheitliche Digitalisierungsstrategien vorgeben und von den Ländern gegebenenfalls Gesetzgebungskompetenz abziehen.“ Der Föderalismus als historisch geschaffenes Instrument der Dezentralisierung von Macht – aus Sicht der IT vor allem ein Klotz am Bein, den es loszuwerden gilt.

Führend in KI, Blockchain und 3D-Druck

Ganz so düster wollten die Experten auf der Veranstaltung das Bild von der IT in Deutschland abschließend aber doch nicht zeichnen. Denn die Chancen seien durchaus vorhanden, auch in disruptiven Technologien. So ist Deutschland technisch führend im 3D-Druck, der die industrielle Fertigung und das Ressourcen-Rohstoff-Management revolutionieren wird, und im Bereich der Künstlichen Intelligenz (Rohleder: „Um das DFKI beneidet uns die Welt!“) Nicht ohne Grund hat IBM sein Watson-IT Center in München gegründet. Ein drittes Thema sei die Blockchain, die das Zahlungs-, aber auch das Kataster- und Notarwesen umkrempeln wird – Technologien, die in Deutschland maßgeblich vorangetrieben werden.

*Der Autor ist Frank Zscheile, IT-Journalist aus München.

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